Tom Bartels: Endspielkommentator

Kein großer Deutschland-Fan

Tom Bartels aus Celle gilt vielen als bester deutscher Fußballkommentator. Kein Wunder, dass er nach dem EM-Finale von 2012 am Sonntag nun auch das der WM live aus Rio de Janeiro begleiten darf. Ein Gespräch über Vorbereitung, Sportpatriotismus, Neutralität und wie er in ein Spiel mit Nordkorea ginge.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Tom Bartels, was macht einen guten Fußball-Reporter mehr aus – Leidenschaft oder Kenntnis?

Tom Bartels: Eine gute Mischung, wobei letzteres nur aus ersterem entstehen kann. Wenn ich mich für etwas nicht begeistern kann, wird daraus selten Kompetenz entstehen. Ohne echtes Interesse keine Authentizität. Ich bin mit Fußball groß geworden, hab von klein auf jede frei Minute gekickt, deswegen war die Leidenschaft – mit kleinen Dellen – immer da, auch wenn das Fan-Sein in der Jugend sicher größer war. Das ist die Grundlage aller Theorie. In dieser Sportart hierzulande ohne ausreichendes Fachwissen zu kommentieren, geht garantiert schief.

Schließlich kommentiert man für zig Millionen Fußballexperten, die ohnehin alles ein bisschen besser wissen. Wenn die eh alles wissen – wollen die nicht vor allem Ihre Anteilnahme?

Das hängt auch davon ab, was ich kommentiere. Bei Bundesligaspielen ist absolute Neutralität Voraussetzung, weil ja Fanlager beider Mannschaften zusehen. Bei internationalen Spielen ist diese Distanz nicht nötig. Dort sollte man bei aller sachlichen Situationsbewertung eher für das deutsche Team sein. Ich fordere nicht bei jedem gegnerischen Foul die rote Karte, begeistere mich aber sicher bei einem Tor fürs heimische Team.

Und dann können die Pferde auch schon mal mit Ihnen durchgehen.

Absolut. Bei einem deutschen Siegtor im WM-Finale kurz vor Schluss gebe ich natürlich richtig Gas, das wird auch verlangt. Aber ein Spiel, das so vor sich hinsuppt, durch meine Begeisterung hochzujubeln – darin sehe ich meine Aufgabe nun nicht Und ich bin gar kein so großer Deutschland-Fan.

Gerade bei internationalen Spielen kippt Fußballpatriotismus bisweilen in einen Fußballnationalismus. Wie vermeidet man den?

Da muss ich mich nicht zwingen. Wenn ich sehe, dass ein deutscher Gegner besser ist, hab ich überhaupt keine Probleme das anzusprechen. Großer Fußball begeistert mich manchmal mehr als mein Zugehörigkeitsgefühl. So wie der FC Barcelona derzeit spielt, bin ich so fasziniert, dass ich schon mal meine Freundin anrufe und sage, guck mal Tina, wie da der Ball läuft. Unfassbar!

Und das interessiert sie?

Schon. Sie ist ja auch Journalistin und weiß, was ich meine. Was Barcelona zurzeit spielt, ist halt in der Bundesliga eher selten, das ziehe ich manchem Bayern-Spiel vor. Deshalb muss ich mich manchmal fast zwingen, deutlicher für Deutschland zu sein. Ich bin einfach nicht so patriotisch veranlagt. Auf allen Ebenen.

Ihnen eilt ohnehin der Ruf voraus, ein vergleichsweise nüchterner Kommentator zu sein, der seine Leidenschaft zugunsten großer Faktensicherheit zurückschraubt. Ist das der gelernte Bankkaufmann aus Celle in Ihnen?

Den Bankkaufmann in mir gibt’s gar nicht. Das war damals die falsche Wahl. Obwohl mir jeder davon abgeraten hatte, hab ich es gemacht, weil meine Freundin nahe der Bank lebte.

Aber sie haben es durchgezogen.

Bis zum Ende, ja. Meine Bereitschaft zur akribischen Vorbereitung rührt trotzdem woanders her, aber sie ist unerlässlich. Das Geschäft überholt sich jeden Tag selbst. Die Mannschaften ändern sich, die Philosophien des Trainers ändern sich, es passiert so viel in den Clubs, in den Ligen, man muss alles verfolgen. Zudem kann man viele Spielsituationen beim heutigen Tempo oft nicht mal nach der vierten Zeitlupe zweifelsfrei bewerten. Da müssen wir dem Publikum Hilfestellungen geben, das Spielgeschehen trotzdem richtig einzuordnen oder dem zumindest nahe zu kommen. Der Anspruch ist da hoch. Ohne Vorbereitung – keine Chance.

Sie sind also keine wandelnde Datenbank?

Nein, aber ich habe mal gehört, dass es leichter ist, nach sechs Fremdsprachen noch die siebte zu lernen, als mit der zweiten zu beginnen. Jedes Wissen baut auf anderem auf. Wenn ich einem Fußballkenner sage, dass Ballack von Chelsea zu Tottenham wechselt, gehen bei dem die Signallampen an: Londoner Stadtrivale, kleinerer Club, sportlicher Abstieg, all so was. Wer nur deutsche Länderspiele sieht, hat das morgen schon wieder vergessen. Weil ich schon als Kind Kicker gelesen habe, bleiben solche Informationen bei mir allerdings eher hängen, da meine Rezeptoren für sie geeignet sind. Trotzdem: internationalen Fußball zu verfolgen ist auch für mich richtig Arbeit.

Wenn sich ein Reporterkollege auf dem Weg ins Studio das Bein bricht – könnten Sie ohne Vorbereitung einspringen?

Für die WM auf jedem Fall. Ich bereits mich für meine neun Spiele sowieso auf 14, 15 Mannschaften vor. Und ich bin mal an einem Dienstagabend beim Bundesligaspiel in Stuttgart angerufen worden, ob ich Mittwochfrüh das WM-Halbfinale der Frauen USA gegen Brasilien kommentieren könnte. Da hab ich dann die Nacht quasi durchgearbeitet. Wenn ich nun überraschend ein Spiel der Nordkoreaner machen müsste, kenn’ ich da erst mal auch niemanden, würde mich aber bei genügend Vorlauf noch mal zu denen ins Schweizer Trainingslager begeben, DVDs gucken, Kollegen fragen. Ansonsten bin ich bereit.

Nachdem Sie das EM-Finale gegen Spanien kommentiert haben, hieß es, sie seien der beste Deutsche auf dem Platz gewesen. Ist es nicht besser, als Kommentator gar nicht aufzufallen?

Ich habe mich über das Lob gefreut, aber um mich muss es nicht gehen. Schon vorher gab es ja unzählige Interviewanfragen. An mich! Da musste ich irgendwann einen Riegel vorschieben, aus Angst, mich zu verzetteln und meine eigenen Hausaufgaben nicht zu machen. Und dann fühle ich mich sicher.

Die Bühne scheint Ihnen ohnehin ein bisschen unangenehm. Vorhin beim Fototermin mit dem gesamten ARD-Team wirkte ihr Lächeln eher gezwungen.

Da könnten Sie richtig liegen. Ich muss mich gewissen Mechanismen beugen, es gehört dazu und ich stelle mich letztlich auch gerne zur Verfügung. Aber es bleibt ein Zwiespalt, der meinem realen Leben nicht entspricht. Ich nehme mich nicht so wichtig.

Das Interview entstand 2010 im Vorfeld der damaligen Fußball-WM in Südafrika

 

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