Gängeviertel: 5 Jahre & die Zukunft

IMG_20140819_160333Bleib in den Gängen

Mit der Besetzung des Hamburger Gängeviertels fand die Dauerkrise 2009 auch künstlerisch einen Ausdruck. Mitten im Glasstahlinferno der Innenstadt entstand ein Kunstprojekt, das weltweit Beachtung fand. Zum fünften Geburtstag wird es millionenschwer saniert und fragt sich, wo es künftig stehen wird – zwischen Marke Hamburg und Off-Art. Ein Besuch.

Von Jan Freitag

Und dann steht er plötzlich im Raum, das Unwort aller Bewegungen, oft Anfang vom Ende: Spaltung! Rita meint zwar keine kreative, geschweige denn menschliche. Dennoch hebt Matthias am Rande der Schnappatmung den Zeigefinger und sucht eifrig Blickkontakt zur Mitstreiterin. Als sie ihren Fauxpas bemerkt, schreiten beide zur inneren Vollversammlung: Nein, nein“, ertönt es fast im Chor, von Spaltung sei keine Rede. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht drei Tage vorm Geburtstag ihres spaltfreien Projektes, Rita und Matthias sagen: unserer Familie. Das Gängeviertel wird fünf; da soll von Gemeinsinn die Rede sein, der Zukunft. Auch wenn sie noch so wackelt.

Buchstäblich.

Seit vorigem Herbst nämlich wird das berühmte Kunstquartier am Gänsemarkt generalüberholt. Endlich – das sehen auch Rita und Matthias ein, als sie an diesem regnerischen Augusttag in den denkmalgeschützten Gebäudekomplex am Valentinskamp laden, um ihn gründlich zu erklären. Nach Jahrzehnten struktureller Vernachlässigung drohte dem kümmerlichen Rest innerstädtischer Arbeiterbehausungen der Freien- und Abrissstadt Hamburg schlicht der Einsturz. Um das zu verhindern, investiert sie in acht Jahren 20 Millionen Euro, mit denen aus dem chaotischen Kulturzentrum ein modernes Kreativquartier aus Wohnen, Ateliers, Gewerbe entstehen soll. Klingt doch bestens fürs Gängeviertel und seine Vereinsmitglieder. Nach einer Perspektive, die sich am 22. August 2009 nicht mal ansatzweise abgezeichnet hatte.

Damals wurde das abbruchreife Ensemble von 200 Kulturschaffenden aus der Off-Art-Szene besetzt. Es begann eine Erfolgsstory, von der die artverwandte Flora nur träumen kann. Unterstützt durch die globale Kunstszene samt Weltstars wie Daniel Richter, von bürgerlichen Kreisen, ja selbst ranghohen Lokalpolitikern galt das illegal eroberte Terrain als Beispiel alternativer Selbstermächtigung in lukrativer Citylage. Verträge wurden geschlossen, Visionen verwirklicht, selbst die New York Times pries eine gelebte Utopie, der die UNESCO das Prädikat „Ort kreativer Vielfalt“ verlieh. Da schien also mal eine Graswurzelbewegung Früchte zu tragen. Und jetzt – Spaltung.

Zunächst mal räumlich gesehen.

Denn die Bagger rollen, ist an einem Ort, der Veränderung zum Wesenkern zählt, ein wenig viel nicht mehr so wie es war. „Wir wollten den Charme erhalten“, sagt die bonbonbunt gekleidete Rita übers eingerüstete Kulturzentrum ringsum: das Wilde, Rohe, Organische. Da sich Bezirk und Behörden jedoch weder um Denkmalschutz noch Vereinswünsche scherten, „wird uns eine Standardsanierung übergestülpt“. Und nicht nur das: In der Vorbereitung sei vereinbart worden, Fabrik und Jupi-Bar nacheinander zu sanieren. Die Stadt aber tat das Gegenteil. Nun liegen mit den zwei wichtigsten Veranstaltungsräumen die Haupteinnahmequellen brach. „Wir sind etwas gelähmt“, sagt Rita. Und atmosphärisch gespalten, seit die Partyzone in eine Halle am Oberhafen ausgelagert wurde. Gerade im Winter werde es da schwer, „die Energie aufrecht zu halten“.

Dank genossenschaftlicher Strukturen, langfristiger Verträge, des großen Zusammenhalts stelle sich fürs Projekt im Ganzen zwar „nicht die Existenzfrage“, beteuert ein Vereinschef, der so gar keinem Klischee vom Künstler entspricht. Im Kleinen allerdings basiert auch dieses Projekt auf dem Prinzip Selbstausbeutung. Dafür sind Rita und Matthias zwei Beispiele. Zwei willkürlich gewählte, werden sie nicht müde zu betonen, keinesfalls repräsentativ also. Aber eben doch beredte. Matthias, dessen Nachname im Kontext übergeordneter Gruppenideale keine Rolle spielen soll, hat neben seiner Tätigkeit als Vereinsvorsitzender ja noch ein Restleben. Doch weder für sein Masterstudium noch den zugehörigen Broterwerb als Sozialarbeiter wendet der 30-Jährige auch nur annähernd so viel Zeit auf wie fürs Viertel.

Das Los teilt er mit der Grafikdesignerin Rita (36), die als Organisatorin, Moderatorin, Kuratorin, Künstlerin und DJ ganze Tage im Viertel verbringt. Ehrenamtlich, versteht sich. Unter den zahllosen Helfern, die von der einmaligen Tresenschicht bis zur täglichen Finanzverwaltung zum Ganzen beitragen, bezieht nur die Geschäftsführerin der Genossenschaft ein kleines Salär. „So ein Projekt ohne Hierarchie und Leistungsdruck zu gestalten“, sagt Rita, sei nicht nur befriedigend, sondern höchst lehrreich. Doch gruppendynamische Abnutzung, bürokratische Frustration, der ständige Kampf mit dem Staat und nicht zuletzt ein kreativer Output, der nur selten auf Verkäuflichkeit abzielt – da dürften sich 40-Stunden-Wochen gern mal finanziell auszahlen.

Wenn der Verein im Frühjahr erste Wohnungen an Aktivisten mit Paragraf-5-Schein vermieten darf und die Jupi-Bar wieder Bier auf Spendenbasis verkauft, könnte aus der vagen Hoffnung sogar geldwerte Realität werden. Doch genau darin steckt der nächste Spaltpilz: Je mehr der radical chic zum Lifestylepark der Bionade-Bourgeoisie gebügelt wird, desto mehr trägt er zur Marke Hamburg bei. Jenem PR-Prinzip renditeorientierter Aufwertung, die man von hier aus doch kreativ bekämpfen will. „Der Widerspruch war uns von Anfang an klar“, sagt Matthias und trinkt Wasser aus einer gewöhnlichen Plastikflasche. „Deshalb müssen wir klarmachen, konträr zur restlichen Stadtentwicklung zu stehen.“

Den glattsanierten Fassaden werde man also rasch Kanten verpassen und darauf hinarbeiten, weiter als Gesamtkunstwerk statt Kunstfabrik wahrgenommen zu werden. Rita nennt es „soziale Plastik“. Ein Ort für alle von wenigen, die vieles geben. Einer, der Kultur als Erlebniswelt statt Ware verfügbar macht. Wo Spaltung nur ein räumlicher Begriff ist, weil die Party zwischenzeitlich woanders steigt. Der sich der Sollbruchstelle zwischen Konsum und Verweigerung offensiv stellt, statt wohlfeil zu verteufeln. „Kein alternatives Disneyland, an dem nur die Sightseeing-Busse halten“, hofft Matthias. „Wild und kreativ wie nach der Besetzung“, ergänzt Rita. Damals, als Ertragsdenken, Markenbewusstsein, Bürokratie noch nicht das Zeitkonto geplündert haben. Als es mehr ums Miteinander ging, Kritik, Kunst, vor allem die. All dies war weniger geworden mit den Jahren. Verschwunden war es nie. Mal sehen, was hinter glattsanierter Fassade passiert.

Der Text ist zuvor bei Zeit-Online erschienen: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-08/gaengeviertel-kuenstler-hamburg

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