Johann von Bülow: Verführer & Sidekick

Der Aristokrat

Die ARD-Serie Mord mit Aussicht entwickelt sich zusehends von der eigensinnigen Provinzstudie zur Primetime-Fassung des Schmunzelkrimis. Dass sie dennoch so erfolgreich ist, liegt auch an den exzellenten Nebendarstellern. Zu denen zählt seit dieser Staffel Johann von Bülow, der einen grandiosen Schnösel gibt. Das kann er. Gewissermaßen schon qua Geburt.

Von Jan Freitag

Es ist der Augenaufschlag. Die Stirn in Falten zu legen und gleichsam die Lider zu senken, ohne dabei verschlagen oder blöde dreinzuschauen – so wird aus Blicken Hochmut. So geht aristokratische Mimik. So verkörpert man den geborenen Snob. Und den beherrscht kaum ein zweiter wie: Johann von Bülow. Was zwar nicht nur, aber irgendwie auch ein wenig am Anredeprädikat zwischen Vor- und Nachnamen liegt. Der Wahlberliner aus München ist schließlich von Adel. Und ein ziemlich guter Schauspieler zudem.

Trotzdem sorgt er nach der Hälfte seiner 42 Jahre im Filmgeschäft selbst bei denen, die regelmäßig fernsehen, eher für eine andere Assoziation. Von Bülow – heißt so nicht ein gewisser Loriot real? Das tut er; der junge Johann ist entfernt verwandt mit Deutschlands jüngst verstorbenen König des Alltagshumors. „Sehr entfernt“, beteuert dessen Sippenmitglied, dem die mecklenburgischen Ursprünge vor fast 800 Jahren wenig bedeuten. Ländereien, Reichtum, gar Schlösser – „das muss man sich in meinem unmittelbaren Umfeld unbedingt wegdenken“, sagte er mal anlässlich einer typischen Rolle als Erbe einer Werftendynastie mit dauerkrauser Stirn. „Dass ich einen bekannten alten Namen trage, hat in meinem Alltag keine Bedeutung.“

Bis auf diesen Augenaufschlag eben, die ihm so manche Figur mit Klassendünkel beschert. Denn Johann von Bülow spielt sie oft – diese leicht hochnäsigen Charaktere im Bannstrahl der Oberschicht, gern wirklich erlaucht, zumindest mit dieser leicht dubiosen Arroganz der Macht versehen. Wie in Uli Edels dreiteiligem Historienschinken Adlon, wo er einen Offizier namens von Tennen spielt. Wie zuletzt im gelungenen Dokudrama Die Spiegel-Affäre, wo er seinem real existierenden Redakteur Becker einen Gestus umwälzenden Journalistenstolzes verpasst. Wie einst im schmalzigen Biopic Carl & Bertha, wo er dem Benzinmotorerfinder das Kapital entzieht. Wie irgendwann in der grundsoliden Kanzleiserie Die Anwälte, wo er als karrieristischer Top-Verteidiger den Gegenpart zum netten Kai Wiesinger gibt. Und nun also wie in der Krimi-Reihe Mord mit Aussicht, wo er seit ein paar Wochen immer dienstags den großspurigen Schnösel Schulte mimt, der sich zum Bürgermeister aufschwingen will. Es eine Art Paraderolle. Auch wenn Johann von Bülow davon natürlich nicht sprechen will.

Das tun andere – Produzenten, Redakteure, Filmbesetzer, das Publikum – schließlich schon zur Genüge. „Wenn ich gewollt hätte“, er zeigt sein indigniertestes Aristokratengesicht, „hätte ich häufiger den netten Grafen im Pilcher-Film spielen können“. Das Etikett vom Sohn aus gutem Hause lenke die Verantwortlichen da oft auf falsche Fährten. Umso eifriger bemüht sich Johann von Bülow, sie davon zu vertreiben: Mit Verweigerung und Vielfalt, wenngleich zumeist in Nebenrollen. Wie jetzt, als Sidekick der Serienstars Caroline Peters und Bjarne Mädel. Das sei nun mal das Schicksal der „Charakterschauspieler“, als den er sich – „bei aller Bescheidenheit“ – sieht. Des „Antagonisten, der seltener eine ganze Geschichte trägt“.

Damit hat er schon seinen ersten großen Film Nach fünf im Urwald bereichert, wo er der blutjungen Franka Potente 1995 als erwachsener Verführer Nick zeigt, dass Männer tendenziell eben doch Schweine sind. Mit dieser Bereitschaft, Arschlöcher zu spielen, trägt er nun auch Mord mit Aussicht über die hohe Hürde des Klamauks hinweg,  ohne sich ins Rampenlicht zu stellen und doch genug davon aufs uneitel gelichtete Haupthaar zu kriegen. Mit viel Gefühl fürs Timing. Mit unbeholfener Arglist im Habitus. Und mit diesem Augenaufschlag, der aristokratisch wirkt, selbst wenn das Blut rot ist, nicht blau. Dass er es mit Ritter Godofridus de Bulowe teilt, geboren Anfang des 13. Jahrhundert, spielt da keine Rolle.

Mord mit Aussicht, dienstags, 20.15 Uhr, ARD

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