Liebes-Aus & Python live

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21.-27. Juli

Wenn die Nachrichten partout nichts Positives vermelden, wenn Katastrophen durchs Sachfernsehen rauschen wie Banalitäten durchs private, wenn das Sommerloch nur mit Grauen und Gewalt gefüllt wird – hilft oft nur Humor, um unsere Spezies zu ertragen. Also hat der Postillion den Nahostkonflikt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, und was angesichts des Leids, das die „Tagesschau“ täglich von dort vermeldet, geschmacklos klingen mag, verdeutlicht den Irrsinn dieser Welt einfach besser als manch ernste Reportage.

Schließlich reißen die bad news allenthalben auch medienintern nicht ab. Nach Karl-Heinz Böhm sind vorige Woche auch Dietmar Schönherr, Manfred Sexauer und James Garner gestorben. Am Übergang vom schwarzweißen zum Farbfernsehen haben sie ihr Medium ungeheuer bereichert – Schönherr ums Raumschiff Orion und die Talkshow, Sexauer um Pop’n‘Rock’n‘Roll und Garner um den Siebzigerjahre-Schnüffler Rockford. Im Rückblick bezeugen alle, dass früher eben doch manches ein bisschen besser war.

Passenderweise löste das ZDF seine Redaktion „Event und Show“ auf, weil es ihm mit dem Frisieren unliebsamer Zuschauervoten zu bunt wurde. Und dann verkündet die ARD auch noch das Ende von Verbotene Liebe. Für anspruchsvolle Zuschauer mag das beklagenswert klingen wie ein globales Verbot sämtlicher Schnellfeuerwaffen. Für die anspruchsvolle Literaturkritikerin Elke Heidenreich stellt das Ende ihrer Lieblingssoap Anfang 2015 hingegen nicht weniger als eine Katastrophe dar. „Nirgends gibt es Vergleichbares“, schrieb sie in der Süddeutschen. Begründung: „Die Schauspieler sind durchweg gut“ und machen ihre Sache – angeblich wie die Autoren – „mit Leidenschaft ganz fabelhaft“.

Da dürfte es zwar durchaus abweichende Meinungen geben; doch die Tatsache, dass eine bewusst überdrehte Adelssaga mit solider Fanbasis und gewaltigem Online-Zugriff aus Quotengründen abgesetzt wird, lässt die Kabarettistin zu recht fragen: „Kann man Fernsehdirektoren abwählen?“ Kann man nicht. Auch wenn die „Bild“ das gerne würde und dafür eins ihrer beliebten Lügenkonstrukte unter die schafsgleiche Leserherde streut. Diesmal über vermeintliche Kürzungen beim Tatort, die das Springerblatt mit dem erstaunlichen Paradoxon garniert, gegen Fernsehgebühren und deren sparsame Verwendung gleichermaßen zu agitieren.

TV-neuDie Frischwoche

28. Juli – 3. August

Wie zum Beweis gibt es Sonntag anders als geplant keinen neuen Tatort, sondern einen alten. Aus Köln. Von 2011. Was die Bild abermals auf die Palme bringen dürfte. Von wegen: Nix als Wiederholungen für unser GEZ-Geld. Wobei die naturgemäß das Karma der Sommermonate sind. Und wenn es mal bemerkenswerte Erstausstrahlungen gibt, dann eher auf den abseitigen Plätzen. Bei Arte zum Beispiel, wo heute der Dildo sein filmisches Denkmal erhält. Die britische Komödie In guten Händen schildert den Ursprung des Vibrators nämlich nicht voyeuristisch, sondern mit viel Gefühl für den Umgang mit weiblicher Sexualität vor 134 Jahren.

Weniger Humor, dafür noch mehr Realismus zeigt dagegen der ARD-Mittwochsfilm Männertreu. Ein Verleger (Matthias Brandt) wird darin von einer ehrgeizigen Politikerin (Margarita Broich) zum Bundespräsidenten aufgebaut. Das sorgsame Schlittern in private wie berufliche Katastrophen, hebt das Politdrama geradezu auf skandinavisches Niveau. Weniger Realismus, dafür viel mehr Humor hat die Romanze Offroad, in der das ZDF am Donnerstag neben Nora Tschirner und Elyas M’Barek auch sonst viel Bezug zur nachwachsenden Zuschauerschicht aufbaut. Passend dazu startet dort morgen Nacht mit Shooting Stars eine weitere Plattform für junge Regisseure – wenngleich Alex Schmidts Auftakt „Du hast es versprochen“ um zwei Schulfreundinnen, die am Ort ihrer Kindheit Abstand von der Realität gewinnen wollen, zwar atmosphärisch beginnt, aber banal endet.

Dennoch: so viel Platz für Neues räumen die Platzhirsche sonst nur auf ihren Spartenkanälen frei. ZDFneo zum Beispiel, wo ab Samstag der Gewinner des TV-Labs läuft. Er heißt Tohuwabohu und macht den öffentich-rechtlichen Endlosversuch, junge Zuschauer zu gewinnen, zum Inhalt einer Sendung, in der Promis eine Kinder-Jury überzeugen sollen, wer sie besser unterhält. Das ist zwar auch nicht der Stein der Entertainmentweisen, hat aber im ersten Ton der Auftaktmelodie mehr Esprit als Sat1 in 60 Minuten Neuauflage der schlichtesten Show aller Zeiten: Deal or no Deal. Ab Mittwoch moderiert Wayne Carpendale Guido Cantz’ abgenudelten Versuch, Boxen mit viel Geld unter Boxen mit wenig Geld ziehen zu lassen.

Dagegen könnte RTLs Reanimierung von Thomas Gottschalk als Moderator von 60 Jahre Rock & Pop am Freitag glatt unterhaltsam werden. Da selbst Populärkultur beim Kulturkanal besser aufgehoben wäre, sei aber doch lieber der nächste Teil vom Summer oft the 90s auf Arte empfohlen, der sich Sonnabend Boy- und Girlgroups widmet (22.05 Uhr) und tags drauf dem Aufstieg und Fall von MTV (21.55). Total Entertainment heißt die Klammer. Sie gilt quasi auch dafür, was Arte Mittwoch zuvor liefert, das wahre Highlight der Woche nämlich: Monty Python live (mostly), die umjubelte Rückkehr der Anarchokomiker nach 32 Jahren Bühnenabstinenz. Kein Feuilleton, das davon nicht geschwärmt hatte.

So wie 1955 über den Tipp der Woche geschwärmt wurde: Die Ratten, Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD), Robert Siodmak Verlegung von Gerhard Hauptmanns wilhelminischen Sittengemälde über Reichtum und Armut in die 50er Jahre.

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