Hans-Peter G. aka H.P.Baxxter aka Scooter

IMG_20140603_145522Nachdenken? Weitermachen!

Es gibt Lebewesen, die umgibt ein Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Einhörnern zum Beispiel, Nelson Mandela – und natürlich H.P. Baxxter. Wer ihm begegnet, geht irgendwie gereinigt aus dem Gespräch heraus. Die freitagsmedien haben ihn nun schon zum dritten Mal getroffen und sind jedesmal aufs Neue begeistert vom Scooter-Shouter – zumal er nun auch noch bei Arte den Schwerpunkt Summer of the 90s moderieren darf.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: H.P. Baxxter, Sie waren bis zu Ihrem 30. Geburtstag im eher analogen Rock oder Wave zuhause, sind dann aber radikal in den elektronischen Bereich zum Techno gewechselt. Sind Sie ein Kinder der Achtziger oder Neunziger?

P.Baxxter: Da ich mich schon mehr als 20 Jahre intensiv mit der Musik aus dem Jahrzehnt auseinandersetze, bin ich ganz klar ein Kind der Neunziger. So lange war ich sonst noch in keiner Stilrichtung zuhause. Und es fiel mir auch nie schwer, im Techno oder wie man das auch immer nennen will, beheimatet zu sein, weil er in einem ständigen Wandlungsprozess begriffen ist und nie so starr wie etwa die Rockmusik.

Da dürfte es durchaus gegenteilige Meinungen geben…

Mag sein, aber verglichen mit dem Rock und seiner ewigen Festlegung auf Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang, gibt es in der elektronischen Tanzmusik praktisch keine Begrenzung. Zumal man im Grunde jedes Instrument digital generieren kann. Alles geht. Das ist auch ein bisschen das Motto der Neunziger, wie ich finde.

Haben Sie ein durchweg positives Gefühl, wenn Sie an die denken?

Für mich persönlich auf jeden Fall. Das war ja die Zeit, in der ich musikalisch gewachsen bin. Darüber hinaus war sie aber auch wunderbar unbefangen, fast naiv. Und man kann damit musikalisch wirklich noch etwas verbinden, was in den Nullern und der Gegenwart schon schwerer fällt. Heute wird nur noch weiterentwickelt, was es vorher bereits in verschiedenen Ausprägungen gab.

Aber auch die Neunziger haben auf dem aufgebaut, was schon vorhanden war.

Haben aber etwas erkennbar Eigenes hervorgebracht. Siebziger-, Achtziger-, Neunziger-Partys haben jeweils einen ganz eigenen Klang. Wenn es in ein paar Jahren Nullerparys gibt, wäre ich mir da nicht so sicher.

Was haben denn die Neunziger wirklich Eigenes hervorgebracht?

Etwas ganz Entscheidendes: Die Achtziger waren das Jahrzehnt der coolen Distanz. In den Neunzigern dagegen ist das positive Gemeinschaftsgefühl früherer Jahrzehnte zurückgekehrt.

Zurückgekehrt, also nicht neu entstanden.

Aber kombiniert mit den modernen Unterhaltungstechnologien, die ja radikal auf Digitalität und Synthetik setzen, war das förmlich eine Revolution. Und symbolisiert wird sie durch die Figur des DJs, der damals den Frontmann der Rockmusik als Superstar populärer Musik nicht abgelöst hat, aber mit ihm gleichgezogen ist. Dass David Guetta oder Avicii heute Weltstars sind, ist in den Neunzigern entstanden.

Nähert sich ein hochkultureller Sender wie Arte diesem Phänomen denn dann ironisch oder respektvoll?

Ich glaube letzteres. Ich habe die anderen „Summer ofs“ auf Arte immer gern gesehen, weil das großen Tiefgang und Informationswert besaß. Ich hatte nie das Gefühl, da wurde je etwas durch den Kakao gezogen. Ich komme ja selber aus dem Underground und habe Techno in einer Zeit für mich entdeckt, als es bis auf Marusha keine Stars gab. Und Subkultur wird im Fernsehen nirgends ernster genommen als bei Arte.

Steckt denn wenigstens ein leichtes Augenzwinkern dahinter, den Hyper-Shouter für einen Kulturkanal zu verpflichten?

Womöglich. Aber so wie ich das verstanden habe, passe ich einfach gut ins Jahrzehnt und helfe dem Sender, neue Zielgruppen zu erschließen. Das ist ein reines Rechenexempel: Wie viel vom Stammpublikum schalten ab, wenn sie mich sehen, und wie viele kommen neu hinzu? Wenn der Saldo stimmt, hat sich das für alle Beteiligten gelohnt.

Vor allem für Sie. Empfinden Sie es auch ein wenig als Genugtuung, mit dem Alter ein bisschen im kulturellen Establishment angekommen zu sein?

Ein bisschen, ja. Ich hatte mich allerdings schon fast dran gewöhnt, ständig verrissen zu werden; das fehlt mir jetzt manchmal beinahe.

Auch der Begriff Kirmes-Techno?

Der nun nicht, aber auch mit dem kann ich leben. Ganz am Anfang hat mich das schon ein bisschen getroffen, weil wir immer das gemacht haben, was wir selbst toll finden, nie das, wovon wir dachten, dass es anderen gefällt. Aber mal ehrlich: Am Autoscooter lief schon immer das, was gerade in den Discos läuft, was angesagt ist. Von daher würde sich manch anspruchsvoller Künstler wundern, wie viel Kirmes in ihm steckt. Bei uns klebte da allerdings ein richtiger Stempel drauf – aber vielleicht ändert sich das dank Arte ja ein bisschen.

Sie machen überhaupt mehr Fernsehen mittlerweile. ESC, X-Factor, jetzt das hier – ist das reiner Spaß oder ein neues Standbein?

Ich finde es immer interessant, Dinge auszuprobieren, die ich eigentlich nicht kann. Das fing schon 1997 an mit „Alarm für Cobra 11“, wo ich zum Glück nur mich selbst spielen musste und entführt wurde, weil ich irgendwem einen Song geklaut hatte.

Und dann zwischen zwei Autoexplosionen befreit wurden.

So ungefähr (lacht). Alles fast wie im wahren Leben (lacht noch lauter). Ich hab da schon gemerkt, dass das nicht so meins ist, würde aber jetzt auch nicht sagen, dass ich das nie wieder mache. Das hängt davon ab, ob ich Zeit und Bock habe. Wichtig ist, nicht jeden Mist mitzumachen, sondern das, wo man ein bisschen Leidenschaft reinstecken kann.

Und künstlerisch sind Sie mittlerweile vermutlich so unabhängig, nach Lust und Laune entscheiden zu können, wo Sie Ihre Energie investieren.

Unabhängiger als vor 20 Jahren schon. Aber ich habe auch Deadlines einzuhalten, wenn eine neue Platte oder Tour ansteht. Da setzt man sich schon selber unter Druck. Aber ein bisschen davon ist gut, sonst würden wir wahrscheinlich drei Jahre pro Album brauchen. X-Factor war dafür zu zeitaufwändig, das könnte ich so nicht jedes Jahr machen.

Aber so einen Sommersendung für Arte schon?

Das wird sich zeigen. Für mich ist es zusehends wichtig, nie zu einseitig zu sein. Von meiner Persönlichkeitsstruktur fühle ich mich je nach Laune mit Strohhalm am Ballermann genauso wohl wie in der Oper. Ganz viele Menschen – auch in der Technoszene – sind dagegen völlig in ihrem kulturellen Kosmos gefangen; da fehlen mir oft die Toleranz und der Blick über den Tellerrand. Ich will mich immer selbst neu ausloten.

Um dann irgendwann die Antwort auf die Frage Ihres ersten Solo-Songs im vorigen Jahr zu finden?

Who the fuck is X.P. Baxxter? (lacht) Das könnte man so sehen. Denn wer mich in eine Schublade packt, kennt mich nicht. Und will mich auch gar nicht kennenlernen.

Sind Sie derselbe wie 1993, als aus Hans-Peter Geerdes endgültig H.P. Baxxter wurde?

Natürlich nicht, das wäre ja schrecklich. Man wird ja mit dem Alter gelassener und reifer. Trotzdem arbeite ich immer daran, nicht bequem zu werden. Bequemlichkeit ist der Tod der Kreativität. Ich muss auch immer wieder mal ausbrechen. Wenn ich es mal ein paar Wochen ruhiger angehen lasse, mit Freunden bloß grille und rumhänge, muss ich auch mal wieder in eine andere Stadt, ein anderes Land, mit anderen Clubs.

Auch mit 50?

Auch mit 50!

Hat der Geburtstag im März da was verändert?

Eigentlich nicht. Ich habe natürlich viel über diese Zäsur nachgedacht. Vor zehn Jahren war  40 gerade die neue 30, das war sogar ganz cool. Jetzt hab ich schon gegrübelt, was ich noch alles machen kann in dem Alter.

Und die Antwort lautet?

Nicht drüber nachdenken! Einfach weitermachen!

Und wie lange geht das bei dem Energieaufwand auf der Bühne und auf Tour noch gut?

Nur, solange ich noch 100 Prozent geben kann. Wenn ich nicht mehr so rumspringen kann wie jetzt, sollte ich das neu überdenken. Mit 65 bringe ich das nicht mehr glaubhaft rüber.

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