Interviewfriday: Mike “Passenger” Rosenberg

PassengerFucking hell!

Wer sich mit Mike Rosenberg alias Passenger kurz vor einem unangemeldeten Konzert – Busking genannt – in einer Hamburger Fußgängerzone zum Interview trifft, muss damit rechnen, dauernd von Fans unterbrochen zu werden. Das ist insofern bemerkenswert, als sein Singer/Songwriter-Folk vor fünf Jahren, als der Brite aus Brighton sein Geld noch als Straßenmusiker verdiente, nur wenige interessiert hat. Heute dagegen sind die Mumfords und Sheerans Topstars mit Top-Ten-Garantie, die auch Rosenbergs neues Album Whispers spielend erreichen dürfte. Ein Interview vorm Straßengig über seine Wurzeln, den Lärm unserer Zeit und ob er manchmal neidisch auf Neulinge im Geschäft ist.

freitagsmedien: Mike, wenn du gleich hier auf der Straße in einer Stadt wie Hamburg spielst – welcher Song käme dir da in den Sinn?

Mike Rosenberg: Oh, Hamburg, das muss dann wohl einer von den Beatles sein. Hilf mir.

Get back…

… to where we once belonged, richtig. Ich habe viele Jahre fast ausschließlich auf der Straße gespielt. Da ist es an dem Ort, wo die Beatles ihre Karriere begonnen haben, natürlich noch schöner, genau dort zu spielen. Aber ich habe auch im Hinterkopf, dass es oft keine leichte Zeit war, als Straßenmusiker. Ich hatte nichts, kein Label, keine Platten, oft kaum Zuschauer, nur meine Gitarre und mich, der versucht hat, damit ein paar Pfund zu verdienen.

Was funktioniert hat?

Mal mehr, mal weniger. Aber am Anfang fast jeder Musikkarriere, die nicht gerade bei einer Castingshow entsteht, gibt es dieses Dilemma: Man möchte seine ganze Energie, sein Leben in diese Aufgabe stecken, muss am Ende des Tages aber auch mal was essen und dafür mehr arbeiten, als einem manchmal Spaß macht.

Das klingt, als wärst du froh, diese Zeit hinter dir zu haben.

Froh ist nicht das richtige Wort. Versteh mich nicht falsch: Busking war für mich die Chance, im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum ein bisschen Geld dazu zu verdienen und zugleich fünf Stunden am Tag zu üben. Das war toll. Ohne Busking wäre ich ein schlechterer Musiker.

Und hier und jetzt?

Lerne ich dadurch noch immer, nehme dafür natürlich kein Geld mehr, aber liebe es noch immer so sehr, für Menschen zu spielen, die mein Konzert nicht als Tauschgeschäft für ihren Ticket-Kauf sehen, sondern als gegenseitiges Geschenk.

Auch, um sich von den großen Hallen, die du mittlerweile füllst, wieder ein bisschen zu erden?

Definitiv. Und um es mit den Beatles auszudrücken – ja, ich kehre damit immer wieder ein bisschen heim. Ich spiele wirklich gern vor vielen Leuten in großen Hallen, aber das hier gibt mir ein Gefühl von Herkunft, das ich niemals missen möchte. Als mit All The Little Lights und vor allem Let Her Go der Erfolg kam, als ich ständig auf Tour war, Interviews geben musste, im Rampenlicht stand, aber keine Zeit mehr zum Busking hatte, spürte ich ein großes Loch in meinem Herzen. Ich war wirklich unglücklich, denn je mehr du über Musik sprichst, desto weniger Zeit hast du, sie zu machen. Ich will einfach nur spielen, egal vor wie vielen Leuten.

Kennst du Ricky Dean Howard?

Den Namen hab ich schon mal gehört. Ein Folkmusiker?

Ein Singer/Songwriter aus London, fast wie du. Nur, dass er zurzeit noch in kleinen Clubs spielt wie gestern in St. Pauli.

Ah, St. Pauli! Ich kenne kein besseres Publikum. Nicht so leicht in Wallung zu bringen, aber sehr konzentriert und unglaublich aufmerksam. Wo hat Ricky gespielt?

Im Rock Cafè, sehr klein. Er hat ein Lied von dir gecovert.

Oh, welches?

Riding to New York.

Wow, cool!

Vorher sagte er, dass du längst jede Riesenhalle füllst, aber ebenfalls vor 80 Zuschauern begonnen hast und darauf womöglich manchmal neidisch wärst. Bist du das?

(lacht) Dafür hatte ich zu viele Gigs vor weniger als 80 Leuten. Sicher, manchmal vermisse ich diese Intimität, aber Mann, solche Auftritte sind echt hart. Die Leute quatschen, während du dir da vorn einen abkämpfst, gehen zwischendurch rauchen, klatschen aus Höflichkeit. Ich bin zu glücklich mit der Gegenwart, um die Vergangenheit durch die rosa Brille zu verklären. Ich wollte ja genau dahin, wo ich heute stehe und hatte nach Let Her Go bloß Angst, die Leute wollen nur dieses eine Stück hören und sonst keines mehr. Aber nun hören sie sich auch alle anderen vier Platten an und setzen sich mit mir auseinander. Das ist ein Riesengeschenk, das ich nicht mehr gegen mehr Nähe und Vertrautheit tauschen möchte. Also kein Neid, höchstens Respekt vor allen, die dort stehen und sich durchboxen.

Was ist denn aufregender – 5000 zahlende Gäste zu bedienen oder 50 zufällige?

Schwer zu sagen. Gestern hab ich in Hannover vor 25.000 Leuten gespielt. Wahnsinn! Am Tag davor war ich in Berlin auf dem Alexanderplatz vor vielleicht 600. Aber witzigerweise waren die 25.000 oft andächtiger und konzentrierter, also leiser, als die 600 und beides war auf seine Art wundervoll. Aber Mann, 25.000 – das hätte mir vor drei Jahren einer sagen sollen…

Wie erklärst du dir den derzeitigen Erfolg von Folk und Singer/Songwriting?

Damit, dass Musik immer in Kreisläufen funktioniert. Als ich vor zehn Jahren meine Gitarre ausgepackt hab, haben viele gelacht, weil damals der DJ das Maß aller Dinge war. Dass Ed Sheeran oder Marcus Mumford jetzt Stadien füllen, liegt also sicher auch am miesen Niveau der Popmusik von heute. Wie willst du zu Miley Cyrus eine persönliche Beziehung aufbauen? Die Leute wollen wieder mehr berührt werden.

Und vielleicht dem Lärm der Gegenwart entfliehen?

Absolut. Wir sind umgeben von Lärm – für die Ohren, die Augen, fürs Gemüt. Da kriegt Ruhe und Einfachheit, Understatement, ein Flüstern plötzlich eine neue Bedeutung, denn die Zeiten mögen sich geändert haben – viele Menschen nicht, sie wollen etwas fühlen. Und das ist der fucking fundamentale Grund aller Musik, die von Herzen kommt: etwas zu fühlen.

Was gibt ihnen dein neues Album Whispers über den Titel hinaus zum Fühlen?

Lustig, dass du das fragst, denn ein Song darauf – Crazy World – handelt genau von diesem Lärm und wie wir uns davon fortsehnen. So wie auch ich mich manchmal zurücksehne in die Zeit der Ruhe vorm Erfolg. Ich will mich nicht beschweren und niemanden bewerten, aber meine Songs sollen den Leuten Raum zum Nachdenken geben. Etwa dafür, das iPhone nach ein, zwei Fotos oder einem kurzen Film auch mal weg zu legen, anstatt das ganze Konzert durch den Bildschirm zu sehen. Sie sollen bei mir sein, nicht gedanklich bereits bei YouTube. Dafür steh ich doch da oben.

Wie läuft es, wenn du Zuschauer bist?

Gleich zu Beginn zwei Fotos, das war’s. Das gehört heute einfach dazu. So hab ich’s auch bei meinem letzten Konzert getan.

Nämlich?

Glaub es oder nicht – Robbie Williams. Fucking hell! Er ist so grandios. Als Musiker und als Mensch. Ich kannte ihn nicht, hab ihn aber vor zwei Tagen in Berlin getroffen, zum ersten Mal und er kam zu mir und meinte, du warst doch heute busking auf dem Alexanderplatz? Erzähl mir alles darüber! Er ist ein globaler Popstar, interessiert sich aber auch für das, was abseits der großen Bühnen passiert. Deshalb bin ich auf so vielen Konzerten wie möglich, egal ob kleine Clubs oder Stadien. Du lernst bei jedem einzelnen und besonders bei einem wie Robbie. Was für ein Entertainer!

Wenn du seinen Erfolg hättest – würde dich das als Person verändern?

Definitiv, das lässt niemanden unbeeinflusst. Wenn dein Leben so bizarr wird wie seins, kannst du nicht der Gleiche bleiben. Selbst auf meinem kleineren Level des Erfolgs verlierst du schnell die Bindung zu dir selbst. Aber genau da helfen mir zehn Jahre als Straßenmusiker. Ich hatte genug Zeit, die schwierigen Seiten meines Jobs zu erleben, um in den besseren nicht abzuheben und sich vor Augen zu halten, dass mein einer Hit der letzte sein könnte, wer weiß. Aber ehrlich – wenn es das war, bin ich damit zufrieden. Dann hatte ich dieses Erlebnis und kann einfach weiter Musik machen, die ich liebe.

Die du im Studio mit Band spielst, live aber ganz allein – warum?

Ich war schon häufiger in Bands und das hat einfach nicht so gut geklappt wie ich mit mir und meiner Gitarre auf der Bühne. Meine Musik handelt so sehr von meinen Gefühlen und Worten, dass andere Musiker eher Hürden aufbauen würden, das zu vermitteln. Im Studio kann man alles ausprobieren, aber live will ich mit meinem Publikum in Kontakt treten, nicht mit meinen Mitmusikern.

Das Interview ist zuerst erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/06/die-leute-wollen-wieder-beruehrt-werden-passenger-im-interview/

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