Fußball & Fußballsimulationen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Juni

Die schlechte Nachricht vorweg: Weil ein CNN-Reporter die Frechheit besaß, voriges Jahr stundenlang über die Ereignisse rund um den Istanbuler Gezi-Park zu berichten, wurde er festgenommen, was Regierungschef Erdogan zu der spannenden Rechtfertigung hinriss, er sei ein „Agent“. Eine bessere Nachricht hinterher: es gab vorige Woche von Montag bis Donnerstag doch Wetter über Deutschland, obwohl es die Tagesschau Sonntag zuvor nicht angesagt hatte. Womit bewiesen wäre, dass die Realität gar keines Beweises in den Hauptnachrichten bedarf, um zu existieren. Schon mal ganz beruhigend… Noch beruhigender oder je nach Perspektive beunruhigend ist dagegen der Umstand, dass die Kanzlerin nicht alleinverantwortlich für alles ist, was ihre Regierungspartei zum Regieren beiträgt. Sonst wäre Angela Merkel als Telefonjoker beim Promi-Special von Wer wird Millionär? wohl nicht nur ans Telefon gegangen; sie hätte sicher auch gewusst, was DDR-Bürger(innen) mit der Waschmaschine „WM66“ neben der Wäsche noch angestellt haben – nämlich Obst einkochen (und nicht die West-Verlierer vom Wembley-Endspiel verhöhnen).

Somit blieb ihr Parteikollege zwar bei 500.000 Euro für den guten Zweck (wie üblich irgendwas mit Kindern) hängen, die Einschaltquote aber lag locker ums Dreizehnfache höher. Ein Rekordwert, den die Bild seinen PR-Buddies von RTL kaum kostenlos beschert haben wird, als sie eifrig für die Sendung mit Kanzlerin geworben hatte. Liebe ohne Gegenleistung ist kommerziellen Medien schließlich so fremd wie frische Ideen fürs eigene Programm. Darum holt Sat1 auch lieber die ebenso dämliche wie verstaubte Show Deal or no Deal aus er Kiste, wenngleich mit dem Moderationsneuling Wayne Carpendale (was garantiert gar nichts mit dem Engagement seiner Frau Annemarie Warnkross bei der gleichen Sendergruppe zu tun hat) am Mikro.

Ein derartiger Gebrauchtwarenhandel ist aber kein privates Fernsehphänomen. Der WDR plant für Oktober die Exhumierung von Geld oder Liebe, wenngleich mit dem überreifen Jürgen von der Lippe am Mikro. Und dem Schlager-It-Girl Helene Fischer 2015 die Schlager-Domina Andrea Berg entgegenzusetzen, ist jetzt auch keine so bahnbrechende Idee des ZDF im Kampf um die Lufthoheit im Showfernsehen mit der ARD.

TV-neuDie Frischwoche

9. – 15. Juni

Doch übers kreative Potenzial eines Formates entscheidet ja nicht immer der Grad an Innovation. Wenn das Filmdebüt im Ersten am Donnerstag bereits zum 15. Mal ARD jungen Regisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform bietet, startet es mit der Kinoadaption Am Himmel der Tag, wo eine ungewollte Schwangerschaft der blutjungen Aylin Tezel die Partylaune vermiest. Das erinnert zwar schwer an das englischsprachige Pendant Juno, ist dadurch aber keinesfalls schlechter. Ganz ähnlich verhält es sich mit der US-Serie Dr. Monroe. Ab Freitag (21.45 Uhr) heilt der brillante Zyniker die vertracktesten Leiden, was natürlich nicht ganz zufällig an Dr. House erinnert, der jedoch anders als sein Kollege statt eines Privatlebens ernste Drogenprobleme hat.

Etwas mehr Innovationspotenzial bietet dagegen ein gewisser Paul Kemp. Serien über Dienstleister jenseits von Polizisten und Pastoren, Ärzten und Anwälten gibt’s zwar genug – zum Beispiel beim Import In Treatment über einen Psychiater, der sich zuweilen etwas arg persönlich mit seinen Patienten befasst. Einen professionellen Streitschlichter zum (Anti-)Helden fortlaufender Fiktion zu machen, ist aber zumindest ungewohnt. Wenigstens dass. Denn obwohl die 13 Teile auf den Erfahrungsberichten eines echten Mediators beruhen, sind die Fälle bereits zu Auftakt so unrealistisch inszeniert, dass es eigentlich nur einen Grund gibt, zuzusehen: Harald Krassnitzer. Der Österreicher verleiht seiner Titelfigur eine wunderbare Balance zwischen Zynismus und Empathie, was die Serie am Ende doch zu einem der Highlights dieser Woche macht. Aber das hat natürlich noch andere Gründe als die Güte des Gezeigten.

Schließlich steht das gesamte Programm fortan voll im Schatten von ihm, the one and only: King Fußball. Sobald Donnerstag im ZDF zur MEZ-Primetime die Eröffnungsfeier beginnt, bleibt der rechtelosen Konkurrenz nichts anderes übrig, als Ramschware zu versenden oder noch schlimmer: Surrogate. Daher schickt RTL2 heute in Ermangelung echter Journalisten ihr Auswandererprodukt Die Reimanns auf Brasilien-Check. Der NDR versucht es später am Abend (22.45 Uhr) immerhin mit dem talentierten Micky Beisenherz, aber auch sein Nationalteamporträt Fußball, Frauen, Fönfrisuren bleibt den Porträtieren naturgemäß ziemlich fern. Noch hilfloser wirkt da nur der Versuch privater Kanäle, realen Fußball durch filmischen zu ersetzen, Sat1 zum Beispiel morgen durch die Geschlechterkampfkomödie FC Venus und Kabel1 tags drauf mit Sönke Wortmanns Wunder von Bern.

Ansonsten ist es einen Monat vorm WM-Endspiel die Woche der TV-Finals. Hell’s Kitchen (Vox) und Hotter than My Daughter (RTL) bleiben uns ab Mittwoch erspart wie ab morgen Sing meinen Song (Vox). War noch was? Ach ja: Der Schwaben-Tatort ist pfingstbedingt auf heute verschoben. Morgen schickt das ZDF Vegetarier gegen Fleischesser ins Duell und ignoriert dabei, dass da neben der Gesundheit noch irgendwas mit Umweltschutz war. Wie man Dokumentationen ohne Populismus macht, zeigt parallel dazu Arte mit Doping, Drogen, Depressionen über Hochleistungssportler jeder Art. Und wie man mit Kitsch Weltstars macht, zeigt Pedro Almodovar im Tipp der Woche: Vor 25 Jahren machte sein „Fessle mich!“ einen gewissen Antonio Banderas berühmt.

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