Jimmy Somerville: Communards & Comeback

IMG_20140918_155102Der Kampf geht weiter!

Jimmy Somerville auf dieser winzigen Bühne in einer Seitenstraße von St. Pauli zu hören, ist schon gewöhnungsbedürftig. Die meiste Zeit seiner langen Karriere hat der Countertenor aus Schottland mit Bronski Beat und The Communards in den angesagtesten Clubs und größten Hallen gespielt – für sein Comeback reicht ihm ein burlesker Stripclub am Rande des Kiezes. Mit Homage (Membran Records) bringt der 53-Jährige am 6. März allerdings nicht nur seine erste Platte seit 2005 raus; er wagt damit auch eine Zeitreise zu seinen musikalischen Wurzeln in der Disco. Begegnung mit einem Weltstar früherer Tage, der seine Zukunft in der Vergangenheit sucht und doch nach vorne schaut.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jimmy Somerville, selbst ausgewiesene Musikfans haben vermutlich jahrelang nichts von dir gehört.

Jimmy Somerville: Ach, vermutlich sind es bei manchen sogar Jahrzehnte.

Ist dein markenbildendes Falsett denn noch immer in Form?

Schon, aber es ist nicht mehr auf dem gleichen Countertenor-Niveau der Achtzigerjahre. Wie jede Stimme ist auch meine älter geworden und kratzt in einigen Oktaven, aber ich komme noch immer überall dorthin, wo ich will. Und das Alter verleiht ihr auch ein bisschen Reife, wie ich finde.

Nur der Stimme oder auch der ganzen Persönlichkeit?

In jedem Fall auch der. Persönlichkeit und Stimme gehören untrennbar zusammen, deshalb mögen diese ganzen Castingshow-Gewächse auch die wunderbarsten Gesangsstimmen haben; Persönlichkeit kommt von ganz wo anders her, unter anderem von Erfahrung und Alter.

Hätte diese Stimme, die ja die Androgynität einer ganzen Kulturepoche mitgeprägt hat, auch in anderen Jahrzehnten, heute etwa funktioniert?

Das ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Vor den Achtzigern wäre es wohl schwieriger geworden, da herrschte trotz aller Disco noch weit mehr Machismo in der Musik. Und zum Glück hat die Wirkung einer Stimme nicht immer nur mit ihrem Klang zu tun. Ganz ehrlich: Der hat mir selbst schon immer weniger bedeutet als dem Marketing und vielen Fans. Am Ende ist es bloß die Vibration der Bänder im Hals, mit denen man einen bestimmten Sound begleiten möchte.

Auf Homage erinnert er nun ganz schön an Disco.

Das sind meine musikalischen Wurzeln. Mein neues Album ist daher auch eine Hommage an diese wunderbare Zeit, weit mehr als bei den Communards. Mit denen hatten wir damals auch zurück geblickt in die Musikgeschichte, allerdings in eine Zeit, die mir zwar eine Menge bedeutet hat, mit der ich aber nicht aufgewachsen bin. Soul und Motown haben mich eher aus der Ferne inspiriert, Disco ist Teil meiner Jugend.

Mit 53 Jahren landest du also quasi zwischen Communards und Bronski Beat?

Zeitlich auf jeden Fall. Obwohl sich die Disco heute näher anfühlt als es der Soul der Communards in den späten Achtzigern getan hat.

Hast du deshalb damals so viel gecovert?

Nein, eher gefeiert. Deshalb würde ich es auch gar nicht covern nennen. Ich wollte die fantastischen Lieder dieser Ära eher für die Gegenwart tauglich machen.

Auch verbessern?

Thelma Houston verbessern? Unmöglich! Nein, das kann man nur interpretieren.

Interpretierst du auch auf dem neuen Album so viel wie früher?

Nein, es widmet sich zwar einer anderen Zeit, kommt aber ausschließlich von mir und aus mir heraus. Purer Jimmy. So gesehen ist es neu und alt zugleich.

Kannst du damit denn nochmals den gleichen Einfluss auf die zeitgenössische Popmusik ausüben, wie in den Achtzigern?

Die Frage ist da eher, ob ich das noch will. Damals wollte ich noch viel mehr zum Ausdruck bringen, was mir auf dem Herzen lag. Jetzt ist da viel mehr Spaß drin. Ich will mich wohl fühlen mit dem, was ich tue, und dass andere sich wohl fühlen. Trotzdem hatte alles natürlich auch eine politische Komponente, da kann ich nicht aus meiner Haut.

Politisch besonders im Sinne von Gleichberechtigung und Gay-Rights, nehme ich an?

So ganz frei davon ist nichts, was ein Homosexueller mit meinem Sendungsbewusstsein von sich gibt. Aber auch das war damals natürlich drängender, als große Teile der Gesellschaft uns weit mehr als heute förmlich das Existenzrecht absprachen. Wenn dir so viel Hass entgegenschlägt wie es mir in meinem Leben nur für das widerfahren ist, was ich bin, wenn du also jemandes Feind bist und angegriffen wirst, musst du dich wehren, sonst geht man unter. Das macht den Alltag von so vielen ungewollt politisch, ob sie nun schwarz, schwul, sonst wie anders oder auch nur weiblich sind, also der Hälfte der Weltbevölkerung angehören, die von der anderen Hälfte noch immer benachteiligt wird.

Hat das neue Album eine ähnlich emanzipatorische Stoßrichtung wie die vorherigen?

Schon, aber es ist weit weniger abstrakt als persönlich und handelt vor allem von mir als Mann und Mensch mit all meinen Gefühlen, Ängsten, Wünschen, die immer auch von Gleichberechtigung handeln, aber nicht mehr so verbissen.

Hat sich die Situation für Homosexuelle denn signifikant verbessert?

Absolut. Umgangsformen, Meinungen, die Rechtsprechung vor allem hat sich zum Positiven verändert. Aber da sprechen wir von Großbritannien und dem westlichen Europa. Direkt vor unserer Haustür dagegen, in Polen, Bulgarien, Russland zum Beispiel, ist es nicht nur extrem gefährlich schwul zu sein; die Uhr der Emanzipation wird da auch immer weiter zurückgedreht.

Der Kampf geht also weiter?

Immer. Wenn du anders bist als die Masse, wirst du dein Leben lang kämpfen müssen. Bis in alle Ewigkeit, so leid es mit tut.

Das Interview ist vorab bei http://www.musikblog.eu erschienen

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