Interviewfriday: Tobias Jundt (Bonaparte)

Zuckerbrot und Peitsche

Nach ihrer Berlin-Trilogie bringt die Berliner Band Bonaparte um den Schweizer Irrwisch Tobias Jundt ihr viertes Studioalbum heraus. Es heißt wie sie selbst, was für einen Neuanfang steht, wie Jundt sagt. Während das verkleidete Kollektiv aus der Hauptstadt auf Bühnen bis nach Japan explosive Feuerwerke abbrennt, klingt dieser Visual Trash Punk auf Bonaparte zuweilen fast geruhsam. Tobias Judt über die Diskrepanz zwischen Visualität und Klang, elektronische Einflüsse, ernste Texte und warum man die Platte beim Spazierengehen ebenso hören kann wie beim Liebemachen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Tobias Jundt, spielt das Visuelle die Haupt- oder die Nebenrolle bei Bonaparte?

Tobias Jundt: Dazu muss man zuerst mal zwei andere Fragen stellen: was ist visuell? Und wer sind Bonaparte?

Und die Antworten?

Visuell ist für mich eine andere Ebene des Musikalischen, die ich zum Beispiel beim Reisen durch die Welt erlange und dann in verschiedenen Schaffensphasen umsetze, je nachdem, mit wem ich zusammen spiele. Und hier kommen Bonaparte ins Spiel, die immer alles auf mehreren Ebenen denken. Das fängt bei den Farben an und endet bei den Formen. Für mich ist so gesehen schon alles visuell. Auch im Chaos steckt ja grundsätzlich irgendeine Form von Design. Alles hängt zusammen. Aber warum fragst du das überhaupt – schreibst du für ein besonders visuelles Journal?

Im Gegenteil – für ein ziemlich akustisches. Bei deinem neuen Album drängt sich bloß die Frage auf, ob eine Band, deren Musik so stark über die Live-Shows wirkt, auch im Studio funktioniert?

Du sagst also, ohne die Show sind meine Songs scheiße?

Nein, zunächst mal sage ich nur, dass ihnen ohne Live-Shows irgendwas fehlt und frage mich, ob das unvermeidbar oder sogar gewollt ist.

Ich glaube, dass ist eher dein Problem. Nicht jeder, der ein Bonaparte-Album hört, braucht dafür unbedingt eine große Live-Show. Wenn du dir andere Platten anhörst, hast du doch wahrscheinlich auch einen Artist vor Augen.

Meistens, ja. Nur dass der Kontrast zwischen Auftritt und Tonträger bei einem visuell extrem reduzierten Singer/Songwriter mit Barhocker und Gitarre auf der Bühne viel kleiner ist als bei einer Band wie Bonaparte, die live ein Riesenfeuerwerk zündet…

Aber davon unabhängig handelt doch auch diese Platte von Geschichten und Gefühlen, die sie zu einem geschlossenen Ding machen, auf das man sich einlassen kann oder nicht. Es spielt sich doch alles im Kopf des Zuhörers ab. Findest du, die Frage nach Visualität und Sound stellt sich bei dieser Platte mehr als bei der Berlin Trilogie?

Sie stellt sich grundsätzlich bei Bonaparte, aber hier besonders.

Man kriegt auf einer Platte nie den gleichen Effekt wie bei Konzerten hin. Trotzdem kann man diese hier sehr gut beim Autofahren hören oder beim Currykochen, Liebemachen, Spazierengehen, Tanzen und das ist definitiv mehr als bei unseren letzten drei Platten. Diese hier ist schon vom Sounddesign und der Mischung her völlig anders.

Auch elektronischer?

Das verwirrt mich jetzt total. Ich finde diese Platte viel weniger elektronisch als die vorigen, weil sie sehr analog entstanden ist, aber auch das ist wahrscheinlich Geschmackssache.

Üblicherweise nennen Bands bloß Debütalben nach sich selbst. Warum heißt eure vierte Platte Bonaparte.

Weil sie ein bisschen nach Hause gekommen ist. Bonaparte ist so was wie die Deckfläche zwischen der Band Bonaparte und mir, Tobias Jundt. Es ist ein Zusammenziehen aller Elemente und ein Startschuss für etwas Neues, bei dem wieder mehr möglich ist. Aber elektronisch… Es sind alles Live-Drums, meine Gitarre, dazu der Moog, ein paar Synthiefetzen, das war’s. Sehr analog, würde ich sagen.

Bedarf das einer Klammer wie Rockmusik oder was ich gerade gelesen habe: Visual Trash Punk?

Ich würde sagen, es ist einfach Pop, aber mit den Gitarren und Drums des Rock, dem meine Texte allerdings wieder überhaupt nicht entsprechen. Deshalb ist es halt – Bonaparte. Aber Songs wie I Wanna Sue Someone oder May The Best Sperm Win sind schon geradeaus gespielter Punkpoprock mit einem fast herkömmlichen Songwriting. Diese Bonaparte ist viel wärmer als die anderen, auch wegen des New Yorker Drummers Chris Powell.

Ob live oder im Studio gewinnt man schnell den Eindruck, dass Bonaparte vor allem Partymusik sei. Steckt darin eine verborgene Ernsthaftigkeit, die sich nicht beim ersten Hören erschließt?

Sehr viel sogar. Natürlich haben wir Spaß bei der Arbeit. Aber bei Into The Wild bin ich ziemlich ernst und das süßeste Stück der Platte, If We Lived Here, beschreibt trotz aller Leichtigkeit ein ernstzunehmendes Gefühl. Unser Gespräch ist echt witzig – ich würde bei fast allem, was du fragst, das Gegenteil behaupten. Finde ich eigentlich ganz schön. Aber auch wenn einiges je nach Phase lustig, albern oder dadaistisch daherkommt, ist alles ernsthaft produziert. Like An Umlaut In English zum Beispiel beschreibt das Gefühl, nicht ganz reinzupassen, eben heiter.

Es ist also alles nicht Party, Party an Bonaparte?

Nur, wenn man sich von der Show blenden lässt. Aber ich selber werde manchmal von der anderen Seite geblendet, wenn ich denke, hinter einer Band steckt irgendwas Ernsthaftes, am Ende ist es aber eigentlich gar nichts. Wir beobachten unsere Welt schon sehr genau. In Wash Your Tights etwa geht es um Machtbalancen in Beziehungen, in denen wir alle stecken. Trotzdem hoffe ich, dass die Leute Spaß dabei haben. Das ist doch das Wichtigste. Wenn ich Musik mache, will ich die Leute immer zum Nachdenken bringen, sofern sie nachdenken wollen. Ich will ihnen aber auch etwas Physisches geben, sie also zum Tanzen bringen.

Ein Spagat.

Ja, ein Spagat. Zuckerbrot und Peitsche. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Bonaparte nie wirklich Mainstream wurden. Aber so ist das Leben – ein einziges Ziehen und Stoßen. Das ganze Leben ist ein Spagat.

Der Text ist erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/05/zuckerbrot-und-peitsche-bonaparte-im-interview/

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