Quizdesaster & Wahldramen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

12. – 18. Mai

Manche Zahlen sagen mehr als Worte. 9/11 zum Beispiel ist auf fatale Weise redselig. Auch die literarische 1984, das diktatorische 33-45, ganz zu schweigen vom teuflischen 666 dringen durch pure Numerik ins Gemüt. Das kann man von 8,676,045B1 nicht behaupten. Trotzdem spricht die Ziffernfolge eine klare Sprache. Unter dieser Patentnummer sichert sich der einst literarische, längst diabolische Multi Amazon Porträtfotos, die ohne Schatten vor weißem Hintergrund fotografiert, also typisch für Amazon-PR sind. Aber innovativ, gar schützenwert? Da könnte man sich ja auch Filmküsse ohne Zunge im Wald patentieren lassen, Fernsehärzte ohne Brille vor Resopalwand oder Ratesendungen ohne funktionierende Technik aber mit Moderator, der das wettmacht.

Es war eine Showmastermeisterleistung, wie Jörg Pilawa das angeblich „größte TV-Experiment des Jahres“ davor bewahrte, die peinlichste Selbstüberschätzung der ARD ever zu werden. Indem ein Teil jener 16 Millionen, die sich das Quizduell aufs Smartphone geladen haben, live gegen Pilawas Studiopublikum spielten, sollten alte mit neuem Medien versöhnt werden. Zu blöd, dass Montag keiner der 180.000 registrierten Spieler ins Studio durchdrang und die Studiogäste gegen vier Kandidaten antreten mussten. Statt Geschichtsschreibung gab es also nur krude Theorien fieser Hacker-Angriffe. Und einen Moderator, der den Karren im Alleingang aus dem Dreck zog.

Mit Improvisationsvermögen, Schlagfertigkeit und einer großen Portion Selbstironie („Willkommen beim Fernsehen der 70er und 80er Jahre“) bewies Jörg Pilawa abermals, dass er der bessere Gottschalk gewesen wäre. Umso klüger, dass er sich den Moderatorenfriedhof Wettsofa erspart hat. Sonst ginge es irgendwann ins Promikrematorium ProSieben, das bei der Fortsetzung von Schlag den Star im Sommer den Sauerrahm de la Sauerrahm überflüssiger Ansager wie Marco Schreyl oder Thore Schölermann gegen baugleiche TV-Gesichter von Joey Kelly bis, äh, Larissa Irgendwas antreten lässt.

Super-Casting! Fehlt vielleicht noch Günther Wallraff, falls der nicht gerade seinen Sieg über Burger King bei McDonalds feiert und dabei den nächsten Einsatz seines RTL-Teams plant. Schön wäre ja mal eine Undercoveraktion in der Redaktion seines Stammsenders, quasi allein unter Zynikern, die ihre renditeorientierten Programmfrechheiten als Dienst am Zuschauer verticken.

TV-neuDie Frischwoche

19. – 25. Mai

Apropos Casting, Apropos Interaktiv, Apropos App: Ab Donnerstag stellen sich bei Pro7 mal wieder Gesangstalente zur Wahl, die dafür ganze 30 Sekunden auf der Bühne haben – was Keep Your Light Shining angeblich schon innovativ macht. Wahnsinnsidee! Fast so kreativ wie das Thema Cultural Clash lustig zuzubereiten, weshalb der Sat1-Schwank Nachbarn süß-sauer um leistungsstarke Chinesen als Nachbarn überforderter Deutscher (Christoph M. Ohrt, Bettina Zimmermann) morgen zwanghaft ins Banale schlittert.

Komplizierte Sujets ohne Peinlichkeit zuzubereiten bleibt eben doch eher öffentlich-rechtliches Kerngebiet. Heute etwa Arte mit Milan Peschel als unheilbar Krebskranker, den Andreas Dresens Cannes-Film Halt auf freier Strecke voll ins Okular der Kamera nimmt, ohne ihm je zu nahe zu rücken. Oder parallel dazu im ZDF-Film Die Toten von Hameln, wo Bjarne Mädel als moderner Rattenfänger belegt, dass er zu humorfreien Rollen taugt – selbst wenn sie ein wenig mystisch geraten. Mystisch ist auch die 3. Staffel der grandiosen Misfits, aber das dürfte wie so oft kaum einer mitkriegen – läuft die britische Serie doch nach Mitternacht auf ZDFneo.

Ein Sendplatz, auf den Vernunftbegabte eher die Denunziationssause Aktenzeichen XY wünschen. Stattdessen hortet sie zur Primetime im Zweiten wie gewohnt Quoten; zumal es diesen Mittwoch mal wieder uns Bild-Ding vermisster Kinder geht. Da könnte man glatt den neusten Kostümkitsch starker Frauen im Männerumfeld zeitgleich im Ersten empfehlen, wo Iris Berben als Grundgesetzgestalterin Elisabeth Selbert die Sternstunde ihres Lebens erlebt. Ob es in ferner Zukunft Biopics über Martin Schulz gibt, Gestalter der europäischen Einigung, Titel-Vorschlag Er hatte einen Traum? Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie sehr der sozialdemokratische Spitzenkandidat gerade im Fokus steht. Dass ihn die ARD morgen Abend live in die Wahlarena gegen seinem konservativen Gegner Jean-Claude Juncker schickt, wäre unlängst undenkbar gewesen. Ebenso wie viele andere Formate zur Europawahl, die sich bis Sonntagnacht durch alle relevanten Sender fressen. Von Rainer Maria Jilgs Erkundung bayerischer Europaskepsis (heute, 20.15 Uhr, BR) bis hin zur morgigen Doku Riskante Reise, in der die ZDFzeit (mit viel Empathie für Grenzschützer) Flüchtlingsströme in die Festung Europa verfolgt.

Überhaupt ist diese Woche so kontinental, dass selbst Nationalerbauung weicht. Der Tatort ist also bloß eine Wiederholung, wenngleich aus Hessen, während Ulrike Folkerts ins ZDF fremdgeht, wo sie als verliebte Hete in der Schnulze Ein Sommer in Amsterdam ermittelt. Dann doch lieber das Promispecial vom Quizduell am Donnerstag – sofern die Technik mitspielt. Oder Robin Williams in seiner ersten Serien seit Mork vom Ork namens The Crazy Ones (Mittwoch, 21.15 Uhr, Pro7). Oder das Champions-League-Finale, dem RTL am Samstag die 763. Wiederholung Mario Barths im Olympiastadion entgegensetzt, was noch älter wirkt als der Tipp der Woche von 1961, Freitag bei Disney: 101 Dalmatiner.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s