Dieter Hallervorden: Didi & Demenz

DidiVielseitigkeit ist hier nicht gefragt

Er ist nicht immer witzig, aber unverwüstlich: Dieter Hallervorden (Foto: Moritz Kosinsky). Nach einem halben Jahrhundert im Humorbetrieb der Republik glänzt er kurz vor seinem 80. Geburtstag gerade als Demenzkranker in Til Schweigers Tragikomödie Honig im Kopf und ist auch sonst weit davon entfernt, in den Ruhestand zu gehen. Anlass genug, ein Interview zu zeigen, dass der Nonsens-König zu seinem 75. gegeben hatte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallervorden, haben Sie je bereut, Nonstop Nonsens gemacht zu haben?

Dieter Hallervorden: Überhaupt nicht, ich hab’s ja freiwillig und gern gemacht. Allerdings hatte ich nie vor, das bis an mein Lebensende zu machen. Und da liegt die Schnittstelle – es ist sowohl für mich als auch fürs Publikum abwechslungsreicher, wenn man über eine gewisse Vielseitigkeit verfügt und auch mal wieder was anderes macht. Da war es für mich sehr schwer, wieder aus dieser Schublade rauszukriechen, weil alle den Didi haben wollten, die Flasche Pommes, Palim Palim und den gespielten Witz. Deshalb sagte ich mir irgendwann, jetzt musst du eine Entscheidung treffen. Entweder, du beugst dich und bist eben auf diese Rolle festgelegt. Oder du nimmst eine Auszeit und zwingst diejenigen, die dich weiter sehen wollen, mit aus dieser Schachtel zu steigen. Das hab ich getan und zu Spottschau und Spott-Light gefunden, zurück zum politischen Kabarett, zu Dingen also, die ja trotzdem unterhaltsam, komisch sind, aber eben andere Inhalte transportieren.

Ein schwieriger Prozess – so leicht lässt das Publikum niemanden aus der Schublade.

Das stimmt wohl.

Sind Sie den Didi losgeworden?

So wie die Leute nach Vorstellungen oder Drehtagen mit mir gesprochen haben, scheint sie doch bemerkt zu haben, dass hinter politischem Kabarett doch ein wenig mehr Grips steckt und es mehr vom Schauspieler fordert. Insofern ist mir der Absprung schon gelungen, zumal ich ja unter meinem Namen Dieter Hallervorden moderiert hab. Auf der anderen Seite glaube ich, dass das Publikum durchaus bereit wäre, eine Gratwanderung mitzugehen und einen Imagewechsel zu akzeptieren. Wer dem vor allem im Weg steht, sind die Fernsehredakteure. Als ich damals den Springteufel machen sollte, hieß es: Nein, das können wir dem Publikum unmöglich zumuten. Vor vier Jahren ist er wiederholt worden und die Einschaltquote war immens, ich habe Waschkörbeweise Fanpost gekommen – ich wusste ja gar nicht, dass Sie so was können. Das Publikum würde also durchaus mitgehen. Und in anderen Ländern ist das ja passiert. Jack Lemmon hat zum Beispiel in Missing einen Vater gespielt, der verzweifelt seinen in Chile verschollenen Sohn sucht. Obwohl Lemmon nur als Komiker bekannt war. Dort leistet man sich eben den Luxus, auch mal gegen den Strich zu besetzen.

Hier dagegen trifft man schneller eine endgültige Richtungsentscheidung.

Genau. Leonard Bernstein kann Westside Story machen und bleibt trotzdem der große Meister; stellen Sie sich mal vor, Karajan hätte hier versucht, ein Musical zu kreieren. Vielseitigkeit ist in Deutschland nicht gefragt.

Dabei haben Sie ernsthaft begonnen – im Fernsehen mit Millionenspiel, auf der Bühne mit Die Wühlmäuse. Wie kam es zum Schritt in den Klamauk?

Nach einigen Jahren politischen Kabaretts war es als eine Erholungspause gedacht. Wir wollten Freitag-, Samstagnacht unter dem Titel „Da kichert die Klamotte“ einfach mal ein Nonsens-Programm machen, wo man ohne Rücksicht auf Tabellen, politische Wahrheiten und Standpunkte einfach als Komödiant auf der Bühne stand. Es hatte nur wider Erwarten einen so immensen Erfolg, dass wir es ins Abendprogramm genommen haben, dann kam das Fernsehen hinzu und so rutscht man da hinein. Aber damals war ich ja froh über die Erholung; man musste kein schlechtes Gewissen haben, wenn man am Tag nicht fünf Zeitungen gelesen hatte, man musste nicht ständig sein Programm aktualisieren, konnte über Monate einfach so vom Blatt spielen. Dass ich über die große Fernsehresonanz in einer Schublade landen würde, habe ich nicht geahnt. Und als ich drinsteckte hab ich mich gefragt: Oh je, wie kommst du da nur wieder raus.

So wie Sie es schildern, ist Klamauk also leichter zu machen als Kabarett.

Natürlich.

Da werden Ihnen Comedians heftig widersprechen und beteuern, wie hart ihre Arbeit ist.

Na ja gut, harte Arbeit… Also erst mal ist der Beruf sowieso der schönste der Welt. Hart ist daran allenfalls, sich vorher einfallen zu lassen, was man alles machen will und kann. Aber natürlich ist politisches Kabarett sehr viel schwerer. Es verlangt viel mehr Grips, ständiges Aufnehmen von Nachrichten, immer am Puls der Zeit zu sein, ständige Aktualisierungen. Das sind einfach zwei paar Schuhe und Nonsens sind die leichteren.

Ist das der Grund, dass es Kabarett nach seiner Hochzeit in den 90er Jahren zurzeit so schwer hat, sich gegen Comedy zu behaupten?

Ja, aber das hat damit zu tun, dass die Privaten so massiv Comedy losgetreten haben. Die nehmen das, was ihnen Einschaltquoten sichert. Subtilere Dinge, Satire garantieren die eben nicht. Und da die von der Werbung leben, wird das nicht gefördert. Wer also in den Beruf reinwill, orientiert sich automatisch an dem, was er sieht, was offenbar Zukunft hat, wo er in absehbarer Zeit Geld mit machen kann. Ich merke das bei unserem Kleinkunstfestival, das seit fünf Jahren live vom RBB übertragen wird. Dort stellen wir unbekannte Leute vor und es ist ganz schwer, unter den vielen Künstlern pro Jahr auch nur einen zu finden, der es im politischen Bereich macht. Alle anderen orientieren sich am Standup und sondern einfach Witze ab.

In Ermangelung potenzieller Arbeitgeber – es gibt ja kaum Kabarettsendungen.

Das ist ja das Traurige. Aber dass die Leute politisches Kabarett trotzdem lieben, sieht man an Riechling, Schramm, Jonas. Die sind alle immer ausverkauft.

Die alte Garde.

Eben. In dem Moment, wo die Möglichkeit wegfällt, es auch im Fernsehen zu präsentieren, wird es mit dem Nachwuchs immer schwerer.

Was halten Sie von Comedy, wie sie heute das Abendprogramm prägt?

Wenn ein Komiker über den anderen schlecht redet, könnte man das als Berufsneid verstehen. Aber ich kann sagen, wen ich besonders gut finde – das ist die Anke Engelke. Toll ist auch der Erfindungsreichtum von Cordula Stratmann in der Schillerstraße. Es gibt viele begabte Leute, aber manchmal stehe ich auch nur kopfschüttelnd davor und sage, wenn man jeden, der zehn komische Witze kennt und acht komische Grimassen macht, vor die Kamera lässt, ist das für mich keine Comedy. Die sind dann ein Unikum, meistens Eintagsfliegen und haben keine Ahnung von dem Beruf. Wenn die gezwungen sind, abseits von dem, was sie alleine absondern, mit jemandem zusammen zu spielen – die können nicht zuhören, wissen nicht, dass es was mit Atmen zu tun hat, was eine Pause bedeuten kann. Es ist erstaunlich. Was die ganzen Stand-upper – wobei ich die vielen englischen Ausdrücke furchtbar finde – als Solisten beherrschen, das mag ja noch gehen. Aber Bühne ist für mich Rede und Gegenrede. Zusammenspielen. Die haben keine Ahnung von Spannungsfeldern. Wenn man zum Beispiel im Fernsehen wahnsinnig aufgeregt, total entnervt sein soll, trommelt man zur Unterstützung mit den Fingern auf dem Tisch. Im Theater würde das nie reichen, da muss man empfinden, da muss sich was abspielen. Das können viele überhaupt nicht.

Könnten Sie denn Comedy machen?

Ich könnte das auch, klar. Es ist die einfachste Art und ich mache es ja auch. Trotzdem bringt es mir mit Kollegen mehr Spaß.

Ist die Krise eher eine Zeit der Comedy, des Ulks oder der Satire, des Kabaretts?

Die Krise ist doch ein gefundenes Fressen fürs Kabarett. Man kommt doch gar nicht so schnell hinterher, wie einem die Beamten Pointen liefern. Zum Teil ja schwer zu übertreffen.

Komisch, dass es dennoch nicht so recht in die Gänge kommt.

Weil das Fernsehen es nicht unterstützt, das reicht.

Welche gesellschaftliche Kraft hat Humor – kann er was bewegen oder nur kommentieren?

Oh, es ist weit gefehlt, wenn man denkt, großartig etwas damit bewegen zu können. Von der Bühne aus kann man allenfalls Denkanstöße geben, Dinge allenfalls in den Zusammenhang bringen. Aber Revolutionen sind noch nie von der Bühne ausgegangen, da darf man sie nicht überbewerten. Außerdem muss man sich im Klaren sein, wie einfach es ist, aus der satirischen Ecke zu kritisieren; besser machen ist eine ganz andere Sache. Es macht dem Kritiker natürlich sehr viel mehr Spaß, aus einer Anti-Position heraus etwas niederzumachen. Darin lassen sich besser Pointen verpacken als würde er eine Eloge schreiben.

Stänkern macht mehr Spaß als loben.

Ja, natürlich. Wenn man Kabarettisten zu politischen Talkshows einlädt, bleiben die meist in ihrer kritischen Ecke. Wehe aber, man hinterfragt… (Lacht) Nischt!

Gibt es für Sie Momente, in denen Sie zum Kabarett und solche, in denen Sie zum Klamauk neigen?

Nein. Bei mir ist es von der verfügbaren Zeit abhängig. Wann ich auf der Bühne stehe, weiß ich in der Regel ein Jahr vorher und dann entscheide ich mich, was ich da mache. Politisches Kabarett kann ich aber immer. Egal wer an der Regierung ist – Politik wird von Menschen gemacht, Menschen machen Fehler, da wird es immer was zu kritisieren geben.

Es scheint, Ihr Herz gehört der Politik.

Ich bin ein sehr politischer Mensch, habe Die Wühlmäuse als ganz junger Mensch gegründet und bin im Übrigen sehr stolz darauf, es 45 Jahre ohne Subventionen gehalten zu haben. Da kann der Spielplan ja so schlecht nicht gewesen sein. Ich bin im hohen Alter von 63 noch mal umgezogen, haben jetzt ein Haus am Theodor-Heuß-Platz, was innen unter Denkmalsschutz steht auf meine Kosten renoviert, modernste Technik, 250 Scheinwerfer, ich habe also sichergestellt, dass die Wühlmäuse unabhängig von meiner Person als kulturelle Institution erhalten bleiben. Das war mir unheimlich wichtig, wie mein viertes Kind.

Letztlich sind Sie also der Subventionsgeber.

Das ist mir die Sache wert. Die große Frage war ja: geht das Publikum mit oder bricht alles auseinander? Die Rechnung ist aufgegangen. Gut, ich werde nun weitere fünf Jahre brauchen, die Schulden abzubezahlen. Da ist viel Herzblut drin. Wolfgang Spier und all die anderen aus meiner Zeit waren zur Eröffnung da und gratulierten mir zu meinem Mut. Ich bin selten mit soviel Lob überhäuft worden.

Was muss für ein gesellschaftliches Klima herrschen, um Formate wie Nonstop Nonsens oder Klimbim zu so großen Erfolgen zu machen?

Das weiß ich nicht. So wie heute auch umschwirren Fernsehredakteure den Erfolg wie Motten das Licht. Das heißt, die sahen, da läuft was über Monate bombig, immer ausverkauft, lange Schlangen vor der Tür, da gehen wir mal rein. Dann wollten sie’s gerne haben und wir hatten auch nischt dagegen, ins Fernsehen zu kommen. Das war also nichts, was der Zeitgeist nahe legte, sondern einfach die Sucht etwas zu haben, was möglichst viele Leute sehen wollen.

Sie haben mal gesagt, Fernsehredakteure hätten „eine einmalige Begabung: Sie können Spreu von Weizen trennen. Und die Spreu senden sie dann“.

Das muss ich näher erklären. Derjenige, der uns ins Fernsehen bringen wollte, war Dr. Heinz Liesendahl, damals Unterhaltungschef bei der Bavaria. Man könnte ihn auch Professor Spürnase nennen. Die Bavaria ist 50prozentiger Gesellschafter beim Süddeutschen Rundfunk. Also hat er dem die Texte geschickt. Dort hat man zuerst gedacht, jetzt ist der total verrückt geworden. Die Texte waren eben zum Spielen geschrieben, nicht zum Lesen. Doch statt nun mich zum Psychater zu schicken, schickte Dr. Liesendahl seine Redakteure in die Vorstellung. Und als die dann sahen, wie die Leute lachen, sahen sie ein, sich offenbar geirrt zu haben. Es kam ins Fernsehen, aber normalerweise hätten sie es weggeschmissen.

Haben die Redakteure auch gelacht oder sich nur gefreut, dass es andere getan haben?

Gesehen habe ich’s nicht, ich stand ja auf der Bühne. Aber letzten Endes haben sie es wohl, dachten aber, das sei eigentlich unter ihrem Niveau. Fernsehredakteure sind Leute, die glauben zu wissen, was komisch ist, aber im Prinzip sind es meistens promovierte Kissenpuper.

Gibt es den Begriff Niveau überhaupt im Humor.

Eigentlich nicht. Jetzt kommt ein Bonmot von Kortner: Curt Bois hatte ihm mal alle möglichen Rollen und Facetten angeboten, und nur über eine hat Kortner gelacht. Da meinte Bois, also nehmen wir das jetzt so. Nein, sagte Kortner. Und Bois: aber warum, sie haben doch gelacht. Darauf Kortner: Ja, aber unter meinem Niveau. Also: Es gibt natürlich keine übergeordneten Niveauvorstellungen. Für mich gibt es die aber insofern schon, als sich Redakteure heute zu 30 und mehr Prozent dort bedienen, wo es unter die Gürtellinie geht. Das finde ich zu billig. Da glaube ich, dass man an Texte andere Qualitätsanforderungen als heute stellen kann.

Wo beginnt die Gürtellinie ihres Humors – wo es andere persönlich verletzt?

Nein, dort nicht. Ich habe ja zum Beispiel einen Schwulen gespielt, wo viele meinten, ich mache mich auf Kosten einer Minderheit lustig. Aber gerade Schwule meinten zu mir, na, wann machste das mal wieder. Das heißt, gerade diese Art, Minderheiten zu schützen ist oft gar nicht in deren Interesse. Selbst Behinderte sind zu mir gekommen: Hab doch keine Berührungsängste, über uns kann man auch Witze machen. Das mach ich trotzdem nicht so gerne. Jeder hat ja bestimmte innere Geschmacksgrenzen und die habe ich nie unterschritten. Oder ich habe später ein Bewusstsein dazu entwickelt. Ich hab mal einen stotternden Hühnerzüchter gespielt und hinter gemerkt, dass das nicht richtig war. Aber ich könnte jetzt einen Kollegen anführen, dessen Namen ich nicht nenne, der mal eine alte Frau gespielt, indem er sich ein Brötchen in den Mund gestopft hat und beim Reden flogen ständig Stücke durch die Gegend – da kommt mir schon beim Erzählen die Puste. Und einige Themen entziehen sich grundsätzlich komischer Darstellung, Kindesmisshandlung zum Beispiel, oder das, was zwischen Israelis und Palästinensern geschieht, solche Themen muss man auslassen.

Ernst Lubitsch hat einen lustigen Film über Nazis und Roberto Begnini sogar über den Holocaust gemacht. Ist es nicht auch eine Frage, wie man heikle Themen anpackt?

Das ist es, in der Tat. Aber ich könnte das nicht. Warum auch.

Halten Sie Witze über eine Kindesmisshandlung trotzdem für ausgeschlossen?

Ich hoffe es, vielleicht weil ich so ein großer Kinderfan bin.

Im Fernsehen besteht die Gefahr dennoch.

Ja. Die Privaten sind schließlich alle unter dem Motto Tabubruch angetreten. Siehe Big Brother oder Dschungelcamp. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Sie selbst sind ja ein Spätberufener und haben erst mit Mitte 30 den Schritt ins Fernsehen gemacht.

Das stimmt. Wie ich ja generell erst spät zu meinem Beruf gekommen bin, wo andere ihre Karriere schon hinter sich haben. Aber ich bin generell ein Spätentwickler.

Und wann kommt der Schritt heraus.

Na, noch habe ich ja meinen Fitnesstrainer – meinen kleinen Sohn. Dann gärtnere ich sehr gerne, Segeln, Surfen. Aber wenn dieses Segment Beruf ganz wegfallen würde, wäre das überhaupt nicht meine Sache. Er ist aus einem Hobby heraus entstanden. Und es würde mir wahnsinnig viel fehlen, wenn ich den jetzt aufgeben müsste. Aus welchen Gründen auch immer.

Perspektivisch kippen Sie irgendwann von der Bühne.

Na ja, möglichst ohne Zuschauer. Das muss ja nicht jeder mitkriegen. Aber solange mich meine Beine tragen und der Grips da oben mitmacht, würde ich gern das ein oder andere zur allgemeinen Überraschung beitragen.

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