Interview: Alex Empire/Atari Teenage Riot

Die volle Aufmerksamkeit

Alexander Wilke-Steinhof alias Alec Empire (42) ist seit bald 25 Jahren Kopf der digitalen Hardcore-Band Atari Teenage Riot. Mit Reset bringen die Berliner nun erst ihr fünftes Studioalbum heraus. Musikalisch erinnert es an die frühen Neunziger, inhaltlicher eher an die Gegenwart. Gespräch mit einem radikal linken Musiker, der selbst in der eigenen Szene polarisiert und seit jeher einen Sound macht, den man überall hören kann, aber gewiss nicht nebenbei.

 

Interview: Jan Freitag

 

freitagsmedien: Alec, euer neues Album heißt Reset. Welche Art von Neustart ist damit gemeint?

 

Alec Empire: Atari Teenage Riot war nie eine klassische Band mit fester Struktur, sondern stets eine Art Kollektiv, das sich für ein Album vereinigt. Insofern haben wir seit jeher andauernd Veränderungen vorgenommen, die einem Neustart gleichkommen. Diesmal ist mit MC Rowdy ein amerikanischer Rapper dabei und mit Street Grime erstmals auch jemand aus England, der eine ganz eigene Musikszene repräsentiert. Das hat auch den Sound stark verändert, also nicht nur die Vocals, sondern die Stimmung insgesamt.

 

Aber Neustart drückt ja noch mehr aus, als bloß einen Stimmungswechsel.

 

Deshalb fokussieren wir uns inhaltlich diesmal auch stärker auf Technologien, die unser Leben bestimmen und mittlerweile zusehends gegen uns gewendet werden können. Da muss ein grundsätzliches Umdenken, wovor wir explizit warnen. Wir malen noch kein Bild einer Mad-Max-Gesellschaft, weil wir die Dinge schon noch im Griff haben. Dennoch regen wir dazu an, unsere Hacker-Ideale früherer Tage extrem zu hinterfragen, auch in der Musik. Das ist für uns in der Tat ein Neustart.

 

Musikalisch dagegen scheint „Reset“ ein paar Schritte zu euren Ursprüngen zurückzugehen. J1M1 zu Beginn etwa erinnert mich an KMFDM und Underground Resistance.

 

Mit dem Einfluss von Underground Resistance – zumindest auf mich – liegst du richtig. Aber meine Drumprogrammings orientieren sich definitiv mehr am Detroit Techno als am Industrial. Das ist gerade in der elektronischen Musik ein Statement, da wir dem Erfolgspfad der EDM nicht weiter folgen. Wer uns in der Industrial-Ecke vermutet, versteht überhaupt nicht, wo wir herkommen.

Oh, vielen Dank!

 

(lacht) Na ja, Elektronik plus Gitarren ist noch längst kein Industrial. Unsere Energie ist einfach eine ganz andere als bei Nine Inch Nails oder KMFDM. Wir sehen uns näher am HipHop. Mit Public Enemy hab ich mich früher viel mehr beschäftigt als mit den Einstürzenden Neubauten. Es gibt bei Atari Teenage Riot eine DNA, die unangetastet bleibt, aber auf diesem Album fehlen zum Beispiel drei Elemente, die man gern mit uns in Verbindung gebracht hat – Gabba-Beats mit 200 bpm kommen ebenso wenig vor wie Breakcore oder Noise-Elemente. Außerdem setzen wir Texte anders ein.

 

Nicht mehr so parolenhaft wie früher.

 

Genau. Man muss uns nicht auf jeder Demo gleich verstehen. Die Leute haben mittlerweile eben Zugriff auf so viele Informationen, dass wir nichts mehr vereinfachen müssen. Das merkt man besonders beim Titeltrack. Es gibt also Parallelen zu den Anfängen, aber auch Brüche. Das könnte einige verwirren.

 

Gerade die, denen ihr den einst völlig unpolitischen Techno politisiert habt.

 

Das stimmt. Ohne Atari Teenager Riot würde elektronische Musik in der linken Szene schließlich nicht auftauchen, nicht in dieser Form zumindest. Techno auf einer Demo wäre 1992 undenkbar gewesen.

 

Seid ihr politisch denn noch die Gleichen wie damals?

 

Im Grunde schon. Es gab allerdings immer mal wieder Missverständnisse um unsere Position in der linken Szene…

 

Was auch immer das sein mag?

 

Wir kommen eher aus der anarchistischen Ecke, dass jeder sein Leben selbst bestimmen soll. Je mehr sich die Gesellschaft da raushält, umso besser. Das steht natürlich im krassen Gegensatz zur alten Linken, die eher mehr Staat wollen. Das Antifaschistische, Antikapitalistische, Antisexistische mag uns verbinden, aber nicht der Glaube an Autorität und Staat.

 

Hat ein Musikalbum wie dieses überhaupt konkreten Einfluss auf eure politischen Ziele oder ist das mehr so die angesprochene Energie?

 

In diesem Fall wird sich das noch zeigen, aber wir haben im Laufe der Zeit immer wieder Leute getroffen, nicht nur aus der Hacker-Szene, die von unserer Arbeit beeinflusst wurden. Das reicht von neuen Impulsen bis hin dazu, Selbstbestimmung neu zu definieren. Genau so sollte man Musik nutzen: nicht nur als passive Konsumenten, sondern aktive Nutzer. Genau da steuert die moderne Musikindustrie – Stichwort Spotify – mit der Konzentration auf wenige Sekunden statt ganzer Werke gegen. Auch von der befreienden Kraft des Internets haben wir uns mal mehr erhofft; da kriegen die lautesten Brüllaffen die meiste Aufmerksamkeit. Das muss man dauernd hinterfragen.

 

Andererseits brüllt euer sortiertes Chaos auch ganz schön aus den Boxen.

 

Aber ja nicht, um die lautesten zu sein, sondern die volle Aufmerksamkeit zu kriegen. Ich verstehe ja, dass es Musik geben muss, die im Hintergrund läuft. Wir können das nicht. So gesehen ähneln wir Filmen, denen man von Anfang bis Ende möglichst fokussiert folgen sollte, um sie wirklich zu verstehen.

 

In den Ohren Außenstehender bleibt Atari Teenage Riot dennoch vornehmlich infernalischer Krach. Hast du als Musiknutzer das Bedürfnis nach ruhiger Harmonie?

 

Absolut. Auch als Anwender. Ich mache ja wie alle anderen von Atari Teenage Riot noch diverse Nebenprojekte. Wenn ich zum Beispiel Filmmusik komponiere, muss man bestimmten Regeln folgen, aber eben stets nach dem Prinzip: Du musst die Regeln beherrschen, um sie zu brechen. Was mir seit jeher zuwider ist, sind musikalische Hierarchien. Deshalb sehe ich, um es mal ketzerisch auszudrücken, Beethoven und Miley Cyrus auf einer Ebene.

 

Oha, inwiefern?

 

Insofern als ich finde, dass Stockhausen nicht grundsätzlich höherwertig ist als, sagen wir: eine Schlagersängerin, so sehr ich ihn auch mehr schätze. Mir fehlt die Arroganz, zu sagen, irgendetwas in der Musik hätte mehr oder weniger Wert.

 

Alles eine Frage des Kontextes?

 

Sonst befindet man sich schnell auf der Ebene moderner Musikförderung, die einen Großteil ihrer Mittel in Klassik investiert, aber nie in Punkrock. Oder bei den großen Multimedia-Konzernen, die alles, was sich massenhaft verkauft, pushen und die Nische ignorieren.

 

Euch also. Reset ist aber in fast 20 Jahren auch erst die fünfte Platte von Atari Teenage Riot. Ist das bewusst selektives Veröffentlichen?

 

(lacht) Ach, das hatte viele Gründe, manchmal sogar persönliche. Wir sehen unsere Arbeit generell nicht so in der Abfolge von Alben. Wenn du dir anguckst, was wir sonst noch machen, sind wir zwischendurch sicher nicht dauernd in den Ferien. Diese Platte empfinden wir als Statement, das zu diesem Zeitpunkt Sinn ergibt, und nicht bloß eine Ansammlung von Tracks ist, sondern ein echtes Album. Wir sind ständig am Machen. Unabhängig von Platten.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.musikblog.com/2015/02/atari-teenage-riot-reset-das-empire-laermt-zurueck/

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