Journalismus nach Offshore-Leaks und NSA

Partnertausch

Vom Mediensubjekt zum -objekt: Julia Stein vom NDR

Ein Jahr nach der Aufdeckung des NSA-Skandals dokumentieren die freitagsmedien eine Reportage des Medienmagazins journalist, in dem die gleichen Journalisten am Beispiel von Offshore-Leaks nicht nur ein neues Licht auf internationale Finanzströme warfen, sondern auch zeigten, wie wichtig investigative Recherche fürs Funktionieren demokratischer Gesellschaften ist. Und wie Qualitätsmedien dafür kooperieren sollten.

Von Jan Freitag

Zwölf Ziffern, neun Nullen und ein Kraftbegriff zur Umschreibung – man muss den Umfang dieser schwer ermesslichen Ziffernfolge laut aussprechen, um sich ihrer Tragweite bewusst zu werden: 260.000.000.000. In Worten: Zweihundertsechzigmilliarden. Speichereinheiten nämlich. Gut ein Viertel Terabyte oder bildlich formuliert: der Gegenwert von einer halben Million Bibeln. Und das ist noch nichts dagegen, was diese Datenmenge symbolisiert: Eine Nummer mit 15 Ziffern, zweiunddreißig Billionen. Dollar nämlich. So hoch schätzt die NGO Tax Justice Network den Wert sämtlicher Einlagen, die in sonnigen Steueroasen bunkern. Es sind gewaltige Zahlen, furchteinflößende Zahlen, irrationale Zahlen, vor allem aber sind es welche mit zahllosen Unbekannten. Zumindest so lange, bis irgendwer ein paar Strahlen Lichts ins Dunkel der Vetternwirtschaft internationaler Finanzströme zwischen grad noch legitim und längst nicht mehr legal bringt, bis dieser Jemand somit einigen Fragzeichen erhellende Ausrufezeichen verpasst – sie folglich dechiffriert, ordnet, verwaltet, auswertet und am Ende: publiziert wie nun unterm Titel Offshore-Leaks, einem der größten Knüller unserer rasanten Medienwelt seit Watergate.

Das aber – ein Knüller – war die Enttarnung von rund 130.000 schweigsamen Vermögenstransakteuren aus gut 170 Ländern weniger, weil das Enttarnte so sensationell wäre; wie schmutzig die Reichsten der Welt ihren Reichtum mehren, wurde in der Dauerkrise längst zur deprimierenden Gewissheit. Nein – zum globalen Ereignis geriet die Enthüllung erst, da sie in einer grenzübergreifenden, besser: grenzsprengenden Kooperation internationaler Journalisten erfolgte. Ein Dreivierteljahr, nachdem das „International Consortium of Investigative Journalists“ seine 86 Mitglieder in 46 Staaten vage über den wohl umfassendsten Geheimnisverrat der Wirtschaftsgeschichte informiert hatte, veröffentlichten Medien von der Washington Post über die BBC bis hin zur Süddeutschen Zeitung in der Nacht zum 4. April zeitgleich den ersten Schwung ihrer kollektiven Recherche. Es war eine beispiellose Zusammenarbeit, ein gewaltiger Scoop, eine Schlagzeilenfabrik unter Volllast, ein Riesenfass voller Superlative.

Und ein Rätsel.

Denn warum bloß, fragten sich Außenstehende wie Eingeweihte, verzichten öffentlich-rechtliche Anstalten, profitorientierte Verlage, Konkurrenten allesamt auf einem zäh umkämpften Mark der Meinungen und Meldungen bloß freiwillig auf die Leitwährung ihrer täglichen Arbeit: Exklusivität. „Schließlich entstehen bei einer solchen Interaktion Unschärfen, was die eigene Leistung bei der jeweiligen Geschichte betrifft“, gibt Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien, zu bedenken. Und schlimmer noch: „Man teilt sich ja nicht nur die Arbeit, sondern auch den publizistischen Erfolg“.

Einer, der beides sogar ziemlich gern geteilt hat, bleibt angesichts solcher Einwände ganz gelassen. Denn als Datenexperten die Festplatte voll Herrschaftswissen aus dem Geldasyl langsam in journalistisch verwertbare Informationen verwandelten, erinnert sich Bastian Obermayer von der Süddeutschen an den Herbst 2012, „fragten wir uns, ob der finanzielle und personelle Aufwand für unser kleines Ressort zu stemmen ist“. Die Antwort: Eher nein. Selbst die Ausnahmejournalisten des findigen, vielfach preisgekrönten, einfach famosen SZ-Teams Investigative Recherche um den Ausnahmeausnahmejournalisten Hans Leyendecker – der neben dem zögerlichen (Ex-)Spiegel-Chef Georg Mascolo als einziger Deutscher im ICIJ sitzt – waren zwar rasch Feuer und Flamme, aber Realisten genug, um sich Hilfe ins Boot zu holen: Den NDR.

Mit dem Hamburger Funkhaus, betont der Bayer Obermayer, habe man schließlich gute Erfahrungen gesammelt. Erst vor wenigen Wochen präsentierten beide eine interredaktionelle Langzeitrecherche zur miesen Zahlungsmoral hiesiger Versicherungen parallel in ihren Reportageforen – gedruckt auf Seite 3, gesendet bei Panorama. Über fehlenden Datenschutz beim Dienstleister EasyCash wurde ebenso gemeinsam geforscht wie zu CIA-Gefängnissen oder die Machenschaften bei der HSH-Nordbank. Da lag es nahe, sich im weltumspannenden Fall undurchsichtiger Geldströme mit den Kollegen von der Elbe zusammenzutun. Vermittelt über den freien Journalisten John Goetz, „eine Art Scharnier zwischen beiden Redaktionen“, wie ihn Bastian Obermayer nennt, wurde die lockere Partnerschaft fortan auf ein neues Niveau gehoben. „Wir haben wirklich alle Informationen ausgetauscht“, sagt Julia Stein und lacht laut, das tut sie öfter, es ist ihr Naturell. Erst im Januar wechselte die Hanseatin von 41 Jahren aus der Redaktionsleitung des Medienmagazins ZAPP an die Spitze vom NDR-Team Recherche und damit gleich mal zur größten Story ihrer Karriere, mit dem höchsten Grad an Aufmerksamkeit, vor allem aber: an Zusammenarbeit. „Selbst bei Wiki-Leaks gab es keine Kooperation dieses Ausmaßes“.

Wöchentliche Schaltkonferenzen zum Beispiel zwischen ICIJ, der SZ, ihr selbst. Dazu ständiger Telefonkontakt mit den vier Kollegen aus München, die Absprache mit drei weiteren aus dem Reporterpool des hauseigenen Inforadios, das ihr Vorgänger vor Beginn seiner Elternzeit noch hinzugezogen hatte, „da man der Datenmenge nur im großen Team Herr werden konnte“. Das alles bei maximaler Transparenz gleichrangiger Medien, die sämtliche Rechercheergebnisse von ein und derselben Festplatte ohne Ausnahme, ohne Verzug kommunizieren – das war ein nie da gewesener Koordinationsaufwand, sagt die zweifache Mutter zwischen einem halben Dutzend Telefonaten in den unprätentiösen Fluchten des Sendersitzes am schicken Hamburger Rothenbaum. Sicher, es habe auch Reibungsverluste gegeben; „solche Abstimmungen kosten Zeit“, das hat Julia Stein gelernt. Da könne man nicht „so vor sich hinbröseln“ wie gewohnt. „Genau das aber hat uns zusätzlich motiviert“, widerspricht Peter Hornung vom beteiligten NDR-Info und erntet heftiges Nicken seiner TV-Kollegin, „Druck kann auch förderlich sein.“ Ergo, fast im Chor: Die Koalition hat sich gelohnt! Mehrfach und auf allen Ebenen. Denn jede Recherche, sagt der Mittvierziger Hornung, ein abgebrühter Hörfunkmann aus Heidelberg, „gewinnt durch Kooperationen andere Blickwinkel“. So kann eine Geschichte nur besser werden – und da sei noch nicht mal von der juristischen Sicherheit doppelter Ergebnisprüfung durch zwei Rechtsabteilungen die Rede. Doch unabhängig vom Primat des Inhaltes, vom Ethos des Berufes, vom Erfolg der Story, ganz zu schweigen vom Nutzen fürs Publikum, erbringt die Verbrüderung einen weiteren Effekt – auch wenn alle Befragten zögern, ihn offen auszusprechen: Marketing.

Schließlich dienen unterschiedliche Verbreitungswege auch als reziproke Reklametafeln. Offshore-Leaks, sagt Julia Stein, führe dazu, dass sich Fernsehen, Funk und Presse „untereinander teasern“. Das klingt ein bisschen positiv, weshalb sie nachträglich ein verschämtes „unbeabsichtigt“ davor setzt, so anrüchig erscheint ihr der Werbeeffekt. „Wenn die Süddeutschen auf eine ARD-Reportage am Abend hinweist oder die umgekehrt auf einen morgigen Text bei uns“, ergänzt auch SZ-Reporter Obermayer eher beiläufig, „helfen wir uns gegenseitig“. Man stehe ja nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Peter Hornung drückt es so aus: „Wir ziehen uns im Rattenrennen nicht die Wurst vom Brot.“ Im Gegenteil. Die gewaltige Resonanz aufs Enthüllungspaket, das den 60 belieferten ARD-Wellen allein in Woche eins fast 100 Berichte, Interviews und Kommentare beschert hat, dem aufwändigeren Fernsehen ein Dutzend Reportagen plus Live-Schaltungen in Tagesschau– Formate, der Süddeutschen jeden Tag locker eine Seite Lesestoff in mehreren Ressorts nebst regelmäßiger Titelgeschichten, hat also das Zeug zur Blaupause künftiger Kooperationen. „Ich sehe da schon einen Trend“, meint Julia Stein.

NDR-Info macht’s mit der Welt, ein Panorama-Autor schreibt seinen Beitrag für sueddeutsche.de um, SZ-Reporter Klaus Ott tauscht sich mit dem griechischen TV-Moderator Tasos Telloglou aus, der Spiegel druckt seine Reportagen im holländischen Politikmagazin De Tijd, freie Liebe am Nachrichtenmarkt. Dabei diene der Partnertausch im Idealfall einem höheren Zweck, hofft Julia Stein: „Guten Geschichten größtmögliche Aufmerksamkeit zu geben.“ Das Ziel sei eher Marktdurchdringung, Reichweite, Abspielflächen. „Sonst gehen wichtige Recherchen unter“, im Informationsoverkill der multimedialen Gesellschaft. Offshore-Leaks sei demgemäß ein Experiment gewesen, „zuweilen gar ein Abenteuer“ – Julia Stein lacht wieder so herzlich, dass jenseits der Glasfront die Köpfe herumfahren. Es gehe aber „nicht um trimediale, quatromediale, sonst wie mediale Koalition als Selbstzweck“, sondern darum, „was rauskommt“. Für das Medium, seine Nutzer, die Sache. „Kooperation ist toll“, pflichtet Peter Hornung bei. Wie im Fall psychologischer Kundenprofile bei der Hamburger Sparkasse vor zwei Jahren könne die dank der SZ nationales Interesse an lokalen Themen wecken oder in dem der systemrelevanten HRE die globale Krise regional runterbrechen. Alles wunderbar, meint der frühere NDR-Korrespondent in Prag, fügt aber gewohnt nüchtern hinzu: „Solange sie keine Pflicht sind“. Man suche sie also auch fürderhin, gezielt und regelmäßig, aber nur ad hoc. Hornungs Fernbeziehung auf Zeit, Bastian Obermayer, kann dem nur beipflichten: „Wir legen jetzt keine Standleitung zum NDR“, doch die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit seien nun „präsenter“.

So wie überall. Die Datenbanken der Welt lecken an allen Ecken und Enden, Konzerne liegen unterm Brennglas der Netzgemeinde, Institutionen werden durchleuchtet wie beim Radiologen, die digitale Welt ist enthüllungssüchtig. Das sorgt für einen anhaltenden Strom groß angelegter Recherchen, die laut Peter Hornung selbst innerredaktionell selten im Alleingang erfolgen und fast folgerichtig zu einer Wiederbelebung entsprechender Ressorts führen. „Der Hessische Rundfunk hat wieder ein kleines“, erzählt Peter Hornung. Dazu WDR, SWR, die Zeit. Da ist was in Bewegung, und je umfassender, globaler gar die Taten- und Tätersuche gerät, desto schwieriger wird es für Einzelkämpfer. „Man sollte Kompetenzen bündeln“, sagt Medienforscher Weichert, „um zusehends komplexe Themen zu bewältigen.“ Kleiner werden die Zahlen ja nicht.

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