Heribert Faßbender: Reporter- & Bartlegende

Ich war nie Fan

Sicher, nichts ist so alt wie ein Interview von gestern. Doch kurz vorm Anpfiff in Brasilien ist es höchst lesenswert, was der große Kinnbartträger des TV-Fußballs Heribert Faßbender vor der WM 2006 zu seinem Metier gesagt hat – und wie viel davon heute nur wahrer wird. Ein altes neues Gespräch mit einer Kommentarlegende, wiederaufgelegt für die freitagsmedien.

Von Jan Freitag

Herr Faßbender, Sie kennen den Werbeslogan des DSF „Mittendrin, statt nur dabei“?

Heribert Faßbender: Natürlich.

Ist das der Kern des aktuellen Sportjournalismus?

Ich finde, dass ein Sportkommentator immer den halben Schritt zurück machen können muss, um objektiv Ereignisse zu kommentieren. Man soll sich sehr wohl mitreißen lassen, in diesem Fall von der tollen Atmosphäre einer Weltmeisterschaft, aber er darf nicht nur der Fan, der Erregte, der Involvierte sein, der den objektiven Sachverhalt nicht mehr kommentiert. Ich halte es eher mit Hajo Friedrichs: Immer dabei sein, aber nie dazugehören.

Sind Sie selbst eher Beobachter oder Teilnehmer?

Solange ich kommentiert habe, war ich auch dabei. Ich hab ungefähr die Hälfte meiner Laufbahn Radio gemacht – da bist du’s natürlich mit Haut und Haaren. Im Fernsehen sollte man dagegen analysieren und das, was ohnehin zu sehen ist, nicht noch mal beschreiben, sondern bewerten. Nicht am Anfang, sondern am Ende einer Spielhälfte, um den Zuschauer nicht zu bevormunden, aber rechtzeitig genug, um die Einordnung des Geschehens nicht nur Delling und Netzer zu überlassen.

Was ist für Sie zu geringe Distanz – das Duzen?

Ich habe grundsätzlich auch die Sportler am Mikrofon gesiezt, mit denen ich privat per du war, weil ich der Meinung bin, dass sich der Zuschauer sonst ausgeschlossen fühlen könnte. Ich will aber nicht den Zeigefinger heben. Günter Netzer kenne ich zum Beispiel seit 1965, wir haben viele Interviews gemacht, waren aber automatisch immer per Sie. Er antwortete mir einmal auf eine Frage: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Fassbender, dass Sie mir diese Frage gestellt haben“. Das gefiel mir. Er ist zwar zwei, drei Jahre jünger als ich, aber wir agieren auf Augenhöhe und duzten uns schon damals. Beim nächsten Mal sagte er dasselbe aber schon wieder. Na ja, dachte ich, so originell ist das auch nicht. Und dann hörte ich, wie er das auch in einem anderen Interview gesagt hat. Mein Lieber Freund! Der konnte sich schon immer gut verkaufen.

Waldemar Hartmann duzt jeden.

Waldi hat einen anderen Stil, mit dem er zur Marke geworden ist. Man sollte ihn nicht verbiegen.

Im Unterschied zu ihm wirken Sie eher reserviert am Mikrophon. Entspricht das Ihrer Persönlichkeit?

Sagen wir mal: Ich war als Moderator etwas zurückgenommener. Als Reporter dagegen nicht. Wenn Sie sich meine Reportage Deutschland-Holland von 1990 anhören, wo ich den argentinischen Schiedsrichter in die Pampa schicken wollte, weil der Rudi Völler nach der Spuckattacke von Reiijkard vom Platz schickte.

Sind Sie ein Reporter der alten Schule?

Das ist Definitions- oder Geschmackssache. Für mich waren Rudi Michel oder Ernst Huberty Reporter der alten Schule – nur Namen nennen und den Spielverlauf schildern. Wir als Ihre Nachfolger waren da schon temperamentvoller. Als die Privaten aufkamen mit Studiopublikum, wurden wir im Öffentlich-Rechtlichen eine Zeitlang als die Drögen dargestellt, die wir nie waren. Aber das hat sich mittlerweile zurück entwickelt. Ich will nicht von Genugtuung sprechen, aber als wir dann die Bundesligarechte zurück erwarben hatten, wollte ich eine Sendung auf höchstem technischen Niveau ohne Firlefanz und Showtreppe. Das traute sich damals niemand. Wir haben’s aber gemacht und es war von Anfang an ein Erfolg. Wir hatten deutlich mehr Zuschauer als sat1.

Wie steht es mit der Aufbereitung des Fußballs. Unlängst kam Kritik, auch die Öffentlich-Rechtlichen berichten zunehmend verspielt, teilweise infantil über den Fußball.

Das ist Quatsch, das kann doch niemand ernsthaft behaupten. Das bedeutet aber nicht, dass wir seriöse Kritik nicht ernst nehmen.

Und die Kritik an zuviel Werbung?

Nehmen wir sehr ernst. Dabei bitte ich aber zu bedenken, dass wir die teuren Rechte- und Produktionskosten wenigstens teilweise refinanzieren müssen, um nicht die finanziellen Mittel für andere Programme zu schmälern. Ich gebe zu, da sind wir bei den Grenzwerten angelangt. Mehr darf da nicht kommen. Das sehen wir alle durchaus kritisch, auch mein Nachfolger ab Herbst, Steffen Simon.

Ist es nicht dennoch zu viel Drumherum?

Wir bewegen uns da bewusst in einem Grenzbereich, um die Sendungen interessant zu machen. Von Ausnahmen abgesehen haben wir den noch nicht überschritten und müssen uns immer wieder überprüfen, ob das nicht irgendwann des Guten zuviel wird. Wir sind da sensibilisiert, auch was die WM betrifft.

Durch eigene Reflexion oder Zuschauerresonanz?

Zunächst, weil es unsere Überzeugung ist. Aber selbstverständlich fließt auch die Zuschauerresonanz in unsere Programmüberlegungen mit ein.

Auch die, dass zuviel Fußball gezeigt wird?

Hier hat die ARD einen ersten Schritt gemacht, indem sie auf die Übertragung der UEFA-Cup-Spiele verzichtet. Im Übrigen auch, um zur Refinanzierung der Sportschau beizutragen.

Dennoch droht mit der WM die totale Übersättigung.

Die Gefahr sehe ich nicht. Wir müssen aufpassen, gar keine Frage. Das hängt auch ein bisschen von den Kosten der Nachverwertungsrechte ab. Für Live-Übertragungen haben wir bezahlt, jetzt geht es noch darum, was der Rest kostet und vielleicht machen wir da aus der Not eine Tugend und zeigen in dem einen oder anderen Fall lieber weniger als mehr. Auf der anderen Seite kann ich immer nur jedem Fernsehzuschauer empfehlen, nicht einzuschalten, was er nicht sehen will. Die Anfangszeiten stehen fest; 15, 18, 21 Uhr. That’s it.

Dafür fehlen möglicherweise die öffentlich-rechtlichen Alternativen. Das Restprogramm wird ja naturgemäß zurückgefahren.

Auf dem jeweils anderen Kanal gibt’s ja immer ein Vollprogramm und in unseren Dritten auch.

Wie bewerten Sie den sonstigen Aufwand. Es kursiert die Zahl von 230 Millionen Euro für die Rechte.

Mit dem Rechteinhaber ist vereinbart, keine Lizenzsummen zu veröffentlichen. Dafür bitte ich um Verständnis.

Darüber hinaus haben ARD und ZDF je rund 350 Mitarbeiter im Einsatz mit 1074 Kameras und 35 Ü-Wagen. 20.000 Journalisten werden erwartet, Fußball wird sogar zum Bundestagsthema.

Das sind gigantische Dimensionen. Aber wir können ja nicht die Medienwirklichkeit dirigieren, das ist nun mal so. Diese WM wird das größte Medienereignis das jemals in Deutschland stattgefunden hat und auf absehbare Zeit stattfinden wird. Beckenbauer spricht von den nächsten 50 Jahren, vielleicht sind es sogar noch mehr. Da sollten wir als Öffentlich-Rechtliche Anstalt beim mit Abstand beliebtesten Fernsehport Nr. 1 nicht kleckern, sondern klotzen. Nicht in dem Sinne, zuviel zu machen, andernfalls hätten wir sicher unser gläsernes Studio auf dem Potsdamer Platz gebaut, was ich gerne als Marketing-Maßnahme gehabt hätte. Dem Fernsehzuschauer wird in unserem Kölner Studio aber nichts fehlen. Im Gegenteil. Auch unsere WM-Sendungen fahren wir bewusst ohne Publikum, weil sonst die Gefahr besteht, dass der Moderator nur was für die Anwesenden macht und die Fernsehzuschauer sich eher ausgeschlossen als eingebunden fühlen.

Vergleichen Sie mal Ihre ersten sieben Weltmeisterschaften mit der anstehenden achten.

Der Fußball hat sich permanent entwickelt, ist athletischer, schneller geworden. Große Techniker der frühen Jahre könnten heute gar nicht mehr so ungestört den Ball annehmen. Ein Netzer mit seiner damaligen Fitness hätte keine Chance. Aber der hätte sich sicher auch auf neue Bedingungen eingestellt.

Und vom Begleitprogramm her?

Der Fußball im Herberger’schen Sinne ist längst zu einer gigantischen Unterhaltungsindustrie geworden. Das haben wir als Fernsehanstalten sicher mit transportiert. Hier hat das eine Eigendynamik entwickelt, die wir nicht kanalisieren können.

Gab es einen Punkt, wo der Fußball ins Entertainment gekippt ist?

Na ja, die Spiele wurden doch immer relativ lupenrein live übertragen. Die Amerikaner haben es 1994 versucht, aber ohne Erfolg. Außerdem litt die WM in den USA an mangelnder Atmosphäre, weil die Gäste der Sponsoren vom Soccer wenig verstanden und die Stadion manchmal halb leer blieben. Auf der anderen Seite ist eine Fußball-WM immer eine Weltmesse der besten Fußballer ihrer Zeit. Der Fußball, den sie bieten, ist die beste Unterhaltung.

Warum tun Sie sich diesen immensen Arbeitsaufwand mit fast 65 noch mal an?

Ich bin von meinem Intendanten gebeten worden, als die ARD-Teams für die Fußball-WM, die Weltreiterspiele und die Hockeyweltmeisterschaft zu führen. Auch mit den beiden Sportarten verbinden mich sehr schöne frühere Reportererlebnisse. Es gab sogar ein Angebot, noch mal als Reporter anzutreten. Das habe ich aber vor vier Jahren anders entschieden.

Und warum sind Reporter-Ikonen wie Günther Koch und Gerd Rubenbauer nicht dabei?

Mit Günther Koch haben wir überhaupt nichts zu tun, der Hörfunk hat seine eigenen Nominierungskriterien. Ich in meiner Funktion befasse mich nur mit Fernsehen. Wir hatten am 15. März die Fußball-WM auf der Tagesordnung der Sportchefsitzung. Dort wollte der WDR unter Verzicht auf sein Vorschlagsrecht zwischen zwei Kandidaten abstimmen lassen.

Beckmann oder Rubenbauer.

Genau. Am 14. März wurde uns mittags mitgeteilt, dass Gerd Rubenbauer für Aufgaben am ARD-Mikrofon nicht mehr zu Verfügung stehe. Daraufhin habe ich vergeblich versucht, ihn anzurufen. Als ich ihn am Abend erreichte, war er einem sachlichen Gespräch nicht mehr zugänglich. Ich bedaure das sehr, verstehe aber seine Beweggründe bis heute nicht ganz, immerhin verzichtet er auf acht WM-Spiele in Deutschland. Wir hatten Rubi noch wenige Tage vorher auf seinen Wunsch als einzigem Reporter zwei Assistenten am Platz zugestanden.

Kann man jetzt von einem Generationenwechsel sprechen?

Wir haben zwei 41-jährige Kommentatoren und Reinhold Beckmann mit 50.

Werden Sie bei Bedarf dennoch kommentieren?

Ich habe Schluss gemacht, um Jüngere zum Zuge kommen zu lassen.

War das auch Ergebnis der Kritik, die Sie für Ihren Kommentarstil einstecken mussten?

Nein. Ich halte es mit einem Wort von Kurt Masur: Man muss wissen, wann der Kreis ausgeschritten ist. Das isser.

Viele haben bemängelt, Sie kommentieren unzeitgemäß.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht war ich das Symbol des öffentlich-rechtlichen Fußballreporters, hatte den höchsten Bekanntheitsgrad und bot damit natürlich eine gute Angriffsfläche. Sie wissen wie das ist: Das potenziert sich in den Medien und dann ist es auch schnell wieder vorbei. Kritiker von damals sagen heute oft: Mensch, mach doch noch mal.

Haben Sie sich die Angriffe gar nicht zu Herzen genommen?

Wenn ich mir Fehler zuzurechnen hatte, dann ja. Wenn was in der Vorbereitung nicht gestimmt hat oder ich schlecht drauf war. Ich sehe das heute gelassener. Natürlich ist es unangenehm, wenn du eine Scheißkritik über dich liest, gerade, weil das ja manchmal sehr persönlich ist und unter die Gürtellinie geht. Aber wer in der Öffentlichkeit Kegel aufstellt, muss sich auch nachzählen lassen, was er getroffen hat. Das muss man akzeptieren.

Haben Sie das satirische Buch Wie werde ich Heribert Faßbender gelesen?

Na ja, so diagonal. Da ist mir ja vieles in den Mund gelegt, was gar nicht von mir stammt.

Fanden Sie es dennoch amüsant?

Heute denke ich: warum denn nicht? Ich habe bei meinem großen Lehrmeister im Hörfunk gelernt, Hauptsache, der Name ist richtig geschrieben. Auch das sag ich heute, Sie sehen mich ja ganz relaxt, mit der Abgeklärtheit eines fast 65-Jährigen. Damals war das ein bisschen aufgeregter und es war ja auch nicht ganz sauber, was die gemacht haben. Aber was soll’s, damit kann man leben und es gehört auch dazu. Ich bin ja von Haus aus Jurist und erkenne die Pressefreiheit auch für mich an.

Und man kriegt mit den Jahren ein dickeres Fell als ein jüngerer Kollege.

Schon, aber ich weiß ja wie Medien funktionieren, wie sich so was entwickelt. Ich kann da differenzieren.

Das klingt sehr nüchtern. Wie leidenschaftlich sehen Sie den Fußball?

Ich war nie Fan. Aber ich liebe das Spiel und halte Fußball nach wie vor für ein, wenn nicht das Faszinosum unserer Zeit.

Mit gesellschaftlicher Relevanz?

Mittelbar. Gehen Sie mal nach Dortmund, wo es etwa 20 Prozent Arbeitslose sind – ich kenne die Zahl nicht genau. Die Leute gehen ins Stadion, um für drei Stunden ihre Sorgen zu vergessen und immer weiter ihre Borussia zu unterstützen. Genauso auf Schalke, da hat Fußball für mich eine gesellschaftspolitische Relevanz. Das Spiel selbst aber sollte man nicht zu hoch stilisieren. Gerade weil es so einfach ist, jeder es versteht und man nie weiß wie es ausgeht, wie Herberger schon sagte, hat es was.

Haben Sie selbst gespielt?

Oh ja, sehr viel. In Schülermannschaften, während meiner Bundeswehrzeit bei Arminia Hannover, dann in der Studentenauswahl. Aber ich hatte relativ früh eine Patellasehnenentzündung und bin dann schnell zum Tennis gewechselt.

Ist an ihrer Patellasehne ein großer Fußballer gescheitert?

Wohl kaum. Immerhin konnte ich den Ball 40 Meter in den Fuß des eigenen Mannes spielen, es durfte aber kein Gegner in der Nähe sein. Ich war sehr schnell, aber wenn einer kam und seine Sense rausholte, bin ich drumrum gelaufen. Ich war keiner, der hinging wo es weh tat. Und die Treter gab’s auch damals schon.

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