Olli Schulz, Madonna, Panda Bear, Munitors

Olli Schulz

Der Alltag als solcher ist prosaisch. Bis zur Rente ist sein Verlauf oft so getaktet, dass Leerlauf als Verlust zu Buche schlägt. Emotional vom Alltag zu erzählen, fällt daher schwer. Alltag hat keine Poesie, er hat Pläne. Es sei denn, Olli Schulz singt davon. Sein Liedermacherpop kündet von nichts anderem als den Sollbruchstellen zwischen Anspruch und Realität, besser: Feelings aus der Asche. So heißt sein neues Soloalbum. Es ist schon jetzt das Beste, was 2015 auf Deutsch gesungen werden wird. Zehn Stücke verdichtet Schulz das Leben so unprätentiös und doch empathisch, dass selbst Textzeilen aus dem Jammertal seiner Alterskohorte optimistisch wirken. “Meine Helden sind alt / meine Träume dahin / Ich weiß nicht wie es aufhört / aber so muss es beginnen.” Der Gesang mag klingen wie Distelmeyer oder Regener, gar Pur und die Prinzen – es klingt stets, wie der Alltag klingen müsste, wäre er ein Gedicht.

Madonna

Madonna hingegen klingt, wie Madonna eben klingt – auch wenn sie sechs Stücke ihres neuen Albums, hüstel, vorab leakt. Was eigentlich das illegale Publizieren geheimer Informationen meint, zeugt bei der Queen Mum of Pop von ebenso purer Berechnung wie der Albumtitel: Madonnas Rebel Heart erschöpft sich ja darin, den Zeitgeist erst zu prägen, dann auszubeuten. So war es zumindest einst. Nun aber prägt Madonna nichts Neues, sie professionalisiert das Alte. Aber wie! Der überfrachtete Elektropop Living For Free zum Beispiel ist so fett produziert, dass die inhaltliche Ebbe unter der Flut an Effekten förmlich verschwimmt. Kirmestechno, Steeldrums, Westerngitarre, Offbeats, Achtziger, Abba-Anklänge und Rihanna-Referenzen – auch in den anderen fünf Tracks muss alles immer in alles hinein, damit keiner auf die Idee kommt, tiefer zu forschen. Etwa, warum am Ende von Bitch, I’m Madonna ein Hund bellt. Klingt super, ändert nichts.

Panda Bear

Klingt nach Tieren, ändert alles: Das gilt indes für Noah Benjamin Lennox. Der Klangbastler aus Baltimore nennt sich ja nicht nur Panda Bear, er durchzieht auch sein neues Album so kreativ mit Geräuschen aus Flora und Fauna, dass man fast vergisst, welche Musik er eigentlich macht. Findige Kritiker haben für die Kunst, griffige Strukturen aus wirren Ergüssen seines Korg zu formen, den Begriff New Weird America erdacht. Und in der Tat: Panda Bear Meets The Grim Reaper erinnert an eine Therapiegruppe in der Klapsmühle, wenn die Samples und Flächen wild durcheinanderwirbeln. Doch wie aus verzerrtem Hundejaulen von Mr. Noah eine Art Stonerpop erwächst, wie Lennox’ Hippiestimme übers japanische Jodeln vonBoys Latin weht, wie digitale Möwen unterm Antibeat von Come To Your Senseshindurch fliegen – braucht Musik keine Struktur. Dann sorgt der pure Aberwitz für Harmonie.

The Munitors

Mit der Harmonie kann man es aber auch zu gut meinen. Während erst der Mut zum Misston wahren Anspruch schafft, kann Wohlklang alle Distinktion ersäufen. Hier in etwa verläuft die Grenze zwischen alternativem Fusionpop und süffigem Indierock oder auch: Jamie T und U2, die in musikalischer Hinsicht beide in The Munitors stecken. Jetzt legt das Quartett aus der Wetterau seine zweite EP vor, statt aus zwei halben eine ganze Platte zu machen, was von einer Inkonsequenz zeugt, die auch ihren Sound prägt. Noch. Denn obwohl die fünf neuen Tracks teils zu gefällig wirken, haut sich die Band seit dem Umzug nach Frankfurt mehr Kanten ins Repertoire. Der Opener Harm etwa enthält sehr spannende Riffs zu angerauten Vocals, was trotz des eher schlichten Englischs rasch ins Ohr dringt und dort eine Weile bleibt. Jetzt müssen die jungen Indierocker nur noch den Mut zu weniger Gitarrensoli und einer LP aufbringen, dann wird was draus. Keine Angst.

Mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/madonna-olli-schulz-panda-bear-tontraeger

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One Comment on “Olli Schulz, Madonna, Panda Bear, Munitors”

  1. hrolfb says:

    Bitch = Hündin = bellen, so tief muss nicht geforscht werden


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