Gruenspan: Krautrock & Theater

gruenspan-historisch-2-540x304Über Pferden

Ab 1889 Tanz und Vergnügungssalon, später öffentliches Bad mit Hippodrom darunter, seit 1968 Disko. Heute: frisch saniert. Das Gruenspan, Hamburgs erstaunlichster Club, dessen quietschbunte Fassade einst als Sensation galt (Foto: Opel) und noch heute fasziniert.

Von Jan Freitag

Geschichte ist der zeitgenössischen Clubkultur eher wesensfremd. Geschichte klingt nostalgisch, irgendwie alt, gar erwachsen. Party dagegen ist: jetzt. In diesem Moment. Für diesen Moment vor allem. Bis auf einige Selfies vom Absturz und den Kater danach ist nicht nur das Feiervolk rings um den Hamburger Kiez schließlich schon dann strikt geschichtsvergessen, wenn die Party nur Stunden vorbei ist. Jahrzehnte haben da wenig Bedeutung. Doch daran will Robert Hager arbeiten.

Hier, genau hier, der Clubbetreiber breitet seine Arme aus, “standen früher Wannen”, eine Menge davon. Genug jedenfalls, um die Bewohner des heruntergekommenen Arbeiterviertels St. Pauli vorm letzten Krieg und noch eine Weile später zu reinigen. Und unter der öffentlichen Badeanstalt ohne Pool, Robert Hager feuert sein lautestes Lachen durch den Vollbart, “war früher das Hippodrom”. Eine Manege also – vor knapp hundert Jahren der heißeste Budenzauber im Amüsierviertel. Pferde, Akrobaten, Musik, Bier, Schnaps, Seeleute, Seemannsbräute, nicht nur nachts um halb eins. Es war die Hochphase der Großen Freiheit, besungen von Hans Albers, beschallt von einem kleinen Balkon, auf dem die Kapelle saß, wenn tief darunter falsche Cowgirls im Kreise ritten.

So viel Geschichte steckt am Clubstandort Hamburg nur hier, im Gruenspan. Gleich neben dem Indra, wo die Beatles fern der Heimat ihr Debüt gaben. “Gegeben haben sollen”, korrigiert Robert Hager und nennt zwei, drei andere Bühnen der näheren Umgebung, die den Durchbruch der Fab Four ebenso für sich reklamieren. Auch sein Grünspan zählt zu den Bewerbern. Natürlich. Wieder lacht er durch den mächtigen Kuppelsaal seines Konzerthauses. “Hier haben sie allerdings wohl doch nur geschlafen.”

Aber egal. Die Sache mit den Beatles ist eine dieser zahllosen Geschichten vom “Tanz und Vergnügungssalon”, als der das Gruenspan 1889 erbaut wurde. Man kann an einigen zweifeln oder nicht – besser ist, man lauscht einfach staunend den fabelhaften Anekdoten, über die der zugezogene Bayer Hager selbst so oft gestaunt hat, seit er das älteste Etablissement seiner Art in Deutschland, so heißt es, 2009 übernommen hat.

Übers Kino zum Beispiel, das dem Jugendstilgebäude die ganze Weimarer Republik hindurch kosmopolitischen Glamour verlieh. Übers biedere Paartanzambiente, das ihn nach dem Badehausintermezzo Anfang der Sechziger provinziell trübte. Über den türkischen Nusshändler, der daraus gemeinsam mit einem deutschen Zahnarzt 1968 das Gruenspan machte. Über die erste Diskothek weit und breit, wo echte Discjockeys auflegten wie jener Taxifahrer, der Hager mal bei einer Fahrt erzählte, dass er vom Eröffnungsabend an zehn Jahre jedes Wochenende am Plattenteller stand. Und natürlich über jene Frau von 91 Jahren, die unlängst bei einer Hausführung ergriffen berichtete, wie sie als junges Ding hier gebadet habe.

Dass ihr dabei ein Gefühl von Wehmut durchs alte Herz wehte, daran ist Robert Hager nicht ganz unschuldig. Seit er den Laden vor fünf Jahren übernahm, erlangt Hamburgs traditionsreichster Club Stück für Stück sein Gedächtnis wieder. Während unter dem blinden Kirchenglas des früheren Oberlichts bis zu 900 Besucher feierten, wurde die schimmelige Haut vom Klinker geschlagen. Finanziert mit einem Darlehen im mittleren sechsstelligen Bereich. So begann bald das backsteinrote Herz des Gruenspan zu pulsieren.

Überall traten bauliche Kostbarkeiten ans Kunstlicht. Hier etwas Stuck, da ein alter Balken. Hatten sich die Gäste im Oberrang zuvor auf Beton gelehnt, ist es nun ein gusseisernes Gründerzeitgeländer. Wo 40 Jahre Investitionsstau, wie der gelernte Hotelfachmann die Substanzvernachlässigung seines Großods nennt, das Flair einer Kettenkneipe verströmt hatten, wirkt nun vieles aus der Zeit gefallen. “3 Kartoffelpuffer 15 Pfennig” steht neben der Eingangsbar in Fraktur; was man zur Pferdeschau halt so aß.

Und wie der akkurat frisierte Geschäftsführer mit seinem metalmähnigen Pressesprecher an seiner Seite durch das neue alte Schmuckstück führt, wie beide von den acht entschalten Säulen unter  der Empore schwärmen, dem verzweigten Backstagebereich voll Sperrmüllsofas und Perserteppichruinen, von der salbungsvollen Aura überall – da wird deutlich, wo Hager und seine 40 Mitarbeiter hinwollen. “Live wird immer theatralischer”, sagt der Musiker im Verwalter, “deshalb wird auch der Raum zusehends Teil der Performance.”

Gut 5.000 Besucher, die ein Schauspielfestival 2013 ins Eigentum der Sprinkenhof AG gelockt hat, sollen demnach keine Ausnahme gewesen sein. Man sei am Ende zwar auch abhängig davon, was große Veranstalter wie Scorpio ins Haus booken, gibt PR-Mann Jannes Vahl zu bedenken. Doch zwischen Künstlern wie Jan Delay, der hier sein letztes Album vorstellte, und Karl Bartos, der hier zuletzt ohne Kraftwerk auftrat, wolle man künftig öfter mal bestuhlen. Sich also programmatisch noch breiter aufstellen, ohne beliebig zu sein. Oder wie Hager es ausdrückt: “Das Gruenspan soll von einer Ortsbezeichnung zur Inhaltsangabe werden.”

Bei ein paar Prozent Ertrag und dem Dauerrisiko roter Zahlen sei Markenbildung dafür ebenso unerlässlich wie Lokalkolorit. Die Sanierung wirkt da Wunder. Nur zu weit führen, das dürfe sie nicht. “Der Zugang zum Hippodrom bleibt zugemauert”, betont Robert Hager und man spürt, wie sein Herz dabei blutet. “Sonst renovieren wir uns pleite.” Und ist ein Laden erst mal dicht, zumal in der Lage, mit Garten, Empore und dem schönsten Raucherraum der Welt, dann wird er, was das Gruenspan auch geöffnet immer sein will: Geschichte.

Mehr Fotos & Kommentare unter: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-10/gruenspan-club-hamburg

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.