Reisereportage: Kulturhauptstadt Mons

001_Alhambra © Kmeron_HD sur demandeBelgische Plattentektonik

Große Städte bewerben sich kaum noch als Kulturhauptstadt Europas. Umso emsiger putzen sich kleinere fürs ganzjährige PR-Event heraus – und gewinnen wie das belgische Mons zuweilen sogar an Reiz. Dafür stehen die kommenden zwölf Monate voll außergewöhnlicher Kunst, Musik, Literatur und Theatralik, mehr aber noch die Entdeckung des bestehenden Angebots. Wie im famosen Musikclub Alhambra.

Von Jan Freitag

Pommes und Pralinen, Bürokratie und Bier, ein Weltkrieg, zwei Sprachen und dann dieser Perverse namens Dutroux – wer an Belgien denkt, landet flugs bei einem deftigen Stereotypen-Menü, dem nicht so leicht zu entkommen ist. Wenn man ihm denn entkommen will. Catherine Stilmant will nicht. „Ach, die meisten Klischees mag ich ganz gern“, sagt Walloniens Kulturbeauftragte in Brüssel und heftet ein herzliches Lachen an ihre Solidarität für alkoholschwangere Hausmannskost zu jeder erdenklichen Tageszeit oder die nationale Streitkultur. „Das gehört doch zu Belgien wie…“ – Catherine Stilmant zögert. Wie… Ja, wie was? „Wie das hier!“ Sie weitet die langen Arme, als gälte es ihre Heimatstadt zu umarmen.

Wie Mons also. Eine kleine Stadt südwestlich von Brüssel, die das architektonische Chaos unseres Nachbarlandes zur Kunstform erhebt. In der verspielter Jugendstil an nüchternen Kubismus und trutzige Neogotik grenzt, als lägen dazwischen nicht Jahrhunderte Baugeschichte. Wo Baustellen weniger für Übergang stehen als Zustand. Dauerzustand. Mons hat keine Baustellen, Mons ist eine Baustelle, und wenn Baustellen keine mehr sind, steht nebenan bald das nächste Gerüst. Die Caesarenfestung der Hochantike mag eine der ältesten Siedlungen weit und breit sein, Klosterstadt im Frühmittelalter, Bergbaubezirk im Spätkapitalismus, fast 2000 Jahre gewachsen, geschrumpft, konsolidiert, also im Grunde fertig – kaum beginnt sich der Rest des Kontinents mal für Walloniens Perle mit dem pittoresken Ortskern zu interessieren, grassiert der Veränderungswahn.

Wie in jeder Kulturhauptstadt Europas.

Was die Europäische Union vor 30 Jahren erfand, um am Beispiel einzelner Orte ihre Vielfalt zu feiern, ist allerdings zur entfesselten Umwälzung fester Struktur mutiert. Konnten sich Metropolen von Athen über Dublin bis Stockholm anfangs noch mit ihrem Bestand präsentieren und daran touristisch gedeihen, meiden die überlaufenen Ballungsräume längst den PR-Wirbel um einen Status, der oft mehr kostet als nutzt. Kein Wunder, dass sich nun eher regionale Hunderttausenderorte um den Status bewerben. Großdörfer wie Mons oder das tschechische Pilsen.

Was ein Jahr Kulturkapitale bewirkt, ist seit der Verkündung vom ortsüblichen Glockenturm aus zu sehen, der anstelle des römischen Kastells einen furiosen Blick über die Kräne im Schornsteingewimmel der Altstadt gewährt. Oder die Rue de Nimy runter zum Univiertel, wo sich der frische Kulturhauptstadtregierungswürfel so fremd wie freundschaftlich an die Stadtvillen früherer Epochen schmiegt. Und natürlich am Grande Place, der zwischen altem Rathaus und entstehender Touristeninfo scheinbar tiefer gepflügt wird als es Napoleon zwei Tagesmärsche nördlich bei Waterloo tat.

Aufbau, Abriss, Umbau – seit die Holzstadt 1691 auf ein Verdikt Ludwigs XIV. hin für den Brandschutz planiert und versteinert wurde, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. Bis der 1. Weltkrieg hier mit dem letzten Schuss ausklang, ging viel vom blauen Dolerit verloren, aus dem halb Mons neogotisch wiedererrichtet wurde. Und dann starb vor 60 Jahren auch noch die Zeche Grand Hornu. Vernachlässigung, Leerstand, Zweckbau – mit dem Abschied der Industrie gewann Mons zwar ein Weltkulturerbe, verlor aber Arbeit. Und Aura. Catherine Stilmant zuckt mit den Achseln und wiederholt, was irgendwie charmanter klingt als Aufbau, Abriss, Umbau: „Cité sous construction“.

Wie am Bahnhof. Dort ist kurz vor Silvester noch viel mehr in Bewegung als anderswo, aber noch viel weniger vollendet. Für längst pulverisierte 150 Millionen Euro Kalkulation sollte der geschwungene Wachbetonorganismus Hundertausende Besucher empfangen. Mittlerweile hofft Spaniens Toparchitekt Santiago Calavatra auf eine Eröffnung im Herbst, wenn Mons bereits wieder auf Provinzniveau schrumpft. Wäre da nicht ein Weltstar. Nördlich der Schienen hat Daniel Libeskind sein raumschiffartiges Congress-Zentrum im Brachland gelandet, als wolle er einer Weltstadt Würde verleihen. Dabei ist es nur die Randlage eines Städtchens in der Senke des Flusses Henne, das sich den Drachen Dou Dou als Maskottchen hält und einen Eisenaffen an der Rathauswand. Dabei ist es nur Mons. Nur Mons? „Unterschätzen Sie uns bloß nicht!“, rät, nein: fleht Pascal Goosens und hat auch etwas dafür zu bieten.

Gut die Hälfte seiner 52 Jahre zählt er zur belgischen Avantgarde. Vor einem Jahr nun ist der ergraute DJ in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um ihr, sagt Goosens, „etwas zurückzugeben“: Das „Alhambra“. Bis zu 500 Gäste strömen seither ins alte Kino am Markt, wenn die erste Liga der elektronischen Clubkultur anreist. Das helfe mehr noch als das „Little Silicon Valley“ am Ortsrand mit seinen gut 100 Startups nebst der nationalen Google-Zentrale, „junge Leute hier zu halten“.

Zur Seite steht ihm der schwule Bohemien Elio di Rupo, der gerade als Ministerpräsident zurückgetreten ist, um sich wieder aufs Bürgermeisteramt seiner Heimatstadt zu konzentrieren. Zur Seite steht ihm aber mehr noch eine Kulturszene, die es in Deutschland abseits der Metropolen nur selten gibt. Das Kunstmuseum BAM ist baulich wie inhaltlich ebenso kühn wie die Kunsthochschule am Marché Aux Herbes vorbei, der sich allabendlich mit Studenten füllt. Am Fuß des Belfrieds steht eine futuristische Jugendherberge, deren Gäste nur einige Minuten bis zur 800 Quadratmeter mächtigen Theaterbühne des Le Manège brauchen, sorgsam eingehegt in den historischen Stall. Es gibt Bars und Kneipen, deren Lässigkeit – wenn schon nicht an Berlin, so doch ans fünfmal größere Bremen erinnert. Das Arcobaleno beherbergt die Poetryslam-WM. Vor der Open Stage des Bateau Ivre drängeln sich Dienstagnacht Rastas, Hipster, Partypeople, um direkt am Grande Place zu feiern.

„Und wenn sie besoffen sind“, meint Pascal Goosens, „können Sie einfach die Straße runter direkt ins Alahmbra rollen“. Oder ins L’Excelsior, ältestes Café am Platz, durch deren Tischreihen halstätowierte Beardo-Kellner in gestärkten Schürzen wuseln wie überall, wo es urban wird. Eine Stadt in Bewegung eben, dessen schwuler Bürgermeister Elio di Rupio für ein Jahr unter internationaler Beobachtung, danach wieder mehr für sich. Und trotzdem irgendwie weltläufig.

www.mons2015.eu

Den Text und weitere Infos auch unter http://www.zeit.de/reisen/2015-01/mons-belgien-kulturhauptstadt-europas

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