Lustiger Unsinn & sinnloser Fulton-Smith

TV-neuDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Oktober

12,99 – das war am Dienstag kein Vorteilspreis für zwei Drittligaspiele bei Sky oder vier Pakete Ariel Ultra, sondern die Zuschauerzahl bei RTL. So einen Wert hatte der Exmarktführer zuletzt, als Michael Schumacher noch rasend schnell über Renn- statt Schneepisten raste. Und es lässt sich trefflich rätseln, ob die Quote am Titel des deutschen EM-Qualifikationsspiels gegen Irland lag. „European Qualifiers“ ist zwar sprachhygienischer Dreck, klingt aber irgendwie bedeutsam, also nach dem Gegenteil des, nun ja, Senders.

Tatsache aber ist, dass der dank relevanten Fußballs im Monatsranking mal wieder vor der Konkurrenz liegen dürfte und Pro7 weiter auf Abstand halten. Und das hat – Achtung! – auch damit zu tun, dass die Übertragungen professionell, seriös, ja im Tonfall sogar erträglicher sind als die selbstgerechten Reportergreise von Wolf-Dieter Poschmann bis Béla Réthy. Zumal sie den Bombast des Auftakts abgelegt haben. Statt tageweise Brimborium zu versenden, geht es nun ums Wesentliche: den Sport.

Wenn bei Interviews das Wesentliche im Wort liegt, hat sich vorige Woche aber noch etwas anderes mit Strahlkraft für die Zukunft ereignet: Der Außenminister antwortete unterm Hashtag #FragSteinmeier zumindest auf die sachlicheren von gut 2000 Fragen der Zwitschergemeinde. Inhaltich nagte das erste Twitter-Interview eines wichtigen Bundespolitikers zwar oft am Banalen. Dennoch zeigt sich, dass Informationen auch abseits von Tagesschau und heute längst sichtbar unters Publikum geraten können.

Was eine andere Innovation im Netz unterstreicht: den Online-Dienst BuzzFeed, im englischsprachigen Raum bereits sagenhaft erfolgreich, gibt’s nun auch auf Deutsch. Noch ist darauf zwar vor allem leidlich unterhaltsamer Unsinn zu lesen. Schon bald jedoch soll es auch recherchierte Reportagen echter Journalisten geben. Gut, die Qualität von Formaten wie 37°, das morgen im ZDF Unser täglich Tier problematisiert, also den Irrsinn industrieller Fleischproduktion, wird wohl auch langfristig nicht erreicht. Dennoch sollten Onlinemedien wie BuzzFeed die öffentlich-rechtlichen Lordsiegelbewahrer mal motivieren, ihre Strategie im Umgang mit der Generation Internet zu überdenken. Jan Böhmermanns Neo-Magazin ab Februar ins Hauptprogramm des ZDF zu holen, ist da nur ein zaghafter Anfang – dessen Ende zudem auch gleich wieder in Sicht ist: Die Ministerpräsidenten haben entscheiden, den lang geplanten Jugendkanal nun doch ins Netz abzuschieben. Und was tun ARZDF: Sie kündigen dennoch das Aus der zwei Spartenperlen ZDFkultur und EinsPlus an.

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Frischwoche

20. – 26. Oktober

Dabei ist nur bei den zwei ehrgeizigen Spartenkanälen zu sichtbaren Sendezeiten kostenlos zu sehen, was gediegene Populärkultur so für Menschen unter 60 bereithält. Auf ZDFkultur etwa gibt es das ganze Wochenende einschließlich Montag Musik, echte Musik, während das Erste mal wieder (mit) Florian Silbereisen feiert. Aber immerhin geben die Platzhirsche ab und zu auch noch Geld für wichtigere Dinge aus. Den Mittwochsfilm Momentversagen zum Beispiel mit Felix Klare als Staatsanwalt, dessen zivilcouragiertes Eingreifen sein komplettes Leben ins Wanken bringt. Leider muss sich Friedemann Fromms Drama mit der Champions League messen, für die das ZDF zeitgleich Gebühren verpulvert.

Trotzdem zeigen Tage wieder dieser, dass öffentlich-rechtlich unterhaltsam und gut sein kann und bilden somit die Antithese zum Donnerstag, wo Francis Fulton-Smith in der süffigen ARD-Anwaltsreihe Ein Fall von Liebe, klar: Francis Fulton-Smith spielt und parallel dazu JBK im Quiz-Champion 2014, genau: JBK. Das ist in seiner Ödnis so berechenbar wie es der ARD-Freitag mal war. Mittlerweile gibt es da allerdings seriöses Programm wie Brezeln für den Pott, in dem der fabelhafte Hans-Jochen Wagner bayerisches Salzgebäck nach Duisburg bringt, was zwar oft etwas plump an die Sch’tis erinnert, aber insgesamt recht gelungen ist. Nur die Jugend, die holt man damit eher nicht vom Smartphone weg.

Das schafft höchstens Importware wie Dracula, den Vox ab Montag um 22.10 Uhr am viktorianischen London saugen lässt. Mit dem schönen Jonathan Rhys Meyers unter schönen Opfern als schöner Vampir mit dem schönen Thomas Kretschmann als Widersacher van Helsing, der diesmal eine Allianz mit ihm eingeht, wobei hier ohnehin viele Rollen getauscht werden zwischen gut und böse. Hätte also schlimmer kommen können, wurde dennoch nicht richtig gut, erinnert also strukturell an den neuen Tatort. Mit dem ist Lena Odenthal Sonntag exakt 25 Jahre im Dienst, weshalb sich Blackout vor allem mit ihrem Burnout befasst. Das macht Hoffnung, Ulrike Folkerts geht doch bald in den verdienten Ruhestand und macht somit Platz für den Nachwuchs. Bis dahin beschäftigt sich der Tipp der Woche erstmal mit dem Nachwuchs Gottes: Martin Scorceses Die letzte Versuchung Christi (Montag, 20.15 Uhr, Arte) zeigte Gottes Sohn (Willem Daffoe) als hadernden Zweifler. 1988 galt das als Blasphemie.

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