Frankie & Silk

Gewichtsverhandlung

Frauen werden alt, Männer interessant – dank dieser Filmregel schlagen sich weibliche Figuren noch vor der 40 vor allem mit Verfallsproblemen rum. Zwei BBC-Serien zeigen derzeit dienstags bei ZDFneo, mit welch unterschiedlichen Folgen.

Von Jan Freitag

Die Kamera ist zuweilen gnadenlos. Geht es zum Beispiel um die Spuren des Alters, bleibt ihr trotz Schminke, Schnitt und Postproduction wenig verborgen im Gesicht der Menschen davor. Linien werden dort zu Falten, Falten zu Tälern, Täler zu Schluchten, ganze Körper zu Topografien zerklüfteter Planeten ohne schützende Atmosphäre vor den Einschlägen der Jahre. Es ist ein Drama – zumindest für den weiblichen Teil der Schauspielzunft. Denn während Männer angeblich „wie Wein“ altern, was aus dem Mund der würdevoll gereiften Katja Riemann gleich noch bissiger klingt, altern Frauen aus ihrer Sicht „wie Milch“. Und das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt ungefähr bei Mitte 30.

Dann nämlich, so lehren uns Film und Fernsehen, dominieren altersbedingte Zerfallsprozesse alles, was Trägerinnen des Y-Chromosoms am Bildschirm betrifft. Das ist bei Frankie und Martha nicht anders. Erstere, Nachname Maddox, ist eine Gemeindeschwester von 36 Jahren, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich lässig durchs Pflegedesaster ihrer englischen Vorstadt kämpft und dabei auch wegen ihrer fröhlichen Rundungen ungemein sympathisch wirkt. Letztere, Nachname Costello, ist eine Spitzenanwältin ähnlichen Alters, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich verkrampft durchs britische Rechtssystem ackert und dabei auch wegen ihrer knochigen Stiefmütterlichkeit ständig am Rande der Unsympathin wandelt. Frankie und Martha sind also ziemlich verschieden – und doch ganz schön wesensverwandt.

Als Hauptfiguren zweier BBC-Serien, die heute nacheinander auf ZDFneo starten, bilden sie nämlich jene zwei Medaillenseiten weiblicher Figurenzeichnung, die ihren Protagonistinnen gemeinhin übrig bleiben, wenn das Alter erbarmungslos auf ihre Besetzbarkeit einprügelt. In der bierernsten Justizserie Silk will Maxine Peake als aufstrebende Strafverteidigerin unbedingt die seidene Robe einer privilegierten Kronanwältin erringen. Dafür gewinnt sie ihre Fälle zwar mit nüchterner Opportunität unter der barocken Puderperücke. Doch abends, wenn Martha heimkehrt, zahlt sie den fiktionalen Preis erfolgreicher Frauen und weint bittere Tränen der Einsamkeit. Im heiter bis wolkigen Sozialdrama Frankie dagegen versorgt Eve Myles als Titelfigur die hilfsbedürftigsten Bewohner ihres verarmten Bezirks bei den menschlichsten Verrichtungen und denkt dabei an alles Mögliche – nur selten an sich selbst. Geschweige denn an ihren zuckersüßen Dauerfreund, dem sie sogar die Überraschungsverlobung durch Überstunden in einem Notfall vermasselt.

Es sind also höchst unvergleichliche Ausgangslagen zweier unvergleichlicher Protagonistinnen, die allerdings zweierlei eint: Dass Alter dieser leicht spröden Schönheiten muss permanent thematisiert werden, als sei die heran rauschende 40 bei Frauen ein Menetekel des nahenden Todes, während sie bei den männlichen Begleithauptrollen nicht die geringste Rolle spielen. Und dann wäre da noch die Sache mit der Multifunktionalität. Wie bei erfolgreichen Frauen dieser Jahrgänge üblich, müssen beide ständig alles in einem sein. Im Falle von Martha: kompetent und verletzlich, häuslich und sexy, pragmatisch und impulsiv, lebensklug und empathisch. Im Falle von Frankie dazu noch witzig, tänzerisch, rasend nett.

Viel zu tun für Menschen in einem Lebensabschnitt, der auch hier mehr als Heimsuchung denn Lebensphase präsentiert wird. Zu viel. Weshalb beide immer dann die Fähigkeit zum Gegenteil ihrer Handlungen beweisen müssen, sobald sie den Herren der Schöpfung an ihrer Seite zeigen, dass deren Überlegenheit eine ziemlich fragile Konstruktion herrschender Machtverhältnisse ist. Dann sieht man Frankie, wie sie sich nach einem Tag voller Ausnahmezustände bis hin zur Messerattacke eines dementen Patienten für ihren Lover mit knallroten Klamotten von der Heiligen zur Hure verkleidet. Dann sieht man Martha, wie sie dem Angeklagten einer Vergewaltigung unter den Tränen des Opfers zum Freispruch verhilft und die Empfindsamkeit ihres Geschlechts hinterher mit eine saftigen Feierabenddepression zu sühnen hat. Dann wird deutlich, dass es selbst den Autoren der seriösen BBC ein bisschen unheimlich wird, wenn Frauen einfach so ihren Mann stehen in Männerwelten.

Dabei ist Frankie allerdings immerhin eine sehr charmante, oft erstaunlich glaubhafte, also überwiegend realistische Studie eines Milieus geworden, dass seriell selten zuvor so intensiv ausgeleuchtet wurde. Silk dagegen kann sich nie ganz entscheiden, ob es ein klassisches Anwaltsdrama mit ein, zwei Prozessen im Mittelpunkt sein möchte oder ein frauenaffines Midlifecrisis-Porträt mit beigestellter Justizgeschichte. Ganz gleich ob Gewichtsverhandlung in der Gerichtsverhandlung: Frauen um die 40 haben es auch weit schwerer als Männer.



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