Arte-Tandem: Deutsche, Franzosen & AKWs

Differenz und Einklang

Mit seinem Tandem zweier Filme zum Thema Atomkraft will Arte die Filmtraditionen seiner Partnerstaaten zeigen, ohne in Klischees zu verfallen. Der deutsche Thriller Tag der Wahrheit mag dabei ganz anders wirken, wie die französische Komödie Das gespaltene Dorf. Was überwiegt, sind dennoch die Gemeinsamkeiten.

Von Jan Freitag

Anspruchsvolles Fernsehen, auf diesen gemeinsamen Nenner kann man sich einigen, fordert sein Publikum mit dem Ungewöhnlichen, Unverhofften, Unfassbaren. Erfolgreiches Fernsehen dagegen, auch der größere Nenner scheint unumstritten, versorgt seine Zielgruppe mit spannender, emotionaler, konsenstauglicher Unterhaltung. Wirklich gelungenes Fernsehen mit Erfolg und Anspruch dagegen schafft all dies mitunter in einem. Also doppelten Mehrwert, eine Art Zweikomponentenkleber des Entertainments, man könnte es Tandem nennen.

Auf so einem kommt Arte nun zum Jahresauftakt ins Wohnzimmer geradelt. Gemeinsam mit dem SWR haben die Partnerstaaten des deutsch-französischen Kulturkanals zwei Filme zum gleichen Thema gemacht, um „mehr über die Traditionen, Vorzüge und Eigenheiten der Nachbarländer zu erfahren“, wie es Arte-Präsidentin Véronique Cayla und ihr Vize Gottfried Langenstein beschreiben. Es geht ums Reizthema Atomkraft, das beiderseits des Rheins höchst unterschiedlich bewertet wird. Während sich östlich davon mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es im Westen kaum jeder Fünfte. Zugleich allerdings sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragen Cayla und Langenstein, „könnte vielversprechender für eine spannende Film-Story sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“.

Vor diesem Hintergrund sind zwei überaus verschieden Fernsehfilme entstanden, in denen es um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft, Solidarität. Zum Auftakt inszeniert Tag der Wahrheit unter deutscher Federführung die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze. Danach geht Das gespaltene Dorf vorwiegend von Franzosen verantwortet auf Endlagersuche im Dörfchen Saint-Lassou Stelle. Die politische Ausgangslage ist also ähnlich, die filmische Umsetzung schon weniger.

Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice geht es nach dem Drehbuch von Johannes Betz (Die Spiegel-Affäre) ernsthaft um den gefeuerten AKW-Arbeiter Kollwein (Florian Lukas), der zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter den alten Arbeitsplatz mit einer Kernschmelze bedroht, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Unterstützt wird er dabei von Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps), die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers gegen das Vertuschen zahlloser Störfälle ermittelt. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc (Benjamin Sadler) steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Kein Wunder, dass es wenig zu lachen gibt.

Im Gegensatz zum frankophonen Beitrag. Regisseur Gabriel Le Bomin hat sich – mit seinen Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre – nicht nur eine leichtere Version des strahlenden Sujets geschrieben, er realisiert sie auch strikt komödiantisch. Auf der Suche nach einem Bergwerk zur Endlagerung atomarer Abfälle, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris aus in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne (Katja Riemann) ist nämlich eine eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander.

Hier Action, dort Humor. Östlich des Rheins die bleischwere Last der Realität, westlich davon in federleichte Lässigkeit verpackt. Aus Deutschland (wie so oft) eine atmosphärisch bedrückende Kriminalstory im Stile von James Bridges prophetischem GAU-Drama Das China-Syndrom kurz vorm Störfall von Harrisburg 1979. Aus Frankreich (wie noch öfter) ein munteres Sozialdrama im Gedenken an Bill Forsyths Heimatschutzposse Local Hero, in der es die geplante Raffinerie eines Ölkonzern 1983 mit ähnlich verschrobenen Bewohnern der schottischen Küste zu tun kriegt.

Die Fahrer des Tandems steuern also in verschiedene Richtungen. Scheinbar. Doch es geht bei dem Projekt keinesfalls nur um Differenzen. Es geht auch um Gemeinsamkeiten. In knapp vier Stunden Action rings ums besetzte AKW biete ihr Film „wenig Raum für typisch Deutsches oder typisch Französisches“, meint die deutsche Regisseurin. Ihr französischer Kollege fügt hinzu, auch bei ihm gebe es statt national geprägter Figuren „Menschen, deren Gedanken und Gefühle wir teilen“.

So sehr sich die Filme also um soziokulturelle Distinktion und Eigenart bemühen, vereint beide doch mehr als sie trennt. Abgesehen von der Vorgabe, zwei originelle, aber unterschiedliche Filme zum gleichen Thema zu drehen, erinnert sich der Gabriel Le Bomin, „gab es kaum Auflagen“. Doch beide Teams, ergänzt Anna Justice, standen von Beginn an in so engem Kontakt, dass sich „ungewöhnlich viele Leute“ über finale Drehbuch- und Schnittfassungen ausgetauscht hätten. Gedreht wurde zudem überwiegend im südbadischen Dreiländereck der französischen Region Limousin. Und da ist noch nicht mal von den Darstellern die Rede.

Denn der französische Starkomiker Laurent Stocker ist ebenso in beiden Filmen zu sehen wie seine deutsch-luxemburgische Kollegin Vicky Krieps. Anders als das beliebte Mitglied der Comédie Française stellt sich die junge Dramatikerin, zuletzt als Holocaustopfer im Kammerspiel Das Zeugenhaus zu sehen, zumindest in Tag der Wahrheit gegen die Machenschaften der Atomwirtschaft. Die kommt im energiewendenden Deutschland schließlich ohnehin spürbar schlechter weg als im kernkraftfrohen Frankreich. Es überrascht daher wenig, dass der Laurent Stocker – als Sicherheitschef und Atomlobbyist – in beiden Filmen auf Seiten der Meiler steht, während die fundamentaloppositionelle Gegnerin des geplanten Endlagers ebenso wie die skeptische Staatsanwältin im Thriller nicht nur von Deutschen gespielt werden, sondern sogar Deutsche sind.

Auch für Krieps Rolle war ursprünglich übrigens Katja Riemann im Gespräch. „Nur wollten die Deutschen mich nicht“, sagt sie lachend. „Im Gegensatz zu den Franzosen“. Mit denen zu drehen unterscheide sich aus Sicht der Charakterdarstellerin wenig. „Filmleute sind überall auf der Welt gleich“, sagt Riemann. Nachdem sie vor 15 Jahren für die Filmbiografie Balzac erstmals in Frankreich vor der Kamera gestanden hatte, sei somit auch diese Erfahrung „fantastisch“ gewesen. Und zwar auch wegen des Themas. Hält Riemann Atomkraft doch für „gefährlich und zu absurd, um überhaupt erfunden zu werden“.  Vor allem aber, gehe es sie nicht nur sie persönlich an, „sondern alle“.

Und das deutsch-französische Tandem leistet seinen Beitrag, dass es beiderseits des Rheins wieder mehr wahrgenommen wird. Mit zwei verschiedenen Filmen zum gleichen Sujet: einer zum Lachen, einer zum Fiebern, beide eng verwoben und gerade in Kombination nachhaltig wirksam. Ein filmisches Experiment über das der Kernenergie, nur ohne tödliche Nebenwirkungen. Und trotz hoher Halbwertszeit: Endgelagert werden muss das anspruchsvolle Projekt mit Aussicht auf Erfolg wohl nie.

Donnerstag: Tag der Wahrheit; Freitag: Das gespaltene Dorf, jeweils 20.15 Uhr, Arte

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