Indiefriday: Wildbirds, Peacedrums, Von Spar

Wildbirds & Peacedrums

Übers paläoanthropologische Gebaren ist wenig mehr bekannt, als dass wir gegessen, geschlafen, gevögelt, gesammelt, gejagt und irgendwann Werkzeug benutzt haben. Selbst, ob die ersten Hominiden musizieren konnten, bleibt bloße Spekulation. Doch wenn sie es taten, so viel erscheint sicher, dann mit Stimme und Stöckern, Steinen, allem was rummst. Wildbirds & Peacedrums sind so gesehen Atavismen der weiten Welt des Klangs.Das Ehepaar aus dem schwedischen Göteborg benötigt für seinen ekstatisch reduzierten Sound nicht mehr als Mariam Wallentins Gesang und Andreas Werliins Schlagzeug. Ab und zu mal ein verstohlenes Bassfragment – schon beginnt die Rückkehr zu den Wurzeln der Musik. Sie klingt auch auf ihrem vierten Album mit dem passenden Titel Rhythm nach allem, was dem zeitgenössischen Pop an Widerhaken, Abzweigen, Zwischentönen fehlt.

Rhythm ist verschroben und wahnsinnig, rätselhaft und eigentümlich, manchmal dämonisch, fast hysterisch, jedenfalls heißblütig, unvergleichlich, selbstgewiss und somit exakt die Antithese zum Wesen des Pop, das sich aus allem zusammensetzt, was schon mal zu hören war. Rhythm war noch in kaum einem Ohr, nicht in dieser Form. Sicher, Wallentins theatralisch dargebotene Texte über alles Erdenkliche rings um Liebe, Lust und Leidenschaft orientieren sich trotz gelegentlicher Ausflüge in vertrackte Tremoli am klassischen Notenvokabular. Auch Werliins Peacedrums drehen nicht ständig durch wie das Tier bei den Muppets, sondern variieren die Takte bei aller Raserei mit präziser Strukturbereitschaft. Doch die extreme Reduktion der neun neuen Stücke aufs Rhythmische, das Fehlen einer harmonischen Melodie, der Dschungelgestus im Großstadtstudio – all dies führt das Publikum zurück auf eine Innerlichkeit, die der zeitgenössischen Popmusik längst ausgetrieben wurde.

Rhythm ist ein Sound zum Eintauchen, Absinken, Verharren, Bewegen, Auftauchen, Staunen. Man kann den vergleichsweise gefälligen Fusionjazz Ghosts & Pains zum Auftakt ebenso wenig nebenbei laufen lassen wie das hypnotischeMind Blues weiter hinten. Die Platte fordert Raum und Zeit, Konzentration, ja Andacht, jedenfalls Aufmerksamkeit. Bei Konzerten ist das im Saal greifbar. Doch auch daheim kann man der Vereinnahmung schwer entgehen. Wer es dennoch versucht, zählt entweder bald zu jenen, die den Kopf schütteln und auf Dudelfunk schalten. Oder zu denen, die förmlich durchdrungen werden von Wildbird & Peacedrums. Sie verwandeln sich dabei nicht zurück in Urmenschen. Aber ein neuer Weg zu Hören, der kann sich schon daraus entwickeln.

Wildbirds & Peacedrums – Rhythm (The Leaf Label); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/12/03/wildbirds-peacedrums-rhythm_18999

Von Spar

Chamäleonvergleiche gehen oft an der Sache vorbei. Zumindest, wenn damit Wandlungsfähigkeit an sich beschrieben wird. Das anpassungsfähige Reptil verändert sein Äußeres ja doch den örtlichen Umständen entsprechend, ordnet sich den Verhältnissen also lieber unter, als sie zu prägen. Geschmeidig, könnte man das nennen. Gefällig, tickten Leguane tatsächlich so. Trotz aller Farbe farblos. Also in etwas das Gegenteil von Von Spar. Seit ihrer Gründung vor elf Jahren wurden die vier bis fünf Kölner zwar öfters als Chamäleon des deutschen Pop bezeichnet. Schließlich haben sie den elektronischen Postpunk ihres grandiosen Debütalbums mit dem noch grandioseren Titel Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative schon 2007 zugunsten eines verstiegenen Krautrockexperimentes über den Haufen geworfen. Das dritte Album 2010 wurde dann ein digitales Klangkonvolut, das Jean Michel Jarre zum nüchternen Strukturalisten degradiert.

Doch all dies waren irgendwie nicht gerade musikalische Leitthemen ihrer schnelllebigen Zeit. Womit wir beim neuen, dem vierten Album wären. Es heißtStreetlife, mag zu Beginn entfernt an die aktuelle Neigung bekannter Künstler zum Neofunk erinnern. Aber das verfliegt nach wenigen Takten. Dann machen Von Spar, tja, was machen die da eigentlich. Jedenfalls alles andere, als die Farbe eines anderen Stils anzunehmen, auf den sie sich bewusst oder zufällig draufgesetzt haben. Mit etwas Wohlwollen könnte man die acht längeren bis echt langen Lieder vielleicht Lowfipop nennen, mit etwas weniger womöglich Easy Listening, doch sie lassen sich nie auf den schnöden Zeitgeist ein. Mit dem Monsterhit der Crusaders hat der Albumtitel ebenso wenig zu tun wie die VorgängerplatteForeigner mit der gleichnamigen Band. Streetlife mag bisweilen klingen, als seien Von Spar nach der Geburt in einen Sample-Tank gefallen und könnten die überschüssige Referenzvielfalt im Erwachsenenalter nicht mehr recht dosieren. Das führt dann manchmal so weit, dass in Stücken Breaking Formation ein Christopher Cross aus dem Audiogefrickel blinzelt, aus Try Though We Might gar Peter Maffay, während das anschließende Duvet Days an die allerersten Gehversuche des Ambient erinnert.

Manchmal wirkt dieses Sammelsurium also geradezu lachhaft, lachhaft konstruiert vor allem. Aber Von Spar gelingt es, dieses Durcheinander wie einen entspannten Spaziergang durch die Jahrzehnte elektronischer Spielarten aussehen zu lassen. Fast so wie es Daft Punk mit ihrer technoiden Wiederbelebung des Oldschool-Funk getan haben. Wer kann, der kann, könnte man meinen. Trotz der betulichen Fritz-Kalkbrenner-Gedächtnis-Stimme des Gastsängers Chris Cummings aka Mantler verstärkt sich der Sog von Streetlifealso mit jeder neuen Umdrehung. Einfach fabelhaft.

Von Spar – Streetlife (Italic Recordings); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/12/01/von-spar-streetlife_18986

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