St. Joseph Kirche: St. Paulis polnische Enklave

JosephKirche-540x304Führe uns nicht in Versuchung!

Foto: CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

Gut besucht an einem gottlosen Ort: Deutschlands wohl ungewöhnlichste Kirche liegt in der Großen Freiheit an der Reeperbahn, zwischen Schnapsleichen und Prostitution.

Von Jan Freitag

“Ach, sündig …!” Jacek Bystron lacht, als er aus seinem schlichten Büro zur Großen Freiheit blickt. “Bei uns”, sagt der Pfarrer im weichen Klang seiner Heimat, “ist Alkohol 150 Meter um Kirchen herum verboten. Aber wir sind nun mal nicht in Polen.” Hier, auf St. Pauli, wird dagegen bis vor das Kirchenportal gekotzt. Der Geistliche mit den Lausbubenaugen breitet seine Arme aus: “So ist das Leben!” Grelles Sonnenlicht taucht sein Gotteshaus in göttliche Farben. Bis aufs Vogelgezwitscher dringt kaum ein Laut durch die Mauern. Es herrscht himmlischer Frieden rings um St. Joseph. Sündig ist es hier nicht. Noch nicht

In wenigen Stunden nämlich werden Horden entfesselter Partygäste die Nacht davor zum Tage machen. Wie jedes Wochenende, Jahr für Jahr, ob schwül oder verschneit, so sicher wie das Amen in der Kirche, das hier in der St.-Josephs-Kirche anders klingt als in evangelischen Gemeinden. Leidenschaftlicher, ehrlicher, vor allem aber: vielstimmiger. St. Joseph ist ja nicht nur eine ungewöhnlich schöne Kirche an einem ungewöhnlichen Ort; der katholische Sakralbau ist das Herz der wohl gottesfürchtigsten Christen dieser säkularen Stadt. Jeden Sonntag trifft sich hier die polnische Exilgemeinde zur Heiligen Messe.

“Sünde!”, mit diesem religiösen Urteil ließ sich in 5.000 Jahren Religionsgeschichte praktisch alles ausmerzen: Freie Liebe und freier Wille, Unbotmäßigkeit, Eigenentfaltung, Entertainment. Heute jedoch gelten höchstens Steuerbetrüger noch als Sünder und Geschiedene werden CDU-Chef – da haben’s Katholiken schwer als letzte Hüter christlicher Moral. Gerade hier, unweit jener Straße, die bis heute als sündigste Meile der Welt gilt. Es ist halb acht in der Früh. Aus angrenzenden Clubs wummert unverdrossen der Bass durch die erlahmende Feierzone, als die ersten Gottesdienstgäste durchs Kirchenportal gehen. Demütig schlagen sie das Kreuz, während sich vorm Shooters schräg gegenüber zwei berauschte Kerle um eine blondierte Frau streiten. Es riecht nach Männerschweiß und Promille, schnapsdumpfer Gewalt. Gleich neben einem Flatrate-Bumms, der früher mal Starclub hieß und ziemlich berühmt war, liegt eine Lache Erbrochenes.

Die Gläubigen scheint das wenig zu kümmern. “Wir sind hier, weil wir Polen sehr religiös sind”, sagt Margarete Lindner-Zielinski in akzentfreiem Deutsch. Und als klänge das zu fromm in modernen Zeiten, fügt die Ärztin aus der City hinzu: “Aber es ist auch ein Stück Heimat.” Heimat. So lautet die Chiffre für alles, was 83.000 Hamburger polnischer Herkunft hier finden, falls sie einen der drei Sonntagsgottesdienste von St. Joseph besuchen. Für die junge Mutter also, deren Eltern nach der Einwanderung vor 25 Jahren sogleich zum polnischen Gottesdienst gingen in die Polnische Mission, die hier seit den Sechzigern sitzt. Oder für Krzysztof, den Industriemechaniker aus Sasel, der kettenrauchend erzählt, Polen sei immer mal wieder von der Landkarte verschwunden, “die Kirche war immer da”. Ein Paar verkauft allerlei nationalkatholische Literatur, von einem Poster gibt Johannes Paul II. “Vaterland, Gott und Ehre” als Lebensmaximen aus. Ein fliegender Händler handelt vom Krakauer Klatschblatt bis zur masurischen Fleischwurst mit allem, was den Landsleuten die Exklave versüßt.

Pfarrer Jacek Bystron kennt sie alle, seine bis zu 3.000 Gläubigen pro Sonntag. “Na ja, die meisten”, sagt er mit jener väterlichen Heiterkeit, die einem Glauben voll sittlicher Strenge und milder Vergebung so zu eigen ist. Entsprechend lang ist die Schlange am Beichtstuhl, als der Pfarrer im zweiten Gottesdienst zur Buße bittet. Länger ist da nur die Schlange vorm Abendmahl. 200 Menschen sind es am Sonntag morgen um halb zehn, jedes Alter, jede Schicht, mal sehr gläubig, mal eher gesellig. Es sind so viele, dass die Hauptmesse ins Freie übertragen wird, um all die Gläubigen zu erreichen, für die es innen nicht mal Stehplätze gibt. Die deutsche Pfarrei rechts der Kirche müsste vor Neid erblassen, sie hat kaum eine Handvoll schlohweißer Stammgäste. Trotzdem herrsche kein “Wettkampf der Nationen”, meint die Referentin der deutschen Gemeinde, “es geht um jeden einzelnen, der zu Jesus und zu uns kommt”. Warum auch immer

Doch bei aller Spiritualität gibt es in der polnischen Gemeinde reichlich Weltliches zu leisten. Pilgerfahrten und Kinderreisen, Kuchen nach der Messe, Konzerte am Altar und ganz sachlichen Beistand. Der Pfarrer übersetzt Neuankömmlingen Worte wie “Passangelegenheiten” und kümmert sich um Hilflose, Arbeitslose, Alkoholiker, “das Übliche eben”, St. Pauli eben. Ein Viertel voller Spaß und Probleme, Alltag und Ausnahmezustände. Ein armes reiches Quartier mit dem schönsten Sakralbau des Spätbarock weit und breit, im Krieg zerstört, innen gerade wieder kaputtsaniert, von außen aber weiter prächtig. Pfarrer Bystron lacht: “So, wie Polens Katholiken es lieben.” Und sei das Umfeld noch so sündig.

Der Text ist zuerst erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-05/st-josephs-kirche-grosse-freiheit-pfarrer-bystron

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