Happymeals & Mafiastrukturen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Oktober

Es ist das Wesen vieler TV-Trophäen, dass Auszeichnende und Ausgezeichnete kaum zu unterscheiden sind. Beim Deutschen Fernsehpreis etwa feiern die vier großen Sender ihr Angebot nach Proporzkriterien. Die Goldene Kamera prämiert seit jeher, wer der Springer-Presse gewogen ist. Und der heimische Comedypreis, nun, ist eben der deutsche Comedypreis. Da er seit 1997 von der Köln Comedy Festival GmbH veranstaltet wird, haben Dienstag wie immer überwiegend Komiker aus dem Domstadtdunstkreis gewonnen: Von Barth bis Yanar, Frier bis Herbst, dazu Carolin Kebekus, deren Moderation der Verleihung wenigstens zeitweise so etwas wie Humor verlieh. Und weil auch RTL am Rhein sitzt, war ein Sendeplatz beim Zotenkanal fast eine Garantie auf den Titel, was zu so abstrusen Siegern wie der hauseigenen Langweilerserie Der Lehrer führte oder Sascha Grammels witzloser, aber erfolgreicher Soloshow.

Wenn man bedenkt, dass dies alles Sendungen mit messbarer Resonanz sind, werden jene Zahlen, mit denen die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz IVW, vorige Woche an die Öffentlichkeit ging, noch trauriger. Während sexistischer Stumpfsinn der Art von Mario Barth also Zigtausende in die Stadien und Millionen vor den Fernseher saugt, haben die 60 größten Tagezeitungen im 3. Quartal alle Auflage verloren. Das hat sicher auch mit dem Erfolg digitaler Ersatzkanäle wie Spiegel-Online zu tun, das 20. Geburtstag feierte. Mehr aber noch mit sinkendem Anspruchsdenken der Konsumenten, denen drei McDonalds-Happymeals im Monat mehr wert sind als ein klassisches Zeitungsabo.

Umso erstaunlicher, dass dem klassischen Fernsehen, um wahrnehmbar zu bleiben, wenig mehr einfällt, als verweste Leichen aus der TV-Gruft zu zerren. Nach Dalli, Dalli oder Einer wird gewinnen und natürlich Am laufenden Band exhumiert die ARD nämlich Spiel ohne Grenzen, jenen wasserspritzpistolennassen Wettstreit europäischer Kleinstädte, der dem Ersten schon vor 25 Jahren zu banal war. In Zeiten von Wok-WM, RTL2 und Markus Lanz jedoch entfaltet selbst die staubigste Kindergeburtstagssause Zugkraft für öffentlich-rechtliche Programmgestalter. Mal sehen, was sie als nächstes ausbuddeln: Ein Kessel Buntes? Der Goldene Schuss? Die deutsche Wochenschau mit Frontberichterstattung?

TV-neuDie Frischwoche

27. Oktober – 2. November

Vorher jedenfalls darf Jürgen von der Lippe sein Hawaiihemd aus der Mottenkiste kramen. 13 Jahre nach dem Beziehungsende fragt er ab Mittwoch im WDR tatsächlich Geld oder Liebe? Als hinge das Fernsehen in der Zeitschleife fest. Da also, wo auch Aktenzeichen XY … ungelöst steckt. Schon seit 1967 warnt das ZDF darin vorm schwarzen Mann und zeichnet seit einiger Zeit auch Menschen aus, die ihn fangen helfen. Mittwoch allerdings ereignet sich beim diesjährigen Zivilcourage-Preis Erstaunliches: Parallel zu Lippes Kuppelshow verleiht ihn Rudi Cerne nämlich nicht ausnahmslos an Bürger, die bei Kindesmissbrauch und ähnlich populistischen Untaten eingeschritten sind. Das ist dann aber auch schon das einzig Neue an der bürgerlichen Denunziationssause.

Aber so richtig neu ist ja auch die heutige ZDF-Komödie „Wir machen durch bis morgen früh“ nicht. Dafür ist es aber meist ziemlich witzig, wenn Fahri Yardim als bieder gewordener Fliesenleger mit Partyvergangenheit von einem Chaos ins nächste rutscht, als er seine Frau (Heike Makatsch) für ein Männerwochenende mit Kind in den Ibiza-Urlaub schickt. Das gleicht zwar einer Art deutsches „Hangover“ in St. Pauli statt Las Vegas. Doch es ist ja nicht grundsätzlich schlecht, wenn irgendwas an irgendwas erinnert. Die norwegisch-amerikanische Serie „Lillyhammer“ um einen Mafioso im Zeugenschutz etwa erinnert leicht an „Die Sopranos“. Das liegt aber vor allem an Steven van Zandt, der schon 1999 einen Mobster spielte. Bei Arte kriegt er es nun nicht mit der US-Polizei zu tun, sondern dem Alltag in der Olympiastadt von 1994, wohin er vor verpfiffenen Verbrecherkollegen flieht.

Mit mafiösen Strukturen der legalen Art befassen sich ein paar spannende Dokus der Woche. In Akte D entlarvt das Erste am Montag Die Macht der Stromkonzerne wie Siemens, dessen heutige Macht auch darauf beruht, dass die Energieversorger vor gut 100 Jahren den Markt unter sich aufgeteilt haben und Staat wie Verbraucher bis heute zur Beute machten. Etwas Ähnliches vollzieht sich auch im Bereich der Nahrungsmittel, mit der die Konzerne ihre Kunden lieber ausbeuten als ernähren. Im Arte-Schwerpunkt Der große Hunger – der große Durst begibt sich Claus Kleber daher Mittwoch auf die Spur des Essens von morgen.

Ihre Kunden lieber verblöden als unterhalten, das tut zeitgleich RTL2 – und zwar am Beispiel der Fortpflanzung und seiner Folgen. Mit Kleines Wunder, großes Glück fingiert der, äh, Sender zunächst die Realität des Kinderkriegens, um derlei Neugeborene als in Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen verächtlich zu machen, die nochmals lächerlicher gemacht werden, wenn sie in Durch dick und dünn! dank zu viel Chips und Privatfunk abspecken müssen. Wäre zynisches Fernsehen Mafia-Sache, RTL2 hieße Camorra.

Um diesen Würgereiz zu mildern, hilft fast nur: besseres Fernsehen, also die Tipps der Woche wie das legendäre Knastkonzert Johnny Cash at Folsom Prison von 1968 (Dienstag, 22.45 Uhr, BR). Oder noch schöner, Freitag auf EinsFestival: Greta Gerwig als Frances H. Zeitgemäßer war schwarzweiß noch nie.

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