John de Mol: Milliardär & Medienberserker

Der Maulwurf

Er tut es wieder, er kann nicht anders: Menschen in ein Haus stopfen, Kameras an und sehen, was passiert. Mit Newtopia lässt John de Mol Ende Februar die nächste Ladung Reality-TV aufs Publikum los, über die heftig gestritten wird. Diesmal sollen Freiwillige unter Dauerbeobachtung eine Lebensgemeinschaft im brandenburgischen Nirgendwo errichten. Aus dem Anlass dokumentieren freitagsmedien ZEIT-Porträt des globalen Produzenten aus Holland, der Wer wird Millionär? über uns gebracht hat und Big Brother.

Von Jan Freitag

Wer weiß, wie oft John de Mol diese Geschichte erzählt hat. Eine Anekdote, die mehr über Europas erfolgreichsten Fernsehmacher aussagt als jedes Dossier, jedes seiner unzähligen TV-Formate. Ende der Achtziger, die Privatsender waren noch jung, habe er an einer roten Ampel gewartet, daheim im holländischen Hilversum, das Autoverdeck offen. Es muss ein Sommertag gewesen sein, „als zwei Verliebte vorbeikamen, die so unterschiedlich waren, als ob sie gar nicht zueinander passen“.

John de Mol überlegte, wo sie sich wohl das erste Mal getroffen haben mögen – und plötzlich war die Idee der Traumhochzeit geboren, Keim einer internationalen Medienkarriere sondergleichen. Bis dahin war der Mittdreißiger vor allem auf seinem Hausmarkt am Ejsselmeer aktiv gewesen. Doch mit seiner Schwester Linda vor der Kamera machte er die Heiratsshow bald zum erfolgreichen Exportartikel. Und es sollten noch viele globale Ikonen des Emotainments folgen, wie de Mols Metier genannt wird. Unterhaltung mit Gefühl sagen die einen, Verblödung mit System die anderen. In jedem Fall ein gute Geschäft.

John de Mol sind beide Sichtweisen herzlich egal, das rufen seine Worte, alle Gesten, der ganze Auftritt in die Welt hinaus. „Fernsehen ist Timing, Bauch, Emotion und Konzept“, erklärt der Programmentwickler und fügt noch ein wesentliches Kriterium hinzu: reine Geschmackssache. Selbstsicher lehnt er sich mit tief geknöpftem Hemd in seinem opulenten Büro zurück und verschränkt die Arme hinterm Kopf. Timing, Bauch, Emotion, Konzept haben den Holländer nicht nur zum Milliardär gemacht, sondern zu einem der wichtigsten TV-Produzenten unserer Tage, auch wenn seine Blütezeit bereits hinter ihm zu liegen schien.

Sieben Jahre, um genau zu sein. Damals hatte er die Anteile seines Medienkonzerns Endemol für Aktien im Wert von 5,5 Milliarden Euro an den Telekommunikationsriesen Telefónica verkauft. Dass er sie jetzt zurück erwarb, erinnert dramaturgisch an all die Seifenopern, denen seine Art des Fernsehens den Weg geebnet hat: Liebe aus Leidenschaft, Ehe im Überschwang, Zuwachs aus Prinzip, Trennung im Streit, Versöhnung aus Sehnsucht.

Im Sommer 2000 trennte sich de Mol nicht von Endemol, sondern zunächst nur vom börsennotierten Firmenteil, der Entertainment Holding. Ein Akt der Befreiung für den Mann der Praxis. Dank Telefónica war er die Last der bürokratischen Verantwortung los. Erst mit dem Multi aus Madrid im Rücken, betont der selbsternannte Think Tank, hatte er genügend Zeit fürs Kreative, seine Kernkompetenz in Endemols Portfolio aus Telefonie, Internet, Entertainment, Vermarktung und Mobilfunk. Doch selbst als Chief Creative Officer wurde ihm das berichtspflichtige Unternehmenskorsett bald zu eng. Er spricht vom „Luxusgefängnis“, voller Shareholder, aber ohne Esprit. Nach vier Jahren verließ er Vorstand und bald auch Firma, sein Baby, wie er es nennt. Es war ein schwerer Schritt, „aber wenn ich einmal aufs falsche Pferd gesetzt habe, folge ich der Alarmglocke“.

In die mediale Bedeutungslosigkeit, so dachten viele. Denn während Formate von Big Brother über Nur die Liebe zählt bis hin zum unverwüstlichen Wer wird Millionär weiterhin globale Topquoten erzielten, zog sich ihr Erfinder, Macher, Weltverbreiter ins betuliche Holland zurück. Wenngleich mit neuen Perspektiven: Nur Monate nach seinem Deal war die Blase des Neuen Marktes geplatzt und hatte neben Millionen Spekulationsverlierern auch diesen Gewinner hinterlassen: de Mol.

Mit gewachsenem Vermögen gründete er im Sommer 2005 den TV-Sender Talpa. 200 Millionen Euro flossen angeblich in die Mischung aus Livemagazinen, Quiz- oder Talkshows, Filmlizenzen, Serien und Fußballübertragungsrechte. Dennoch lief Talpa schleppend an und auch nach der zwischenzeitlichen Umbenennung in Tien blieb ihm die Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen oft fern. Zu sehr mit Schriftkram beschäftigt, hatte sich John de Mol einen neuen Knast gebaut, nur weniger luxuriös. Immerhin nutzte er die Zeit, seine Netze in andere Gewässer zu werfen. Er stockte seine Anteile am Telefonkonzern Versatel auf und erwarb weitere an Medienkonzernen, Technologiefirmen, einem Sportwagenhersteller und Manchester United. Eine Expansion in alle Richtungen.

Umso erstaunlicher, mit wie wenig Getöse er nun auf den zweitgrößten Fernsehmarkt zurückkehrt, nach Deutschland, wo Endemol von Köln aus aktiv ist. Es ist nach Leo Kirch das zweite Mediencomeback 2007, nur stiller, so wie John de Mol es mag, der nach Auskunft eines Vertrauten karitativ umfassend tätig ist, ohne groß drüber zu reden. Gänzlich eigennützig kaufte er dagegen im September Endemol zurück, marktgerecht für zuletzt über eine Milliarde Euro Jahresumsatz, günstig im Vergleich zur einstigen Kaufsumme. Gut 2,6 Milliarden Euro gingen für 75 Prozent der Aktien an Telefónica, dessen Chef César Alierta nie so warm mit der Tochtergesellschaft geworden war wie sein Vorgänger. Und schon gar nicht wie ihr Gründer. Anfang 2007 erwarb de Mols milliardenschwerer Investmentfond Cyrte die ersten fünf Prozent und holte für den Rest durchaus umstrittene Partner ins Boot: Silvio Berlusconis Sendergruppe Mediaset und die Investmentbank Goldman Sachs steuerten je ein Drittel zum Kaufpreis bei. Und weil er die Börse „Gift fürs kreative Geschäft“ nennt, nahm man es vom Parkett. Endemol ist wieder da, auch wenn es nie weg war. Nicht aus John de Mols Herz.

Denn glaubt man dem Modellathleten im Vorruhestandsalter, dreht sich darin alles um Fernsehen. „Mein Kopf hat nie Ferien. Er ist 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr bei der Arbeit.“ Ein Energiebündel, das sein Gegenüber im Gespräch unablässig fixiert. Ein „fantastischer kreativer Geist“, wie ihn der frühere RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler fast ehrfürchtig nennt, „so radikal und kühn, dass radikale und kühne Dinge entstehen.“ Stets auf der Suche nach Abnehmern neuer Ideen, Adressaten seiner Botschaften vom erfolgreichen, ergo richtigen Fernsehen. „Eine Mischung aus Kaufmann und Missionar“, hat ihn der Chef des Europäischen Medieninstituts Jo Groebel nach dem Verkauf genannt. Jetzt darf de Mol wieder weniger Manager sein, dafür umso mehr Verkünder seiner Ideale vom Entertainment. Es ist das der Masse, das einzige gültige Kriterium, wie er betont. „Wenn sie einschaltet, hab ich meinen Job richtig gemacht.“

Da kann es kein Zufall sein, dass de Mol übersetzt Maulwurf heißt. Wie das ungeliebte Säugetier untergräbt er seit über 30 Jahren die Gärten der Zuschauer, hinterlässt seine Spuren im Grün und lässt sich freiwillig nicht vertreiben. Sogar sein neues Standbein Talpa ist nach diesem Prinzip benannt, diesmal auf Latein. John de Mol wühlt gern im Boden des Massenfernsehens und will sein Geld wieder vornehmlich damit verdienen, weniger mit Investmenttätigkeiten. Sein Beruf ist ihm Berufung, seit jeher. Bereits als Schüler streute er seinen Stil unters Volk. Er jobbte beim Radio, verdingte sich nach der Schule als DJ, trug Kabel fürs Fernsehen, schnitt Fußballberichte und tat somit das Gegenteil dessen, was seine Eltern von ihm erwarteten. „Sie wollten, dass ich studiere, am liebsten Jura“. Der volljährige Johannes Hendrikus Hubert aber machte nicht mal Abitur, ein bisschen aus Rebellion, ein bisschen aus Überzeugung. Wie gesagt: Ein Mann der Praxis.

Und sicher kein Befehlsempfänger. 1979 verließ er das Auftragsfernsehen, um sein eigenes zu gründen. Die John de Mol Produkties fertigten billige Spielshows, Soaps oder Low-Budget-Musikfernsehen und fluteten auch Deutschland mit „Traum- und Tränengeschichten“, wie die FAZ klagte. Sie passten genau ins Konzept Helmut Thomas. „Der Wurm soll nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch“, lautet das Motto des damaligen RTL-Chefs und Linda de Mol war sein Lieblingsköder. Ihretwegen importierte er die Traumhochzeit 1992 nach Köln und sicherte ihrem Bruder im Gegenzug eine Abnahmegarantie künftiger Formate zu. „Ein wirklich harter Knochen, der um jede Mark gekämpft hat“, erinnert sich Thoma an die Partnerschaft. „Er hatte diese sehr spezielle Form holländischen Humors, ganz anders als so viele deutsche Eisenbeißer“. Erst beim Geschäftlichen hörte der Spaß auf. „Aber wir haben immer einen Kompromiss gefunden“.

Der Exklusivvertrag, Output-Deal genannt, hatte noch Bestand, nachdem de Mols Firma zwei Jahre später mit der seines Konkurrenten Joop van den Ende zu Endemol verschmolzen war. Erst 1996 löste er ihn auf und auch wenn RTL sein Premiumpartner blieb (und wohl ewig bleibt), war der Weg auf alle Kanäle nun frei. Nichts anderes hat er je gewollt, nichts anderes will er heute. „Mein Job ist, Formate zu erfinden, die überall laufen können“, sagt er bei der Führung durch seine Firmenzentrale. Schon der Weg dorthin geht vorbei an Luxusvillen mit Luxusautos vor Luxusgärten. In Hilversums Vorort Laren wohnt Hollands Erfolg. Er regiert auch im Büro seines großen Medienmagnaten: Fernsehpreise hier, Fernsehfotos dort, Bilder mit Gönnern, Freunden, Kollegen, Prominenz. Dazwischen immer wieder de Mols Sohn aus erster Ehe. Und Linda, überall Linda.

„Wäre sie nicht meine Schwester, wir wären trotzdem Freunde“, sagt der erklärte Familienmensch über sein Einfallstor in den europäischen Markt. Ihr Einfluss hallt noch immer nach. Das ZDF plant mit der Traumhochzeit, Sat1 und RTL stehen längst im Terminkalender, die Kontakte, de Mol lächelt, „werden wieder wärmer“. Und auch wenn es dabei um viel Bekanntes geht, wenn gerade zum achten Mal Big Brother läuft und seine uralte 100.000 Mark Show eine neue Titelwährung erhält, geht John de Mols Blick nach vorn. Dank seiner Senderbeteiligungen in Holland wird das kleine Land wieder zum Testfeld für die Welt.

Ein Team von 40 Leuten grübelt in L.A., London, Laren über Ideen, von denen die Schubladen des Firmenhirns angeblich überquellen. Produziert von Talpa, probiert RTL Holland Formate aus und lässt sie von Endemol weltweit verbreiten, stilistisch lokalen Gewohnheiten angepasst, aber mit einheitlichem Grundgerüst. Die Dienstwege sind kurz: Sein alter Neuerwerb sitzt nur wenige Autominuten von Talpa entfernt, einem schicken Neubau mit Koi-Karpfen in den Zierteichen der Empfangshalle und gläsernen Büros, soweit das Auge reicht. Hier kümmern sich zwei Dutzend Mitarbeiter allein ums Operative. John de Mol will nur einmal die Woche mit der Endemol-Führung telefonieren und ansonsten permanent brüten: Über neuen Konzepten, auch wenn sie gern alten Maschen ähneln.

Eines davon – Der Goldene Käfig – ist eine Hardcorevariante seines Exportschlagers Big Brother, heftig umstritten, wie so vieles aus seiner Denkstube. Wenn John de Mol davon redet, wird am deutlichsten, wie der attraktive Jazzliebhaber und vielsprachige Fußballfan tickt. Ob Fernsehen Verantwortung habe, einen Erziehungsauftrag gar? Er überlegt erstmals länger als Sekundenbruchteile. Zum Teil, sagt er leise, „denn wer sich im Käfig schlecht benimmt, fliegt raus, wie im richtigen Leben“. Er zeigt zur Fernbedienung auf seinem Altar mit der üppigen Bilddiagonale: „Fernsehen ist das demokratischste Medium und der Wahlzettel liegt dort“. Es sind Intellektuelle, sagt der Bürger des Pisa-Gewinners mit saurem Gesicht, die glauben beurteilen zu können, was gutes Fernsehen ist.

Das aber sei keine Wissenschaft, also unberechenbar und wer ihm ein Attribut voranstellen wolle, solle dies anhand technischer Parameter tun: Gutes Licht, guter Ton, gute Skripte. Ansonsten steht von Verzeih mir bis Big Diet alles unterm Verdikt der Quote, vulgo Masse. Den simplen Inhalt von Deal or No Deal etwa, Geldkoffer auszuwählen, hält de Mol beinah für eine Offenbarung. „Als alle dachten, Gameshow sei tot, kam ich mit einer neuen und hatte Riesenerfolg.“

Seine Begeisterungsfähigkeit ist legendär. Als vor neun Jahren das Video einer Sendung namens Who Want’s To Be A Millionaire auf seinem Schreibtisch landete, so heißt es, hätte sich de Mol glatt vor die Tür der kleinen Produktionsfirma gelegt, um die Rechte zu kriegen. Er schaffte es auch so und streute das Quiz über den ganzen Globus. So wie Big Brother, jenes Zugpferd repetitiven Formatentertainments, das aus einem „holländischen Jungen von der Straße“, wie ihn sein Weggefährte Joop van den Ende nennt, den weltgrößten unabhängigen Fernsehproduzenten machte. 1985, als John de Mol Moderatoren eher managte als sie zu erfinden, schrieb Neil Postman in seiner Kulturanalyse Wir amüsieren uns zu Tode, bald werde sich alles in Unterhaltung auflösen. Keiner bestätigt die These besser als John de Mol. Und keiner hat damit größeren Erfolg.

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