Absurd & Gemein

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

26. Mai – 1. Juni

Samstag wird ein guter Tag für den nächsten Beweis, wie eisern sich das alte Medium Fernsehen gegen die multimediale Zukunft stemmt. Dann nämlich findet der Tag des – kein Scherz! – Videorekorders statt. Video! Rekorder! Zur Erinnerung: Das sind so klobige Geräte, die Filme ohne Features, Untertitel, Kapitelauswahl, dafür mit der Garantie baldigen Qualitätsverlustes abspielen. Nun könnte man meinen, derlei Relikte antiquierter Abendgestaltung seien höchstens in Museen zu finden, doch weit gefehlt: Eine Umfrage ergab, mit 55 Prozent habe noch mehr als jeder zweite im Land das VHS-System im Wohnzimmer und noch verrückter: knapp die Hälfte davon hat ihn in der Woche vorm Umfragen sogar benutzt.

Allerdings wohl weniger, um den heißesten HBO-Scheiß im Original mit Untertiteln zu sehen, als auf Kassette zu bannen, was das lineare Programm hergibt. Darunter waren also vermutlich welche, die all die Sisi-Wiederholungen zum Tode Karlheinz Böhms oder auch Jauchs Talkshow zur Europawahl aufgezeichnet haben. Die schon darum spannender war als der Urnengang selbst in den Augen politikverdrossener Zuschauer, weil Giovanni di Lorenzo darin vor den Ohren Wolfgang Schäubles bekannte, zweimal gewählt zu haben – in seiner italienischen Gefühls- und in seiner deutschen Wirklichkeitsheimat.

Ein kleiner Aufreger, nichts besonderes. Bisschen peinlich vielleicht für den Chefredakteur der führenden Wochenzeitung, aber kein Grund für Hysterie. Könnte man meinen. Dann aber pöbelten die intellektfeindlichen Klerikalen von Bild bis RTL, als hätte der Publizist die Legalisierung der Kinderpornografie gefordert. Was dem neunmalklugen Eierkopf aus Hamburg-Venedig denn da einfalle, das Wahlrecht jener Institution zu missbrauchen, die der Boulevard sonst bei jeder Gelegenheit als volkskörperfeindlich verflucht – so schepperte es aus allen Rohren, dass es gar deren Darling Jauch zur Replik hinriss, die Vorwürfe seien „absurd und gemein“.

Das Gute daran: Medien mit Niveau, Anstand und Sinn für Verhältnismäßigkeit machten bei der Ballermannschelte nicht mit. Lorenzo tat sodann, was einem Diekmann nie einfiele – seinen Fehler einzugestehen. Und die Berichterstattung ging dann auch bald dazu über, was echt relevant ist wie die Ukraine, deren Krise im Osten so dramatische Zustände erreicht, dass ARD und ZDF zum Äußersten schritten und am Donnerstag ihre Korrespondentinnen Golineh Atai und Katrin Eigendorf aus Donezk abzogen. Weniger relevant war dagegen, was die Tagesschau zwei Tage zuvor getan hatte: Eigentlich gab es ja nichts zu berichten vom Fußball. Im Grunde gab es auch nichts Neues von der Nationalmannschaft; trotzdem bauschte das Erste einen Verkehrsunfall ohne schwere Folgen für zwei beteiligte DFB-Spieler zur zweiminütigen Nachricht auf, die der Reporter mit den dräuenden Worten ausklingen ließ, „ein schwerer Unfall, der einen Schatten über das Trainingslager wirft“.

TV-neuDie Frischwoche

2. – 8. Juni

Aber wenngleich das aus Sicht vieler Newsmacher sensationeller war als Syrien-Krieg, Krim-Krise und der Nachwuchs im monegassischen Königshaus zusammen, wird das Länderspiel gegen Armenien am Freitag wohl vom ZDF übertragen. Und auch sonst geht das Medienleben trotz eines so einzigartigen Blechschadens einfach weiter wie gehabt. Heute etwa zeigt das Zweite das bemerkenswert sinistre Psychodrama Die Tote im Moorwald mit einem bemerkenswert schratigen Franz Xaver Kroetz, um tags drauf mal wieder seinen einzig nennenswerten Dokumentarfilmplatz mit irgendwas Redundanten zum Thema Hochadel (Prinz Harry – der wilde Windsor) zu vergeuden. Sonntag glänzt die ARD mit dem Stuttgarter Tatort, um vier Tage zuvor den wichtigen Mittwochsfilmplatz mit irgendwas Rührselig-Korrektem zum Thema Culture Clash (Die Freischwimmerin) zu verschwenden. Dazwischen gesteht RTL sein Versagen ein, innovatives Fernsehen zu produzieren, indem es ab Donnerstag kurzerhand den sechs Jahre alten Serienerfolg Doctor’s Diary in Doppelfolgen wiederholt. Und auf dem Frauensender Sixx darf das vermeintliche Medium Theresa Caputo in der US-Dokusoap Long Island Medium einen Abend lang so tun, als könne sie mit Toten sprechen.

Ach, die leidige Realität…

Private sollten sie lieber jenen überlassen, die was davon verstehen. Also Arte. Mit zwei bemerkenswerten Dokumentationen über die Ukraine (wohin?) und China (Reich ohne Mitte) belegt der Kulturkanal morgen sein Talent, komplizierte Dinge am Menschen entlang verständlich zu machen (tappt aber in die Populismus-Falle, wenn er sich morgen mit „Die Bio-Illusion“ am falschen Gegner abarbeitet). Trotzdem bleibt es ebenso gutes Fernsehen wie das dortige Porträt Wie ein Mathegenie Hitler knackte über den dechiffrierenden Informatiker Alan Turing am Freitag.

Überhaupt – die kleinen Ableger der Großen. Sie zeigen erneut, was man dort gern sehen würde, um es mal einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Die belgische Amateurfilmkollage „Wenn ich Diktator bin“ zum Beispiel, heute auf 3sat. Die Doku Macht der Bilder, Mittwoch an gleicher Stelle, die das meiste Filmmaterial vom 1. Weltkrieg als nachgestellt entlarvt. Einen furiosen Abend rings um den Star-DJ Paul Kalkbrenner, Mittwoch auf EinsFestival. Oder auch das was EinsPlus bis Sonntag tut. Wobei: vier Nächte am Stück vom Rock am Ring zu berichten – das wäre vielleicht zu verstiegen für ein Vollprogramm. Das aber am Donnerstag dann doch mal andeutet, was selbst zu akzeptabler Sendezeit geht. Dann zeigt die ARD Eric Friedlers Das Mädchen, in dem sich Deutschlands derzeit bester Dokumentarfilmer auf die Spur einer Deutschen begibt, die vor der WM 1978 in Argentinien verschwunden ist, von der Bundesregierung aber nicht gesucht wurde, weil das politisch nicht ins Konzept der Verharmlosung des Militärregimes passte.

Ins Konzept des Tipps der Woche passen dagegen heute gleich zwei Filme: Philipp Seymour Hoffmans letzter Film als Regisseur und Hauptdarsteller Jack in Love (Arte) und Mikey Rourkes Coming Out als ernstzunehmender Schauspieler The Wrestler (EinsFestival).

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