Fernsehlabore & Ferresaffären

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

25. – 31. August

Die Nachwelt dürfte noch ein wenig brauchen, um irgendwann abschließend zu beurteilen, ob Klaus Wowereit für irgendetwas Dank verdient, das über die Sexiness einer Stadt hinausgeht, die 13 Jahre lang Wowis Stadt war. Eins aber hinterließ sein überraschender Abschied: Dienstagabend lief die erste Tagesschau seit der WM, in der es zum Auftakt nicht um Krieg, Tod, Verwüstung ging. Das war wirklich mal gut so.

Gut so war praktisch zeitgleich auch die Verleihung der Emmys. In L.A. nämlich regnete es den weltweit bedeutendsten auf eine Serie, die ihr Medium mehr durchgeschüttelt hat als 24, Dr. House und Sopranos zusammen: Breaking Bad. Zum wiederholten Male prämiert, bleibt Walter Whites absurde Geschichte somit vor allem: unwiederholbar. Und zugleich die Antithese zum deutschen Fernsehen, das sich im TVLab zumindest Mühe gibt, neue Wege zu gehen. Seit 2010 testet ZDFneo auf der Plattform Formate für höhere Aufgaben, sprich: bessere Sendezeiten auf wahrnehmbaren Sendeplätzen. Bis Freitag standen diesmal drei Serien zur Auswahl, von denen jedoch bis auf Jetzt ist Sense keine wirklich überzeugt hat. Dass ausgerechnet die lausigste von allen gewonnen hat, zeigt zudem, wie nah der Nachwuchssender des Zweiten seiner privaten Brachialkonkurrenz zuweilen kommt. Blockbustaz mit dem Teenystar Eko Fresh als rappender Loser dilettiert so lieblos durch ein Kölner Hochhausghetto, dass Familien im Brennpunkt verglichen damit fast anspruchsvoll wirkt.

So gesehen würde die komikfreie Kiffercomedy weit besser donnerstags zwischen die debile Paarpiepshow Adam und Eva und Was wäre wenn passen, wo Jan Böhmermann und Katrin Bauerfeindt seit voriger Woche ihr Talent dem RTL-Publikum zum Fraß vorwerfen. Weil man von beiden so viel mehr erwarten kann als billige Abischerze mit mies geskripteten Studiodialogen, ist das sogar noch ärmer als die Breaking News von der Superstarsuche: Bohlens Jury wird 2015 von niemand geringerem als Heino, äh, verstärkt. Das ist natürlich ein sehr berechenbarer Ritt auf der Erfolgswelle des rechtskonservativen Volksliedgreises im Metall verarbeitenden Gewerbe. Am Ende aber ist es ja auch der letztinstanzliche Beleg dafür, dass DSDS nie etwas anderes als Comedy war.

TV-neuDie Frischwoche

1. – 7. September

Überhaupt: Comedy. Sie prägt auch die anstehende Fernsehwoche wie sonst selten. Gleich am Dienstag gäbe es da zur besten Sendezeit welche, die eigentlich gar keine sein will und gerade dadurch irre ulkig ist. Sat1 meint es nämlich echt ernst, Veronica Ferres in Die Staatsaffäre zur Kanzlerin zu machen, die sich als ehemaliger One-Night-Stand des neuen (ziemlich schicken) Präsidenten Frankreichs erweist. Kompetent, juvenil, sportlich, sexy, modern, schlagfertig, nett, häuslich, volksnah, vermutlich alleinerziehend und überhaupt am Rande der Perfektion vollkommen – gegen die Chuzpe, Deutschlands einsilbigste Schauspielerin seit Erfindung des Schweigeklosters zur unfreiwillig komischen Fantasiepolitikerin zu machen, hat selbst der freiwillig unkomische Ralf Schmitz keine Chance. Freitag eröffnet er auf RTL sein Hotel Zuhause, in das er fortan wechselnde Gäste zur Sitcom lädt. Schwer zu sagen, ob das dann schlecht geschrieben oder noch schlechter improvisiert ist.

Weil man mit so was aber besser keine Lebenszeit vergeudet, sei doch lieber wahrer guter Humor empfohlen: Die 7. Staffel Pastewka, kurze Zeit später auf Sat1. Als sein eigenes Alter Ego heiratet Bastian P. zum Auftakt endlich seine Freundin. Beinahe zumindest. Zuvor jedoch mutiert er ungewollt zum Nazi, was in jeder Sekunde lustiger ist als Schmitz in einem Jahr. Nicht zuletzt dank Michael Kessler, der in dieser Staffel erneut den Sidekick gibt. Er kann aber auch anders als witzig. In Kessler ist… schlüpft der Switch-Parodist ab Donnerstag (22.05 Uhr) in wechselnde Promis von Schaffrath bis Llambi und interviewt sie als ebendiese, wodurch sie sich quasi selbst befragen, was zu höchst dialektischen Momenten führt.

Etwas, das Markus Imboden regelmäßig schafft. Sein Verdingbub etwa entlarvt Freitag (20.15 Uhr, Arte) die Schweizer Landidylle der Fünfziger als Sklavenhaltergesellschaft am Beispiel des Waisenkindes Max. Grandios erzählt, furios gefilmt – was der Regisseur mit Leo Carax gemeinsam hat, der seit Die Liebenden von Pont Neuf (1991) neben Jean-Pierre Jeunet und Luc Besson als Star des neuen französischen Kinos gilt. Den Auftakt einer dreiteiligen Arte-Reihe macht Mittwoch (21.50 Uhr) Holy Motors, ein experimenteller Film über den schattenhaften Monsieur Oscar, der in 24 Stunden diverse Rollen von Bettler bis Industrieller einnimmt. Filmisch weniger grandios, aber Ursprung eines ganzen Genres ist dagegen der Tipp der Woche nach Arthur Hailey: Airport hat 1969 die Ära des Katastrophenfilms eingeläutet. Man kann ihm das übel nehmen oder danken, ignorieren kann man es nicht. Ebenso wenige wie Das perfekte Dinner, das vor gefühlt 274 Jahren der Fernsehkochboom einläutete. Aber heute bruzzelt Vox 100 % vegan. Vielleicht überzeugt es ja ein, zwei Stammzuschauer davon, einmal die Woche auf Fleisch zu verzichten, zumindest zum Kaffee, so auf Probe. Einen Versuch wär’s wert.

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