3sat: Bewegte Republik Deutschland

Herrschen hilft

Der sehenswerte 3sat-Vierteiler Bewegte Republik Deutschland macht heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil seines Streifzugs durch 70 Jahre Kultur und zeigt dabei auf verstörende Weise, wie gut ihr Diktaturen tun – und wie schlecht deren Ende.

Von Jan Freitag

Kultur und Diktatur – das gilt gemeinhin als zivilisatorischer Widerspruch in sich. Nicht ohne Grund ist „Kulturbruch“ eine beliebte Umschreibung jeder Barbarei, besonders der nationalsozialistischen, die den Begriff der „Diktatur“ seinerzeit total neu definierte. Und wollten Stalin, Pol Pot, Mao nicht alle Kunst überwinden im Dienste einer vermeintlich pragmatischen Ideologie, die nur noch Arbeit als Ausdruck menschlicher Kreativität ansah? Angesichts solchen Irrsinns allerorten ist es überaus erfrischend, Heiner Müller reden zu hören. „Mit Diktaturen“, sagt der große Ostberliner Dramaturg über die Allmachtssysteme seiner Autobiografie in zwei deutschen Staaten, „komme ich gut zurecht“. Demokratie dagegen, die langweile ihn eher.

Den Grund für die provokante Selbstauskunft erfährt man im famosen Vierteiler Bewegte Republik Deutschland, mit dem 3sat ab Montag die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit Revue passieren lässt. Den Aberwitz herrschender Verhältnisse künstlerisch zu kommentieren, ergibt nicht nur aus Müllers Sicht eben weit mehr Sinn, verschafft weit mehr Befriedigung, macht womöglich gar weit mehr Spaß, wenn sie sich nicht ohne Gegenwehr kommentieren lassen. Kunst sehnt sich nach Widerstand. Wenn der fehlt, leide die Kunst selbst. Darüber geben 70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik, wie es im Untertitel heißt, 180 durchweg spannende Minuten lang Auskunft.

Der 1. Teil Schuld und Wunder zum Beispiel unternahm am Montag bereits einen mal bombenschuttgrauen, mal technicolorbunten Streifzug durchs Wirtschaftswunder, bevor Zur Waffe, Schätzchen die kurzen Jahre des geistigen Aufbruchs zwischen 1962 und 1983 begleitete (http://www.3sat.de/mediathek/?obj=48175). Heute nun findet in Geteilter Himmel endlich auch die Kultur östlich der Elbe Erwähnung, die der 4. Teil allerdings gleich wieder realitätsgetreu im Einheitstaumel untergehen lässt. Schließlich gilt dem bundesrepublikanischen Mainstream bis heute vieles, ja fast alles, was im Osten abseits der Politik zustande gekommen ist, gewissermaßen realsozialistisch verseucht. Und stets findet Heiner Müllers These Bestätigung: Enden hierzulande Diktaturen, gerät mit der Politik nicht zwingend auch die Kultur in Freiheit.

Gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Beispiel übernahm eine neue Diktatur das Ruder, weniger blutig zwar, aber äußerst effizient: Eskapismus. Nach Goebbels Propagandaschlachten übernahmen nun Nierentische, Schwarzwaldmädels und Sonntagsbraten die Deutungshoheit übers schuldunbewusste Gemüt der besiegten Nation. In bissigen, aber treffenden Beiträgen kommentieren Künstler von Roger Willemsen über Volker Schlöndorff bis Herbert Grönemeyer, was die Leitkultur damals prägte: Wegsehen. Abstreiten. Verdrängen. Mindestens. Für den KZ-Film „Morituri“ nämlich erntete Regisseur Eugen York 1948 Nestbeschmutzer-Vorwürfe bis hin zur Morddrohung. Das sozialistische Experiment im Osten, so erfährt man bei 3sat, gestattete zwar größeren Mut im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, wie Wolfgang Staudtes Mann-Verfilmung Der Untertan 1951 belegt. Doch auch die DDR beherbergte bekanntlich bald nur noch Opfer. NS-Täter? Alle im Westen!

Dieser Dampfkessel unterdrückter Aufarbeitung wurde zwar so lange am Köcheln gehalten, dass die nachgeborene Generation ihren fast kollektiv schuldigen (Groß-)Eltern das verlogene Schweigen mit wütender Renitenz bis hin zum RAF-Terror um die Horen schlug. Dank Auschwitzprozessen, Spiegel-Affäre, Kennedy-Rede und Schah-Besuch setzte allerdings von Kraut- bis Punkrock, von Wiederbewaffnungs- bis Doppelbeschlussdemos ein kurzer Frühling des kulturellen Erwachens ein.  Doch kaum war 1989 die nächste Diktatur auf deutschem Boden beendet, flüchtete sich das wiedervereinigte Wunderland in den kollektiven Fluchtinstinkt. Aus Literatur wurde Popliteratur, aus Kultur Spaßkultur, aus dem Fernsehen ein Leitmedium mit kommerziellen Gleichschaltungstendenzen und das Autorenkino versank in der Bugwelle  harmloser Komödien für Millionen. So ist Bewegte Republik Deutschland zwar ein fabelhaftes Sittengemälde unserer Kultur. Es macht aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass die aktuelle Beliebigkeit wieder in irgendwas Unseliges mündet. Bei den Deutschen weiß man ja nie.

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