Reportage: Buchhandlung Männerschwarm

imagesAusgeschwärmt

Mit dem schwulen Buchladen Männerschwarm schließt an diesem Wochenende eine Institution, die St. Georgs Ruf als homosexuelles Zentrum Hamburgs mit geprägt hat. Das sagt auch viel über sein Umfeld.

Von Jan Freitag

Die Welt der geflügelten Worte ist ständig im Fluss. Dass Gegensätze sich anziehen zum Beispiel, zählt zu den älteren, hat aber weiter seine Berechtigung. Dass etwas auch gut so sei hingegen ist jünger, und ob es seine Berechtigung hat, kommt ein bisschen drauf an. Auf Gegensätze zum Beispiel. Bernard Wissing kennt da welche. Aus jahrzehntelanger Praxis weiß der Wirt um die Anziehungskraft des Anderen und findet es „wundervoll“. Schließlich lockt die homosexuelle Aura seines Schwulencafés längst auch heterosexuelle Gäste ins Gnosa und macht damit St. Georg insgesamt zum Ort der Begegnung einst unvereinbarer Lebensentwürfe. Als er begonnen hat, erzählt der elegante Mittfünfziger mit Blick über die Lange Reihe, „war es hier viel schwuler“. Gut 25 Jahre später aber „hat sich alles durchmischt“. Und das, genau, sei auch gut so.

Hans-Jürgen Köster sieht das naturgemäß ein wenig kritischer. Schräg gegenüber, wo die Hauptstraße des Quartiers von Gründerzeitpracht in Nachkriegsnüchternheit übergeht, leitet er den Männerschwarm. Noch. Nach 33 Jahren Grundversorgung der Schwulenszene mit Literatur, Emanzipation und audiovisuellem Beiwerk „von Porno bis Poster“, macht seine Buchhandlung  an diesem Wochenende dicht. Vorher jedoch, so ist das eben, kommen die Leichenfledderer. Hans-Jürgen Köster lächelt mild, als er seine letzten Kunden, die zwischen Torschlusspanik und Schnäppchenjagd das Sortiment ausweiden, so nennt. Der ergraute Buchhändler mit dem schütteren Haar meint es ja gar nicht böse, im Gegenteil. Er freut sich über jeden Käufer, da bald Schluss ist, im Männerschwarm.

Männerschwarm – Szenekundige wissen es, alle andere ahnen es – ist ein schwuler Buchladen in St. Georg, das ja irgendwie auch schwul ist. Wer ihn am Westrand der Langen Reihe betritt weiß demnach schnell, wo er sich befindet. Unterm bordeauxroten Licht eleganter Lampen mag ein Hirschhausen-Ratgeber liegen und die neue Heyerdahl-Biografie; ansonsten beschränkt sich das Repertoire auf dem Präsentiertisch von Mangas mit grotesk erigierten Penissen über gebundene Coming-Out-Geschichten bis hin zu Fachliteratur. Bondage, Gender, solchen Sachen. Es gibt hier alles, was das homosexuelle Herz begehrt. Besser: gab. Denn das Angebot ist ausgedünnt, seit Geschäftsführer Köster die Schließlung bekanntgab. Nach 33 Jahren Szeneversorgung mit Literatur, Emanzipation und audiovisuellem Beiwerk von Porno bis Poster, wird Köster Samstag die Tür, vor der er kiloweise Tabak geraucht hat, für immer schließen. Und das, glaubt der 56-Jährige nach einem halben Leben hinterm Tresen, habe mit Durchmischung zu tun. Jenes Phänomen einer absorbierten Zielgruppe, die den Männerschwarm schon einmal zum Ortswechsel getrieben hatte, beim Umzug aus St. Pauli.

Seit 2002 versorgt der Laden mit eigenem Verlag seine Kundschaft also im anderen Heiligenviertel. Mit Erfolg. „Wir haben gut davon gelebt, dass unsere Klientel bewusst herkommt“. Doch seit sich der Mainstream Andersliebenden öffnet und umgekehrt, gehe dieses Bewusstsein im Klima wachsender Selbstverständlichkeit schwulen Lebens verloren. Als der Männerschwarm 1981 im armen Schanzenviertel entstanden war, „musste sich meine Generation Identität und Freiräume ja noch erkämpfen“. Wie Köster selbst. Aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, war er sich seiner Neigung längst sicher, als das Coming-Out kam. Im Studium, Theologie, ausgerechnet. „Mit 18 wollte ich echt Pfarrer werden“, erzählt er vor Regenbogen-Nippes und Pin-up-Kalendern von den Siebzigern in Göttingen. Doch die konservative Landeskirche mochte seinesgleichen nicht und ließ es ihn spüren. Also brach Köster ab, suchte Halt in Hamburg und fand ihn 1986 im Männerschwarm.

Abseits alle Heteronormalität gab es darin nicht nur Lesestoff, sondern Lebenshilfe, Trost, Freunde auf feindlichem Terrain. Dass diese Scharnierfunktion zwischen Aktionismus und Hedonismus verloren sei, mag an Amazon und Internet liegen, am aussterbenden Stammpublikum und ein wenig auch an Köster selbst, ein „altmodischer Buchhändler“, sagt er selber, dem zielgruppenübergreifendes Angebot à la S/M schwer gefallen sei. Als die Gentrifizierung ringsum dann Fahrt aufnahm, war es um Hamburgs erste Buchhandlung seiner Art geschehen. Und das sagt mehr über St. Georg als den Männerschwarm.

Erst 1973 war der Plan gescheitert, das Vorstadtghetto, benannt nach dem Patron der Lepra-Kranken, für ein Luxuswohnprojekt zu schleifen. So überlebte ein verwahrlostes, aber schönes Altbauquartier, das zwischen Kleingewerbe und Drogenszene auch Refugium homosexueller Subkultur war. Doch je zügiger sie aus St. Pauli Richtung Hauptbahnhof zog, desto mehr dunkle Bars wurden durch regenbogenbunte Clubs ersetzt und leisteten der Wertsteigerung Vorschub. Eine Aufwärtsspirale. „Machen wir uns nix vor“, sagt Köster. „Schwule sind oft einkommensstark und anspruchsvoll.“ Gepaart mit der Gewissheit, in St. Georg nicht toleriert, sondern akzeptiert zu sein, verstärkt das einen Trend, der im 21. Jahrhundert die Hälfte der Bevölkerung verdrängt hat und ebenso viel Mietraum verwandelt.

Dieses Klima verändert auch jene queere Szene, die es befördert. An einem Ort, der den Gegensatz quasi zur Kunstform adelt. Unterm Mariendom des katholischen Erzbistums wird sie zusehends durch hippe Locations wie dem „schwulen Laufsteg“ Kyti Voo oder dessen „Wohnzimmer“ namens M+V Bar geprägt, statt durch schwulen Alltag oder Stricherspelunken, durch Bernard Wissings Café Gnosa, das dem „Gay Village“ 1987 seine Flaniermeile verschafft hatte, oder eine sendungsbewusste Buchhandlung für konsumbewusste Käufer.

Wie Leichenfledderer sehen die daher gar nicht aus, in den Tagen des Abschieds. Eher wie kondolierende Andenkenkäufer. „Und wie geht’s für dich weiter?“, fragt ein piekfeiner Pensionär beim Zahlen erotischer Bildbände leise, während ein Beardo in die „Schmuddelecke“ abbiegt. „Erstmal feiern wir mit etwas Weinen und viel Sekt“, sagt Köster und spricht von Ausweitung seiner Arbeitszeit in der Verbraucherzentrale, für die er bereits halbtags arbeitet, seit der Laden für ihn und seinen Mitarbeiter zu wenig abwirft. Kein Wunder, dass der Inhaber ähnlich zerfleddert wirkt wie seine Regale. Schwer zu sagen, ob ihm der Gram übers Ende das schlichte Karohemd halb aus der Hose gezogen hat, aber mit dem Buchladen bricht fraglos ein Stück raus: aus ihm, den Kunden, aus einem „Gay Village“, in dem Homosexualität gottlob gewöhnlich ist. Nur zu gewöhnlich für den Männerschwarm.

Der Text ist vorab in kürzerer Fassung der ZEIT:Hamburg erschienen

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