Paul Kemp: Psychotricks & Trickpsychologie

Hilfe!

Zu Kommissaren, Anwälten und Ärzten gesellt sich seit einigen Wochen auch der Sozialarbeiter Paul Kemp. Mit der Realität hat Harald Krassnitzer als Mediator genannten Streitschlichter im braunen Cordanzug wenig zu tun, aber darum geht es der ARD am Dienstagabend auch nicht. Schade.

Von Jan Freitag

Mediatoren sind scheue Wesen. Zur Konfliktlösung irgendwie zerrütteter Parteien engagiert, halten sie sich berufsbedingt im Hintergrund. Schließlich sollen Mediatoren vermitteln, nicht mitmischen. Bis auf Paul Kemp. Paul Kemp ist ein Mediator, dessen Understatement meist auf seine sandfarbenen Cordanzüge beschränkt bleibt. Aus den Streits, die er als Moderator doch schlichten soll, hält sich dieser geübte Streitschlichter aus Wien demzufolge nie vollends raus. Im Grunde genommen ist Paul Kemp also gar kein richtiger Mediator, er ist Beteiligter. Aus ethischer, moralischer, professioneller Sicht erscheint das allerdings ziemlich egal: Paul Kemp schlichtet schließlich im Fernsehen.

In der ARD zumal. Und dann auch noch dienstags um 20.15 Uhr, wo putzige Nonnen sonst so glaubhaft wie lautstarke Raumschiffschlachten katholisches Klosterleben simulieren. Kein Wunder also, dass Paul Kemp mit der Realität ähnlich wenig zu tun hat wie weltliche Gottesdienerinnen im heiteren Dauerclinch mit einem selbstgerechten Bürgermeister namens Wöller. Fernsehen eben, Stromlinienfernsehen, die abendliche Dosis Eskapismus. Die jedoch schmeckt ein bisschen bitter, wenn sie 13 Episoden lang vermeintlich realer Grundlage beruht.

Erlebt hat die mal ungewöhnlichen, mal alltäglichen Fälle zwischen Beziehungskrise, Firmenmobbing und außergerichtlicher Einigung nämlich ein gewisser Ed Watzke, der aus 20 Jahren Berufserfahrung als Mediator ein gut gehendes Buch gemacht hat, bevor ORF und MDR auf ihn aufmerksam wurden. Es soll also ziemlich tatsachengetreu zugehen, wenn Watzkes Alter Ego Kemp gleich in Folge 1 erst einen medizinischen Kunstfehler psychisch begradigt, sodann das Doppelleben der beteiligten Ärzte zurechtrückt, zwischendurch einen Kollegen vorm Untergang bewahrt, nebenbei die eigene Ehekrise samt Pubertät des Sohnes anpackt und zwischendurch noch ein paar seiner persönlichen Defizite.

Aber Tatsachen spielen naturgemäß die zweite Geige, wenn das Erste den Alltag von seiner leichten bis seichten Seite zeigt. Dann darf dieser Paul Kemp Klienten „feiger Hund“ nennen und mit eigenen Privatgeschichten behelligen, dann darf er juristisch komplizierte Schadensersatzfälle in drei Minuten zum Wohlgefallen der Streithähne verhindern und danach praktisch alle Mandanten bei sich übernachten lassen. Weil dazu nahezu jede Pointe mit süffigem Klaviergeklimper angekündigt wird (das immerhin den noch süffigeren Frank-Duval-Gedächtnissound kurz durchbricht), weil jedes Auto wie auf diesem Sendeplatz üblich das jeweilige Sozialverhalten exakt symbolisiert (Hauptfigur: Oldimer; Fiesling: Cabrio; Mittelstand: Golf), weil das Klischee hier so grundlegend für die Handlung ist, dass sogar Computer-Nerds noch aussehen, wie anspruchsvolle Kostümbildner sie schon seit 15 Jahren nicht mehr anziehen, aus all diesen Gründen gibt es eigentlich nur einen Anlass, diese Serie weiter zu verfolgen. Und das ist Paul Kemps Darsteller.

Harald Krassnitzer.

Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Abendprogramm schafft es der Österreicher aus dem Salzburischen, die Widersprüche unseres Gesellschaftssystems allein durch die Aura seiner Augen zum Ausdruck zu bringen. Wie sie gleichsam lachen und weinen können, wie sie Sarkasmus und Melancholie zwischen zwei Lidschläge packen, kommentiert der abgedankte „Winzerkönig“ und amtierende „Tatort“-Kommissar den Aberwitz um seine Filmfigur Kemp in einer Lässigkeit, die sie erträglich, ja unterhaltsam macht. Und die im Nebeneffekt auch noch das zuweilen miserable Drehbuch mit dem denkbar debilen Untertitel Alles kein Problem ein wenig mildert.

So schafft es der gelernte Speditionskaufmann von 53 Jahren fast im Alleingang, dass sich ein ziemlich neuer Berufszweig des Serienpersonals ein Stück weiter in den Vordergrund spielt: Standen dort früher nämlich fast ausnahmslos Ärzte, Juristen, Ermittler und ein paar Geistliche auf der Besetzungsliste ganz oben, machen sich zusehends soziale Berufe auf dem Bildschirm breit: Lehrer (die nicht mehr unbedingt Specht heißen), Psychotherapeuten (etwa In Treatment), dazu Sozialandroiden (Real Humans), zuletzt Elena Uhlig als Familiendetektivin und nun also Paul Kemp.

Der muss sich in den nächsten zwölf Folgen nur noch so verhalten, als wäre er ein richtiger Mediator. Dann hält man nicht nur das Stammpublikum von Um Himmels Willen am angestammten Sendeplatz, sondern zollt Harald Krassnitzer den nötigen Respekt für das, was er kann: Das Seltsame sehr realistisch zu spielen.


Mork vom Ork & Glück von Schirach

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

11. – 17. August

Na-Nu, Na-Nu. Es waren vier Silben voll kindlicher Anmut und ehrlichem Erstaunen, die Robin Williams 1978 berühmt machten. Worte einer skurrilen Serienphantasie in bunt geringelten Hochwasserhosen, denen sich im System dreier Fernsehkanäle kaum wer entziehen konnte. In Mork von Orks striktem Bemühen, die Unterhaltungsindustrie durch bescheidenen Feinsinn zu unterwandern, waren die außerirdischen Kunstbegriffe von so simpler Schönheit, dass die zynische Berechnung des orchestrierten Irrsinns ringsum ein wenig erträglicher wurde.

Jetzt sind sie endgültig verklungen – auch wenn Mork vom Ork auf den billigen Abspielkanälen der RTL- und Sat1-Gruppe nun aufgebrüht werden dürfte wie die anderen mehr oder wenigen großen Episoden im Schaffen des notorischsten Kindes der fiktionalen Erwachsenenwelt. Robin Williams ist tot, freiwillig – so scheint es – aus dem Leben gegangen, nachdem es von Drogen, Angst und Missverständnissen ebenso geprägt war wie von grandiosen Filmrollen. Mit ihm ist ein weiterer Vertreter jener seltenen Spezies Darsteller der alten Schule gegangen, für die ihr Medium mehr war als Spielfeld. Nämlich Ausdruck von Haltung. Bedeutung. Einer Mission, dem Kalkül der Unterhaltungsindustrie wie in Williams Hochphase zur Präsidentschaft Ronald Reagans etwas Herzenswärme entgegenzusetzen.

Womit wir auf der bösen Seite der Macht wären, wo der kalt kalkulierende Vorstandschef Thomas Ebeling die keimfreien Sender seiner Pro Sieben Sat.1 Media AG zur hirntoten Sterilität gemanagt hat. Eben dafür aber genehmigt er sich nun 23,4 Millionen Euro Bonus, was sich nicht mal die meisten Dax-Bosse auszuzahlen trauen. Zumal die Erfolgszulage ignoriert vollends, dass Ebelings Programm seit seinem Antritt 2009 mehr denn je reines Werbeumfeld ist. In dieses Kalkül passt ein unaufdringlich grandioser Bastian Pastewka weit weniger als die selbstgefällig überdrehten Joko und Klaas. Es geht um Klicks und Quote, nie um Inhalt, gar Anspruch.

Da die Öffentlich-Rechtlichen in dem Rattenrennen um Aufmerksamkeit längst Tuchfühlung aufgenommen haben, ist es eine Nachricht von großer dialektischer Tiefe, dass Alexander Bommes gerade befördert wurde. Der fast schmerzhaft sympathische Ex-Handballer moderiert in der ARD fortan alles an erster Stelle, was mit Spitzenfußball zu tun hat. Dabei ist Bommes eigentlich zu wenig opdenhövelsch auswendigspontan, zu wenig popstaatsmännisch beckmannesk für solche Hochämter. Aber er ist eben auch zu kompetent, um ihn in der geriatrischen Quizgeisterbahn der Dritten Programme für seichte Samstagabendshows zu trainieren.

TV-neuDie Frischwoche

18. – 24. August

In diese Einbahnstraße ist schließlich auch mal ein gewisser Jörg Pilawa unfreiwillig geraten. Ebenso eloquent, aufgeweckt, freundlich und klug wie Bommes, galt der nette Hamburger Jung ja auch mal als Multitalent für größere Aufgaben, mithin als möglicher Nachfolger Gottschalks in der rot-grünen Ära. Nun vergeudet es der Hamburger Jung für Formate wie Quizonkel.TV, dessen innovatives Potenzial sich ab Donnerstag im Ersten darin erschöpft, dass die acht Promis darin eigenes Geld für gute Zwecke verspielen. Wobei es schon mit dem Teufel zugehen müsste, wenn die nicht wieder was mit Kindern zu tun haben.

Weil die Primetime mit Konsensformaten für Anspruchsreduzierte verstopft ist, muss man für wahrhaft Sehenswertes also länger aufbleiben. Dienstag um 22.45 Uhr läuft zum Beispiel Glück, Doris Dörries’ Adaption von Ferdinand von Schirachs Bestseller über den Obdachlosen Kalle (Vinzenz Kiefer), der sich in eine osteuropäische Prostituierte verliebt. Die ausgewogene Balance zwischen Rührung und Realismus kippte dem ZDF wohl doch zu arg in letzteren, um eine publikumsfreundliche Sendezeit freizuräumen. Wir wollen aufs Meer, Toke Christian Hebbelns DDR-Drama dreier Freunde (Ronald Zehrfeld, August Diehl, Alexander Fehling), die ihr Fernweh bei der Handelsmarine lindern wollen und vom Warten ernüchtert der Stasi beitreten, passt eigentlich perfekt auf die 20.15 im Ersten, läuft aber zweieinhalb Stunden später.

So wie tags drauf die immens wichtige Dokumentation Wem gehört die Stadt. Wer begreifen will, wie Profitinteressen den Lebensraum Berlin ungeachtet aller Wünsche seiner gemeinen Bewohner umgestalten, muss also die zwei Serien zuvor abwarten. Noch etwas länger wach halten sollten sich Fans vom gefilmten Fußballmagazin 11 Freunde. Zwei Tage vorm Bundesligaauftakt Wolfsburgs in München (Freitag, live, ARD) zeigt der RBB ab Mittwoch die Randaspekte des Milliardengeschäfts erst um elf Uhr nachts. Dafür läuft der Tipp der Woche am heutigen Montag gleich nach den Abendnachrichten im BR: Münchner Geschichten des unreifen Schlawiners Tscharlie (2. Teil: Mittwoch), gedreht von einem Regisseur, der 1974 noch völlig unbekannt war: Helmut Dietl. In einer Ära, als Peter Scholl-Latour gerade zum wichtigsten deutschen Fernsehkorrespondenten aufgestiegen war. Vorige Woche ist er mit 90 gestorben.


Reisereportage: Polo im Schlosshotel

polo-pferd-gut-ising-hut-180xVarElitenbreitensport

Polo ist aristokratisch wie die Treibjagd. In einem Schlosshotel am Chiemsee öffnet man sich dennoch der breiten Masse – zerlebriert aber weitherin die feinen Unterschiede.

Von Jan Freitag

Man findet heute viele Beispiele dafür, dass Kleider keine Leute machen. Luxusmarken gibt es auch von der Stange, vorsätzlich zerlumpter Radical Chic hat rote Teppiche und Designerlofts erobert. In Blankenese sitzt die Popperlocke kaum fester am Scheitel als in Marzahn. Selbst das Polohemd ist kein sicheres Unterscheidungsmerkmal mehr für Ursprung, Dasein, Ziel des Trägers. Es sei denn, man weiß es zu tragen. Und dieser Mann weiß es.

Knallpink leuchtet sein Shirt mit dem gerippten Kragen. “St. Moritz Polo World Cup on Snow” steht darunter, gleich neben einem seidenen gestickten Spieler, der übers Herz reitet. Und dann der Kragen: Er ist hochgeklappt, bis ran an die eisgraue Nackenwelle des sorgsam gegelten Haars. So sieht er aus: der echte Polohemdträger beim echten Polohemdereignis, das – Überraschung! – Polo heißt. Polo ist ein Wettkampf zweier Viererteams, die, auf Pferden sitzend, mit innerörtlicher Höchstgeschwindigkeit kleinen Plastikkugeln über ein 274 Meter langes Feld hinterherjagen und sie gelegentlich in ein fußballtorbreites Gehäuse hämmern. Vor allem aber ist Polo die aristokratischste aller Sportarten und wird in Sachen Distinktionsgewinn allenfalls übertroffen von der Treibjagd.

Wir befinden uns auf einem zauberhaften, weltentrückten Flecken inmitten der oberbayerischen Bauernwelt, auf Gut Ising. Hier findet die “Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal 2014” statt, wobei “Medium” eine Art Handicap teilnahmeberechtigter Spieler beschreibt. Das Landgut, auf dem dieses Poloturnier stattfindet, ist gut 1.200 Jahre alt, und es gibt ähnlich alte Riten wie im Polo. Hier raucht die Klientel noch Dunhill. Spreizt kleine Finger ab. Trägt Wildlederslipper. Die Uhren sind Chronometer, die Autos Karossen, die Taschen wirklich von Louis Vuitton und die Kinder Orgelpfeifenensembles mit hochgeschlagenen Polohemdkragen. polo-pferd-gut-ising-trachten-180xVar

Andernorts mögen Luxushotels ihren elitären Ruf abzuschütteln versuchen. Auf Gut Ising wird seit 100 Jahren ein Ambiente der Abschottung konserviert. Es gibt Biedermeiermöbel und Eichendielen, rissige Ölgemälde früherer Gutsherren und Originalradierungen “Österreich-Ungarischer Bauernhöfe”. Auch im 21. Jahrhundert weht ein Hauch von K.u.K.-Historie durch Gut Ising. Im Herzen mächtiger Stallungen mit Reithalle, Poloschule und Golfplatz kann man hier in Spa-Suites nächtigen, Suites mit Whirlpool, Lichtsauna und Flachbildschirmen, so groß wie Bettvorleger. Die Moderne wird hier also nicht verleugnet, aber es gibt doch auch diesen Gestus distinguierter Rückständigkeit, dafür sorgen Angestellte in Dirndl oder Janker. Sie lächeln aristokratischen Dünkel ebenso versiert weg wie die Verlorenheit jener, die hier nicht hergehören, sei es wegen des Kontostands, sei es, weil sie sich nicht hierher gehörig fühlen.

Leute wie Gerhard Mayr aus dem benachbarten Mühldorf. Der Selbstständige ist zwar kein Fremdkörper – sein Metier sind Schuhe, wenngleich günstige. Dennoch fremdelt Mayr leicht im Polo-Betrieb. “Irres Spiel”, sagt er, als ein Reiter vom Team mit dem Sponsorennamen Emirat das Siegtor schießt, “aber wer spielt sowas bloß?” Die Antwort ist: Leute, die sich bis zu sieben Pferde plus Unterhalt, Pfleger, Transport leisten können. Leute, sagt Moderator Thomsen aus der Polo-Hochburg Hamburg, “die wie ich diesen Sport lieben”. Und die “5.000 Euro pro Pferd” aufwärts übrig haben, die einfach nötig sind, will man ihn mit Ehrgeiz praktizieren. Thomsen, selbst Spieler, lächelt mild: “Das kann man sich doch leisten.”

So ticken hier viele, die sich und ihr Polo erklären. Zu gern möchte der Sport in die Breite wachsen wie zuletzt Golf. Dafür ist der Eintritt hier frei, sofern man kein VIP-Bändchen beansprucht. Dafür gibt es Kinderschminken, Bratwurst, Spieler hautnah. Als die einlaufen, werden sie von luxuriösen Sport- und Geländewagen eskortiert. Jens Thomsen ist Immobilienmakler. Überhaupt gibt es hier reichlich Architekten, Ärzte, Manager mit und ohne Adelstitel. Polo stellt sich hier dann doch eher als Breitensport für eine sehr spitze Zielgruppe dar.

Das Polohemd ist hier Freizeitdress wie Uniform gleichermaßen, für Erwachsene als Alternative zum Businessanzug, für Jugendliche als Alltagstracht – wie im Schlossinternat nebenan mit den schneeweißen Zinnen und dem Parkplatz voller anthrazitfarbener SUVs. Am Finaltag aber, während die nationale Poloelite um Ruhm und Pokale reitet, zeigt sich die regionale Standeselite von ihrer volkstümlichen Seite, ohne die standesgemäße zu vernachlässigen. Bevor Moderator Jens Thomsen die VIPs – das sind die mit dem entsprechenden Bändchen für 100 Euro, so viel feiner Unterschied muss sein – in der Pause zu Saibling aus dem nahen Chiemsee und Schaumwein aus der fernen Champagne lädt, bittet er sie zum Divot Stomping.

So treten nun Frauen mit großen Hüten das ramponierte Grün für die zweite Halbzeit platt, und ihre Stilettos, Thomsen grinst, “vertikutieren sogar noch den Rasen”. Man macht sich also durchaus schmutzig. Nicht so schmutzig wie die Aktiven in den weißen Hosen im Kontaktsport Polo, aber schmutziger als üblich in diesen Kreisen.

Als der Himmel zum Abschluss des Tages seine Schleusen öffnet, sitzt Gerhard Mayr, der Zufallsgast ohne eigene Pferde, bereits im Trockenen. So wird auch das Polohemd seines Sohns nicht nass. Auf der Brust der ortsübliche Polospieler. Wenn er ein solches Hemd trage, “musst du dir das auch mal ansehen”, habe der Vater vorab gesagt. Aber wenn das Outfit auch noch so gut passt: Spielen tun weiter andere.

Der Text ist zuvor erschienen http://www.zeit.de/reisen/2014-08/polo-bayern-gut-ising


Falscher Thommy & echte Kampusch

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

4. – 10. August

Die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion ist in der Medienmoderne immer schwerer zu ziehen. Gerade im Entertainment bedarf es da schon eines genauen Blicks, besser noch dezidierten Hintergrundwissens, um die kleinen Betrügereien von Film und Fernsehen zu erkennen. Falsche Realität verkleidet sich hinter wackelnden Kameras zuweilen so geschickt als Mockumentary, dass bis heute viele an die Hexe in Blair Witch Project glauben. Privatsender bemühen sich mit ihrer Scripted Reality schon weit weniger um Glaubhaftigkeit, täuschen aber dennoch Millionen ihrer naiveren Zuschauer. Und dass dies selbst mit dem abgebrühteren Stammpublikum der Öffentlich-Rechtlichen möglich ist, belegte zuletzt die Schauspielsimulation von Daniela Katzenberger, der die nun ARD (gottlob) eine Fortsetzung des Pfalz-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch versagt. Oder die Betrügerei bei Kerners angeblich Besten, die sich gerde im NDR wiederholt hat. Vielleicht erklärt das die Chuzpe, mit der das Boulevardblatt Bunte vorige Woche Gottschalks Rückkehr zu Wetten, dass…? vermeldete.

Dass sich der arg offensichtliche, rasch dementierte Fake trotzdem mehr als einen Tag im Netz gehalten hat, zeigt jedoch etwas anderes als die Täuschungskompetenz selbst seriöser Medien im Bannstrahl der Erregungsökonomie: Dass der Exhumierung eines Unterhaltungsfossils so kurz nach seinem Abschied auch nur theoretische Wahrhaftigkeit beigemessen wird, heißt ja nur, dass man dem ZDF mittlerweile praktisch jede Art programmatischer Restauration zutraut. Es hätte sich also niemand ernstlich gewundert, wenn der Thommy seine lieb- und leblose Musikrevue auf RTL zugunsten der geliebten Wettcouch verlassen hätte.

Er wäre mit offenen Armen, respektablen Quoten und nicht zuletzt: fürstlichem Honorar empfangen worden. Schließlich wird simple TV-Unterhaltsamkeit längst höher dotiert als Nobelpreise, Firmenleitungen, Kanzlerschaften. Dafür lohnt sich ein Blick auf den übersteuerten US-Markt. Dort stoßen die drei Hauptdarsteller der beliebten, keinesfalls weltbewegenden Pro7-Sitcom The Big Bang Theory gerade in die Gruppe jener Serienstars vor, die eine Million Dollar verdienen. Pro Folge! Angesichts von 650.000 Dollar, die eine Werbeminute solcher Formte erzielen kann, klingt das gar nicht mal so unverhältnismäßig. Das Lebensgehalt eines Handwerkers für 45 Minuten Hintergrundlachervordergrund auch nur in Erwägung zu ziehen, grenzt aber doch spürbar an Größenwahn. Einer, der von dem eines Rupert Murdoch, dessen Übernahmeangebot von 80 Milliarden Dollar Time-Warner zum Glück abgelehnt hat, nur noch drei, vier Nullen entfernt ist.

TV-neuDie Frischwoche

11. – 17. August

Eine andere Form von Größenwahn bildet Mittwoch die Basis der ARD-Koproduktion 3096 Tage. Thure Lindhardt spielt darin den österreichischen Sklavenhalter Wolfgang Prokopil, der seine perversen Allmachtsphantasien an Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) auslebt. Es ist ein gelungenes, düsteres Stück realer Fiktion, die erstaunlicherweise nie auf Tränendrüsen drückt. Schade, dass es erst um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird. Weil es allzu starker Tobak für die Primetime ist. Aber auch, da das Erste seine Topsendzeit gern für freundliche Komödien freiräumt – sogar, wenn es wie die Ruhrpottkomödie Das Millionen-Rennen mit Peter Lohmeyer und Axel Prahl als Taubenzüchter Wiederholungen sind.

Ist vielleicht auch mal ganz angenehm, wenn einem der Filmmittwoch nicht dauernd Kindesmissbrauch und ähnliche Schläge in die Magengrube verpasst. Einerseits. Andererseits ist die Großwetterlage der ARD ja schon an den restlichen Tagen meist wolkig bis heiter. Wie am Montag, wo Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot) erneut sein Gespür für humoristischen Provinzialismus auslebt. In Wer’s glaubt wird selig versucht Gastwirt Georg (Christian Ulmen) seine verstorbene Schwiegermutter (Hannelore Elsner) mit ein paar falschen Wundern heiligsprechen zu lassen, damit sein zusehends schneefreier Wintersport- vom vatikanischen Priester (Fahri Yardim) als Wallfahrtsort anerkannt wird. Ebenso witzig, nur noch skurriler ist am gleichen Abend Puppe, Icke & der Dicke, wo es eine Blinde, ein Stummer und ein Kleinwüchsiger miteinander zu tun kriegen. Das Personal des Roadmovies lässt zwar reichlich Fremdscham befürchten. Doch siehe da: die vielen Preise fürs Regiedebüt von Felix Stienz gab es völlig zu recht.

Schade, dass es dafür vom ZDF die bemitleidenswerte Sendezeit um 0.30 Uhr gibt. So was könnte King Fußball nie widerfahren – ganz gleich, wie belanglos seine Spiele sind. Der Teufel scheißt daher diese Woche gleich zweimal auf gut gefüllte Haufen, ohne dass es sportlich um irgendwas Bedeutsames ginge: Dienstag beim Uefa-Supercup Madrid gegen Sevilla (ZDF), Mittwoch beim DFB-Supercup Bayern gegen Dortmund. Ansonsten steht die Woche vorm Bundesliga-Start im Zeichen wirklich wichtiger Wettkämpfe: Den Europameisterschaften in der Leichtathletik und im Schwimmen. Nicht ganz so wichtig ist dagegen das Ringen 15 leidlich bekannter PR-Figuren in Promi Big Brother, deren Containerbewohner niemand mit mehr als dem Intellekt einer Erdbeerbowle je kennenlernen möchte.

Zum Ausgleich für so viel Stumpfsinn empfiehlt sich eine Perle der Dokumentarfilmkunst – auch weil sie das Dokumentarfilmen selbst zum Thema hat. Montag nach der „Tagesschau“ zeigt 3sat Deutschland filmt. Eine zweiteilige Zeitreise durch ost- und westdeutsche Homevideos auf Super8 zwischen Ungarn-Urlaub und Platten-Alltag, die durch unbedingte Authentizität bezaubert. Irgendwie auch authentisch, am Ende aber eben doch Fake wie eingangs erwähnt ist der Tipp der Woche, Dienstag um 22 Uhr (BR): A Hard Days Night, bei der die Beatles 1964 brüllend komisch ihr Studio suchen, dicht gefolgt von einem schönen Porträt über George Harrison.


Judith Rakers: Sachlichkeit & Glamour

Keine Pfauenräder

Seit neun Jahren spricht Judith Rakers die Tagesschau, halb so lang leitet sie an der Seite von Giovanni di Lorenzo den NDR-Talk 3 nach 9. Und seit die schöne Vollblutjournalistin aus dem eher glanzlosen Paderborn auch noch den glamourösen ESC in perfektem Französisch präsentierte, ist klar: Diese Frau kann beinahe alles. Außer kochen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Rakers, sind sie naturblond?

Sie als Blatt für Intellektuelle sprechen mich als erstes auf meine Haarfarbe an? Ja, ich bin blond, hab aber auch ein paar helle Strähnchen. Warum fragen Sie.

Spielt das Äußere in seriösen Formaten wie Tagesschau und 3 nach 9 eine Rolle?

Wäre es so, würde ich meine Haare eher dunkel färben, weil das Blonde bei Frauen noch immer mit Vorurteilen behaftet ist; meine Haarlänge und -farbe gilt manchen sogar als kommerziell, da wurde mir auch schon  nahe gelegt, sie kurz zu schneiden.

Auf die Nachrichtensprecherinneneinheitslänge in Kinnhöhe.

Richtig. Aber auch dem habe ich mich verweigert, obwohl es angeblich seriös wirkt. Hätte ich von Anfang an Boulevardjournalismus gemacht, hätte die blonde Schublade gepasst, so nicht.

Ist das Äußere für Sie von Bedeutung.

Wir reden aber nicht nur übers Aussehen?

Keine Sorge.

Die Optik spielt natürlich eine Rolle, weil ich in einem optischen Medium arbeite. In meinem Genre allerdings ist übertrieben vordergründige Optik seit jeher eher hinderlich. Anfangs habe ich mich deshalb gelegentlich aufs Optische reduziert gefühlt, aber ich habe meine Kollegen immer rasch davon überzeugt, dass Klischees bei mir nicht passen, ohne verkrampft Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Ich bin wie ich bin und wie jeder Mensch schwer mit anderen zu vergleichen..

Auch nicht mit Charlotte Roche?

Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir sind verschiedene Charaktere, haben aber beide Feuchtgebiete, nur dass Charlotte drüber schreibt, ich nicht. Wir sind berufstätig und machen einen guten Job. Wir setzen uns wissentlich der Kritik von außen aus. Und wir sind beide medienerfahren.

Sie allerdings etwas mehr.

Im Nachrichtensektor vielleicht, aber bei Viva hat sie für ihre Interviews und Gespräche sogar den Grimme-Preis gekriegt. Ein großer Unterschied ist, dass sie es beim Feuilleton leichter hat. Auf ihrer Schublade steht: hochgelobte Bestsellerautorin, bei mir herrscht relativ große Unkenntnis über meine Person als solche. Viel mehr als die Tatsache, dass ich Nachrichten spreche ist nicht bekannt, kein Werdegang, nichts über sechs Jahre Hörfunk, die Zeitungsjournalistin zuvor, mein kommunikationswissenschaftliches Studium, dass ich für der „Brigitte“ ein Format entwickelt habe. Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, wäre bekannter, dass es auch Gemeinsamkeiten mit Frau Roche gibt.

Oberflächlich wirken Sie bodenständiger.

Sehen Sie? Falsch! Charlotte ist Charlotte. Ich arbeite da nicht an Gegenentwürfen, weder zu ihr noch zu anderen, auch nicht zu ihrem Fragestil etwa.

Was kennzeichnet Ihren?

Bisher die Sachebene. Als Recherche oder drei Minuten im Studio, mit Verteidigungsminister Jung zur Kundus-Affäre oder Regisseur Hirschbiegel zu Der Untergang. Interviews zur Person, wie sie jetzt auf mich zukommen, hatte ich in den letzten 15 Jahren seltener. Insofern verlagert sich meine Tätigkeit ein bisschen. Mein Ziel ist erreicht, wenn sich Information und Emotion gleichermaßen für den Zuschauer vermitteln. Talkshows dürfen krawallig sein, wenn der Gast es hergibt, aber auch lustig oder still. Im Idealfall gibt es Tempiwechsel. Die Interaktion macht die Musik.

Und Sie moderieren nur oder gießen auch mal Öl ins Feuer oder löschen es?

Beides. Es gibt Menschen, die muss man nur anticken und sie reden, bis man sie zügelt. Anderen muss man bei der Öffnung helfen und nachgrätschen. Die Konfrontationshaltung variiert mit den Gästen.

Sie gehen keiner aus dem Weg.

Das wüssten Sie, wenn Sie mal Interviews mit mir beim Hamburg Journal gesehen hätten. Ich bin geradezu abonniert auf konfrontative Nachfragen. Aber das ist bei mir kein Selbstzweck. Ich will nicht mich gut verkaufen, sondern die Geschichte des Gastes, seine Antworten. Wie ich dabei aussehe ist mir letztlich egal, selbst wenn das ziemlich blöd ist.

Das klingt nach Kokettieren.

Ist aber ist Professionalität. Und meine Haltung. Mich machen Interviewer wahnsinnig, die sich unablässig produzieren, sogar Marotten aneignen, das ist mir zu viel Personality-Show. Man muss gelegentlich seinen Standpunkt klären, aber keine Pfauenräder schlagen.

Sehen Sie sich gern im Fernsehen?

Das tut niemand. Gelegentlich muss es sein, schon um alle paar Monate mit einem Sprechtrainer an der Präsenz vor der Kamera zu arbeiten. In der Tagesschau steh ich zum Beispiel leicht schief. Das ist nichts Schlimmes, fällt aber auf und lenkt ab. Ich kriege da viele gut gemeinte Tipps von den Zuschauern, Wärmepflaster und so.

Ist Ihnen die zusätzliche Popularität durch die Talkshow lieb?

Was Popularität betrifft, kann ich mit zehn Millionen Tagesschau-Zuschauern nicht mehr erreichen. Und wenn ich sie meiden würde, wäre ich immer noch beim Radio.

Ist 3 nach 9 der erste Schritt ins Unterhaltungsfach?

Also eine Sendung mit Schlager oder Volksmusik mache ich sicher nie. Aber wenn mir früher Unterhaltungssendungen angeboten wurden, war das für mich unvorstellbar, weil ich mir da schlichweg blöd vorgekommen wäre. Jetzt, wo ich mit 3 nach 9 informative Unterhaltung mache, fragen viele: kann die das und meinten, ich solle lieber eine Kochsendung machen. Ich. In einer Kochsendung…

Sie können nicht kochen?

Überhaupt nicht. Außerdem müsste ich da eine Rolle spielen. Ich wäre wohl professionell genug, das irgendwie hinzukriegen. Bei 3 nach 9 muss ich das eben gar nicht erst.

Nehmen wir das Thema Lifestyle, dem Sie angeblich sehr zugeneigt sind.

Was glauben Sie, was mir da schon alles angeboten wurde. Ich mache keinen Boulevard.

Weil es Ihnen zu unseriös ist?

Nein, es ist eine Facette des Lebens. titel thesen temperamente ist am Ende auch Lifestyle, da geht’s um Kunst, Kultur, Design. Wenn ich mir bei 3 nach 9 einen Jorge Gonzalez einlade, ginge es eben nicht um seinen Job als Heidi Klums Topmodel-Juror, sondern, wie er in seiner kubanischen Heimat als Homosexueller diskriminiert wurde. So lernt man neue Facetten an ihm kennen, die mir aufgefallen sind, weil ich neugierig war, als ich bei einem Abendessen mal neben ihm saß. Außerdem ist er studierter Nuklear-Ökologe, der für seine Examensarbeit Milchproben von Kühen bei Tschernobyl genommen hat. Wer würde das von dem denken? Wer Vorurteile sät, erntet nur Oberflächen.

Sind Sie auch privat so investigativ und offen?

Also wenn ich im Zug mit jemandem ins Gespräch komme, erzählen mir Frauen schon mal ihre Kriegserinnerungen, weil sie mein Interesse spüren. Das ist kein dummes Gelaber: mich interessiert immer das „Warum“. Deshalb hab ich auch Geschichte studiert.

Interesse allein reicht nicht, man braucht sprachliche Hebel, um Menschen zu öffnen.

Und da bin ich mal gespannt, ob mein Instrumentarium ausreicht. 3 nach 9 ist nicht genau mein Ding, weil ich schon jetzt darin perfekt bin, sondern weil ich das können kann. Und wenn ich so was spüre, mache ich’s auch. Das ist mein Naturell. Ich hab mal für den NDR eine Tanzshow moderiert, als ich noch relativ neu war. Da habe ich mich die ganze Zeit von außen betrachtet und fand das schrecklich. Das muss ich jetzt auch erst mal machen und sehen, ob ich in die Sendung passe. Bei meinem Mit-Moderator Giovanni di Lorenzo sagten vor 21 Jahren viele, was will der Yuppi aus München bei unserer Talkshow, jetzt fragen das andere eben zur „Tagesschau“-Tante. Wenn man mich 2020 bei Interviews weiter zuerst nach dem Haaren, statt meinem Fragestil fragt, hab ich was falsch gemacht. Jetzt wollen wir mal sehen, wie’s läuft.

Wussten Sie schon nach Ihrer ersten Sendung, dass es das ist – Ihr Ding?

Nicht direkt, aber ich habe schon in der Sendung in mich reingehorcht und gemerkt: Das fühlt sich gut an. Ich war die ganze Zeit bei mir, kein Tunnelblick, der unter großem Druck gerade bei Live-Sendungen entsteht. Und dann noch mit sieben Gästen plus Co-Moderator; man stellt manchmal eine Frage, nur um die nächste anzuschließen und plötzlich grätscht Giovanni rein und das Konzept ist dahin. Aber ich habe mich trotzdem wohl gefühlt.

Fühlte es sich auch wie ein Casting an?

Eher wie ein Gastauftritt. Aber das Feedback war sehr positiv, also haben sich auch andere wohl gefühlt. Kritik geht mir sehr nahe, negative wie positive.

Haben Sie sich als sechste Frau an di Lorenzos Seite seit Charlotte Roches Weggang im Februar als Konsenskandidatin gesehen?

Nein. Nie.


Tohuwabohu: Kinderkram & Privatsachen

Chaos für Verhaltensauffällige

Eine Kindersendung vom KiKa zurück ins reife Programm zu holen, klingt nach einer guten Idee. Mit Tohuwabohu bietet ZDFneo samstagsmittags jedoch bloß billigem Privatpersonal eine Werbefläche und ersetzt Inhalt durch Lärm.

Von Jan Freitag

Wer heutzutage den Fernseher einschaltet, muss oft erstmal kurz einen Blick ins Bildschirmeck werfen, um die gewählte Seite der dualen Medaille zweifelsfrei zu erkennen. Gut – Privatsender von Pro7 bis RTL erkennt man zu allen Tages- wie Nachtzeiten an sensorisch übersteuerter Inhaltsweigerung; öffentlich-rechtlich jedoch surft mittlerweile selbst Arte die Casting-Welle, und sei es mit Opernsängern. ARD-Reportagen kopieren längst das aufgekratzte Jahrmarktgeschrei kommerzieller Dokusoaps. Comedians, Kerners, TV-Köche flottieren frei zwischen den Frequenzen. Kein Wunder, dass es auch bei der neuen Spielshow auf ZDFneo nur drei Dinge gibt, die noch echt nach Staatsfunk klingen: Der Moderator Schopp heißt Jochen, was eher nach Vater als Sohn klingt. Das Finale jeder Runde nennt sich seltsam fremdartig „Herausforderung“ statt wie gewohnt „Challenge“. Und dann der Titel: Tohuwabohu. Das hebräische Wort fürs fröhliche Chaos feierte schließlich schon in der Bibel Premiere und dürfte den jungen Mitspielern ähnlich bekannt sein wie „dufte“, „galant“ oder „nichtsdestotrotz“.

Nichtsdestotrotz befinden sich die kreuzbraven Lilly, Janis, Lena und Calvin aus dem rechtsrheinischen Mittelstand aber bei einem Kanal, den angehende Teenager sonst nie, nie einschalten. Umso eifriger bemüht sich der Jugendableger des Zweiten, Publikumsalter im  Durchschnitt über 50, in keiner der 45 Minuten nüchtern, sachlich, gar erwachsen zu klingen. Je zwei B- bis D-Prominente des oberflächlichen Entertainmentfachs messen sich im Bespaßen zehn- bis zwölfjähriger Kids und führen ihre vierköpfige Jury so unterhaltsam wie möglich durch wechselnde Chall…, pardon: Herausforderungen. Weil das allein aber keinen SuperRTL-Fan vorm Flatscreen hervorlockt, wanzt sich Tohuwabohu völlig ungeniert an ferne Zielgruppen heran.

Und das gleich mal in Gestalt von Ross Antony. Bei wem dieser Namen keine Alarmglocke anwirft, wer also – was bei der Stammklientel von ZDFneo nicht unwahrscheinlich ist – nie von ihm gehört hat: Antony ist ein musikalisch gescheitertes Castingprodukt, das sich seit dem Ende seiner raspelkurzen Popkarriere tuntig-schrill über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen johlt, zappelt, kreischt. Dschungelkönig ist er, Panel-Star, Raab-Inventar, solche Sachen. Und nun eben: Teilstück zeitgenössischen Kinderentertainments.

Und weil das Nachwuchsprogramm sein Publikum allerorten zusehends behandelt wie verhaltensauffällige Epileptiker vom Anspruchsdenken lerngestörter Teletubbies, tritt er nicht auf – er platzt herein und bricht gleichsam aus. Johlend, zappelig, kreischkreischkreisch. Die volle halbe Sendezeit, so unablässig, dass selbst  bei abgestelltem Ton Tinnitus droht. Wenn Rossy hört, dass er sein Zerstreuungstalent in einer Zeche belegen soll, peitscht er ein „Wow“ durch den Essener Zollverein, als hätte er dort Gold gefunden. Wenn er mit seinen Showschutzbefohlenen auf Schatzsuche geht, hagelt es „Yeahs“ wie beim Bullenzureiten. Als er das im Finale in der Tat auf einem künstlichen Tier probt, quietscht er wie ein abgestochenes Kalb.

Und die Kinder? Belohnen den Eindrucksoverkill einer Skala von 1 bis 10 stets so nah am Höchstwert, dass die nächste Kandidatin nur knapp gewinnt. Sie heißt Sonya Kraus und johlt, zappelt, kreischt sich seit ihrem Einstieg als Glücksradklappendreherin blendgranatenblond-sexy über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen. Wobei durchaus bemerkenswert ist, dass ihre Schnitzeljagd durchs Kölner Schokoladenmuseum mit abschließendem Kartrennen verglichen mit Ross Antonys Infantilitätsgewitter fast seriös anmutet.

Nicht, dass hier alles Käse ist. Angeleitet vom süffig lächelnden Turnschuhmoderator Schopp wird schon auch Wissenswertes vermittelt. Die Jungen sind artig, die Mädchen wissbegierig, nächste Woche darf eins mit Migrationshintergrund mitspielen. Dennoch sehnt sich nach fünf Minuten jeder intellektuell grundbegabte Zuschauer Michael Schanze herbei. Und ein paar Antworten auf folgende Fragen: Warum macht das ZDF so etwas? Was tragen die Kandidaten der nächsten drei Folgen vom tuntig-schrillen Topmodelsucher Jorge Gonzales bis zum schön gescheiterten Castingprodukt Fiona Erdmann zur Unterhaltung der Generation Smartphone bei? Weshalb gewann Tohuwabohu voriges Jahr das TV-Lab, mit dem ZDFneo frische Formate zur Abstimmung stellt? Welche Chancen hat dieses in einer Zeit fernsehabstinenter Teenager, die ZDF womöglich für einen amerikanischen Geheimdienst halten und das „neo“ dahinter bestenfalls für einen Einzelkämpfer in der Matrix?

Ergebnis: Nichts. Gar nichts.

Tohuwabohu wird unbemerkt, ungewürdigt, ungesehen im Orkus verpuffen und trotzdem die wachsende Erkenntnis befeuern: Den öffentlich-rechtlichen Sendern fällt mit ihren Gebührenmillionen wenig mehr ein, als sich mit kommerziellem Personal im eigenen Stammpublikum unmöglich zu machen. Und zwar so lange, bis irgendwann niemand mehr hinsieht. Also auch nicht, welches Logo grad im Bildschirmeck erscheint. Das ist nämlich irgendwann völlig egal.

Der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-08/tohuwabohu-zdf-neo-ross-anthony erschienen


Exchef Kloeppel & Grüßaugust Schropp

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

28. Juli – 3. August

Der Gaza-Konflikt, der längst ein Gaza-Krieg ist, dominiert die Nachrichten so nachhaltig, dass selbst der Ukraine-Konflikt, der längst ein Ukraine-Krieg ist, manchmal in den Hintergrund rückt. Und wie schwer es ist, dabei Haltung zu bewahren, zeigt der tägliche Medienzank um die Deutungshoheit dessen, wo Israelkritik endet und Antisemitismus beginnt. Da ist es spannend zu beobachten, wenn die eine Übelkrähe der anderen mal ins Auge hackt. Bei der bis zur Besinnungslosigkeit israelfreundlichen Bild nämlich hat die übelste von allen – Kai Diekmann – vorige Woche eine kaum minder üble – Nikolaus Fest – offen für den Satz kritisiert, der Islam störe ihn im Ganzen mehr und mehr. Nun hätte das Springerblatt, würde es alles offen kritisieren, was darin sachlich falsch oder geistig vergiftet ist, keine dicken Lettern mehr für irgendwas anderes übrig. Aber das stünde dann auf einem seriöseren Blatt Papier.

Also eher nicht auf dem von Peter Kloeppel, der seit 22 Jahren mühevoll gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anmoderiert. Als der Mittdreißiger vor zwei 22 Jahren übernahm, was der damalige Tittensender RTL so als Nachrichten verkloppte, soll Senderchef Helmut Thoma ihn ja gebeten haben, sich die Haare grau zu färben, damit es wenigstens optisch einigermaßen seriös rüberkam, was er da so an Rotlicht und Blaulicht verlas. Jetzt ist sein Haupthaar tatsächlich ergraut und noch immer müht er sich redlich, gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anzumoderieren. Und womöglich, damit ihm nicht noch mehr Pigmente flöten gehen, ist er nun von seinem Posten als RTL-Chefredakteur zurückgetreten, was angesichts der informationellen Leere beim einstigen Marktführer fast schade ist.

Wenngleich nicht annähernd so schade wie der biologische Rücktritt eines Mannes, dem die Kloeppels der kommerziellen Mediengegenwart nie, nie, nie das Wasser reichen können. Mit 88 Jahren ist Gert von Paczensky gestorben. 1961 hatte er das seinerzeit meinungsbildende Politmagazin Panorama gegründet. Sein regelmäßig auf Sendung geäußerter Satz, „nun wollen wir uns mal ein bisschen mit der Bundesregierung anlegen“, dürfte den glattgeschliffenen Anchors heutiger Prägung in den Ohren klingeln, wenn sie mal wieder Nachrichten nach Zuschauerbedarf verhökern. Wohlfeil wie Werbeblöcke.

Jedenfalls billiger als Sky seine Abos.

Denn mit der dritten Preiserhöhung innerhalb weniger Monate macht sie der Bezahlsender zumindest für gastronomische Kunden mittlerweile unerschwinglich. Abhängig vom Standort, müssen selbst winzige Kneipen nun bald 700 Euro pro Monat zahlen, was sie sich gerade in angesagten Großstadtvierteln kaum noch leisten können. Viele von ihnen bestellen das Fußballpaket daher gezwungenermaßen ab. Skys Kalkül ist klar: Weniger Public Viewing, mehr private Kunden als bisher.

TV-neuDie Frischwoche

4. – 10. August

Mehr private Kunden, weniger Stress mit Inhalten erhofft sich dagegen Pro7, wenn es wie angekündigt seine Showoffensive gegen das scheidende Wetten, dass…? startet – was allerdings furchtbar schief gehen dürfte, wenn auch die nächsten 19 Versuche ähnlich inspiriert sind wie Himmel oder Hölle, eine Quizshow mit dem dauerlächelnden Grüßaugust Jochen Schropp, der seine Kandidaten am Samstag entweder mit Wasabi füttert oder 50.000 Euro. Da scheint also weniger Esprit mehr Quote bringen zu sollen.

Weniger öffentlich-rechtliche Kunden als verdient wird es indes auch diese Woche wieder für eine Perle des Spartenprogramms geben. Auf ZDFneo, von dessen bloßer Existenz ein gehöriger Teil des hiesigen Fernsehpublikums nicht den geringsten Schimmer hat, läuft ab Dienstag um 22.45 Uhr Masters of Sex. Klingt schlüpfrig, ist es auch zuweilen, aber nicht im Kern, also krampfhaft, sondern quasi naturgemäß. Die preisgekrönte US-Serie handelt schließlich vom real existierenden Gynäkologen William Masters, der in den prüden Fünfzigerjahren das Liebesleben der Amerikaner erkundete und dabei auf Erkenntnisse wie den vorgetäuschten Orgasmus stieß, die seinerzeit unfassbar waren. Heute bieten sie Stoff für ein zwölfteiliges Kostümfest, das diese emotional bleierne Zeit mit exakt der richtigen Würze erzählt.

Ähnlich humorvoll, aber ohne irgendwas Bleiernes drumherum, gerät das Regiedebüt des Tausendsassas Florian David Fitz am Donnerstag im Zweiten. Für die charmante Romantikkomödie Jesus liebt mich hat der Frauenschwarm nicht nur das Drehbuch geschrieben; er spielt auch noch die Hauptrolle des langhaarigen Softies, der sich als moderner Heiland durch die Gegenwart schlägt. Dass am Christentum nicht alles eitel Sonnenschein ist, zeigt dagegen das Erste am heutigen Montag, 22.40 Uhr. Die Reportage Mission unter falscher Flagge porträtiert evangelikale Hardcore-Christen in Deutschland, die tüchtig Zulauf haben. Und damit es im Glashaus nicht zu sehr scheppert, schiebt die ARD sicherheitshalber Sterben für Allah hinterher, in der es – na endlich – um deutsche Islamisten in Syrien geht. So herrscht gleich wieder Parität im religiösen Irrsinn.

Dem ja auch das Genre der Fantasy nicht vollends fern ist. Filme wie Tom Tykwers Cloud Atlas etwa, den das Erste am Mittwoch erstaunlicherweise erst nach der Wiederholung des Ehegewaltdramas Kehrtwende um 22.45 Uhr zeigt. Es ist der teuerste Film, der hierzulande je entstanden ist und trotzdem (oder gerade deshalb) chronisch unterschätzt wird. Das ist dem Tipp der Woche tags zuvor im BR sicher nie widerfahren. Dominik Grafs Frau Bu lacht gilt unumstritten seit 1995 als bester „Tatort“ aller Zeiten – und hilft Süchtigen ein wenig, den Turkey der Tatort-Sommerpause zu überstehen.