Mark Oliver Everett: Eels-Kopf & Ex-Zausel

Ich fühle mich geordneter

Mark Oliver Everett gilt als der verschrobene Zausel des amerikanischen Songwriter-Rock. Das hörte man seiner Band Eels nicht nur zehn Platten lang an, es war auch optisch spürbar, wenn der Sohn des berühmten Physiker Hugh Everett III die Bühne betrat. Auf seinem elften Album Cautionary Tales of Mark Oliver Everett wirkt der 50-Jährige nun etwas seriöser, lebensbejahender, irgendwie ordentlich, wie er am Telefon aus L.A. erzählt. Wortkarg wie immer, aber besser gelaunt als erwartet.

Von Jan Freitag

Mark Oliver Everett, dein neues Album heißt Cautionary Tales of Mark Oliver Everett. Cautionary im Sinne von anleitend oder warnend?

Mark Oliver Everett: Von beidem etwas, würde ich sagen. Mehr aber noch im Sinne von belehrend. Denn cautionary tales ist im Amerikanischen ein feststehender Begriff.

Der was genau bedeutet?

Wenn du zum Beispiel siehst, dass dein bester Freund heiratet und von dem Moment an nicht mehr vom Sofa runterkommt, ist das ein abschreckendes Beispiel, das du besser niemals nachmachst. Noch besser lässt es sich vielleicht mit „lern aus den Fehlern anderer“ beschreiben, also nicht nur den eigenen.

Du bietest deinem Publikum an, aus Deinen Fehlern zu lernen?

Ja. Wenn ich es selber schon nicht konsequent tue.

Und darin steckt dann womöglich auch die Warnung des Album-Titels.

Ganz genau. Ich gebe dir ein Beispiel: Es gab genug Phasen in meinem Leben, wo alles ziemlich durcheinander war. Und immer, wenn ich begonnen habe, diese Situationen zu bereuen, habe ich erstmal aus allen Perspektiven auf die Scheiße, in der ich mich befand, gesehen, und mir dann die Frage gestellt, ob es mein Fehler war oder der von anderen. Davor möchte ich ein bisschen warnen. Es bringt meist wenig, andere Menschen ändern zu wollen; ändere lieber dich selbst. So gesehen appelliert dieses Album wohl am ehesten daran, Verantwortung zu übernehmen.

Nur für sich selbst oder auch für andere?

Für jeden, für alles, aber zunächst mal für dich, dann ergibt sich die Verantwortung für andere eher. Diese Sicht hat mir vieles erleichtert, mir geht es damit definitiv besser als zuvor.

Das kann man dem Album auch anhören, es klingt positiver als die vorherigen, manchmal fast fröhlich. Liegt das daran, dass deine Laune insgesamt besser ist?

Schon. Wenn man genau hinhört und zwischen den Zeilen der Texte liest, sind da gewiss auch düstere Momente enthalten. Die meisten Stücke kommen aber zu einem versöhnlichen Ende. Das macht dieses Album optimistischer als vorige.

Geben deine Alben grundsätzlich eine Stimmungslage wieder, die du beim Komponieren oder Einspielen hattest?

Nicht immer, aber in diesem Fall schon. Die Antwort geben meine Songs, und sie tun das oft richtiggehend physisch, also körperlich spürbar wie in Lockdown Hurricane. Dennoch rate ich allen Zuhörern immer, lieber selber hineinzuhören und sich eigene Reime auf den Text und den Sound zu machen, als sich von mir Interpretationshilfen zu holen. Schließlich kann sich auch meine Sicht auf die Dinge so schnell ändern, dass ich ein Lied im Rückblick völlig anders bewerte als beim Aufnehmen.

Inwieweit hast du dich persönlich verändert, seit du vor fast 20 Jahren Beautiful Freak aufgenommen hast?

Oh, grundlegend. Ich meine – das ist fast mein halbes Leben her. Es wäre doch furchtbar, wenn ich da noch derselbe wäre. Aber die größten Änderungen hat es in den letzten paar Jahren erfahren. Davon handelt ja auch das Album, was es zu einem besonders persönlichen macht. Fehler zu erkennen und sich selbst einzugestehen, das gelingt mir erst seit einiger Zeit besser.

Zum Beispiel.

Nimm das Lied Agatha Chang. Es erzählt auf fast intime Weise, warum ich Dinge gemacht habe, die ich besser gelassen habe. Nicht zu Menschen zu stehen zum Beispiel. Da wären wir wieder beim Lernen und der Verantwortung.

Verändert hat sich im Vergleich zu früheren Jahren auch dein Äußeres. Auf aktuellen Bildern bist du ordentlich rasiert, trägst Anzug, siehst überhaupt seriöser aus. Ist das Ergebnis einen Prozesses oder nur Verkleidung fürs Cover?

Eine Mischung aus beidem. Ich sehe zwar definitiv anständiger aus als nach Souljacker vor gut zehn Jahren, aber so richtig seriös bin ich auch nicht. Dennoch wird man mit dem Alter müde, stets auszusehen wie ein zerzauster Wolfsmensch (lacht) und möchte einen ordentlichern Eindruck erwecken.

Nur den Eindruck?

Nein, nicht nur. Ich fühle mich auch irgendwie ordentlicher, geordneter.

Es ist auf jeden Fall interessant, dass exakt in dem Moment, wo die coolen Leute der coolen Städte lange Zauselbärte und Holzfällerhemden tragen, du all dies ablegst. Ist das ein Statement?

Ein bisschen schon. Wenn alle anderen Jungs ihren Rasierer wegschmeißen, hole ich ihn erst recht aus dem Schrank. Denn wenn es in Amerika cool ist, dass die ganzen Sportasse Bärte bis zum Bauch tragen, macht es das für mich umso uncooler.

Um beim Thema verändern zu bleiben: Auf der Bühne variierst du deine Songs oft selbst dann völlig, wenn sie vom aktuellen Album zur Tour bleiben. Warum?

Ich mache das nicht mit allen Songs, aber es gefällt mir, sie ähnlich wie Menschen zu behandeln: Als lebende Organismen, die in anderen Umständen anders wirken, die sich entwickeln wie wir auch.

Das klingt nach mehr Arbeit als sein Set einfach abzuspulen oder ist alles Improvisation?

Nein, keine Improvisation. Und ja: es bedeutet mehr Arbeit, viel mehr sogar. Ich glaube, Eels steckt weit mehr Zeit als die meisten anderen Bands in die Vorbereitung ihrer Shows.

Was auch daran liegen könnte, dass du deine Musiker ständig durchwechselst.

Das habe ich früher in der Tat häufiger getan, zu kreativen Zwecken, um frische Einflüsse von neuen Leuten zu kriegen. Aber unsere aktuelle Besetzung ist seit mehreren Touren die gleiche und vor allem die gleiche wie beim vorigen Album. Einfach, weil die alle so talentiert und virtuos sind. Auch das macht das neue so besonders für mich.

Ist The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett ein Schlüsselwerk oder einfach nur Platte Nummer elf?

Es hat Schlüsselmomente für mich, ich weiß aber noch nicht genau, wo der Schlüssel passt (lacht). Genau das versuche ich grad herauszufinden. Was es aber einzigartig für mich macht, ist die Mischung aus der besprochenen Verantwortung und Aufbruchsstimmung. Oft vergessen Menschen, die etwas Neues beginnen, ja Verantwortung für das zu tragen, was hinter ihnen liegt.

Elf Alben in 18 Jahren ist ein ziemlich großer Output. Arbeitest du da bereits wieder am nächsten?

Nein, da ist nichts in Arbeit. Ich konzentriere mich jetzt auf die Shows. Es gibt schon Lieder in meinem Hinterkopf, aber die lasse ich erstmal nicht raus.

Der Text ist zuvor bereits auf dem MusikBlog erschienen: http://www.musikblog.com/2014/04/aendere-nicht-andere-aendere-dich-selbst-eels-im-interview/

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