Wallraffen & Filmnamen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Mai

Es gibt eine Szene in Der bewegte Mann, die das komplizierte Konstrukt politischer Korrektheit ganz gut verdeutlicht. „Titten“, ruft da einer in die Selbsthilfegruppe emanzipierter Geschlechtsgenossen der Comicverfilmung, „Titten, Titten, Titten!“ Und besonders die dreifache Wiederholung zeigt: man muss tabuisierte Begriffe offenbar nur mal richtig intonieren, um ihnen den Schrecken zu nehmen. So praktiziert es auch der populistische Moderator Jeremy Clarkson in seiner merkbefreiten, aber sehr beliebten PS-Show Top Gear. Seit jeher. Nun aber hat er das böse N-Wort benutzt, ganz leise nur, in einem nicht ausgestrahlten Teil der Erfolgssendung für infantile Machos mit großem Auspuff und kleinem Gehirn. Ein Skandal, ohne Zweifel. Dass die BBC ihrem Zugpferd für ein geflüstertes „Nigger“ mit Rauswurf droht, nicht aber für seinen widerlichen Sexismus, das dauernde Schießen gegen jede ökologische Moral, die Verherrlichung von Vollgas, Scheißegal und Mackertum – auch das ist ein Skandal, wenngleich ein ungesühnter. Solange die Quote stimmt…

Vielleicht sollte sich das Team Wallraff in der nächsten Folge Reporter Undercover also mal inkognito unter Tempoapostel à la Clarkson mischen und zeigen, wie wenig menschliche Intelligenz zwischen Bleifuß und Gaspedal passt. Das aber würde dem Zielgruppensender womöglich nicht die gleiche Zuschauerzahl bescheren, mit der RTL vorigen Montag Furore machte. Mehr als vier Millionen sahen, wie der Verkleidungsaktivis Missstände in Pflegeheimen aufdeckte und man muss einräumen: Wenn ein Kommerzkanal wie RTL mal eine Prise Ethik ins eigene Programm streut, hat das eine ungleich größere Wirkung aufs Publikum als bei den Öffentlich-Rechtlichen, die ja allenfalls Überzeugte überzeugen.

Das fällt umso mehr ins Gewicht, als das ZDF (das sich gerade mal wieder einen kleinen Skandal um Drehbücher des Mannes einer Redakteurin unter Pseudonym gönnt) tags drauf ausgerechnet eine Reportage zu dem Thema gebracht hat, mit dem RTL die Woche zuvor für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte. Zu dumm, dass der private Konkurrent dabei ernsthaft auf geradezu kriminelle Zustände bei einer umwelt- wie menschenverachtenden Fast-Food-Kette aufmerksam machte, was dort sogar personelle Konsequenzen nach sich zog. Die gebührenfinanzierte, staatsvertragsbeauftragte, angeblich so bedeutsame ZDFzeit dagegen brachte bei McDonalds gegen Burger King am Dienstag nichts Gehaltvolleres zustande, als die Marktführer am Klopsemarkt geschmacklich zu vergleichen. RTL ist steht zwar gerade unter Verdacht, für sein Burger-King-Bashing Geld vom Konkurrenten mit dem Mc davor kassiert zu haben, aber das wäre nicht weiter überraschend; dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sender dagegen bei derlei Schweineläden ausschließlich um den Geschmack kümmert ist – geschmacklos!

TV-neuDie Frischwoche

12. – 18. Mai

Da muss man also glatt froh sein, dass das Sachfilmformat morgen zugunsten eines belanglosen Fußballländerspiels Pause macht – sonst hätte das Zweite auf dem Sendeplatz womöglich die Live-Shows verschiedener ESC-Finales nach den Kriterien Pyrotechnik und Plastikpop verglichen. Oder die deutsche Teilnehmerin Elaiza mit Helene Fischer, deren Kirmespop im Rahmenprogramm auf der Hamburger Reeperbahn sicher mehr als den 18. Platz erreicht hätte. Oder auch, so als Anregung, die debilsten Filmtitel im hiesigen TV-Angebot. Sieger der Woche ganz klar: Die morgige Sat1-Komödie Nein, Aus, Pfui! Ein Baby an der Leine über irgendwas mit Familienhunden. Und zwar klar vor I Like the 90’s, das sich fünf Mittwoche dem ästhetisch jämmerlichsten Jahrzehnt widmet, seit man Jahrzehnten überhaupt irgendeine Ästhetik zuordnet.

Vorn dabei im Ranking der dämlichsten Sendungsnamen wäre allerdings auch Mörderische Hitze, der im krassen Gegensatz zum feinen Understatement der Spreewaldkrimis steht. Denn auch Christian Redls sechster Einsatz als Kommissar Krüger ist ja trotz aller sensorischen Reduktion ungemein eindrucksvoll und variiert sein Genre zudem sehr kreativ, indem der wunderbar schmierige Roeland Wiesnekker gleich zu Beginn als Täter feststeht. Nur ein Opfer muss sich halt noch finden lassen.

Auch Ein todsicherer Plan fällt in die Kategorie „aufdringlicher Titel“. Zumal er inhaltlich nicht ganz korrekt ist. Denn als schwäbischer Handwerker, der sich von einer betrügerischen Bank sein sauer verdientes Geld zurückholen will, indem er sie überfällt, lässt Richy Müller schon nach fünf Minuten keinen Zweifel daran aufkommen, dass der todsichere Plan garantiert in die Hose geht. Gut gespielt ist der ARD-Mittwochsfilm trotzdem und außerdem ziemlich relevant in Zeiten biestiger Banken. Da verzeiht man dem Drehbuch sogar das hanebüchene Ende.

Eine Nachsicht, die man Lars von Trier nie zuteil kommen ließe fürs Finish all seiner Filme wie Dancer in the Dark (Dienstag, 21.50 Uhr, Servus), deren fiktive Figuren grundsätzlich übel zugerichtet werden. Das widerfährt naturgemäß auch den meisten der 14 Tagebuchschreiber, mit denen Arte morgen wieder die Apokalypse des Ersten Weltkriegs erzählt. Und so richtig gut kommen auch die meisten Charaktere der schwedischen Science-Fiction-Serie Real Humans nicht aus ihrer grandiosen Geschichte um durchdrehende Haushaltsroboter nicht raus.

Was da am Donnerstag um 21.45 Uhr auf gleichem Kanal in die 2. Staffel geht, wäre also zuweilen ein Fall für den Tatortreiniger, der eineinhalb Stunden zuvor bei EinsFestival eine vegane Leiche in Hamburg entsorgt, dem Ort also, der vor 40 Jahren mal kurz zu filmischem Weltruhm kam. Womit wir beim Tipp der Woche wären: Die Akte Odessa (Montag, 23.15 Uhr, N3), wo ein hanseatischer Journalist Jagd auf untergetauchte Nazis machte – und dem Wirtschaftswunderhamburg damit ein cineastisches Denkmal baute.


Germanfriday: Marcus Wiebusch

IMG_20140325_144710Ich bestimme, wo es hingeht

Nach elf Jahren Punkrock und ebenso langer Zeit als Sänger der Gitarrenpopband Kettcar wandelt Hamburger Musterschüler Marcus Wiebusch nun erstmals auf Solopfaden. Manchmal klingt sein Album Konfetti, erschienen auf dem eigenen Label Grand Hotel van Cleef, dabei nach einer Mischung aus den Anfängen bei But Alive und dem Höhepunkt mit Kettcar. Vor allem aber klingt es schwer nach Wiebusch selbst: Lyrisch, eingängig und mit dieser unvergleichlichen Schmusestimme, die diesmal etwas wirklich Weltbewegendes vollführt. Ein Lied über einen schwulen Profifußballer, das bereits vorm Erscheinen Wellen schlägt. Begegnung mit einem Musiker, der meistens ruhige Töne anschlägt, beim Thema Homophobie und Dummheit allerdings richtig wütend werden kann.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Marcus, hast du für dein erstes Solo-Album eigentlich alles selber eingespielt und stehst allein auf der Bühne?

Marcus Wiebusch: Nee, wir sind da insgesamt acht Leute. Wieso?

Weil Solo so nach Einzelkampf klingt.

Ach, „Solo“ rührt daher, dass alle musikalischen Entscheidungen von mir stammen. Dabei nehmen die anderen natürlich Einfluss auf die Musik, aber weil letztlich ich bestimme, wo es hingeht, sind sie – man muss es so hart sagen – Erfüllungsgehilfen.

Im Sinne von Angestellten?

Technisch betrachtet schon, weil nicht alle gleichberechtigt sind wie bei Kettcar zum Beispiel. Das sind natürlich alles Freunde von mir, langjährige Wegbegleiter, hervorragende Musiker, aber am Ende bin ich da wie Bruce Springsteen. Es sind meine Songs.

Stellst du dich da nicht mehr in den Vordergrund als es deinem Naturell entspricht?

Da ist was dran. Aber weil ich diesen Schritt als Musiker dringend brauchte, muss ich die Konsequenzen in Kauf nehmen. Andererseits bin ich jetzt auch nicht angstbesessen und stand ja auch bei Kettcar schon im Rampenlicht. Jetzt strahlt das halt ein bisschen mehr auf mich, auch wenn ich nie deshalb Musik machen wollte. Als Sänger und Songwriter gehöre ich nicht zu den Frontsauen der Branche, aber ich meide den Mittelpunkt auch nicht.

Um den ungewollten, aber unvermeidlichen Mittelpunkt geht es auch im wichtigsten Stück Der Tag wird kommen, wo du über einen schwulen Fußballprofi singst.

Das kann man so sagen.

Ist der vor oder nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger entstanden?

Weit davor. Ich habe 2013 nach einem Spiel des FC St. Pauli mit einem befreundeten Sportjournalisten gesprochen, der mir von mehreren schwulen Bundesligaprofis erzählte. Das Thema interessierte mich aber auch deshalb, weil ich neben meinem schwulen Bruder im Stadion sitze; da kriegt man eine natürliche Antenne für diesen unfassbaren Zustand, dass sich kein aktiver Fußballer zu seiner Homosexualität bekennt. Dann hab ich viel recherchiert, bis der Song im vorigen September fertig war.

Er klingt für deine Verhältnisse ungewöhnlich wütend.

Das mag sein, aber er ist ein ungemein positiver Song, das merkt man ja schon am Refrain, der den Tag kommen sieht, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern.

Ohne konkretes Datum hätte man den allerdings auch vor 20 Jahren besingen können. Hast du keine Angst, dass man auch in weiteren 20 Jahren noch immer auf diesen Tag hofft?

Nein. Wenn man vor zehn Jahren einen schwulen Außenminister prophezeit hätte, hätte ich doch auch gesagt: Das wird nicht passieren, weil das Klima für diese politische Erpressbarkeit nicht gegeben sein wird. Und jetzt guck dir an, wo wir stehen. Schwule Bürgermeister, Minister, Fußballpräsidenten. Es ist im Fluss und wir kämpfen. Gut, Russland ist ein Rückschritt, aber ich weiche keinen Millimeter davon ab, dass der Tag bald kommt. Punkt, Ende, Aus. Trotzdem oder gerade deshalb will ich aber diese wütende Emotionalität im Song beibehalten. Denn wenn ich all die homophoben Vollidioten, all die dummen Hater, Forumsvollschreiber und Schreibtischtäter im Text beschreibe, singe ich von den Dümmsten der Dummen. Bleib da mal ruhig und gelassen… Ich will – wie damals bei meiner Punkband But Alive – die emotionale Komponente explizit hervorheben. Daher kommt die Wut im Lied.

Glaubst du denn, es kann die Debatte beeinflussen, gar ein paar „Homophobe Vollidioten“ erreichen?

Für den Glauben an so viel Relevanz bin ich nicht eitel genug. Aber ich freue mich natürlich, wenn mir Betroffenen, Freunde, Journalisten versichern, sie halten den Song für das Relevanteste, was es im Pop je zu dem Thema gehört haben.

Weil er endlich mal nicht metaphorisch um den heißen Brei dichtet?

Genau. Aber das kennzeichnet das Album insgesamt: Ich nehme da mehr als zuvor offen Haltungen ein, und wenn ich den ganzen Text wie bei „Der Tag wird kommen“ auch noch als Sprechgesang rauspunche, wirkt das natürlich erst recht sauer.

Dabei sprichst du deine Adressaten oft direkt an: Ihr Alphatiere! Ihr Schwulenhasser! Erreichst du die damit wirklich?

Zunächst mal animiere ich im Idealfall Leute, die das ohnehin gut finden, diese Gedanken in ihren Alltag rauszutragen. Und wer weiß, vielleicht merkt ja einer im homophoben Umfeld, mit was für Idioten er sich da kritiklos umgibt. Vielleicht macht er sich unter denen dann sogar mal bemerkbar. Aber der Song richtet sich trotz der Ansprache zunächst mal an die Aufrechten der Gesellschaft.

Damit kennzeichnest du das Dilemma vieler Debatten, deren Meinungen vor allem Gleichgesinnte erreichen.

Und weil das so ist, wird es zu dem Lied einen siebenminütigen Video, mehr einen Film geben, der jede Sequenz explizit bebildert. Deshalb bitte ich grad die Fanclubs und Fanbeauftragten aller 36 Proficlubs, möglichst viele davon für eine kurze Einstellung vor ihrem Stadion zu sammeln, was dann gegeneinander geschnitten wird und ein ziemlich machtvolles Gesamtbild ergeben soll. Das soll dieses diffuse Wir derer symbolisieren, die wollen, dass dieser Tag bald kommt. Ich bin förmlich besessen davon, dieses Gefühlt mit Tausenden von Gleichgesinnten von Stadt zu Stadt zu Stadt zu transportieren. Eine logistische Monsterarbeit, die aber mal übers übliche „Preaching to the allready converted“ hinausgeht.

Wenn du also inhaltlich verglichen mit Kettcar stärker Kante zeigst – worin unterscheidet sich Marcus Wiebusch musikalisch?

Die Experimentierfreude, würde ich sagen. Da kommen elektronische Impulse, Sprechgesang, Bläser. Und die Haltung drückt sich auch im Tempo aus. Hätte ich mich bei Kettcar öfter mal für ein langsames ausgesprochen, entscheide ich mich diesmal meistens fürs Schneller. Mehr Druck. Mehr Power. Die Songs haben mehr Kraft als viele von Kettcar.

Zurück zu den Punkwurzeln.

But Alive hätte ich natürlich nicht mit Bläsern oder Samples kommen können. Aber stimmt schon – hier gibt es öfter mal voll auf die zwölf.

Wird dass jene Kritiker womöglich etwas milde stimmen, die mit Marcus Wiebusch grundsätzlich weichgespülten, lyrischen Konsenspop assoziieren?

Das ist jetzt nicht mein Ziel, könnte aber passieren. Ich weiß zum Beispiel von dem, was man so schön Opinion Leader nennt, dass mancher von denen Der Tag wird kommen megageil findet, sich aber wünschen würde, jemand anderes hätte den Song geschrieben, damit sie mich nicht neu verhandeln müssen. Soll mir recht sein. Meine Bitte ist nur: Kritisiert die Lieder für das, was ihr hört, nicht für den, der sie geschrieben hat! Nur weil ich mal „Balou“ gemacht hab.

Ist Konfetti ein Ausflug aus Balous Romantikwelt oder ein Richtungswechsel?

Im Moment ist es ein Ausflug, den ich mit meiner Band ja auch besprochen habe. Aber wer weiß, vielleicht bricht eine neue Zeitrechnung für mich an. Fakt ist: Dieses Album wäre niemals mit Kettcar entstanden. Wir haben viele wichtige Sachen auf den Weg gebracht und 250.000 Platten in zehn Jahren verkauft. Aber ich habe solo unfassbar viel gelernt, frischen Wind geatmet, jetzt können wir uns irgendwann wieder treffen, fünf Finger sind ’ne Faust. Fertig. Ich hab keinen Masterplan, aber das ist meine Hoffnung.

Das Interview ist zuerst auf dem MusikBlog erschienen: http://www.musikblog.com/2014/04/dieses-album-waere-niemals-mit-kettcar-entstanden-marcus-wiebusch-im-interview/


Jessica Schwarz: Nische & Sissi

Diese kleine Romy in mir

Jessica Schwarz ist die große dunkle Unbekannte des deutschen Films. Auch mit 37 Jahren ist die hessische Schauspielerin zwar überaus erfolgreich, aber schwer zu greifen. Zum Glück. Denn nur so konnte sie ihre bislang wichtigste Rolle womöglich glaubhaft machen, ohne in Sissi-Kitsch zu verfallen: Als Romy Schneider, einem bemerkenswerten Biopic, das die ARD morgen Abend wiederholt. Im Interview spricht Jessica Schwarz über den Film, Frauenbilder der Fünfziger, ihr eigenes Viva-Erbe und warum sie gern mal umsonst arbeitet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jessica Schwarz, Darsteller von Biopics wie diesem über Romy Schneider liefern stets artig ihre Lobeshymnen auf die porträtierte Person ab. Konnten Sie noch negative Aspekte an Romy entdecken, Dinge die Sie an ihr stören, vielleicht sogar abstoßen?

Jessica Schwarz: Manchmal hätte ich mir für sie gewünscht, ihr Harmoniebedürfnis zugunsten selbst artikulierter Wünsche und Vorstellungen zurückzustellen. Zu viel zu gute Stimmung kann auf Dauer einfach nicht gesund sein. Sie hätte früher öfter mal Nein sagen sollen.

Ein hoher Anspruch an eine so junge Frau in den konservativen Fünfzigerjahren mit ihrem antiquierten Frauenbild

Natürlich, alles generations- und epochenbereinigt. Ich will Ihr da auch nichts vorwerfen, aber für einen so vorurteilsfreien, offenen Menschen wie Romy, die ich in diesem Punkt ja auch in mir selber entdecke, hätte ich mir einfach mehr Durchsetzungsvermögen gewünscht. Darüber hinaus kenne ich sie dann doch zu wenig, um weitere Kritikpunkte an ihr zu entdecken; was bei der Intensität, in der ich mich mit ihr beschäftigt habe, ja auch schon einiges aussagt über ihre Persönlichkeit.

Normalerweise verschwindet die Darstellerin hinter so einer Figur völlig. Sie aber meinten, dahinter erkennbar bleiben zu wollen. Warum?

(überlegt lange) Bei einer Figur wir Romy hat man eine Fülle an Material, von Presseberichten über Tagebucheinträge bis hin zum unermesslichen Filmmaterial, dazu Bildbände, Biographien, Zeitzeugen – aus diesem Wust an Informationen muss man diese Figur als Schauspielerin, die ich schon zu Beginn meiner Schauspielerei als Vorbild hatte, auf ein filmverträgliches Maß reduzieren. Und das lässt sich am Ehesten über die eigene Persönlichkeit hinter der Rolle bewerkstelligen. Ich habe also durch meine Augen zu zeigen versucht, was diese Frau wirklich fühlt. Gerade weil ich ein Jahr lang nichts anderes getan habe, als mir ihre Stimme anzueignen, musste ich meinem Leben dahinter Geltung verschaffen.

Haben Sie dabei Parallelen zwischen sich und Romy Schneider entdeckt?

Einige, in der Tat. Wir haben beide keine lineare Ausbildung genossen, ohne Schauspielschule, ohne das technische Equipment zur Annäherung an eine Rolle. Deshalb müssen wir beide vieles spüren. Und wenn man dann noch wie ich aus einem Unterhaltungsbereich wie Viva kommt, wegen dem man einem handwerklich nicht allzu viel zutraut, da muss man viel härter als andere kämpfen, um ernst genommen zu werden, sich viel mehr beweisen.

Die Musikkanal-Vergangenheit haftet an Ihnen wie die Sissi-Trilogie an Romy Schneider.

In gewisser Weise, wenngleich sie sich langsam von mir löst. Auch Romy brauchte nach ihrem Sissi-Einstieg lange, um sich ein seriöses Renommee zu verschaffen. Ich habe diese kleine Romy in mir getragen wie es viele meiner Kollegen tun, diesen Makel anfänglicher Erfolge, die es zu bestätigen oder zu übertreffen gilt.

Strampeln Sie sich für dieses Ziel mit so einer Rolle noch an Ihrem Karrierestart als Viva-Moderatorin und Bravo-Girl des Monats ab?

Meine Vergangenheit spielt natürlich immer noch eine gewisse Rolle. Aber die einstige Popularität verschwindet nach Filmen wie Kammerflimmern, Lulu oder jetzt Romy fast zwangsläufig hinter der neuen. Und sie ist mir heute auch nicht mehr wichtig. Jetzt geht es mir mehr darum, mich selbst zu erzeugen, statt von anderen erzeugen zu lassen. Ich setze mich heute viel mehr mit mir auseinander als früher, mache vieles nur für mich und trete so aus dem Gedankenfeld derer heraus, die meinen: Ja, jetzt fällt sie doch wieder auf das Muster zurück.

Gibt es an der alten Zeit etwas zu bereuen?

Überhaupt nichts. Im Gegenteil – mir wurde schon von Regisseuren gesagt, an mir sei gerade toll, dass man wegen der Viva-Zeit nie wisse, was als nächstes bei mir komme.

Haben Sie es je erlebt, dass Kollegen, Produzenten, Regisseure aufgrund ihres Quereinstiegs ins Schauspielfach sagten, sie sollten zu froh sein, überhaupt mitmachen zu dürfen, um auch noch eigene Ansprüche zu stellen?

Nein. Obwohl es sicherlich Stimmen gab, die sagten, Jessica Schwarz soll Romy Schneider spielen? Das kriegt die doch überhaupt nicht hin! Aber so was spornt mich tatsächlich eher an. Ich kann diesen Druck, mich selbst beweisen zu müssen, ganz gut in schauspielerische Energie verwandeln.

Indem Sie noch tiefer eingetaucht sind, um sie in allen Facetten zu erfassen?

Genau, ich habe alles aufgesogen. Was so weit ging, dass ich hin und wieder eine Woche Ruhe von ihr brauchte. Bei geschlossenen Augen wurde mir dann aber doch klar, dass sie immer noch da ist. Je weiter ich sie von mir fort schieben wollte, desto größer stand sie vor mir. Das war beim Drehen zwar hilfreich, da stärkte sie mir den Rücken. Davor und danach war es das weniger. Aber mein Schauspielcoach meinte zu mir: Jessi, wenn du irgendwann nicht weiter weißt, dann lass es dir doch von ihr zeigen. Diese Verbindung spüre ich noch heute. Sie ist mir schließlich überall hinterher gereist, in jedes Land, an jeden Drehort, in der Maske, im Auto, im Internet. Ihr war einfach nicht zu entkommen. Ich habe mir sogar ein Bild von Will McBride…

Der Romy Schneider viel fotografiert hat.

… ersteigert. Zudem wurde ich ihr auch optisch immer ähnlicher. Dieser kleine spitze Haaransatz in der hohen Stirn, ihre Löwennase, die Augenbrauen – alles an mir wurde Romy. Das Visuelle hat es mir enorm erleichtert, in sie hineinzugehen und so manchen Geistesblitz in der Interpretation gebracht. Darum bin ich sehr froh.

Macht man die Verwandlung am Abend leicht wieder rückgängig?

Nein, die haftet eine ganze Weile. Nach dem Ende der Dreharbeiten musste ich deshalb eine große Tonne öffnen und alles hineinwerfen. Aber das ist mir nicht sonderlich gut gelungen. Ich hatte während des Drehens mal einen allergischen Ausschlag. Als ich viel später mal mit dem Regisseur meines nächsten Filmes über Romy sprach, kam dieses Nesselfieber plötzlich wieder. Ich habe sie sozusagen körperlich verinnerlicht.

War es die anstrengendste Rolle ihres Lebens.

Ja.

Wegen dieser schier übermenschlichen Größe Romys, dieser Ikonenhaftigkeit?

Schon, auch wenn sie mit all ihren Schwächen und Fehlern etwas zutiefst Menschliches bekam, je länger ich mich mit ihr beschäftigt habe. Aber der Druck war immens, jemandem gerecht zu werden, von dem so viel bekannt scheint. Und ich musste ja nicht nur ihre reale Person verinnerlichen, sondern auch jede fiktionale, all ihre Rollen. Alles in einem Film. Da wusste ich nie so genau, ob ich gerade auf dem richtigen Pfad oder einem Holzweg bin.

Sie haben jetzt alle drei wesentlichen Rollentypen gespielt: Literaturverfilmung, Originaldrehbuch, Biographie. Sind die Herangehensweisen grundverschieden?

Für mich schon. Eine rein fiktionale, literarisch unbekannte Rolle kann auch eine schlechte Schauspielerin mit Leben füllen, weil dieses Gefäß völlig leer ist; es fehlt das Vergleichsmoment. Nur Regisseur und Autor haben eine Vorlage im Kopf, die es zu erfüllen gibt. Das ist bei einer literarischen, mehr aber noch bei einer realen Figur anders. Das Material reicht in die Unermesslichkeit. Man kann sich hinter nichts mehr verstecken, vor einem türmt sich ein Berg aus Verantwortung.

Auch Respekt? Angst vielleicht?

Von dem Druck konnte ich mich nie wirklich befreien, aber man kann ihn sich ja auch zunutze machen, um ihre Verzweiflung, die ja auch viel mit Druck zu tun hatte, zu verinnerlichen. So wie sie immer alles hundertprozentig machen wollte, wollte ich es auch. Und ganz ehrlich: ich mag das Ergebnis. Wirklich. Nach der ersten Ansicht habe ich bitter geweint, deshalb muss ich ihn auch gar nicht unbedingt noch mal sehen. Es überfällt mich jetzt noch manchmal von hinten, wenn ich dokumentarische Bilder von ihr sehe.

Haben Sie Mitleid mit dieser großen Schauspielerin, die letztlich an sich selbst zerbrochen ist?

Es ist weniger Mitleid als Anteilnahme, denn sie hat das Leben bei all der Schwere unglaublich genossen. Ich habe mit Menschen geredet, die mit leuchtenden Augen davon berichtet haben, wie ehrlich, wie herzerfrischend, ansteckend und echt ihr Lachen war. Es gab zu viele glückliche Momente für Mitleid, aber es stimmt mich noch heute traurig, dass sie so früh gehen musste, weil sie noch so viel zu geben hatte.

Aber auch einzustecken. Denn die mediale Aufmerksamkeit, unter der sie so gelitten hat, die Belagerung durch den Boulevard, die aufkommende Mediengesellschaft haben sich ja nach ihrem Tod erst richtig beschleunigt.

Zerbrochen wäre sie früher oder später an ihrer Naivität. Gerade weil sie die Türen schon zu einer Zeit aufgemacht hat, als das noch gar nicht üblich war, weil sie die Presse so nah an sich heran gelassen hat, wie vor ihr vielleicht kein anderer, musste sie irgendwann entdecken, dass sie selbst etwas falsch gemacht hat im Leben. Spätestens, als sie das Bild ihres toten Sohnes auf einer Titelseite sehen musste, hat sie womöglich ihre Mitverantwortung erkannt. Daran ist sie sozusagen doppelt zerbrochen.

Ist der Film so gesehen eine Medienkritik? Die wichtigste Statistenrolle spielen schließlich Paparazzi.

Natürlich. Wobei ich selber noch gar nicht auf einem Niveau bin, damit Probleme zu haben. Ich werde auf Veranstaltungen fotografiert, aber vor meinem Haus sitzt noch niemand. Vielleicht auch, weil ich mein Privatleben nicht allzu spannend ist und ich es zudem bislang gut genug schützen konnte. Dafür bin ich auch ganz dankbar, gerade wenn man sieht, was in Amerika passiert, wo viele frühzeitig in die Reha-Klinik müssen, so ausgelaugt sind die von der medialen Dauerbelagerung. Es ist ja auch vernichtend, wenn man sich mit großen, fetten Zellulite-Oberschenkeln aus einer ungünstigen Kameraperspektive auf großen Magazin-Covern sieht. So weit war man damals ja noch gar nicht. Über die öffentliche Suche nach Fehlern Prominenter vergisst man oft, dass es sich hierbei um Menschen handelt. Da wird man schnell zur Gejagten, was nicht nur für labile Personen gefährlich wird. Weil ich dem großen Publikum noch nicht so bekannt bin, kann ich mich frei auf der Straße bewegen, ohne ständig angeguckt zu werden, was ich sehr genieße.

Noch.

Stimmt, diese Normalität könnte ich mir nicht mehr leisten, wenn ich ständig die großen Dinger machen würde und ständig auf Titelseiten irgendwelcher TV-Zeitschriften wäre. Was ich nur hoffe ist, fortan nicht nur noch die Romy zu sein. Dass ich nicht reduziert werde. Aber ich gehe ja auch gegen eine Festlegung an, indem ich gleich nach diesem Projekt praktisch ohne Budget einen Studentenfilm drehe und noch dieses Jahr bei einem Regiedebüt mitwirke. Ich bewege mich bewusst zurück zu meinen Anfängen, um nicht nur Filme zu drehen, die irgendwas mit mir machen, sondern auch solche, die ich zu irgendetwas mache.

Als sie das mit Uwe Janson in Wiedekings Lulu getan haben, sagten Sie, mit solchen Theaterkanalarbeiten dem Fernsehen bei der Entwicklung zu helfen. Was trägt Romy dazu bei?

Also es ist zunächst mal der erste fiktionale Film über Romy Schneider in Deutschland. Das ist schon mal neu. Filmtechnisch revolutionär ist daran jetzt wohl nichts, aber ich glaube, mit einem Biopic wie diesem bringt man dem Publikum den Beruf des Schauspielers in alle seinen Facetten näher, was zu einem tieferen Verständnis dieser Symbiose vor und hinter der Leinwand führen kann. Das Fernsehen werden wir damit nicht verändern, aber das Bild von Romy Schneider, die eben so viel mehr war als nur drei Sissi-Filme.

Wie könnte man sich diesen Film vorstellen, wäre er im Auftrag von ProSieben oder RTL erstellt worden.

Das ist mir jetzt fast zu politisch. Es wäre jedenfalls ein anderer Film geworden und vielleicht hätten die auch mich besetzt, aber man arbeitet natürlich am liebsten mit den Medien zusammen, von denen man erwartet, einen gewissen Anspruch erheben zu dürfen. Und das ist bei ARD oder dem SWR natürlich am ehesten gegeben. Aber weil Romy so viele Herzen berührt, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendein Sender mit zu wenig Respekt an sie herangeht.

Könnten Sie jetzt, nach dieser Arbeit, noch vorurteilsfrei die Sissi-Trilogie sehen?

Ich kann es mir jetzt auf jeden Fall besser vorstellen, warum sie die Million für einen vierten Teil nicht angenommen hat. Ich weiß ja durch die Buddenbrooks…

Wo Sie die Toni gespielt haben.

… was es heißt, Korsett zu tragen. Aber bei den Nachstellungen von Sissi hab ich dazu auch noch eine drei Kilo schwere Haartracht dazu bekommen. Damit bei 30 Grad eine Neunzehnjährige zu spielen, während hinter einem die Leute in Salzburg „hach, die Sissi“ schmachten, in die Szene zu kommen, wo sich der Regisseur bei meinem Anblick totlacht – da kam ich mir so albern vor. Das ist zum Glück raus geschnitten worden und ich kann die Sissi-Filme jetzt sicher nicht mehr einfach so ansehen, weil ich die große Lüge, die damit in Zusammenhang steht – sowohl auf Sissi als auch Romy bezogen – nicht mehr einfach so verdrängen kann. Selbst Romys eigener Versuch, diesen Abschnitt ihrer Karriere filmisch ins rechte Licht zu rücken, ist ja gescheitert.

Die abstrahierende Sissi-Fortsetzung Ludwig II. von Visconti…

Selbst mit ihm gab es so große Missverständnisse, dass Romy zwischendurch Stopp sagen musste. Ich glaube nicht, dass ich je wieder Sissi anschauen muss. Ich hab meine Kindheitserinnerungen damit und die sind gut und die sind schön. Vielleicht wenn ich selber Kinder habe.


Francis Fulton-Smith: Schnulzen & Strauß

In diesem Sinne bin ich käuflich

Eigentlich ist der pockennarbige Schnulzenstar Francis Fulton-Smith auf kernige Kümmerer im Sonnenlicht deutscher Neoheimatfilme gebucht. Das halbdokumentarische ARD-Drama Die Spiegel-Affäre (heute, 20.15 Uhr) ist für den 48-jährigen Münchner somit die erste Herausforderung seit langem. Und siehe da – sein Franz-Josef Strauß ist ihm allen Ernstes grandios gelungen. Geht doch.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Francis Fulton-Smith, endlich dürfen Sie mal in einem Film ihren Heimatdialekt pflegen und dann ist es ausgerechnet das fast kabarettistische Bayrisch ihres früheren Landesvaters…

Francis Fulton-Smith: (lacht) Ja, wobei wir genau das Kabarettistische vermeiden wollten.

Zumal er eine Figur des realen Lebens ist, die zu kritisieren daheim in Bayern als Hochverrat gilt. Mussten Sie da besonders vorsichtig sein?

Nein, das nicht. Aber mir war durchaus bewusst, wie wichtig er quasi als Institution dort ist. Unter seiner Führung wurde schließlich Bayerns Transformation vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen – mit allen Konsequenzen für die Gegenwart. Von den 68ern bis zum Länderfinanzausgleich. Das macht ihn sicher in gewisser Weise zu einer Ikone, aber nicht automatisch unantastbar. Selbst in Bayern ist er nach wie vor eine stark polarisierende Figur.

Für die Sie tüchtig zunehmen mussten, um Sie adäquat verkörpern zu können.

Fast 20 Kilo, das stimmt, unter ärztlicher Aufsicht. Wichtiger als die Körperlichkeit war aber, seine Urgewalt, politisch wie menschlich zu zeigen und dabei gleichzeitig nicht in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: hier der “gute Journalist” Augstein, da der “böse Politiker” Strauß. Wir wollten beide Seiten der Medaille zeigen, also nicht nur Strauß’ unerhörten Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch, dass es gleichzeitig eine moralische Pflicht und Verantwortung seitens der Presse gibt. Es geht um zwei starke Persönlichkeiten, mit extrem starken Utopien für Deutschlands Zukunft, die wie zwei Alpha-Rüden gnadenlos aufeinander losgegangen sind. Dabei hatten beide durchaus ähnliche Biografien. Wer weiß – vielleicht wären sie in einer anderen Zeit sogar Freunde geworden.

Hätten Sie die Wahl gehabt – welchen der beiden hätten Sie lieber gespielt?

Natürlich hätte mich auch Augstein interessiert, weil er ähnlich komplex ist. Aber es macht letztlich immer mehr Spaß, den Bad Guy zu spielen. (lacht) Noch mehr Spaß macht es allerdings, ihn dabei sympathisch zu gestalten. Für mich als Schauspieler ist es immer wichtig, nach dem Verborgenen zu suchen. Aus heutiger Sicht nimmt man Strauß ja stets als Polterer wahr; umso spannender war es für mich, ihm die leisen Seiten abzuringen, den Menschen in seiner Verletzbarkeit zu zeigen. Also den FJS, der Radau- Reden im Bundestag hält und nachts weinend aufwacht.

Hat das Spielen dieser Diskrepanz auch ihr persönliches Strauß-Bild verändert?

Ich denke schon. Als ich aufgewachsen bin, war er gerade Ministerpräsident. Ich war zwar lieber auf dem Bolzplatz und durfte ja auch noch nicht wählen. Aber er schwebte trotzdem ständig über uns allen. Spätestens, als er Bundeskanzler werden wollte, erreichte uns junge Burschen die Diskussion mit voller Wucht.

Sie hatten 1980 aber keinen „Stoppt Strauß“-Button an der Jacke.

(lacht) Ich wollte ja Abitur machen. Aber im Ernst, jetzt, nachdem ich mich Hunderte von Stunden intensiv mit ihm beschäftigt habe, sogar in seinen Geburtsort gefahren bin, verschiebt sich natürlich etwas in der Wahrnehmung. Ich sehe ihn nun nicht mehr als “ultimativen Bösewicht”, sondern und das ist mir wichtig: bei aller berechtigten Fehlbarkeit, auch als brillanten Denker und bodenständigen Nachbarn, als Lebemann und Machtmensch. Meine Sicht hat sich insofern verändert, weil sie deutlich differenzierter wurde.

Meinen Sie, dass die Rolle auch Sie als Schauspieler verändert, der ja sonst eher auf leichtere Stoffe gebucht ist?

Natürlich habe ich mich sehr gefreut, endlich auch eine andere Facette von mir zeigen zu dürfen, denn die künstlerisch größere Herausforderung ist natürlich gerade solche, nicht alltäglichen Filme zu machen! Und falls die Konsequenz ist, nun öfter mal etwas ungewohntes mit mir zu realisierten, würde mich das sehr freuen; ich bin schließlich mit Leib und Seele Schauspieler. Aber man muss sich darüber auch im Klaren sein, dass solche Rollen nicht auf Bäumen wachsen. Und andere Dinge, die ich drehe, ja durchaus auch ihre Berechtigung haben.

Andere Dinge sind vor allem Machos mit Familie und Herz. Fühlen Sie sich damit wohl?

Zunächst mal bin ich wie gesagt ein Schauspieler. Ich habe eine Familie und Kinder zu ernähren und in diesem Sinne bin ich tatsächlich käuflich (lacht). Dabei gibt es aber größere und kleinere Herausforderungen und wenn das, was ich dafür tue, erfolgreich ist und viele Menschen erfreut, ist es ein Geschenk, wertfrei! Finden Sie nicht? Was mich daher jetzt interessiert ist vor allem die Frage, wie viele meiner üblichen Zuschauer bereit sind, mich in einen Film wie „Die Spiegel-Affäre“ zu sehen? Was macht es mit ihnen? Ob sie neugierig werden, in Debatten geraten? Vielleicht haben sie Lust, darüber nachzudenken, wie fragil unsere Grundwerte sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen! Für viele Zuschauer ist es aber auch nach einem harten Tag entspannter, etwas Leichtes zu schauen. Auch gut gemachter Herzschmerz ist daher alles andere, als verwerflich.

Dennoch sagten Sie mal angesichts ihrer Dauerrolle Dr. Kleist, Sie sehnen sich nach Rollen, in denen nicht ständig die Sonne scheint.

Sicher ist beides richtig und der Weg der Mitte sinnvoll! Und sollte ich jetzt in den Gedankenspielen der Verantwortlichen eine neue Rolle spielen, bin ich sehr gerne bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen! Der Umkehrschluss, nur noch Filme ohne Licht und Schatten spielen zu wollen, ist dennoch falsch. So etwas kann man ohnehin nicht forcieren, Fernsehen ist kein Wunschprogramm. Und ehrlich: ich könnte mit der „Spiegel-Affäre“ grandios scheitern, was sicher auch einige so beurteilen werden. Aber die Beschäftigung mit der Figur Franz- Josef Strauß war für mich ein wunderbares, großartiges Abenteuer, dass ich unabhängig vom Erfolg – nicht missen will. Es ist ein ganz wichtiges Kapitel deutscher gesellschaftspolitischer Zeitgeschichte und ein wunderbarer Ensemble-Film. Es geht nicht nur um mich und ich hoffe, viele Menschen haben Lust, uns auf dieser spannenden Reise zu begleiten!

Der eigentlich Hauptdarsteller scheint ohnehin das ständige Rauchen zu sein…

Ja, Wahnsinn, wie viel da gequalmt wurde. Und das mit mir, der vom leidenschaftlichen Vielraucher zum passionierten Nichtraucher geworden ist.

Welche Rolle, die sich an der Realität oder großen Vorbildern messen lassen müsste, können Sie sich nach dieser hier noch vorstellen?

Richard III., Faust, Hamlet, Don Carlos… Die Welt ist doch voller wunderbar zerrissener Figuren. Aber so was selbst ins Spiel zu bringen, klingt meist befremdlich! Jetzt warte ich mal ab, was jetzt und hier passiert, denn mit der Rolle des Franz- Josef Strauß schließt sich ein Kreis zum Beginn meiner Laufbahn, wo ich mehr Theater und Literaturverfilmungen gemacht habe. Ich bin deshalb ein Stück weit zu mir selbst gekommen und das macht mich glücklich…


Heinz Fischer & Helene Schenk

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

26. April – 4. Mai

Heinz Schenk ist tot. Heinz wer? Selbst volljährige Digital Natives dürften mit dem Namen nicht mal eine blasse Erinnerung verbinden. Umso verlorener muss man jetzt, da dieses Fossil der deutschen Fernsehhistorie mit 89 Jahren gestorben ist, mal fragen: Wer ist denn eigentlich noch übrig aus der Riege alter Conferenciers einer Epoche, als Showmaster noch Heinz oder Hans-Joachim, statt Joko und Claas hießen? Als Schenks bieder-fröhliches Fernsehbierzelt Zum blauen Bock 20 Millionen Zuschauer vorm Röhrenbildschirm fesselte? Wobei, fesselte – „die Großeltern wollen ihn sehen, die Kinder dürfen ihn sehen, die Enkel müssen ihn sehen“, so skizzierte die hessische Frohnatur den Erfolg einer Sendung, die vom Stroboskopgewitter heutiger Supermegasausen weiter entfernt war als Helene Fischer vom Tagesschau-Studio.

Obwohl…

Samstag darf sie nun ja sogar schon the results of the german vote vom Hamburger Spielbudenplatz verlesen und sich Samstag beim ESC-Finale somit weiter fit senden für höhere Aufgaben: ARD-Talkshow, RTL-Intendanz, ADAC-Vorstand, UN-Generalsekretariat, ZDF-Wettsofa, ungefähr in dieser Reihenfolge. Bloß Boxen im Ersten kann sie nicht moderieren, da das Erste zum Jahresende den Irrsinn beendet, alles zu übertragen, was der Sauerland-Stall an gewaltbereiten Ghettokids zwischen die Seile jagt. „Hervorragende Einschaltquoten, populäre Boxsportler sowie spannende und faire Kämpfe haben die gemeinsame Zeit geprägt“, bejubelt Programmchef Volker Herres die teuren Jahre vorm sparbedingten Rückzug. Da hätte er sich bis auf die ersten zwei Worte doch glatt alle sparen können.

Ob der Kampftag Samstag nach von Hirschhausen oder Volksmusik künftig etwas anspruchsvoller wird, sei allerdings ebenso dahingestellt wie die Chance, ohne Profiprügel junge Leute vom kommerziellen ins öffentlich-rechtliche Programm zu ziehen. Zumal die ein Medium bevorzugen, dessen durchschnittliches Niveau noch auf lange Sicht eher Schulhofschlägereien als Informationskanälen entspricht. Zum Beleg sei exemplarisch der Schlagzeilenteaser des Internetportals www.news.de vom Mittwoch verlesen: „Darmbakterien bei Burger King / Heidi Klum heiratet / Hitler privat / Sylvie Meis bei RTL gemobbt“. Dagegen sendet RTL2 ja geradezu Bildungsfernsehen.

TV-neuDie Frischwoche

5. – 11. Mai

Obwohl…

Der Kommerzkanal füttert sein Stammpublikum auch diese Woche vornehmlich mit Sättigungsbeilagen ohne Nährwert ab. Die Fortsetzung des Dating-Formats Next, Please! etwa (heute, 17 Uhr), das RTL2 abermals als Erstversorger vom Anspruch benutzter Unterhosen ausweist. Da will der Muttersender seiner kleinen Schwester in nichts nachstehen und ballermannisiert mit einer neuen Folge von Mario Barth deckt auf am Mittwoch das wichtige Thema Steuerverschwendung. Parallel dazu probiert Sat1 mit Hell’s Kitchen etwas sensationell Innovatives aus: Kochende Promis! Was ähnlich überrascht wie tags drauf das Finale von Germany’s Next Tompmodel oder auch die heutige Besetzung Diana Amfts als tapsige Bielefelder Polizistin Josephine Klick in einem Berliner Kommissariat voller – Achtung Genderhumor! – Machos. Krass kreativ.

Aber um nicht in den Ruch der Pauschalkritik zu geraten, hier schnell zwei Serien, die theoretisch womöglich durchaus interessant zu werden versprechen könnten vielleicht: heute startet um 22 Uhr das zehnteilige Psycho-Prequel Bates Motel, womit Vox zumindest mal seine Gruselkompetenz erprobt. Und Mitwoch zeigt Pro7 Suburgatory, ein englisches Kofferwort aus „Suburbia“ und „Purgatory“, übersetzbar mit Vorstadtfegefeuer. Wenn das im religiösen Sinne ernst gemeint wäre, hätte Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau dazu vielleicht was zu sagen. Weil sich die 22 Teile aber um die Hölle auf Erden im Speckgürtel kümmert, kann das Wort zum Sonntag Samstag Erbauliches über die vermeintlich sündige Reeperbahn erzählen, wo es zum 60. Geburtstag live den Eurovision Song Contest unterbricht.

Ansonsten aber duldet die ARD keine Ausnahmen vom Regelprogramm, weshalb sie die Verleihungen des Medienpreises CIVIS am Donnerstag und des Fernsehpreises Lola am Freitag zeitversetzt zur Nacht versendet. Sonst gäb’s am Ende zur Primetime weder Krimi (Zorn mit Mišel Matičević) noch Schnulze (Romy mit Jessica Schwarz). Letzteres übrigens als Wiederholung, was womöglich eine Reminiszenz an die zeitgleiche Fortsetzung eines Klassikers im ZDF ist: Ein Fall für zwei kehrt zurück, noch so ein Fossil aus Zeiten, das Heinz Schenk die Straßen regelmäßig leer fegte. Mit Antoine Monot Jr. und Wanja Mues als Anwalt und seine Faust wagt die Serie aber tatsächlich einen Neuanfang.

Wer es vorige Woche verpasst hat, kann Mittwoch übrigens im Ersten das Dokudrama Die Spiegel-Affäre nachholen, gefolgt von einer sehenswerten Doku. Wer aber doch den Kulturkanal vorzieht, findet dort zeitgleich einen Themenabend über preisgekrönte Filme des Festivals von Cannes. Sonntag dann gibt es den Tatort aus Köln, ohne neuen Assistenten, aber mit Jugendgewalt. Und den Tipp der Woche gibt es schon jetzt: den Schwarzweißklassiker Lohn der Angst mit Yves Montand als Trucker, der eine explosive Fracht durch Venzuela karrt. Auch nach 60 Jahren famos!


WM-Reise: Mondiali Antirazzisti Montecchio

2005_06_30-mondiali-antirazzisti-0046Stollen verboten

Die Mondiali Antirazzisti ist eine der bizarrsten Veranstaltungen des Weltfußballs. Hunderte Teams aus aller Welt treffen sich Jahr für Jahr im Norden Italiens zur alternativen WM und liefern sich dort bei sengender Hitze ein politisches Sportfest gegen Rassismus, Homophobie und Ungerechtigkeit. Ein Bericht aus den Anfangsjahren des Turniers.

Von Jan Freitag

Das riecht nach einer Sensation. Luxemburg, hinter Burundi, Tahiti oder Andorra 157. der Fifa-Weltrangliste, steht im WM-Viertelfinale. Erst eine makellose Vorrunde, locker drei K.O.-Runden überstanden, nun will der Fußballzwerg den Titel. Die Julisonne brennt über dem Rasen, als der Traum zerplatzt. Null zu eins gegen italienische Ballkünstler mit schicken weißen Hemden und Schnauzbärten. Der Favorit jubelt, die Underdogs sinken zu Boden – zurück im globalen Fußballalltag.

Zumindest fast. Das Turnier in Montecchio nennt sich zwar Weltmeisterschaft und Fußball wird auch hier zelebriert. Doch das war’s bereits mit den Gemeinsamkeiten zum medialen Großereignis vor und in zwei Jahren. Ein paar Kilometer südlich von Parma kickt nicht das professionelle Hochplateau, sondern die Basis. Jene sieben Luxemburger Antifas etwa gegen ein soziales Projekt aus Bologna. Auf 14 Kleinplätzen spielen Frauen und Männer, harte Ultrafans und schlichte Fußballfreunde, mehr oder weniger Linke aus allen Himmelrichtungen ihren eigenen World Cup – einen antirassistischen. Mondiali Antirazzisti heißt die fünftägige Feier und keiner weiß so recht, ob Fußball hier Politik flankiert oder umgekehrt.

Nicht mal Matthias Durchfeld. „Tja,“ der Mitorganisator zögert mit der Definition seiner Erfindung, die vor sieben Jahren mit 80 Spielern begann, „es ist keine politische Sportveranstaltung, mehr ein soziales Kulturfest“. Der Schalker mit Wohnsitz Italien schiebt seine Stutzen runter und grinst wie ertappt: „Aber wir sind auch Fußballverrückte.“ Wir – das sind gut 3500 Teilnehmer aus 17 Nationen, die den lokalen Sportpark mit Transparenten förmlich tapezieren. Wir – das sind 1500 Gäste, die auch wegen Konzerten, Diskussionen, Kunst, Kino und Party kommen. Wir – das sind 320 helfende Hände, die das Event ehrenamtlich oder symbolisch entlohnt auf die Beine stellen. Wir – das ist die Kurzformel einer gänzlich unkommerziellen Fußballparty im Feindesland.

„Berlusconi, pezzo di merda.“ Es ist Freitagmittag. Auf den holprigen Feldern spielen einige der 168 Teams ihre 20-minütigen Vorrundenpartien. Wer die Parole gegen Italiens Regierungschef angestimmt hat, ist unklar, doch überall wird eingestimmt. Ein Eimer Scheiße soll er also sein und es hallt übers Gelände. „Berlusconi ist schuld, dass viele nicht hier sind“, erklärt Daniela Conti. Die Abschottungspolitik des Rechtspopulisten halte viele von der Mondiali fern.

Bei dem Thema stirbt ihr Lächeln, und das passiert der Abgesandten des Fanprojekts „Progetto Ultrá“, das die Mondiali mit einem regionalen Geschichtsinstitut austrägt, selten. Es kehrt rasch zurück: „Aber wir sind trotzdem nicht allein.“ Dafür sorgen Senegalesen, Ghanaer und Kameruner, Peruaner, Albaner oder Kurden. Flüchtlinge, die sich in Europas Städten zusammengefunden haben. Nur eine Mannschaft bricht den monokontinentalen Charakter auf: 6000 der 160.000 Euro Gesamtkosten, finanziert aus Fördertöpfen, Spenden und den Einnahmen der Gastronomie vor Ort, wurde in die Anreise Palästinas investiert.

Die jungen Araber fallen kaum auf unter 44 deutschen und 78 italienischen Teams, unter Namen wie Barcelona Anitfeixista, St. Pauli Woman, Clandestino Venezia, Czeck Punk oder Patkari Macedonia, unter Schottenröcken, Müllsäcken und anderen Fantasietrikots. Sie sind ehrgeiziger und tragen den linke Gedanken weniger als der Rest. „Aber sie sind da“, freut sich Daniela Conti. Das allein zählt.

Nach diesem Motto wird auch das Festzelt erträglich. „Hurra, die Loizscher die sind da“, brüllen besoffene Leipziger abends auf den Tischen, „Frankfurt über alles, Frankfurter Stolz“ schallt es zurück. Ein nackter Hintern blitzt auf. Die Ultra-Szene stellt 57 Teams, nicht wenige von ihnen pflegen eine kirmesartige Feierkultur und ihr Terrain ist das Restaurant. Hier, in der „Testosteron-Halle“, kämpfen echte Kerle um die Trophäe der dominantesten x-Chromosomen. Später führt eine Prügelei gar zum Ausschluss mehrerer Teams. „Wir wollen kein linkes Oktoberfest“, meint Matthias Durchfeld gelassen, „aber dass Sexisten und Prolls so eine Fest besuchen, ist doch ein großer Schritt.“

In der Tat, treffen sie doch nicht nur auf ein hochpolitisiertes Umfeld, sondern einen Frauenanteil, den keine vergleichbare Veranstaltung zu bieten hat. Die Hälfte der Teams sind gemischt, einige rein weiblich, zu den 483 Spielen gesellt sich ein spontanes Frauenturnier – das tut dem Turnier gut. So wie das Regelwerk: Stollen sind verboten, ab dem Halbfinale entscheiden Penalties, den größten Pokal kriegen die eifrigsten Antirassisten. Fouls sind folglich so selten wie allzu offener Ehrgeiz. „Und? Wie viele hab ich umspielt?“ Yvonne aus Hamburg kickt nicht oft, aber sie tut es inbrünstig und hat ihr allererstes Dribbling bestritten. Nicht nur deshalb schlagen ihre Bauwagenplatz-Sympathisanten „Abfahrt Bambule“ die Jungs vom Vorjahresfinalisten „dem Ball is egal, wer ihn tritt“. Der Grund steht in den Augen der Verlierer: rot geädert, halb geschlossen. Die Nacht war hart und morgens um zehn ist die Welt noch nicht so in Ordnung.

Doch Niederlagen verpuffen hier schnell. So wird es zur Nebensache, dass ein paar italienische Ultras im Finale häufiger aus sieben Metern treffen als die African Allstars Budapest. „Auf dem Platz zählt nicht die Hautfarbe, sondern die Ballbehandlung“, mahnt der britische Exprofi Paul Elliot bei der Preisverleihung. Sicher – siegen will auch in Montecchio jeder, aber bitte ohne Stress.


Synthiefriday: Kreidler, Elephant

Kreidler

Es ist die wohl größte Transferleistung menschlichen Geistes neben Sprechen und Brotbacken, Geräuschen Struktur zu geben. Seit Abertausend Jahren wird aus dieser anarchischen Kunstfertigkeit Musik. Mit der Digitalisierung des Sounds scheint sich das Verhältnis von Ton und Ordnung jedoch umzudrehen. 1952 etwa synthetisierte Karlheinz Stockhausen analoge Aufnahmen erstmals so, dass sie elektronisch klangen. 1964 optimierte dies der Moog, was Giorgio Moroder 1977 discotauglich machte. Und 1994, als Kraftwerk grad Geschichte waren, gründete sich am gleichen Ort Kreidler. Wie wenige Bands zuvor gossen die vier Düsseldorfer Syntesizing mit klassischen Instrumenten in Tonfolgen, die nur noch mit Phantasie an Lieder erinnerten.  Mit ihrem Album ABC feiert das Quartet nun 20 Geburtstag und das ist doch ein digitales Ständchen wert.

Denn auch auf ihrer 12. Platte schaffen sie es, scheinbar wirre Tonfolgen nach Liedern klingen zu lassen und im selben Moment zu dekonstruieren. So zeigt auch ABC dem Pop fiepsend, knirschend, basslastig, wie viel Tiefgang Geräusche erzielen können, ohne sich als kompositorisch zu erkennen zu geben. Zu blöd, dass der Pop, die ignorante Sau, mal wieder nicht zuhört. So bleibt ABC mal wieder was für elektronische Feinschmecker. Auch gut.

Kreidler – ABC (bureau b)

Elephant

Weniger gut ist es gemeinhin, eine weitere Band aus der Kategorie Synthiedreampop präsentiert zu kriegen. Könnte man meinen. Elephant aber sind eine echte Überraschung. Das Londoner Duo erfindet sein Genre zwar nicht neu, bläst aber eine erfrischend leichte Brise durch die Schwere des Shoegazerwave. Schon das Auftaktstück Assembly ihres Debütalbums Sky Swimming vertreibt mit schönen Orgelflächen und Amelia Rivas’ lässiger Stimme viel Düsternis aus dem Synthetischen.

Auch die anschließenden zwölf Stücke haben aber wie dieses ein kleines Problem: Sie sind irgendwie schon wieder raus aus dem Kopf, sobald die letzte Note verklungen ist. Elephant machen vielleicht etwas zu leichte Musik, um auf der Waage des Lebens Eindrücke zu hinterlassen. Aber manchmal ist so was eben auch einfach ein bisschen egal, wenn man sich für eine Dreiviertelstunde mal zurücklehnen und entspannen kann. Ein zweites Album, diese Prognose ist nicht allzu gewagt, wird sich allerdings kaum grundlegend von diesem unterscheiden. Das erste zu hören lohnt sich aber allemal.

Elephant – Sky Swimming (Memphis Industries)