Biopics: Frauenbilder & Iris Berben

Kompetenz und Heididei

Wenn das Modethema Biopic von Frauen handelt, geht es bei aller Durchsetzungskraft in Männerwelten stets auch um den Faktor Sympathie. Davon bleibt leider auch Iris Berbens Grundgesetz-Gestalterin Elisabeth Selbert in Sternstunde ihres Lebens (heute, 20.15 Uhr, ARD) nicht verschont.

Von Jan Freitag

Ach, wahrhafte Heldinnen haben’s schon schwer in Film und Fernsehen. Entweder sie finden darin gar nicht statt, da die Wirklichkeit seit jeher eine sehr männliche Angelegenheit ist. Und gibt es doch mal eine, lastet die Bürde der Geschichte so schwer auf den Heldinnenschultern, dass sie unter der Last zu stürzen drohen. Wohlgemerkt: drohen. Schließlich ist es das Wesen der Heldin, unter größten Widrigkeiten heroisch zu bleiben. Womit wir bei Iris Berben wären. Und bei Elisabeth Selbert. Also beim Problem. Denn der Schauspielstar schlechthin mimt als Grundgesetzgestalterin mal wieder die historisch belegbare Titelfigur einer opulenten Filmbiografie und das führt wie gewohnt ins Dilemma: Wann immer weibliche Figuren der Weltgeschichte fiktionalisiert werden, müssen sie nicht nur aufrecht für die Sache der Emanzipation streiten, sondern nebenbei auch noch als liebende Wesen Zuschauerherzen erreichen und dabei nett, klug, diplomatisch, schön bleiben. Heldinnendinge eben, Multifunktionsattribute. Arme Heldinnen.

Denn während ihre männlichen Pendants auch mal zuhauen dürfen, wenn die Kraft des Argumentes versagt, haben Heldinnen nur Wort und Charme im Arsenal. Wo die Herren der Schauspielschöpfung bloß dann ihre Muskeln ölen, wenn das Genre ins depperte Actionfach rutscht, muss Berben als Juristin, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat über Deutschlands Verfassung entscheidet, trotz aller Politik auch noch bildreich die Strumpfhose wechseln. Kurzum: Heldinnen sind selbst in einem sachlichen Film wie „Sternstunde ihres Lebens“ so im Geschlechterkorsett gefangen, dass der Chromosomensatz auch hier die zweite Hauptrolle spielt. Das ist natürlich bei einem Film, in dem sich die fortschrittliche Sozialdemokratin Selbert mit reaktionären Geistesnazis wie dem CDU-Abgeordneten Fink (Walter Sittler) um den simplen Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zanken, unvermeidlich. Doch wie sich unter weiblicher Federführung von Ulla Ziemann (Buch) über Sophie Maintigneux (Kamera) bis hin zur Regisseurin Erica von Moeller feminine Befindlichkeiten in jede Szene drängeln – das ist typisch fürs Modethema Biopics mit Frauen in der Hauptrolle.

Da strahlt sich dann eine Heike Makatsch ziemlich tough, aber zuckersüß durch die Vita der Kuscheltierkönigin Margarete Steiff. Da tunkt Felicitas Woll ihre Autobauersgattin Bertha Benz unablässig in süffig lächelndes Durchhaltevermögen. Da ertränkt Katja Flint den Mythos Marlene in Pathossoße mit Schlag. Da gerät die burschikose Beate Uhse dank Franka Potente zum sexy It-Girl der prüden Nachkriegszeit. Da grinst sich Christine Neubauers Papst-Zofe Pascalina durchs Pontifikat Pius XII., dass der Vatikan zur Emma-Redaktion wird. Da herrscht also meistens ein Gestus zwischen Kompetenz und Heididai, der in unachtsamen Momenten sogar eine Barbara Sukowa als Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Hildegard von Bingen ereilt.

Reale Heldinnen haben eben historische Sympathieträgerinnen zu sein, verkörpert von schauspielerischen Sympathieträgerinnen. Heute im Ersten also Iris Berben als emanzipierte Verfassungsrechtlerin Selbert, nächsten Mittwoch an gleicher Stelle Katharina Schüttler als emanzipierte Chemikerin Clara Immerwahr. Und derzeit in Arbeit: Birgit Minichmayr als emanzipierte „Madame Nobel“ Bertha von Suttner. Allesamt starke, schöne, unbeugsame Filmgestalten. Denn so selten Frauen im geschlechterübergreifenden (aber meist maskulinen) Durchschnittsfernsehen einflussreich Gegenspielerinnen männlicher Protagonisten darstellen dürfen, so ausgeschlossen sind auch Titelfiguren genuiner Frauenstoffe mit einem Geheimnis, einer dunklen Seite gar, Antiheldinnen. Es dürfte also noch ein bisschen dauern, bis Film und Fernsehen den Mut zum weiblichen Biografiebruch, zur Bosheit gar entwickeln. Das höchste der Gefühle war da bislang Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin vor drei Jahren. Aber falls die Gefahr bestanden hätte, dass das nicht nur Cineasten im Programmkino sehen, wäre selbst die RAF-Terroristin garantiert irgendwie süßlich geraten.

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