Weihnachtsprogramm: Kinder & Krams

Bingle Bells

Weihnachten ist die Zeit des Friedens, des Schenkens – und des Fernsehens. Besonders Kinder werden an den Feiertagen sogar im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm rundumversorgt. Ganz im Gegensatz zum kommerziellen. Ein kleiner Überblick.

Von Jan Freitag

Binge Watching ist bekanntlich das neue Ding am Himmel zeitgenössischen Medienkonsums. Weil viele Zuschauer die starre Taktung des Regelprogramms langsam leid sind, schauen sie ihre Lieblingsformate lieber auf DVD oder im Internet. Besonders bei Importserien tendieren echte Fans dabei zur Druckbetankung: alle Folgen einer Staffel hintereinander weg, gern auch die der nächsten obendrein, Pausen nur zum Pinkeln, eben Binge Watching genannt. Dass man sich allerdings auch im öffentlich-rechtlichen Korsett derart dauerversorgen kann, auch noch mit ein und demselben Film, belegt – was sonst, in diesen Tagen? – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Dreizehnmal wird der televisionäre Festtagsschmaus schlechthin allein an den drei Feiertagen von anspruchsvollen Sendern serviert. Auf EinsFestival können schlaflose Kinder das nostalgische Kleinod sogar nachts um eins oder halb fünf genießen. Kinderprogramm rund um die Uhr quasi. Womit wir beim Thema wären. Denn während ARD und ZDF ihr Nachwuchsangebot im Rest des Jahres praktisch vollends gen KiKa abschiebt, versuchen sie die Familie im Ganzen rings um Heiligabend nochmals grundzuversorgen und wissen sich mit ihren Spartensendern dabei in guter Gesellschaft. Vor allem mit Märchen, besonders bei den Dritten, mehr aber noch im Ersten. Seit sieben Jahren nämlich modernisiert dessen Reihe Sechs auf einen Streich alte Volksweisen von Grimm bis Andersen und macht daraus aktuelle Geschichten im nostalgischen Gewand.

Mit der 7. Staffel schwillt der Kanon nun auf insgesamt 34 Filme an: durchweg zielgruppenfreundliche 60 Minuten lang, allesamt auf ihre Weise – wenn schon nicht immer gleich gelungen, so doch immer gleich wertvoll. Denn auch das neue Quartett, darunter mit Siebenschön zum Auftakt erstmals ein Stück des Weimarer Erzählers Ludwig Bechstein, baut bezaubernde  Brücken zwischen Nostalgie und Realität, Märchenwelt und Gegenwart. Dafür sorgt im Anschluss Grimms Außenseitergeschichte Sechse kommen durch die ganze Welt, in der eine Gruppe zeitloser Freaks durchs geistig beschränkte Mittelalter irrt. Dafür sorgt aber mehr noch die furiose Adaption von Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Grimms Novelle über den Töpfersohn Michel (Tim Oliver Schulz), der die schöne Königstochter nur kriegt, wenn er das Schloss ihres Vaters von Geistern befreit, mischt so viel humoristischen Horror unters Coming-of-Age-Drama, dass es selbst für Game-of-Thrones-Fans einiges bietet. Dazu Rick Kavanian als Moorleiche oder Heiner Lauterbach als obdachloser Regent – fertig ist ein Lagerfeuer für die halbe Familie, das auf den anderen Sendeplätzen gerade fleißig gelöscht wird. Wie gut, dass es einer wie Christian Theede so sorgsam am Knistern hält.

Der rührige Regisseur aus Hamburg hat der ARD-Reihe mit Perlen von Allerleirauh bis zum Fischer und seiner Frau bereits fünf äußerst sehenswerte Beiträge hinzugefügt. Nun kommt noch sein Zweiteiler Till Eulenspiegel hinzu, auch so eine Ballade, die historisch kostümiert von der Verlogenheit des Menschen kündet, die sich bis heute durchs soziale Miteinander zieht. Als Event unter den vielen Neuheiten reiht sich auch diese Bestseller-Adaption demnach nahtlos ein in den Kanon modernisierter Klassiker, die das gesamte Weihnachtsprogramm füllen.

Das ZDF hält sich dieses Jahr bis auf das rührselige Emanzipationsmärchen Die kleine Lady (Freitag, 16.35 Uhr) und die fantasyartige Schneekönigin (10.40 Uhr) zwar mit weihnachtsaffiner Frischware für kleine und große Kids zurück. Von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang ist es aber dennoch völlig egal, welches erste bis dritte Programm man vorm Wochenende einschaltet: es läuft garantiert eins der zahllosen Märchen, die in den vergangenen Jahren neu entstanden sind. Und mittendrin, besonders im MDR, wie gewohnt jene schwarzweißen bis bonbonfarbenen Kinderfilme der osteuropäischen Märchenschule, die nicht allein im ostdeutschen Gemüt wohlige Wärme entfachen.

Nur der KiKa bleibt da seltsam märchenfrei. Und natürlich die Privatsender, in denen sich alle Feststimmung eher in animiertem Hollywood-Bombast und ähnlich überdrehten Import-Komödien voll rotweißbemützter Stars erschöpft. Gut: schöner ist Weihnachten ohnehin, wenn die Glotze ausbleibt. Aber wenn man sich davor schon die Zeit bis zur Bescherung vertreibt, dann vielleicht besser mit Aschenputtel um eins im Ersten als der Weihnachtsgeschichte mit Schlümpfen zeitgleich auf RTL. Noch mehr Werbung braucht nach dem Konsumterror der Adventszeit sowieso niemand.

25. Dezember
14.15 Uhr, Siebenschön, ARD
15.15 Uhr, Sechse kommen durch die ganze Welt, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 1. Teil, ARD
26. Dezember
14.15 Uhr, Die drei Federn, ARD
15.15 Uhr, Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 2. Teil, ARD
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