Lisa Wagner: Kommissarin Heller Eigensinn

Verschrobene Rollen!

Lisa Wagner, geboren 1979, dürfte auch acht Jahre nach ihrem Durchbruch in der Speed-Dating-Komödie Shoppen nur Eingeweihten ein Begriff sein. Nicht mal der Grimme-Preis für ihre Rolle im Münchner Tatort: Nie wieder frei sein (2010) machte die Pfälzerin wirklich bekannt. Das hat sich allerdings geändert, seit die angesehene Theaterschauspielerin Kommissarin Heller ist. An der Seite des ebenso sperrigen Hans-Jochen Wagner spielt sie auch im dritten Teil am Samstag (ZDF) eine verschrobene Ermittlerin in Hessen. Eine Rollentypus, der Lisa Wagner liegt, wie sie im Interview erzählt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wagner, bislang haben Sie in Krimis vor allem Episodenrollen gespielt. Wie fühlt es sich da an, künftig die Hauptfigur einer ganzen Serie zu sein?

Lisa Wagner: Wenn man als Nebendarstellerin nur wenige Tage dreht, muss man extrem auf den Punkt konzentriert sein. Als Hauptdarstellerin hat man da weit mehr Zeit und Raum zur Entfaltung. Die Vorbereitung ist intensiver, der Druck dafür allerdings geringer, da zusätzliche Zeit auch Fehler verzeiht.

Aber steigt dafür nicht die Verantwortung fürs Gesamtprodukt?

Das stimmt, aber ich fühle mich mit wachsender Verantwortung wohler und habe gern Einfluss aufs Ganze.

Sie sind jetzt aber kein Kontrollfreak?

Überhaupt nicht, dann wäre ich beim Film auch völlig fehl am Platze, wo das, was man tut, von 1000 Leuten beeinflusst und nachbearbeitet wird.

Haben Sie über Kommissarin Heller also auch mitbestimmt?

Ich hatte vorm Drehbuch schon zwei, drei Romanvorlagen gelesen, wo die Figur übrigens ganz anders beschrieben ist – eher klein und dick mit großen Brüsten. Körperlich entspreche ich ihr also überhaupt nicht. Deshalb habe ich umso mehr versucht, das Wunderliche an ihr herauszuarbeiten und ihr Eigenheiten zu verpassen. Sie ist auf den ersten Blick gewiss keine Sympathieträgerin und versäumt es oft, ihre Mitmenschen darüber zu informieren, wo sie sich gedanklich gerade befindet. Die Regisseurin hat mich da sehr laufen und entwickeln lassen.

Wodurch Sie sich die Figur so gebastelt haben, wie Sie Ihnen liegt?

Natürlich.

Und das wäre?

Verschrobene Charaktere. Die machen einfach irre Spaß und liegen mir weit mehr als solche Sunshine-Typen. Dass das Leben toll und bunt und leicht ist, fällt mir schwerer darzustellen als die schwierigen, düsteren Seiten. Ich spiele gerne eigensinnige Rollen.

Wie bei Ihrem Durchbruch als Filmschauspielerin in Shoppen, wo Sie eine ungemein seltsame Speed-Daterin spielen.

Genau wie die. Aber Durchbruch ist gut: nach Shoppen hab ich erstmal fast zwei Jahre gar nicht gedreht, weil mir schlicht die Zeit fehlte, so viel, wie ich damals auf der Bühne zu tun hatte. Aber es hat mich schon bekannter gemacht.

Auch berühmter?

Es gab schon viel positive Resonanz, aber berühmt überhaupt nicht, Null.

Das hat sich nach dem Münchner Tatort 2010, wo Ihre Anwältin des Mörders den Grimme-Preis gekriegt hat, vermutlich geändert.

Auch nicht wirklich. Aber das darf auch gerne so bleiben. Denn Popularität hat ihren Preis. Und weil ich lieber über meine Arbeit als meine Person spreche, finde ich es sehr angenehm, nicht auf der Straße erkannt zu werden.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie nicht grad das typische Titelblattgesicht haben?

Ganz sicher sogar. Das eröffnet mir enorme Arbeitsmöglichkeiten und ich kann ein wenig der Geheimtipp sein. Das war möglicherweise auch ein Grund dafür, dass ich zum Casting für die Pflichtverteidigerin im „Tatort“ eingeladen wurde. Uwe Ochsenknecht dort auftritt, weiß jeder sofort, oh, der wird bestimmt noch wichtig, Tendenz Täter. Bei mir hat niemand geahnt, dass ich am Ende die Mörderin bin. Für solche Wendungen sind Titelblattgesichter oft eher hinderlich, denke ich. Und Modelfrauen haben es womöglich schwerer, ins seriöse, ernste Fach zu kommen. Wenn ich die Wahl zwischen Qualität und Quantität habe, bevorzuge ich erstere.

Aber beinhaltet nicht gerade eine Krimireihe die Gefahr, letzteres zu liefern?

Diese Gefahr besteht sicher, aber in diesem Fall kann ich sie nicht erkenne. Nach zweieinhalb Jahren gibt es gerade mal zwei Episoden; das ist jetzt nicht allzu quantitativ. Und was die Qualität betrifft, hab ich vollstes Vertrauen in die Drehbücher und vor allem: in meine Kollegen wie Hans-Jochen Wagner.

Schafft so eine Reihe für unregelmäßig beschäftige Freiberufler auch ein Stück materieller Sicherheit?

Die ist zumindest nicht zu verachten. Aber ehrlich: Zu Beginn des Projekts war nicht mal von einem zweiten Teil die Rede.

Und jetzt steht der Drehbeginn des dritten Teils an, bevor der erste überhaupt gezeigt wurde. Woher rührt dieser Vertrauensvorschuss?

Weil wir einfach geil sind! Aber ehrlich: die Vorschusslorbeeren von Seiten des Senders tun uns schon gut. Das ZDF rechnet offenbar mit ausreichend Zuspruch.

Interessiert Sie der?

Selbstverständlich. Ohne Publikum möchte doch niemand schauspielern. Aber ich weiß schon zu differenzieren, von wem Lob und Zuspruch kommen. Und wenn etwas allen gefällt, ist es auch wieder ein bisschen seltsam. Aber das größte Kompliment ist aus meiner Sicht ohnehin, wenn Einsatz und Ergebnis so eklatant auseinanderklaffen wie bei Shoppen – einer Low-Low-Budget-Produktion mit beachtlichen Zuschauerzahlen.

Trotzdem kriegen Sie mit Kommissarin Heller nun einen Fuß in die Tür zum Massenpublikum, den man nicht so ohne weiteres wieder rausziehen kann.

Das stimmt wohl.

Wird das die Angebote an Sie grundlegend verändern?

Keine Ahnung, aber es wäre super. Anfragen sind immer toll, das gibt auch ein Gefühl von Sicherheit. Ich wäre ja bescheuert, fünf Angebote besser zu finden als zehn. Was ich davon annehme, ist eine andere Sache. Aber ich gucke mir alles an. Ich habe zwar noch keine fünf Kinder zu versorgen, aber am Ende muss ich von irgendwas leben.

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