Anstaltsleiter: Max Uthoff & Claus v. Wagner

anstaltDie Anstalt war leer

Das Neue vor der Anstalt ist zwar gestrichen. Dennoch macht die wichtigste Satiresendung im ZDF (Dienstag, 27. Mai, 22.15 Uhr) ohne “Neues ” davor nach dem Rückzug von Priol und Pelzig seit Februar eine Frischzellenkur durch: die beiden Kabarettisten Claus von Wagner und Max Uthoff sind nämlich nicht nur jünger als ihre Vorgänger, sondern auch hintergründiger – zumindest optisch. Ein Gespräch über Anzüge, Vorbilder und die Basis des Fernsehhumors.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr von Wagner, als Sie 2003 – verzeihen Sie die Wikipedia-Recherche…

Claus von Wagner: Ach was, mehr Recherchen brauche wir auch nicht.

Als Sie also 2003 Ihre Magisterarbeit zum Thema „politisches Kabarett im deutschen Fernsehen“ abgegeben haben, ist Dieter Hildebrandt beim Scheibenwischer ausgestiegen. Gibt es da irgendeinen Zusammenhang?

Wagner: Ich erinnere mich an die Überschneidung. Aber letztlich war die Magisterarbeit nur der Versuch, im Rahmen eines eher nutzlosen Kommunikationsstudiums wenigstens mal lange Experteninterviews mit meinen großen Vorbildern Gerhard Polt, Georg Schramm, Volker Pispers und natürlich Hildebrandt zu führen. Dass der zugleich aufgehört hat, war aber reiner Zufall.

In welchem Zustand hat er Ihnen das Kabarett hinterlassen?

Wagner: Sendungen kamen, Sendungen gingen, der Scheibenwischer aber war immer da und plötzlich war er es nicht mehr, nicht wie zuvor. Das hat definitiv was verändert. Auf 3sat war Richard Rogler grad abgesetzt, es gab keine heute-Show, das ZDF war völlig blank; da wurde schon das Ende des Kabaretts im Fernsehen ausgerufen.

Max Uthoff: Aber es war ja auch zuvor schon öfter mal totgesagt worden. Da wurde nur ein weiterer Leichensack geöffnet.

Hat sich seither zum Besseren entwickelt?

Wagner: Als Historiker weiß ich, dass es Kabarett seit 100 Jahren gibt, und als Kabarettist, dass es mein ganzes Leben durchzieht. Ich stehe seit 1997 auf der Bühne, anfangs vor wenigen Zuschauer, später vor mehr; aus meiner Sicht hat Kabarett schon immer sein Publikum gefunden, was sich auch aufs Fernsehen übertragen hat, wo es mal mehr, mal weniger gute Sendungen gab, aber immer ein Angebot.

Uthoff: Dennoch muss man es als Glücksfall betrachten, dass mit Thomas Bellut damals einer ZDF-Programmchef war, der das Kabarett wieder für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag entdeckt und Neues aus der Anstalt in den Sender gehievt hat. Seitdem geht es dem ZDF satirisch am Besten. Manchmal muss nur einer kommen und etwas Pionierarbeit leisten.

Wagner: Das sieht man auch an der heute-Show oder Pelzig hält sich.

Dessen Darsteller Frank Markus Barwasser Sie nun neben Urban Priol ablösen. Ist das ein Generationen- oder bloß ein Personalwechsel?

Wagner: Ach so viel älter sind die beiden auch nicht als ich mit meinen 36 und Max mit 46 Jahren; die Qualität des Wechsels am Alter festzumachen – ich weiß nicht.

Uthoff: Was unser Alter mit sich bringt, ist vielleicht, dass unsere Bühnenfiguren noch frisch, also nicht ausgereizt sind.

Wagner: Im Unterschied zu uns waren Schramm und Priol bei ihrem Einstieg schon ziemlich populär, fast auf dem Höhepunkt; wir müssen noch mit dem Format mitwachsen.

Bringen aber schon mal eine neue Sachlichkeit hinein, indem Sie nicht wie Ihre Vorgänger Hawaiihemd und Cordhut tragen, sondern Anzug und Krawatte.

Wagner: Das hat mehr mit persönlichem Geschmack als Inhalten zu tun: worin fühlt man sich am wohlsten?

Uthoff: Wer sich eine Bühnenfigur schafft, tut das nicht zwingend, um vom Inhalt abzulenken, sondern oft, um eine neue Ebene zu erlangen. Und Urban Priols Kunstfigur ist kein bisschen besessener als die Arbeitsweise dahinter. Der greift alles auf, was um ihn herum passiert. Und wenn ich einen Anzug trage ist das seinerseits auch bloß Mimikri, um eine größere Fallhöhe zu dem zu schaffen, was ich sage.

Wagner: Ich trage den Anzug nicht mal, ich drapiere ihn eher so, dass der Uthoff ihn ständig richten muss. Aber ob Sie’s glauben oder nicht: Das Äußere ist mir kabarettistisch egal.

Das kritische Publikum unterstellt jemandem in Maskerade gern, fehlende Substanz optisch aufzuwerten.

Uthoff: Formale Strenge muss nicht mit inhaltlicher konkurrieren. Georg Schramm hat dem Wort im heutigen Kabarett ungeachtet seiner drei Verkleidungen eine Sprachgewalt zurückgegeben hat, die es nicht bei vielen gibt.

Führen Sie die Anstalt im Sinne Ihrer Vorgänger fort oder wird es unter neuer Leitung erneuert?

Wagner: Die Anstalt war leer, darüber waren wir traurig und besetzen sie jetzt neu. Dieses „neu“ ist allerdings weniger inhaltlich gemeint, weil man nicht immer alles erneuern muss. Wir machen das, was uns antreibt, mit den aktuellen Themen, die uns interessieren: Stichwort Finanzen, Stichwort Wachstum. Im Kabarett wird der Begriff des Neuen immer eingeschränkt durch den des Aktuellen.

Uthoff: Kabarettisten schnitzen sich ja keine Missstände, sondern bewerten bestehende aus eigener Sicht heraus. Was wir da anders machen wollen, ist einzelnen Themen vielleicht mal ein paar Minuten mehr zu widmen, als zwingend alles abzuhandeln, was die Woche über in den Nachrichten von Belang war.

Weniger Tagesaktualität, mehr Sendungsschwerpunkt?

Wagner: Wir werden sicher nicht monothematisch. Aber wenn es genug Stoff gibt, kann es zu längeren Abhandlungen kommen.

Uthoff: Ich kann mir eine Rhein-Main-Donau-Kanal-Sendung wie beim Scheibenwischer gut vorstellen. Trotzdem sitzen wir vor jeder Ausgabe zunächst vor einem leeren Blatt und beginnen es zu füllen.

Sie beide sind juristisch ausgebildet, Max Uthoff gar bis hin zum 2. Staatsexamen. Verändert die Kenntnis des Rechts eine andere, vielleicht nüchterne Form des Humors?

Uthoff: Andersrum – man braucht eine Menge Humor, um das Recht zu studieren. Aber was ich im Studium gelernt habe ist Präzision, also eine gewisse Übung darin, Texte sehr genau zu lesen. Bei der Zeitungslektüre entdeckt man dann eher mal gewaltigen Schwachsinn, den andere für völlig normal halten. Andererseits hat Recht nicht mal allzu viel mit Gerechtigkeit zu tun; wie soll es da beim Verständnis von Politik helfen.

Wagner: Bei mir war es eher die Tatsache, dass mein Vater Jurist ist. Er hat stets so strukturiert und flüssig argumentiert, dass auch ich gelernt habe, Diskussionen schärfer zu führen und mich darin zu behaupten.

Uthoff: Im Recht wie im Kabarett geht es eben darum, seine eigene Sicht der Dinge so plausibel zu machen, dass die Zuhörer, also letztlich Richter, erst zuhören, dann zustimmen.

Wagner: Das Schöne in unserem Beruf ist allerdings, dass wir sowohl die Plädoyers halten als auch urteilen dürfen.

Uthoff: Sogar ohne die geringste Ahnung vom Thema zu haben.

Wenn Sie also beide auch noch aus juristisch geprägten Elternhäusern stammen – wer hat Ihnen denn dann den Humor mitgegeben?

Wagner: Ich bin spät zum Kabarett gekommen, so mit 12 Jahren [Uthoff lacht] und hatte mein endgültiges Coming-out um die 20. Mit dem Elternhaus hatte das weniger zu tun.

Uthoff: Bei mir eher mehr, das ist fast genetisch bedingt. Mein Vater hatte sein eigenes Kabarett, in dem ich groß geworden bin. Das schafft nicht automatisch einen Kabarettisten, aber einen respektlosen Umgang mit Macht und deren Protagonisten.

Wollten Sie als Kabarettisten die Gesellschaft verändern oder nur gut unterhalten?

Uthoff: Es sollte immer eine gesunde Mischung aus beiden sein, denn wer sich zu sehr aufs Verändern beschränkt wird niemanden gut unterhalten und umgekehrt.

Wagner: Auch auf die Gefahr hin, andere zu wiederholen: In guter Unterhaltung steckt eine Haltung. Die war mir und uns immer wichtig.

Uthoff: Und man muss sich vor der verbreiteten Einschätzung hüten, Kabarett könne nur in Diktaturen was bewirken wie beim großen Werner Finck, dem nichts anderes übrig blieb, als während der Nazizeit die Kunst der Andeutungen zu perfektionieren. Das ist gefährlicher Unfug, weil man dann, um gutes Kabarett zu wollen, dringend die NPD wählen müsste.

Wagner: Uns bleibt ja nichts anderes übrig, als uns mit der Zeit auseinanderzusetzen, die wir nun mal haben. Aber keine Sorge: auch, wenn man als Kabarettist keine Angst mehr um Leib und Leben haben muss, kann man mit den vorhandenen Missständen sehr gut arbeiten. Und die Anstalt bietet uns dafür eine gute Bühne.

Wenn man in Ihrem Alter…

Uthoff: Schon wieder…

Wenn man Mitte 40 und Mitte 30 bereits den Gipfel Deutschlands wichtigster Sendung für politisches Kabarett erreicht hat – was kann dann überhaupt noch kommen?

Wagner: Ich habe noch nie so gehandelt, dass ich dachte: was kommt als nächstes.

Uthoff: Um am Ende froh zu sein, wenn überhaupt einer kam und uns wollte.

Wagner: Also was kann noch kommen? Preise fürs Lebenswerk!

Uthoff: Ich mache das solange, bis ich den Friedensnobelpreis, die höchste kabarettistische Auszeichnung überhaupt. Dann höre ich sofort auf, versprochen!

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Biopics: Frauenbilder & Iris Berben

Kompetenz und Heididei

Wenn das Modethema Biopic von Frauen handelt, geht es bei aller Durchsetzungskraft in Männerwelten stets auch um den Faktor Sympathie. Davon bleibt leider auch Iris Berbens Grundgesetz-Gestalterin Elisabeth Selbert in Sternstunde ihres Lebens (heute, 20.15 Uhr, ARD) nicht verschont.

Von Jan Freitag

Ach, wahrhafte Heldinnen haben’s schon schwer in Film und Fernsehen. Entweder sie finden darin gar nicht statt, da die Wirklichkeit seit jeher eine sehr männliche Angelegenheit ist. Und gibt es doch mal eine, lastet die Bürde der Geschichte so schwer auf den Heldinnenschultern, dass sie unter der Last zu stürzen drohen. Wohlgemerkt: drohen. Schließlich ist es das Wesen der Heldin, unter größten Widrigkeiten heroisch zu bleiben. Womit wir bei Iris Berben wären. Und bei Elisabeth Selbert. Also beim Problem. Denn der Schauspielstar schlechthin mimt als Grundgesetzgestalterin mal wieder die historisch belegbare Titelfigur einer opulenten Filmbiografie und das führt wie gewohnt ins Dilemma: Wann immer weibliche Figuren der Weltgeschichte fiktionalisiert werden, müssen sie nicht nur aufrecht für die Sache der Emanzipation streiten, sondern nebenbei auch noch als liebende Wesen Zuschauerherzen erreichen und dabei nett, klug, diplomatisch, schön bleiben. Heldinnendinge eben, Multifunktionsattribute. Arme Heldinnen.

Denn während ihre männlichen Pendants auch mal zuhauen dürfen, wenn die Kraft des Argumentes versagt, haben Heldinnen nur Wort und Charme im Arsenal. Wo die Herren der Schauspielschöpfung bloß dann ihre Muskeln ölen, wenn das Genre ins depperte Actionfach rutscht, muss Berben als Juristin, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat über Deutschlands Verfassung entscheidet, trotz aller Politik auch noch bildreich die Strumpfhose wechseln. Kurzum: Heldinnen sind selbst in einem sachlichen Film wie „Sternstunde ihres Lebens“ so im Geschlechterkorsett gefangen, dass der Chromosomensatz auch hier die zweite Hauptrolle spielt. Das ist natürlich bei einem Film, in dem sich die fortschrittliche Sozialdemokratin Selbert mit reaktionären Geistesnazis wie dem CDU-Abgeordneten Fink (Walter Sittler) um den simplen Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zanken, unvermeidlich. Doch wie sich unter weiblicher Federführung von Ulla Ziemann (Buch) über Sophie Maintigneux (Kamera) bis hin zur Regisseurin Erica von Moeller feminine Befindlichkeiten in jede Szene drängeln – das ist typisch fürs Modethema Biopics mit Frauen in der Hauptrolle.

Da strahlt sich dann eine Heike Makatsch ziemlich tough, aber zuckersüß durch die Vita der Kuscheltierkönigin Margarete Steiff. Da tunkt Felicitas Woll ihre Autobauersgattin Bertha Benz unablässig in süffig lächelndes Durchhaltevermögen. Da ertränkt Katja Flint den Mythos Marlene in Pathossoße mit Schlag. Da gerät die burschikose Beate Uhse dank Franka Potente zum sexy It-Girl der prüden Nachkriegszeit. Da grinst sich Christine Neubauers Papst-Zofe Pascalina durchs Pontifikat Pius XII., dass der Vatikan zur Emma-Redaktion wird. Da herrscht also meistens ein Gestus zwischen Kompetenz und Heididai, der in unachtsamen Momenten sogar eine Barbara Sukowa als Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Hildegard von Bingen ereilt.

Reale Heldinnen haben eben historische Sympathieträgerinnen zu sein, verkörpert von schauspielerischen Sympathieträgerinnen. Heute im Ersten also Iris Berben als emanzipierte Verfassungsrechtlerin Selbert, nächsten Mittwoch an gleicher Stelle Katharina Schüttler als emanzipierte Chemikerin Clara Immerwahr. Und derzeit in Arbeit: Birgit Minichmayr als emanzipierte „Madame Nobel“ Bertha von Suttner. Allesamt starke, schöne, unbeugsame Filmgestalten. Denn so selten Frauen im geschlechterübergreifenden (aber meist maskulinen) Durchschnittsfernsehen einflussreich Gegenspielerinnen männlicher Protagonisten darstellen dürfen, so ausgeschlossen sind auch Titelfiguren genuiner Frauenstoffe mit einem Geheimnis, einer dunklen Seite gar, Antiheldinnen. Es dürfte also noch ein bisschen dauern, bis Film und Fernsehen den Mut zum weiblichen Biografiebruch, zur Bosheit gar entwickeln. Das höchste der Gefühle war da bislang Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin vor drei Jahren. Aber falls die Gefahr bestanden hätte, dass das nicht nur Cineasten im Programmkino sehen, wäre selbst die RAF-Terroristin garantiert irgendwie süßlich geraten.


Quizdesaster & Wahldramen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

12. – 18. Mai

Manche Zahlen sagen mehr als Worte. 9/11 zum Beispiel ist auf fatale Weise redselig. Auch die literarische 1984, das diktatorische 33-45, ganz zu schweigen vom teuflischen 666 dringen durch pure Numerik ins Gemüt. Das kann man von 8,676,045B1 nicht behaupten. Trotzdem spricht die Ziffernfolge eine klare Sprache. Unter dieser Patentnummer sichert sich der einst literarische, längst diabolische Multi Amazon Porträtfotos, die ohne Schatten vor weißem Hintergrund fotografiert, also typisch für Amazon-PR sind. Aber innovativ, gar schützenwert? Da könnte man sich ja auch Filmküsse ohne Zunge im Wald patentieren lassen, Fernsehärzte ohne Brille vor Resopalwand oder Ratesendungen ohne funktionierende Technik aber mit Moderator, der das wettmacht.

Es war eine Showmastermeisterleistung, wie Jörg Pilawa das angeblich „größte TV-Experiment des Jahres“ davor bewahrte, die peinlichste Selbstüberschätzung der ARD ever zu werden. Indem ein Teil jener 16 Millionen, die sich das Quizduell aufs Smartphone geladen haben, live gegen Pilawas Studiopublikum spielten, sollten alte mit neuem Medien versöhnt werden. Zu blöd, dass Montag keiner der 180.000 registrierten Spieler ins Studio durchdrang und die Studiogäste gegen vier Kandidaten antreten mussten. Statt Geschichtsschreibung gab es also nur krude Theorien fieser Hacker-Angriffe. Und einen Moderator, der den Karren im Alleingang aus dem Dreck zog.

Mit Improvisationsvermögen, Schlagfertigkeit und einer großen Portion Selbstironie („Willkommen beim Fernsehen der 70er und 80er Jahre“) bewies Jörg Pilawa abermals, dass er der bessere Gottschalk gewesen wäre. Umso klüger, dass er sich den Moderatorenfriedhof Wettsofa erspart hat. Sonst ginge es irgendwann ins Promikrematorium ProSieben, das bei der Fortsetzung von Schlag den Star im Sommer den Sauerrahm de la Sauerrahm überflüssiger Ansager wie Marco Schreyl oder Thore Schölermann gegen baugleiche TV-Gesichter von Joey Kelly bis, äh, Larissa Irgendwas antreten lässt.

Super-Casting! Fehlt vielleicht noch Günther Wallraff, falls der nicht gerade seinen Sieg über Burger King bei McDonalds feiert und dabei den nächsten Einsatz seines RTL-Teams plant. Schön wäre ja mal eine Undercoveraktion in der Redaktion seines Stammsenders, quasi allein unter Zynikern, die ihre renditeorientierten Programmfrechheiten als Dienst am Zuschauer verticken.

TV-neuDie Frischwoche

19. – 25. Mai

Apropos Casting, Apropos Interaktiv, Apropos App: Ab Donnerstag stellen sich bei Pro7 mal wieder Gesangstalente zur Wahl, die dafür ganze 30 Sekunden auf der Bühne haben – was Keep Your Light Shining angeblich schon innovativ macht. Wahnsinnsidee! Fast so kreativ wie das Thema Cultural Clash lustig zuzubereiten, weshalb der Sat1-Schwank Nachbarn süß-sauer um leistungsstarke Chinesen als Nachbarn überforderter Deutscher (Christoph M. Ohrt, Bettina Zimmermann) morgen zwanghaft ins Banale schlittert.

Komplizierte Sujets ohne Peinlichkeit zuzubereiten bleibt eben doch eher öffentlich-rechtliches Kerngebiet. Heute etwa Arte mit Milan Peschel als unheilbar Krebskranker, den Andreas Dresens Cannes-Film Halt auf freier Strecke voll ins Okular der Kamera nimmt, ohne ihm je zu nahe zu rücken. Oder parallel dazu im ZDF-Film Die Toten von Hameln, wo Bjarne Mädel als moderner Rattenfänger belegt, dass er zu humorfreien Rollen taugt – selbst wenn sie ein wenig mystisch geraten. Mystisch ist auch die 3. Staffel der grandiosen Misfits, aber das dürfte wie so oft kaum einer mitkriegen – läuft die britische Serie doch nach Mitternacht auf ZDFneo.

Ein Sendplatz, auf den Vernunftbegabte eher die Denunziationssause Aktenzeichen XY wünschen. Stattdessen hortet sie zur Primetime im Zweiten wie gewohnt Quoten; zumal es diesen Mittwoch mal wieder uns Bild-Ding vermisster Kinder geht. Da könnte man glatt den neusten Kostümkitsch starker Frauen im Männerumfeld zeitgleich im Ersten empfehlen, wo Iris Berben als Grundgesetzgestalterin Elisabeth Selbert die Sternstunde ihres Lebens erlebt. Ob es in ferner Zukunft Biopics über Martin Schulz gibt, Gestalter der europäischen Einigung, Titel-Vorschlag Er hatte einen Traum? Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie sehr der sozialdemokratische Spitzenkandidat gerade im Fokus steht. Dass ihn die ARD morgen Abend live in die Wahlarena gegen seinem konservativen Gegner Jean-Claude Juncker schickt, wäre unlängst undenkbar gewesen. Ebenso wie viele andere Formate zur Europawahl, die sich bis Sonntagnacht durch alle relevanten Sender fressen. Von Rainer Maria Jilgs Erkundung bayerischer Europaskepsis (heute, 20.15 Uhr, BR) bis hin zur morgigen Doku Riskante Reise, in der die ZDFzeit (mit viel Empathie für Grenzschützer) Flüchtlingsströme in die Festung Europa verfolgt.

Überhaupt ist diese Woche so kontinental, dass selbst Nationalerbauung weicht. Der Tatort ist also bloß eine Wiederholung, wenngleich aus Hessen, während Ulrike Folkerts ins ZDF fremdgeht, wo sie als verliebte Hete in der Schnulze Ein Sommer in Amsterdam ermittelt. Dann doch lieber das Promispecial vom Quizduell am Donnerstag – sofern die Technik mitspielt. Oder Robin Williams in seiner ersten Serien seit Mork vom Ork namens The Crazy Ones (Mittwoch, 21.15 Uhr, Pro7). Oder das Champions-League-Finale, dem RTL am Samstag die 763. Wiederholung Mario Barths im Olympiastadion entgegensetzt, was noch älter wirkt als der Tipp der Woche von 1961, Freitag bei Disney: 101 Dalmatiner.


Reisereportage: St. Pauli Tourist Office

Touristoffice1Die Welt zuhause

Als letzte Möglichkeit, am WM-Gewinnspiel der freitagsmedien teilzunehmen, gibt es heute eine Reportage, die Ihren Anfang vor der Heim-Weltmeisterschaft vor acht Jahren genommen hat: Übers St. Pauli Tourist Office im Hamburger Stadtteil St. Pauli wo vor acht Jahren der bundesweite Boom, Privatwohnungen an Reisegäste zu vermieten, seinen Anfang nahm.

Die Frage zum Gewinnspiel steht wie immer unterm Text.

Von Jan Freitag

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Sie können von Glück reden, kein anonymes Zimmer in irgendeinem x-beliebigen Hamburger Hotel gebucht zu haben, sondern beim St. Pauli Tourist Office.

Es ist unser Zimmer, eines von vier einer Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen – Insidertipps zum Ausgehen, Ausfliegen, Ausspannen inklusive. Das wird genutzt. Kurz nach der Ankunft hatten Jiao und Lan, die zwei Studentinnen aus Hongkong, einen Reiseführer aus dem Rucksack gezogen und zwischen Schriftzeichen aufs einzig lesbare Wort gedeutet: Kiel.

Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole Hamburg. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini und der hintere Kaukasus. Dass Jiao und Lan nicht auch noch nach Dänemark fahren, ist mir zu verdanken. Und Henning Bunte.

Als vor einem Jahr das erste WM-Spiel bevorstand, schulte der 34-Jährige um. Hamburg, so dachte er sich, werde bald von Fußballtouristen überrannt, bis die Bettenkapazität erschöpft sei und ein wenig darüber hinaus. Also schmiss er seinen Job in einer sozialen Einrichtung, legte seine nebenberufliche Künstleragentur auf Eis und wurde Herbergsvater. Zuerst stellte er nur sein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung und wich ins Büro darunter aus. Schlachtenbummler kamen zwar kaum, doch die Nachfrage normaler Reisender erhöhte den Bedarf bald so stark, dass heute knapp zwei Dutzend Wohnungen auf seiner Homepage strahlen, als schiene an der Waterkant immer die Sonne.

„Leute, die zu uns kommen, wollen eben keine Abfertigung an der Rezeption, sondern Kontakt zu Einheimischen“, erklärt der Sozialpädagoge, selbst einst ein Kieler. Das britische Konzept des „Bed & Breakfest“, private Jugendherbergen mit Komfort, Wohnungstauschbörsen und Backpackerhostels im Wohngebiet haben nicht nur in der Hansestadt Konjunktur. Auch Henning Bunte fand es bei seinen Trips durch Asien und Südamerika schöner, „bei richtigen Menschen unterzukommen“ als in gesichtslosen Hotels.

Bei Reiseführern aus Fleisch und Blut quasi. Bei Ortskundigen ohne kommerzielles Hauptinteresse und Eingeweihten mit Bezug zur Umgebung. Hätten sie also in einem der unzähligen Hamburger Unterkünfte von Kiezkaschemme bis Nobelherberge gebucht, Jiao und Lan wären an einem ihrer raren Tage nach Kiel gefahren, statt in die mittelalterliche Perle Lübeck mit ihrem Herz aus Fachwerk und Marzipan. Die beiden Frauen um die 30 bedanken sich mit einem Schwein der Marke Niederegger für meine Planänderung. Sie wissen beides zu schätzen – den Hinweis ebenso wie die Süßigkeit. Ihre Trolleys sind voll davon.

Sein Zimmer privat anzubieten, ist häufig mehr als bloßer Nebenerwerb, es folgt einer Mischung aus Kontaktfreude, eigener Interrailbiografie und Lokalpatriotismus. Ich jedenfalls preise meine Heimatstadt Menschen anderer Kulturkreise mindestens so euphorisch an, wie es dortige Bewohner einst in meinen rastloseren Tagen taten. 1987 in einer irischen Scheune, mit Sandwiches, Tee und Routenempfehlungen vom halben Dorf. Und abends gemeinsam in den Pub.

Die drei Mittzwanziger aus London setzen ihre Bierflaschen an und leer wieder ab, wie es sich für englische Fußballfans eben gehört. „Exakt das richtige Willkommen“, beteuert Dave, der Immobilienmakler mit englischem Fanschal um den Hals. Ein besseres Bier als dieses Astra habe er noch nie getrunken. Es klingt selig, seine Kumpels nicken. Sie seien skeptisch gewesen, bei der Abreise. Hospitality, Dave betont das Wort für Gastfreundschaft, als sei es tabu, habe man nicht so recht erwartet, nicht von Deutschen. Eher schon kühles Organisationstalent und distanzierte Höflichkeit. Ich schalte den Fernseher ein und die drei sind bereit zur Emigration: Fußball, irgendein WM-Vorrundenspiel. Erst jetzt scheinen sie wirklich angekommen. Noch ein Astra?

Immerhin halten sie das Wappen des Hamburger Kiezbieres nicht wie eine Gruppe Cottbusser Architekten für einen Puff. Überall auf der Reeperbahn leuchtet das Herz mit dem Anker in verruchtem Rot auf Leuchtreklamen und so wähnten die fünf unerfahrenen Ostdeutschen wie es das Klischee gebietet allerorten Bordelle, bis ich sie eines besseren belehre. Darf man auf eigentlich überall rein – in die Freudenhäuser, Bars und Souvenirshops – oder kostet alles Eintritt? Henning Buntes Gäste wollen vieles wissen, sie brauchen Tipps zum Frühstücken, Sightseeing, Amüsieren. Vor allem dazu, denn wer aus städtebaulichen Gründen nach Hamburg kommt, bleibt chronisch unterversorgt. Sicher, der Hafen ist prachtvoll und gerade für das Fünftel ausländischer Gäste des Tourist Office ganz anregend, doch den historischen Altstadtkern gibt es an der erneuerungsfreudigen Waterkant ebenso wenig wie ein Schloss mit Burggraben.

Dafür bietet Hamburg Entertainment. Die Stadt ist blutjung und ihre Besucher sind es, abgesehen vom unablässigen Strom an Musicalgästen, auch. „Wir kommen nur zum Pennen hierher“, sagt Mario aus Mannheim. Er ist mit sechs Freunden angereist, um Counter Strike zu spielen. Es sind ProGamer, Ballerspielprofis, aber ohne die zugehörige Vorurteilsaura aus Verfettung, Perspektivlosigkeit und Aggression.

Sechs Stunden vernetztes Daddeln in der Großraumhalle, zwei Stunden Vorschlafen, verteilt auf zwei Zimmer, dann Aufbrezeln, der Rest ist Party. Und vorher noch ein Spiel am Tischkicker in der Küche, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Im englischsprachigen Raum wie Australien heißt er übrigens Fusball. Mit weichem S. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch etwas von seinen Gästen lernen könnte.

Dass Computerspieler Vollzeitberufe haben können etwa, welch hoher Verbrauch an Stylingprodukten andernorts üblich scheint oder wie häufig außerhalb Hamburgs offenbar geduscht wird. Die sechs Frauen aus Brandenburg bringen es rund um ihren Junggesellinnenabschied mit Striplokal auf bis zu fünf Badezimmerblockaden in nur 36 Stunden. Pro Person. Respekt! Zwischendurch ein Prosecco auf dem Balkon, Schminkorgien und Fragen über die berühmte Herbertstraße. Dürfen wir da rein? Kreisch!

Für derlei Basiswissen liegt mittlerweile ein verschweißter Folder mit Hotspots, Hausregeln und Versorgungslage auf dem Tisch (Herbertstraße meiden, Wasser sparen, Drogerie ums Eck). Professionalisierung, so lautet die Erkenntnis nach dem ersten Jahr, verselbständigt sich zusehends. Meine WG denkt gerade daran, kleine Betthupferl aufs Kopfkissen zu legen und Frühstück zu bereiten, für fünf, sechs Euro zusätzlich zu den rund 25 Euro pro Kopf minus fünfzehnprozentiger Provision fürs Tourist Office. Nicht um des Profits Willen, sondern für die Sache. Als kleines Dankeschön zudem – schließlich gab es bisher nicht den geringsten Grund zum Ärger. Selbst siebenköpfige schwedische Familien mit Kühlbox in Schrankwandgröße und immer wieder Fußballfans auf Auswärtsfahrt halten sich stets überraschend zurück. Die Privatsphäre anderer ist vielen heilig.

Nur einmal war mir etwas mulmig zumute. Als Robbie Williams zeitgleich mit Tausenden von Harley Davidson-Fahrern die Stadt geflutet hat. Zum Glück haben wir statt der Biker Popfans abgekriegt. Keine Sauforgien und Kavalierstarts vor der Haustür also, dafür permanentes Duschen samt parfümierter Nebelbank im Flur. Und viel Wissenswertes über Robbies Hintern. Das war’s wert.

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges und kaum touristisch verwertbare Historie. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich Ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Hamburg hat wirklich aufregende Ecken und sein Umland viel Schönes zu bieten, versuche ich den beiden klarzumachen. Aber Kiel? Absurd. Und warum, bei Konfuze?

Die zwei Studentinnen aus Hongkong ziehen einen zerfledderten Reiseführer aus dem Rucksack und deuten aufs einzig lesbare Wort über kryptischen Schriftzeichen: Kiel. Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini oder der hintere Kaukasus.

Wie gut, dass Jiao und Lan kein Hotel gebucht haben, sondern ein Zimmer im St. Pauli Tourist Office. Unser Zimmer, eines von vier einer sehr hanseatischen Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen.

Welche Stadt nahegelegene Stadt gilt in chinesischen Reisführern als Sehenswürdigkeit von Hamburg? Antworten wie immer an janfreitag@gmx.net. Zu gewinnen gibt es das letzte Sammelalbum von Panini nebst 12 Packungen Bilder.


Heiner Lauterbach: Exilkommissar & Exmacho

Früher war ich ziemlich wild

Heiner Lauterbach ist einer der erfolgreichsten Schauspieler im Land, womöglich auch einer der besseren. Und trotzdem ist der 59-Jährige vorwiegend in aufdringlichen Blockbustern und Historienschinken zu sehen. Im Krimi Die Seele eines Mörders dagegen spielt er heute (20.15 Uhr) auf ZDFneo einen eher zurückhaltenden jüdischen Kommissar in Israel – und das nicht mal schlecht. Für eine Serie hat es dennoch nicht gereicht. Ein Gespräch übers Drehen in Israel, deutschen Philosemitismus und kleine Teufel auf seiner Schulter.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lauterbach, ein Deutscher spielt einen israelischen Kommissar in Israel. Ausgerechnet. Waren Sie vor den Dreharbeiten zu Die Seele eines Mörders schon mal dort?

Heiner Lauterbach: Na ja, für ein, zwei Tage, im Rahmen einer Kreuzfahrt mit Bernd Eichinger. Rein privat.

Sie sind also weit davon entfernt, das Land zu kennen.

Ach, welches Land kennt man schon wirklich außer das eigene.

Wie bewegt man sich als Deutscher in Israel, angesichts der Geschichte beider Länder?

Ein bisschen vorsichtiger. Wir haben ja ein spezielles Verhältnis zu Israel. Das kann man im Hinterkopf nie ganz ausschalten. Aber das relativiert sich sehr schnell, allein schon, weil einem die Menschen dort die eigene Herkunft längst schon nicht mehr permanent spüren lassen.

Es gab keine Vorbehalte Ihnen gegenüber?

Ich kann mich an keine erinnern.

Haben Sie denn Ihrerseits eine besondere Verantwortung gegenüber der Aufgabe verspürt, als Deutscher einen Juden in Israel zu spielen?

Schon. Ich habe mich zu Beginn gefragt, ob man wirklich noch einen deutschen Kommissar ins Ausland schicken muss, der dort einen Inländer mimt. Das frag ich mich bei all den skandinavischen und englischen Formaten häufiger. Aber gerade wegen der besonderen historischen Konstellation, die ja mehr und mehr in eine Freundschaft beider Länder mündet, habe ich beschlossen, in diese Rolle mein volles Herzblut zu legen. Zumal die Autorin der Romanvorlage meine Figur als eine Art Vorzeige-Israeli beschrieben hat.

Nämlich?

Ein ruhiger, melancholischer, dabei zielstrebiger und liberaler junger Mann mit dem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit, der durchaus kritisch mit seinem eigenen Land umgeht und zugleich diesen seltsam israelischen Zustand verkörpert, Lebensfreude und Gelassenheit auszustrahlen, aber stets auf der Hut zu sein, ohne ängstlich zu wirken.

Aus Angst, in jedem Bus droht der nächste Anschlag?

Gar nicht unbedingt. Es geht um eine dauerhafte Wachheit gegenüber allem, was um ihn herum geschieht. Sie speist sich weniger aus Angst, mehr aus Neugier und Aufmerksamkeit. Das macht meine Rolle so ambivalent und diese Ambivalenz in normalen Alltagsgesten auszudrücken bildet ihren Anspruch. Dafür liebe ich meinen Beruf; einen Verrückten zu spielen, der nur um sich schlägt, oder einen Verliebten ohne Makel, das fordert nicht. Das Normale zu spielen schon.

Spielen die Drehorte Tel Aviv und Jerusalem dabei eine Rolle oder sind es bloße Seightseeing-Spots?

Nein, das haben wir sogar versucht wegzulassen, um nicht ins Pilcherige zu geraten, mit dauernden Kamerafahrten über die Schönheiten der Gegend. Zumal man in beiden Städten gar nicht so viele Postkartenansichten findet. Zu viel sandbraun. Andererseits mussten wir der Sache gerecht werden und zeigen, wo man ist. Sonst hätte man’s ja auch in Babelsberg drehen können.

Kann man an so einem geschichtsträchtigen Ort einen unpolitischen Krimi drehen?

Schwer. Und ich hoffe auch, dass der Zuschauer mehr von uns erwartet. Ich bin ein großer Verfechter von guter, spannender, reiner Unterhaltung. Aber wenn sie sich mit Kultur, Politik und Bildung verbindet, ist es geradezu ideal. Die Geschichte um entführte jemenitische Juden, die von reicheren jüdischen Familien adoptiert wurden ist jedenfalls ein pures Politikum.

Auch hierzulande. Das Thema israelischer Schuld in Deutschland ist ja per se vermintes Terrain.

In der Tat. Aber wir können unsere Hände allein deshalb in Unschuld waschen, weil wir das Buch einer Israelin verarbeiten. Ich dachte auch zuerst, es gäbe so vieles aus diesem Land zu erzählen, warum nehmen wir ausgerechnet etwas, das ein eher negatives Bild auf diese Land wirft. Aber es ist auch wichtig, nicht permanent in Ehrfurcht vor Israel zu erstarren. Es ist an der Zeit, ihm mit einer gewissen Unvoreingenommenheit zu begegnen. Es gibt schließlich auch einen Antirassismus, der durch sein selbst auferlegtes Verbot, etwa bloß nichts Schlechtes über Farbige sagen zu dürfen, selbst rassistische Züge erhält.

So wie der herrschende Philosemitismus, alles, was in Israel geschieht, für gut zu befinden, als eine neue Form des Antisemitismus gilt.

Ganz genau. Unter Freunden braucht es Kritik. Deshalb halte ich mich – unabhängig von der Vergangenheit – so neutral wie möglich. Von Verantwortung versuche ich mich da so frei wie möglich zu machen, sonst wird die Rolle missionarisch.

Tragen Schauspieler generell keine Verantwortung für ihre Figuren?

Doch, bis zu einem gewissen Grad muss man der Sache verpflichtet sein. Es gibt eine gewisse Grundloyalität mit jeder Rolle, schon dem Autoren gegenüber, der eine fundierte Vorstellung von meiner Auslegung seiner Figur hat. Wie weit die reicht, muss allerdings jeder mit sich ausmachen. Ich persönlich bin bei der Suche nach dieser Reichweite auch schon in Fettnäpfchen getreten. Als ich zum Beispiel einen Papst-Attentäter gespielt habe, wurde ich gefragt, ob ich Verständnis dafür aufbringe, dass jemand den Papst tötet, um damit Tausende anderer zu retten. Da sagte ich, ich versuche immer einen Bezug zu meiner Figur zu finden, irgendeine Erklärung für sein Handeln müsse ich mir zueigen machen. Es entspricht zwar nicht meiner Moral, jemanden für andere zu opfern, weil kein Mensch das Recht hat, andere zu töten. Aber als ich meinte, dass es für den Attentäter selbst wohl einen Grund gibt, das zu tun, müsse ich das auch darstellen, wurde mir nachgesagt, ich würde den Papst umbringen. Was für ein Unsinn! Man muss also vorsichtig sein.

Gibt es denn Unterschiede in der Verantwortung bei Literaturverfilmungen, historischen Stoffen und fiktionalen Originaldrehbüchern?

Kommt drauf an. Wenn im fiktionalen Drehbuch ein Massenmörder verherrlicht wird, ohne das Ganze am Ende aufzulösen, erschließt sich mir als Schauspieler darin kein Sinn. Das hat für mich mit Verantwortung fürs Publikum zu tun. Und als ich Axel Springer gespielt habe, sagte ich mir im Vorfeld: an einer Vernichtung dieser Figur ist mir nicht gelegen. Solch einseitige, linksorientierte Abrechnung liegt mir nicht.

Dafür stehen Sie politisch auch zu weit rechts der Linken.

Was aber damit gar nichts zu tun hat. Es geht da um filmische Güte; die bedarf der Komplexität jeder behandelten Figur in allen Facetten.

Es zieht sie jedenfalls offenbar hin zu diesen dichotomischen Figuren, den sanften Seiten des Bösen vor realem Hintergrund.

Und demnächst mache ich auch noch den Hindenburg (lacht). Es geht eben darum, den Zweifel des Zuschauers am Guten wie dem Bösen aufrecht zu erhalten. Nur er sorgt für wahre Spannung, egal in welchem Stoff. Deshalb teile ich auch nicht die Kritik an Bruno Ganz’ Hitler-Interpretation im Untergang. Ich hätte ihn noch sympathischer dargestellt, um den Zweifel weiter zu nähren. Wenn man einen wirklich ekelhaften Charakter darstellt, sollte man ihm deshalb tunlichst nette Seiten verpassen.

Steckt diese Dichotomie auch in Ihnen selbst?

Sie schlummert in uns allen. Denken Sie an diese wissenschaftlichen Tests, wo stinknormale Menschen anderen vermeintlich tödliche Stromstöße zufügen, nur weil es ihnen jemand befiehlt. Deswegen hüte ich mich vor allzu oft erhobenem Zeigefinger. In jedem von uns steckt ein kleiner Teufel, zum Glück aber auch ein kleiner Engel.

Wann kommt denn ihr kleiner Teufel raus?

Im Moment gar nicht, den hab ich auf Urlaub geschickt. Ich war früher ziemlich wild, was Ehe betrifft oder Feiern. Da war ich bisweilen maß- und verantwortungslos, mir und anderen gegenüber. Aber das hab ich hinter mir.

Aus Altersgründen?

Ja. Günstigstenfalls schafft man das mal.

Wo ist der sanfte Macho geblieben, der ja sogar Titel ihrer Biographie ist?

Mit dem Begriff des Machos kann ich überhaupt nichts anfangen, aber ich bin sicher nicht ganz unschuldig am Zustandekommen dieses Begriffes. Da gab es in jungen Jahren mal ein paar Bemerkungen…

Und Filme.

…die zu diesem Image geführt haben. Macho ist so dehnbar.

Wann ist ein Mann denn heute ein Mann?

Wenn sein Handeln nicht nur ihm selbst, sondern auch Frauen gut tut. Zu seinem Wort zu stehen finde ich männlich, seine Familie zu schützen, verlässlich zu sein, Fehler einzugestehen und gegebenenfalls zu korrigieren. Mit körperlicher Stärke hat das gar nicht so viel zu tun.

Sind Sie so gesehen ein Mann?

Na ja, ich bin zumindest lernfähig. Es ist wichtig, eine Vorstellung von dem zu haben, was richtig ist, und an Fehlern zu arbeiten. Niemand ist gut geboren; Einsicht ist männlich. Und ganz abgesehen vom Männlichen, hat die Einsicht in unserer Schuld am Ende dazu geführt, dass unser Verhältnis zu Israel heute ein so gutes ist.


Real Humans: Wirklichkeit & Fiction

Schöne neue Welt

Donnerstag geht die schwedische Serie Real Humans um aufsässige Haushaltsroboter bei Arte in die zweite Staffel und zeigt abermals, dass gut gemachte Science Fiction weder Knalleffekte noch Weltraumschlachten braucht, um die Zukunft spannend zu erzählen.

Von Jan Freitag

Die schöne neue Welt sieht ganz schön künstlich aus. Mit wächserner Haut und starrem Blick stakst sie durch die gute alte und zeigt in jeder Regung, wie hässlich sie unter der Oberfläche ist. Die schöne neue Welt mag also massenhaft Androiden für den Alltag nach unserem Ebenbild bauen, makellose Wesen für Heim, Büro, Fabrik, für alles: Sie bleiben Fremdkörper, sind also gar nicht so schön, sondern eher praktisch, ergo: sehr befremdlich. Auch wenn die meisten das nicht bemerken. Bemerken wollen.

Das in etwa ist die Grundidee der fantastischen TV-Serie Real Humans. Ein Konzern produziert darin Hublot genannte Roboter für jede Verwendung – von Altenpflege über Fließbandjob bis hin zu Spiel, Spaß, Spannung, ja selbst Sex. Kein Wunder, dass die menschlichen Cyborgs weggehen wie das nächste iPhone. Da der Zehnteiler im Original Äkte Människor heißt, ist er jedoch mehr als bloß gelungene Science Fiction: Real Humans zeigt aufs Neue, was der kleine Drehort Schweden dem großen deutschen voraushat: Dramaturgischen Mumm, mit wenigen Mitteln zu verstören, statt debile Demut vor der Quote mit Milliardenetats. Vor allem aber zeigt die Serie Mut zur unterhaltsamen wie tiefgründigen Debatte außerhalb eng gezurrter Krimikorsagen. Etwa jene, ob die fortschreitende Automatisierung unser Leben weiterbringt oder dem Untergang ein Stück näher.

Die Antwort darauf wird auch nach der letzten Doppelfolge der zweiten Staffel vermutlich ausstehen, die morgen endlich auf Arte anläuft. Doch eins zeigt das nächste große Fernsehding aus Skandinavien gewiss: Wie bei Atomkraft, Gentechnik, Krieg oder Medizin begibt sich die Menschheit abermals aus profitgetriebenem Forscherdrang sehenden Auge ins Ungewisse, kalkuliert den Nutzen weit vor allen Folgen und kann sich doch auf die Kundschaft verlassen: Mit derselben Dynamik, die vorm Apple-Store kilometerlange Warteschlangen erzeugt, sobald der Coutdown fürs neueste nutzlose Must-Have mit Sexappeal tickt, kauft sich sogar die traditionsverhaftete Bilderbuchfamilie von Hans und Inger irgendwann ihren Hubot, dessen Artgenossen zugleich den ersten Mord begehen.

Es ist ein Krieg, der zwischen human und android, Hubot-Fans und -Feinden, gut und böse entbrennt. Gut und böse? Real Humans tut gut daran, auch diese Frage nicht abschließend zu beantworten – obwohl oder weil die Story einem Grundfehler des Genres aufweist: Filmingenieure künstlicher Intelligenz von Westworld bis I, Robot pflanzen ihren Cyborgs notorisch den Keim menschlicher Niedertracht ein, bis die Utopie zur Dystopie eskaliert. Dass es ausgerechnet in Schweden, wo Ausländer im Grunde nur noch mit Doktortitel, Diplomatenpass oder ausreichend Devisen ins Land dürfen, ein breites Angebot schwarzer, asiatischer (sogar dicker, hässlicher) Hubots gibt, macht die Sache nicht schlüssiger. Scheinbar. Denn was wie Effekthascherei wirkt, folgt dem Willen von Serienschöpfer Lars Lundström, soziale Probleme von Rassismus über Konsumgeilheit bis Homophobie in eine spannende Geschichte mit Niveau fließen zu lassen. Aus deutschen Studios fast unmöglich.

Real Humans, 2. Staffel, Doppelfolgen donnerstags, 21.45 Uhr, Arte


Verfolgungsinstinktfolgen

fragezeichen_1_Gleich zum Auftakt jeder noch so geheimen Verfolgung, bemerkt der Verfolgte selbst im dichtesten Feierabendverkehr, dass ihm ein Auto offenbar gezielt hinterherfährt. Merkwürdig

Es ist ja nicht grad so, dass man im realen Leben ständig verfolgt würde, aber wenn es so wäre, ist wirklich schwer vorstellbar, dass man davon auch nur die kleinste Brise Wind bekäme. Warum auch? Wer sich nicht gerade durch die Wüste Gobi fortbewegt, ist die unentwegte Begleitung zahlloser Menschen in oder außerhalb von Fahrzeugen so gewöhnt, dass einzelne darauf niemals auffielen. Anders als in Film und Fernsehen. Sobald dort jemand beim Blick in den Rückspiegel ein Auto entdeckt, dass länger als drei Sekunden hinter dem eigenen bleibt, raunt er dem Beifahrer auch schon zu: Ich glaube wir werden verfolgt. Merkwürdig.

Dramaturgisch hat das vor allem damit zu tun, dass sich die gebotene Spannung einer Verfolgungsjagd wie bei jedem fiktionalen Kampf eben erst so richtig einstellt, wenn Objekt und Subjekt zumindest eine grobe Ahnung voneinander haben. Realistisch betrachtet ist die sofortige Kenntnisnahme aber wohl darauf zurückzuführen, dass es im echten Straßenverkehr schlicht niemanden gibt, der es aushält, länger als drei Sekunden ohne zu überholen hinter anderen Verkehrsteilnehmern herzufahren. Und mit Weicheiern, die allen Ernstes dauerhaft Richtgeschwindigkeit fahren und nur im Notfall überholen, will der Großteil des Publikums auch nichts zu tun haben. Also: Alles Verfolger. Potenziell.