FDP-Beine & RTL-Männer

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Januar

Es ist schwer, leichte Worte über Medien zu finden in einer Gegenwart, die von ihnen auch in Ländern mit wahrhaftiger Pressefreiheit nicht mehr gefahrlos geschildert werden kann – und sei es mit dem arglosen Mittel des Humors. Noch schwerer ist es, in diesem Klima vom oft so banalen Fernsehen zu erzählen, das zwar seit Mittwoch ausgiebig zeigen mag, wie die Charlie Hebdo ohne (Gottes-)Urteil von einer Bande selbstherrlicher Richter und Henker entvölkert wurde, ansonsten aber in Echtzeit zur Tagesordnung übergeht. Ein wenig leichter macht es einem da allenfalls Pegida.

Die Patriotischen Europäer gegen alle Intelligenz des Abendlandes werden wohl noch ein paar Tage Pietät heucheln, bevor sie den rassistischen Ton verschärfen. Zwischendurch aber wurde das xenophobe Pack ausgerechnet von denen, die in Dresden (und Allah sei Dank wirklich nur da) pauschal als „Lügenpresse“ beschimpft wird, an der ignoranten Nase rumgeführt: Der Postillon lancierte vorige Woche kurz vorm Marschbefehl, die Montagsdemo falle wegen Führungsstreitigkeiten aus. Das war, wie vernunftbegabte Leser wissen, ein Fake. Dummerweise haben Pegidisten (Pegidistinnen gibt’s kaum) mehrheitlich Vernunft durch Hass ersetzt, weshalb die kleine Satire große Wirkung im strammrechten Lager erzielte, was wirklich unterhaltsam war. Viele Beine auf der Straße heißt eben nicht, viele Hirnzellen in Betrieb.

Zwei Beine auf einem Sessel lösen dagegen auch dann ein Stürmchen im Wasserglas aus, wenn es wie bei der FDP nicht halb voll ist, sondern fast leer. Beim liberalen Dreikönigstreffen, trotz Bedeutungsarmut noch immer ein Topthema der Tagesschau, zoomte der Kameramann von den Füßen der Hamburger, äh, Spitzenkandidatin Katja Suding Richtung Minirock zum Kopf, was den Shitstorm nach sich zog, die Nachrichtensendung bebildere Seriöses sexistisch. Das tat sie tatsächlich – gab es doch nicht die geringste Metaebene der saftigen Pennälerperspektive.

Oder?

Na, unterstellen wir der ARD doch einfach mal, die jämmerlich leicht bekleideten Politikerinnenbeine nur gezeigt zu haben, weil eben jene Katja Suding ihren komplett inhaltsentleerten Bürgerschaftswahlkampf ausnahmslos mit optischen Attributen geführt hatte und liberale Programmatik in ihrer Stadt somit als inexistent demaskiert. Vermutlich war dem Kameramann aber wohl doch bloß das Testosteron übergeschwappt und die Tiefgangsthese somit ebenso zu wohlwollend wie die Annahme, das Erste übertrage ab 4. Juli nach langer Dopingpause die Tour de France, weil der Radsport nun sauberer sei. Oder die Hypothese, die Kündigung der Erfurter Tatort-Ermitller Friedrich Mücke und Alina Levshin nach nur zwei Folgen hätte andere Gründe als grottenschlechte Drehbücher.

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Januar

Jedenfalls landen die zwei unterforderten Schauspieler nicht, wo sich die abrufbereite Leipziger Kollegin Thomalla bald finden könnte: Im Dschungelcamp. Das wird Freitag von elf internationalen Topstars wie Roberto Blancos Tochter, Heidi Klums Rolfe und Glückrads Maren Gilzer bezogen, während der Bachelor zwei Tage zuvor schon mal die Bewohner 2016 castet. Ansonsten prägt RTL die neue Woche nicht nur durch verklappten Dünnpfiff.

Donnerstag (21.15 Uhr) startet die Serie Männer! deren Titel drüber hinwegtäuscht, dass die Adaption der holländischen Idee einer WG dreier verlassener Kerle Potenzial hat, das Senderniveau zu übertreffen – auch wegen Hans-Jochen Wagner in der Hauptrolle. Dienstag startet die 4. Staffel von Game of Thrones, was nun wirklich nicht weiter kommentiert werden muss. Und parallel dazu darf man beim Partnerkanal Vox gespannt sein, ob Beyoncés Choreograf Dennis Jauch aus Brandschützern oder Köchen unterhaltsam Tänzer macht.

Weil letzteres aber doch eher fraglich ist, wenden wir uns den wichtigeren Dingen des TV-Lebens zu: Der Story im Ersten, die Montag (22.45) ein Exklusiv-Interview des NDR-Reporters John Goetz und seines dänischen Kollegen Poul-Erik Heilbuth Edward Snowden zeigt, was die ARD im Anschluss mit der sehenswerten Dokumentation Schlachtfeld Internet abrundet. Tags drauf läuft der sechsstündige Arte-Schwerpunkt zum 70. Jahrestag der Auschwitzbefreiung, aus dem allenfalls Night Will Fall um 21.45 Uhr ein bisschen herausragt: Alfred Hitchcocks teils ungezeigte Reportage über ein erlöstes KZ. Und einen Tag, nachdem Charlie Hebdo trotz des Anschlags am Mittwoch mit einer Million statt 60.000 Exemplaren erscheint, zeigt Arte die Serie Paris, ein bildgewaltiges Panoptikum um sechs scheinbar völlig verschiedene Charaktere der verwundeten, aber unverwüstlichen Stadt.

Ein fast verwüstetes Land zeigt der farbige Tipp der Woche am Mittwoch um 22.15 Uhr auf Eins Plus: This is England, Shane Meadows furioser Spielfilm über das Abrutschen der Skinhead-Szene ins rechte Lager vor 30 Jahren. Der Schwarzweißtipp dann Sonntag auf Arte: Lohn der Angst mit Yves Montand und Charles Varel, die 1953 eine Ladung Nitroglyzerin durch den venezuelanischen Dschungel karren, was – bis heute eine absolute Seltenheit – kein Happyend hat.

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