Sat1-Staatsaffäre: Politphantasien & die Ferres

Bekifftes Huhn

Sat1 hat den Politfilm für sich entdeckt. Und die Emanzipation. Das bedeutet furchtbarerweise: Deutsche Bundeskanzlerin verliebt sich in französischen Präsidenten. Das bedeutet furchtbarererweise: Veronika Ferres.

Von Jan Freitag

Die weibliche Emanzipation ist ein modernes Megathema des Films. Emotionale, aber starke Frauen im Sog männlicher Einflussgebiete – so holt man Heimchen wie Karrieristin vor den Bildschirm. Dort sehen sie eine Welt, in der selbst gute Mädchen nicht nur in den Himmel kommen, sondern überall hin: Management, Lehrstuhl, Barrikade, Selbstständigkeit, Politik. Alles mit Herz, Hirn, Highheels, Haushaltshoheit. Und nun also hierher.

Ins Bundeskanzleramt.

Sat1 hat sich seine Regierungschefin nach einem Schnittmuster der Petra gebastelt: Das Haar goldblond, makellos der Körper, im Auftreten feminin und doch kernig – die Kanzlerin des früheren Kohl-Kanals ist sexy und kompetent, sympathisch und machtbewusst, schlagfertig und resolut, lustig und seriös, häuslich und weltgewandt, mondän und sportlich, mode- und fußballinteressiert. Kurz: Anna Bremer ist fernsehperfekt. Schließlich wird sie gespielt von ihr: Veronica Ferres.

Darauf muss man erstmal kommen.

Die Neovolksschauspielerin hat nämlich in ihren geschätzt 875 Filmen mit gefühlt 3,5 Ausnahmen bislang nur eine Rolle verkörpert: das waidwunde Muttertier im Kampf ums Gelege. Und jede davon variiert sie mit exakt drei Mimiken: trotzig, liebevoll, verletzlich. In Die Staatsaffäre ist sie nun ein schicker Single Ende 40 ohne Kinder, aber mit dem höchsten Amt im Lande. Zu Beginn des „großen TV-Events“, wie bei Sat1 alles heißt, was nicht mit Laiendarstellern im Bruchbudenambiente produziert wird, bringt sie gleich mal eine staatstragende Pressekonferenz abwechselnd mit Faktenwissen über die Energiewende zum Staunen und charmanten Sprüchen zum Lachen. Dann aber steuert sie zielstrebig auf den Titel dieser selten freiwillig komischen Klamaukkomödie zu: Frankreichs neuer Präsident erweist sich darin als Bremers One-Night-Stand vom Abend des Mauerfalls, als es noch die süße Anna war. Das führt zu amourösen Verwicklungen im Umfeld eines europäischen Energieabkommens und … wem an diesem Punkt noch nicht der Kaffee aus den Nasenlöchern schießt, zählt entweder zum Sat1-Stammpublikum.

Oder trinkt lieber Tee.

Denn dusseliger, plumper, aufdringlicher als in Die Staatsaffäre wurde der letzte Nerv anspruchsvoller Zuschauer seit Erfindung von Til Schweigers nicht mehr geraubt. Veronica Ferres, das zeigt sich bereits nach ihrem allerersten Grinsen, ist nicht nur für jede Filmrolle ohne Mutterpass ungeeignet; sie ist als Schauspielerin generell ein Verriss ihrer selbst. Und weil das offenbar auch dem Autor Don Bohlinger, Urheber von Machwerken wie Popp dich schlank, klar war, fällt nach 5:28 Minuten erstmals das Family-Entertainment-Wort schlechthin, eine ArtFerres-Code: Kinder. Denn um deren Zukunft, sagt die Phantasiekanzlerin da aus dem Drehbuchbausatz für empathische Spitzenpolitiker zum Liebhaben, gehe es doch.

Wer Sat1 guckt, braucht eben Schlüsselreize, zumal beim Thema Politik, diesem unbekannte Wesen. Sie müssen ja nichts mit der Realität zu tun haben. Bei Sat1 trifft die sexy Kanzlerin den sexy Präsidenten daher nicht gleich nach dessen Amtsantritt, wie es diplomatische Pflicht wäre, sondern vier Wochen später beim EU-Gipfel. Dort sprechen natürlich alle Staatschefs dialektbehaftet, aber fließend Deutsch. Bei Sat1 faselt die Nachrichtensprecherin von Frankreich und Deutschland als „Achsenmächte“, was zuletzt die Wochenschau vorm Zusammenbruch der Ostfront getan haben dürfte. Die bemerkenswerteste Bewusstseinsstörung in diesem besinnungslosesten Politfilm seit Leni Riefenstahl besteht allerdings darin, dass die Bundeskanzlerin ihre tagesaktuelle News ausgerechnet von Pro7Sat1 bezieht, dessen Informationen in der Realität den Nutzwert einer Energydrink-Werbung haben.

Nun ist die deutsche Fiktion generell im Hintertreffen, wenn es darin um Politik geht. Als Spielfilm hält sie qua Humor, Historie oder Krimi vorsichtshalber Distanz zur Relevanz. Selbst ehrgeizige Serien wie Kanzleramt oder Wedels Affäre Semmeling wirken verglichen mit Borgen, West Wing, House of Cards lahm oder betulich. Die Staatsaffäre aber erklärt Ignoranz gewissermaßen zum Wesenskern politischer Fiktion. Wenn Kanzlerin und Präsident andauernd unbegleitet, unerkannt, ungeheuer romantisch durch Berlin flanieren. Wenn politische Aushandlung impulsiv, emotional und vorwiegend heiter abläuft. Wenn Frau Bremer selbst auf gewichtigen Podien giggelt wie ein bekifftes Huhn und beim Schlusskuss im Abendrot von der Vereinbarung des Privaten mit dem Beruf sülzt. Dann wollen schlichte Gemüter die Sache mit der Emanzipation vielleicht doch noch mal überdenken.

Mehr Bilder & saftige Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/staatsaffaere-veronica-ferres-bundeskanzlerin

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