Electrofriday: Dorian Concept, Kele

Dorian Concept

Gleich hinter Heavy Metal, heißt es oft, kommt Techno in all seinen Spielarten der Klassik am nächsten. Entweder pflegt er die symphonische Fläche bis zur Stupidität oder wenigstens das nötige Pathos in repititiver Konzentration. Gern kompiliert er auch beides in einem. Wenn noch eine gehörige Prise Pop hinzukommt, das funkensprühende Sammelsurium der Samples und Zitate, dann sind wir bei Dorian Concept angelangt. Der österreichische Produzent und Remixer ist einer der ganz großen Virtuosen des elektronischen Mash-up. Und sein zweites Album Joined Ends entsprechend eine Art Arbeitsnachweis jener Möglichkeiten, die Experimentierfreude gepaart mit rhythmischer Spielfreude ergibt.

Mithilfe eines Wurtlitzer E-Pianos und dem Ergebnis unablässiger Suche nach analogen Sounds, synthetisiert er die Wirklichkeit mit neuer Hardware zu digitalen Welten, denen man die Herkunft kaum noch anhört. Und obwohl alles daran fühlbar computerisiert klingt, hat man Track für Track der zwölf ungeheuer liedhaften Stücke stetes das Gefühl, hier spiele ein echtes Orchester mit den Mitteln der Moderne. Selten waren die Ninja Tunes so poppig, selten war Pop so eklektisch. Versehen zudem mit einem der tollsten Cover-Artworks des elektronischen Jahres. Zum Funkensprühen schön!

Dorian Concept – Joined Ends (Ninja Tunes)

Kele

Es ist schon eine ganze Weile her, dass analoger Indierock die digitale Zukunft erstmals auf dem Dancefloor umarmt hat. Rave nannte sich dieses teilelektronische Experiment Anfang der Neunziger, als der Begriff noch nicht auf technoides Dauerstakkato gebucht war und Manchester dank Bands wie den Stone Roses, EMF oder den Happy Mondays zu Madchester wurde. Seither hat diese Art des Mash-ups den universellen Pop strukturell so stark beeinflusst, dass nur in wenigen Genres die Summe in ihre einzelnen Teile zerlegbar zu sein scheint. Bei Kele dagegen ist er noch zu spüren, dieser Wunsch seiner musikalischen Vorgänger, zwei vermeintlich widerstrebende Teile so zu vereinen, dass – wie in einer aussichtsreichen Ehe – weiterhin Individuen erkennbar bleiben. Kele, das ist Kelechukwu Rowland Okereke, besser bekannt als Sänger der fabelhaften Band Bloc Party, die dem Britrock vor gut zehn Jahren eine elegische Melancholie verpasst hatten wie zuvor allenfalls Radiohead oder The Verve. Seit Bloc Party 2009 für eine Weile in seine Bestandteile zerfiel, versucht sich Kele also solo – und führt doch lückenlos fort, was die Band seit ihrem gefeierten Debüt Silent Alarm mit jedem Album vollführt haben: die Symbiose von distinguiertem Gitarrenpop und geschmeidiger Electronica zu einem Gemisch, das die Zutaten stets erkennbar lässt.

Da macht Kele nun auch mit seiner zweiten Platte Trick weiter. Mehr noch als auf Boxer vor vier Jahren nämlich liegt darin ein flächiger, gelegentlich klebriger, meist ziemlich selbstbewusster House ebenso offen wie das Wavige seiner Londoner Kumpels. Und beides wird wie gehabt verschweißt durch Keles gefühlvolle Stimme, mit der er gewohnt persönliche Dinge preisgibt. Meist handeln sie von Liebe und ihren oft so schmerzhaften Folgen, dass es nur so “you and me” hagelt, die ewige Dichotomie zweier Suchender, die zusammengehören, aber nicht zusammenfinden. Und irgendwie entspricht das Album dem auch musikalisch. Manchmal klingen die zehn Stücke, zum Beispiel das gefällige Counting zu Beginn, als hätte Kele sie mit Blick auf die Charts verfasst. Manchmal, etwa in Closer, schafft er es doch nicht, sich stilistisch von seiner alten Band zu emanzipieren. Zwischendurch schimmert aus allem, was Kele anpackt, eine Unentschlossenheit heraus, jetzt Remixer oder Rockstar zu sein. Nur: Das führt abgesehen vom anbiedernden R’n’B-Ausreißer mit dem passenden Schnulzentitel Silver and Gold fast nie zur Halbherzigkeit.

Kele – Trick (Lilac Records)

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