Jörg Pilawa: Band-Läufer & App-Rätsler

Live ist alles schöner

Jörg Pilawa gilt als Moderator, der alles wegmoderiert, was nicht bei drei im Fernseharchiv ist. Kurz bevor er seit Montag bei seinem Heimatsender ARD wieder täglich ab 18 Uhr zum Quizduell per App lud, hat er sogar Rudi Carrells Am laufenden Band aus der Gruft geholt. Interview mit einem TV-Star, der zu sympathisch ist, um ihm böse zu sein, aber eben Fernsehen macht, das zu nett ist, um gut zu sein.

Interview: Jan Freitag

Herr Pilawa, Sie haben allen Ernstes Rudi Carrells gutes, aber uraltes Am laufenden Band aus der Fernsehgrube gezerrt. Was fasziniert die Leute so an der Wiederbelebung gebrauchter Shows?

Jörg Pilawa: Das hat zwei Gründe: Mode; so wie Schlaghosen irgendwann wiederkommen, tun es eben auch Sendungen. Und Nostalgie. Bei vielen herrscht schließlich das Gefühl, früher sei alles besser gewesen. Das war es nicht, es war nur anders und bringt einen nun zum Schmunzeln, wenn man wie ich gern die alten Sachen sieht. Aber die Leute denken so und wollen entsprechend bedient werden. Ich habe mir von meinem ersten Gehalt 1985 eine Ente für 1200 Mark gekauft und hatte das Gefühl, frei zu sein. Vor einiger Zeit hatte ich Lust, dieses Gefühl zu erneuern und hab mir wieder eine gekauft. Jetzt finden das alle toll und winken, aber keiner hätte Lust, damit übern Brenner zu fahren, mal abgesehen davon, dass der Wagen schon in  den Kasseler Bergen verreckt.

Was beweist, dass Nostalgie wenig mit Logik zu tun hat.

Genau. Wenn wir heute Fernsehen so machen wie damals, würde niemand zugucken. Alles war unglaublich langsam und betulich war, ohne Licht, Dramaturgie, Musik. Da sind die Sehgewohnheiten heute andere, Hightech ist Standard.

Geht vielen Zuschauern ja aber auch längst wieder auf die Nerven.

Deshalb versuchen wir, im Rahmen moderner Anforderungen die Mitte zwischen einst und heute zu finden. Früher war das nicht nötig, da machte man eben Fernsehen. Punkt. Wenn ich als Neunjähriger ein Tablet mit Internet gehabt hätte oder die Chance, auf dem zweiten, dritte Apparat Dutzende Programme zu sehen – hätte ich dann mit meinen Eltern Am laufenden Band geschaut? Wohl kaum! Weil sich die Lebenswelt verändert hat, ist Fernsehen nicht mehr dieses große Lagerfeuer von früher, sondern richtet sich an Zielgruppen. Nur wenn wir die Show von damals etwas schneller und bunter machen, kriege ich neben den damaligen Zuschauern auch ein paar Kinder und Enkel.

Die Show für 8 bis 88 ist tot?

Definitiv. Schon die Veränderung der  Familienstrukturen hin zum Ein-Personen-Haushalten führt dazu, dass abends selten gemeinsam ferngesehen wird. Daran wird das laufende Band nichts ändern.

Ist die Idee, das wiederzubeleben, eigentlich zum Moderator gekommen oder der Moderator zur Idee?

(lacht) Weil ich mich viel mit Fernsehgeschichte beschäftige, war mir bewusst, dass die Sendung 40 Jahre wird und Rudi Carrell doppelt so alt. Da habe ich mal beim Sender gefragt, wie die ein Revival fänden. Alle waren gleich begeistert, auch Carrells Tochter Annemike, jetzt hab ich’s gemacht.

Was Ihrem Ruf des Alles-Weg-Moderierers nicht grad entgegenwirkt…

Tja, der Ruf… Wenn ich fürs Feuilleton Fernsehen machen würde, hätte ich vielleicht ein paar Grimmepreise, aber keine Zuschauer. Mir sind letztere lieber.

Aber gibt es nicht den Anspruch des Entertainers, mit einem Format mal beide Seiten zufriedenzustellen?

Nö, überhaupt nicht. Ich mache Programm fürs Publikum, und wenn du für das wirklich alles nur so wegmoderierst, machst du den Job nicht wie ich erfolgreich seit 25 Jahren. Was mir bei allem wichtig ist: Kann ich dazu stehen, was ich tue? Deshalb mach ich so gerne Quizsendungen, weil die seit Urzeiten alles abdecken, was die Zuschauer mögen. Dass mich die Kritik dafür nicht feiert, liegt ja weniger am Format selbst als an der Tatsache, dass sie Shows und ihre Entertainer generell nie feiert.

Mit Ausnahme Stefan Raabs, der eine Weile selbst von Intellektuellen gelobt wurde.

Das stimmt, und zwar völlig zu recht. Ich bin Raabs größter Fan.Er ist zurzeit der Ideengeber schlechthin. Aber er hat auch ebenso wie Joko & Klaas die Chance, Fernsehen für eine Kernzielgruppe von 14 bis 29 Programm zu machen. Wir Öffentlich-Rechtlichen haben immer noch den Anspruch, alle von der Wiege bis zur Bahre zu versorgen. Und dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass man erfolgreiches Fernsehen nur schwer planen kann. Ein- und Ausschaltimpulse sind in der Regel Bauchentscheidungen für ein Medium, das zusehends nebenbei konsumiert wird – beim Chatten, Bügeln, Spielen. Selbst ein Tatort wird von vielen nur 20 Minuten geguckt, bei Unterhaltungsshows ist der Wechselimpuls noch viel größer. Deshalb versuchen wir immer wieder, neue Reize zu setzen. Fernsehen ist da wie Schule: Zu meiner Zeit hat der Lehrer 45 Minuten geredet und gefragt; meine Kinder werden mittlerweile die ganze Zeit interaktiv entertaint. Dem müssen wir Rechnung tragen.

Auch mit völlig neuen Showideen?

Also an die ganz neue Show glaube ich nicht, da ist alles schon irgendwann dagewesen. Was allerdings noch Potenzial bietet, ist die Vernetzung von digitalem und linearem Angebot, was wir jetzt noch mal mit dem Quiz-Duell versuchen wollen. Mal gucken, wie das funktioniert.

Funktioniert im Sinne von guter Einschaltquote?

Auch. Ich sage nicht, alles nur für die Quote. Aber sie ist eben unsere Währung und am nächsten Tag interessieren mich da die Kursschwankungen. Zumal sie mir die Möglichkeit gibt, mich zu verbessern. Am Quotenverlauf kann man ja exakt ablesen, an welcher Stelle Zuschauer rausgegangen oder dazu gestoßen sind. Man muss die Quote halt qualitativ lesen, nicht bloß quantitativ.

Vorbehaltlich dieser qualitativen Evaluation – glauben Sie, dass Am Laufenden Band die Chance hat, in Serie zu gehen?

Ganz sicher nicht im früheren Turnus alle sechs Wochen, höchstens ein-, zweimal im Jahr. Am laufenden Band hat ein großes Plus: Hier steht die soziale Kompetenz im Vordergrund. Kandidatenpaare aus unterschiedlichen Generationen – bei uns etwa Oliver Pocher und sein Vater Gerhard – schätzen sich gegenseitig ein. Das gibt es aktuell in keiner anderen Show im deutschen Fernsehen.

Nur, dass das nicht mehr wie früher live ist.

Ja, leider. Weil man live wesentlich mehr proben muss, um alles auf den Punkt zu bringen. Bei Rudi Carrell gab’s noch die Bremer Sechstagewoche: Da ging man Montag ins Studio und probte bis zur Sendung am Samstag praktisch durch. Jetzt haben wir für wesentlich größere Shows eineinhalb Tage. Live kann sich keiner mehr leisten, dabei ist an live alles schöner. Das beginnt mit dem Publikum, das an dem Tag das gleiche Wetter und Weltgeschehen erlebt hat wie ich und die Zuschauer draußen. Man weiß, ob Hertha gewonnen hat und der HSV wieder verloren, was Merkel gerade macht und die Börse. Deshalb darf man beim Moderieren nicht zu sehr im Hier und Jetzt landen. Bei der Ausstrahlung, die manchmal Monate nach  der Aufzeichnung erfolgt, kann das ja längst Geschichte sein.

Das schleift allerdings viele Kanten ab.

Ach, alle. Deshalb kritisiere ich auch, dass Fernsehen zu glatt wird, wenn man sich auf kein Risiko mehr einlässt. Das „Quiz-Duell“ war auch deshalb  ein Erfolg, weil die Zuschauer witzig fanden, was live alles schief ging. So was gab es in den Shows von früher viel öfter.

Und was kommt als nächstes – Lou van Burgs Der Goldene Schuß?

(lacht) Aber machen wir uns nicht lustig: das war seinerzeit eine zukunftsweisende Show, die bereits in den 60ern interaktiv Zuschauer eingebunden hat. Was definitiv noch mal ginge, sind Eurovisionssendungen deutschsprachiger Länder, aber eher als Event, nicht regelmäßig. Sechs-, siebenmal wie Wetten, dass…? – diese Zeiten sind seit Samstag vorbei.

Und das bedauern Sie auch nicht?

Überhaupt nicht. So ist das Leben.

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