Reise: Kenia/Südtirol

Auseiser-alm-540x304f dünnen Beinen

Jedes Jahr ereignet sich die ungemein alpine Seiser Alm ein sportlicher Stilbruch. Dann veranstaltet die kenianische Langlaufelite ein Trainingslager in Südtirol. Und Amateure dürfen mitmachen.

Von Jan Freitag

Diese Waden, eher Striche in der Landschaft als das, was darin steckt. Fragil wie fleischarme Auberginen und beinahe so schwarz fliegen die Ausdauermaschinen förmlich über die Alm, 36 im Ganzen, 18 Paar, eines dürrer als das andere. Wer die zugehörigen Körper aus der Nähe betrachtet, könnte denken, gleich zerbrächen sie unterm Druck ihrer langen Schritte. Doch so richtig nah kommt ohnehin keiner ran, wenn diese Beine mal ins Rennen geraten. Und das tun sie eigentlich ständig.

Es ist ein bizarres Bild, das sich den Besuchern der Alpe di Siusi zur Wanderjahreszeit bietet. Seit vier Jahren trifft sich Kenias Laufelite für drei Wochen im Juli zum Trainingslager auf Europas größter Hochalm unweit von, aber doch ein Stück über Bozen. Die besten Langstreckler also – Goldmedaillengewinner, Weltmeister, Zeitminimalisten – aus dem westlichen Afrika, wo die Haut besonders dunkel ist und die Menschen besonders hager, sie bereiten sich ausgerechnet da auf die Saison vor, wo das Gebirge besonders alpin ist und deren Bewohner besonders volkstümlich, Trachtenträger mit Traditionsbewusstsein, die den Nachnamen zuerst nennen und zum Abschied Gott grüßen. Man muss kein Freund von Klischees sein, um darin einen Widerspruch zu erkennen.

Morgens um halb acht etwa, wenn sich die Gruppe auf dem Weg ins Tal begibt, 20 Kilometer moderates Tempo am Fuß der Dolomiten. Wie sie vor der ersten Mahlzeit so von Seis am Schlern aus durch Südtirol federn, bleibt den wenigen Frühaufstehern, die man jetzt auf den Straßen des betulichen Ferienorts trifft, der Mund offen. „Ist auch ein seltsamer Anblick“, staunt selbst Ulrich Banholzer. Dieser Kontrast, schwäbelt der Deutsche, den alle Uli nennen: so viele Afrikaner auf einen Haufen, in dieser Umgebung, „des isch scho ungewohnt“. Obwohl er genau dafür sogar bezahlt hat, wenn man so will.

Uli Banholzer gehört zur anderen Trainingseinheit, die dieser Tage vor Ort das Laufen übt, und sie hat unmittelbar mit dem Spitzenteam eines Sportartikelherstellers zu tun. Acht Tage wird der Hobbyathlet mit einer Handvoll Gleichgesinnter von zwei Trainern „der Unerreichbaren“, wie Banholzer die Kenianer nennt, geschult. Die Ausbilder derjenigen also, die auf jeder Distanz ein normalsterbliches Sprinttempo hinlegen und danach locker austraben. Ebenso wie das Proficamp ist auch dieses ein Mix aus Laufevent und Sightseeing, PR-Aktion und seriösem Sport. „Höhe, Klima, Leute, Versorgung, die Trainingsstrecken“, listet Olympiasieger Samuel Wanjiru auf – „hier ist alles perfekt“. Es klingt pflichtschuldig; trotzdem möchte man dem Marathonchamp seine Lobeshymne aufs Umfeld, die Unterkunft, den Spaß glauben. Trainingslager sind teuer, Tauschgeschäfte folglich unerlässlich. Hier ist es Präsenz gegen Preisnachlässe. Es ist also eine win-win-Situation für alle: Profis, Gäste, Anwohner, Amateure, besonders die.

Für Uli, den spindeldürren Single aus Rottweil zum Beispiel, der seinen ersten Marathon noch vor dem 35. Geburtstag, also bald, ins Auge fasst. Für Ursula, die 46-jährige Wirtschaftstrainerin aus Sachsen, der das Laufen als erschöpfender Prozess erst ab Kilometer 20 bewusst wird, langsam. Für Paolo, den italienischen Diabetiker von 44 Jahren, der auch aus therapeutischen Gründen seine fünfte Königsstrecke anpeilt und über die Distanzen seiner Schuhe Buch führt. Oder für Alexandra, die halb so alte Spaßjoggerin aus Guatemala, deren Tempo beim anstehenden Marathondebüt im Frühjahr deutlich anziehen muss, um nicht vom Besenwagen aufgekehrt zu werden.

Es ist ein bunter Haufen auf verschiedenen Leistungsstufen. Doch sie alle träumen den gleichen Traum jener 42,195 Kilometer, auf die sie hier in einer Systematik getrimmt werden, die daheim unerreichbar wäre. Durch einen Trainerstab, der sonst Topleute trainiert. Mit einer Infrastruktur jenseits jeden Freizeitsports: medizinische Versorgung, technisches Equipment, Sportlernahrung, Expertentipps, dazu die physische Nähe zu den Unerreichbaren, Tür an Tür, Massagebank an Massagebank, abschließender Wettkampf inklusive – „das motiviert zusätzlich“, sagt Uli Banholzer. Als er abends von einer freiwilligen Extrarunde zurückkehrt, hängen die schlaksigen Kenianern im winzigen Ortskern herum, zwischen einem futuristischen Kirchenneubau und den zwei Cafés der einzigen Ladenzeile im Dorf. Zwei junge Talente hören kenianische Musik aus dem Handy, James Kwambei, zweitschnellster Marathon-Läufer überhaupt, albert mit dem Seriensieger von Bosten Robert Cheruiyot herum, während Goldmann Wanjiru ein paar Jugendliche beim BMX-Tricksen fotografiert.

Nach dem Tagespensum, wenn sich die Dämmerung wie ein Vorhang von den Gipfeln in die grüne Hochebene senkt, herrscht ein entspanntes Nebeneinander auf der geräuscharmen Alm, lässig. Auch einladend? Wer mit den Stars ins Gespräch kommen will, erntet zwar stets ein Lächeln, aber auch Wortkargheit. Ein Foto? Gern. Aber bitte kein Smalltalk. Man trainiert hier, genießt die Ruhe, eine geschlossene Gesellschaft mit gelegentlichem Außenkontakt. Fertig. Der einzige Parkplatz hier oben hat alle Tagestouristen zurück ins Tal gespuckt, spärlich trudeln die Übernachtungsgäste von den verschlungenen Wanderwegen ein, da bittet ein grauhaariger Herr klatschend zu Tisch: Gabriele Rosa, „il Dottore“, Finanzier des Teams. Es ist keine Nobelherberge, in die der Sportarzt aus Brescia seine Läufer ruft, keine, die deren Preis- und Sponsorengelder gestatten, nicht das Fünfsternehaus an der Liftstation ums Eck, sondern Mittelklasse, familiengeführt, mit Vollpension. Mehr lässt das Budget offenbar nicht zu, bei einem 25-köpfigen Team. Mehr braucht es aber auch nicht beim Höhentraining. Und die Kenianer, so heißt es, sind nicht auf Luxus aus.

Dabei sei die Höhe unerlässlich, aber nicht entscheidend, sagt Claudio Berardelli. „In Kenia ist Regenzeit“, erklärt der italienische Chef-Trainer von nur 30 Jahren die Flucht seiner Klientel. „Außerdem sind die Läufer zuhause prominent wie bei uns Fußballer“. Ohne Menschentraube im Nacken sei am Viktoriasee kein Schritt denkbar. Das Alpenklima dagegen biete perfekte Witterungsverhältnisse, die niedrige Luftfeuchtigkeit fördere Heilungsprozesse, vor allem aber herrsche „ablenkungsfreie Ruhe“. Ruhe? „Sie genießen diese Abgeschiedenheit.“ Abgeschiedenheit? Das Lager muss mehr mit günstigen Konditionen zu tun haben, als die Macher zugeben, denn auch in Südtirol sind die dunkelhäutigen Spitzensportler selten allein. Überall hellhäutige Gesichter zwischen Erstaunen und Ehrfurcht, wenn sich das Läuferknäuel nachmittags über die Hochalm schiebt. An die 20 Kilometer zum Abschluss, bei sengender Hitze. Ins Schwitzen gerät dennoch keiner so recht. Ganz anders die Amateure. Sie gehen meist ans Limit und schnaufen auch so, angetrieben von Huber Rossi, einem Trainer wie aus dem Laufmodelkatalog, dessen rehbraune Augen mit seiner Unerbittlichkeit kontrastieren wie die ganze Rennerei mit der Beschaulichkeit des Bergidylls.

Rossi ist das Bindeglied zu den Kenianern, denn die bleiben letztlich unter sich. Morgens, mittags, abends etwa, wenn die Berufssportler mit den Fingern ihr Nationalgericht Ugali essen, landesüblich steinhartes Couscous zu Huhn und Gemüse, sitzt die Hobbyfraktion dicht, aber doch distanziert am Katzentisch, während sich die Profis um einen runden Tisch scharen und der Trainerstab um den nächsten. Die Atmosphäre ist gelöst, es wird gelacht, eine verlockende Stimmung. Ihr Brötchen zum Kaffee frühstückt Ursula Heil dennoch unter ihresgleichen. „Wir könnten Kontakt aufnehmen.“ Doch das Lächeln der dreifachen Mutter einer laufverrückten Familie aus Radebeul verrät: sie traut sich nicht. Was schüchtern wirkt, ist auch eine Geste des Respekts. Es geht um Ruhe, Abgeschiedenheit, wie gesagt.

Da ist eine kurze Trainingsunion am Freitag vorm Rennen das höchste der Kontaktgefühle. „Aber allein das ist es wert“. Uli Banholzer begutachtet die Dehnübungen der sehnigen Profis, die seine Trainer auf Anfänger wie ihn übertragen, nicht eins zu eins, also abgespeckt, aber immer noch erschöpfend. Dafür hat der Volkswirt eine Woche frei genommen, 800 Euro gezahlt und vorab sein tägliches Pensum gesteigert. Er nimmt viel auf sich für eine Ahnung echter Professionalität, für einen Schnupperkurs in Sachen guter Vorbereitung. Für etwas Theorie und viel Praxis, drei Gratis-Trikots und einen abschließenden Trainingsplan. Alles für seinen ersten Marathon. Für die Fitness. Und den Schmerz.

Langläufer sind eine eigentümliche Spezies. Sie leiden nicht, um zu laufen, sie laufen auch fürs Leid, auf dem Weg zum Runner’s High, dem hormongefluteten Hochgefühl, wenn bei Kilometer 36 die Strecke zum Fließband wird und alles plötzlich ganz leicht. No pain, no gain, so denken auch Ursula Heil, Uli Banholzer, die anderen. Es ist das Mantra der Ausdauer und hier, in der dünnen Almluft, ist beides, die Qual wie die Früchte, gewiss. Auch wenn letztere für Außenstehende diffus bleiben.

Das Thermometer zeigt 32 Grad, als Huber Rossi zum Training bittet. Drei Kilometer schattenlose Straße, leicht, aber stetig bergauf. Zum Warmwerden. Warmwerden! Es herrscht Schweigen. Nur Paolos „Macchina“ bricht es bisweilen, wenn er vor einem der seltenen Lieferwagen auf der autofreien Alm warnt. Nach kurzem Stretching die Steigerung: gleiche Distanz durch den Wald, über Stock und Stein zur nächsten Almhütte, einer von Hunderten auf knapp 60 Quadratkilometern Fläche, für jeden Tag eine, wie man hier sagt. Doch für keine hat man einen Blick übrig, wenn nach den ersten 200 Höhenmetern die Oberschenkel brennen, wenn bei 100 weiteren die Lunge lodert und zwei Kilometer überm Meer das Ziel erscheint, ohne Erleichterung zu bringen. Bei 20 Prozent Steigung. „Dass Beine so schwer werden können…“ sagt Uli Banholzer keuchend. Und lächelt.

Doch selbst jetzt sieht er nicht wie 34 aus. Und bei der braun gebrannten Ursula Heil liegt schon mal um ein Drittel daneben, wer ihr Alter schätzt. Laufen hält jung. Besser: Körperfett macht alt. Und davon haben sie wenig in der Haut, im Blut. Das wurde zu Wochenbeginn gemessen. Dazu Herzfrequenzen, Laktatwerte, „anthropomedizinische Parameter“, mit denen man im Alltag wenig anfangen kann, bei Steigerungsläufen auf Höhe zäher Schneereste dafür umso mehr. Auf der Seiser Alm erfahren die Laien, was Intervall-Training ist, der effiziente Wechsel aus Steigern und Entspannung. Es sind neue, hilfreiche Erfahrungen und doch reden Amateure heute ganz selbstverständlich von anaerober Schwelle und Hypoxie. Sie kontrollieren Herzfrequenz und Position, ihre Handgelenke tragen schwer an GPS-Ortungssystem und Pulsmesser.

Auch beim Finale, dem „Seiser Alm Running“, sind sie allgegenwärtig. Die Kenianer machen mit beim schwierigen Rundkurs, mehr zu Showzwecken als auf Sieg, aber immerhin; auch wenn sie statt Startnummern ihre Bestzeiten auf den Rücken tragen. Beim Straßenmarathon würde so ein Starterfeld locker eine Million Euro kosten, sagen die Veranstalter, allein an Startgeld. „Einmalig.“ Das Beste der globalen Szene beim Berglauf in einem Ort namens Compatsch, ohne Supermarkt, ohne Post oder Arbeit abseits vom Tourismus. Nur zahllose Tagestouristen, 20 beschilderte Rundkurse des brandneuen „Running-Parks“ und dieser Lauf.

Uli Banholzer hängt sich Silas Rutto, dem Nachwuchsmann, an die Fersen. Seine Zeit ist solide wie sein Zustand im Ziel, der erste Marathon kann kommen. „Desch mach ich wieder“, sagt er noch, als die Unerreichbaren ringsum Trikots signieren. Dann verliert er sich im Feld der 250 Teilnehmer, wirkt aber nicht halb so verloren wie sechs chinesische Marathonjuniorinnen, der wahrhaft exotische Teil vom Laufzirkus des Dottore. Und von irgendwo ertönen Alphörner.

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