Lars Mikkelsen: Mads’ Bruder & Serienstar

Wir sind keine Konkurrenten

Bei Mikkelsen denken viele schnell an Mads, der es vom Bond-Bösewicht in die erste Riege des internationalen Films geschafft hat. Dass sein Bruder Lars ähnlich erfolgreich ist, wird da rasch vergessen. Daheim ist der 50-Jährige ein Superstar und dank Serien wie Borgen oder Sherlock auch weltweit geschätzt. Jetzt spielt der Familienvater aus Kopenhagen die Hauptrolle in der europäischen Koproduktion The Team (ab 8. März, ZDF) und ist darin das, was seine Landsleute oft verkörpern: der melancholische Ermittler einer krassen Mordserie. Lars Mikkelsen nennt seine Figur lieber kontemplativ. Ein Interview über Höhenangst, Bruderliebe, deutsche Kollegen und warum er so selten auf Familienfotos zu sehen ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Lars Mikkelsen, stellen Sie sich vor, Sie wären Harald aus The Team und machen mit Ihrer schwangeren Frau kurz vor der Geburt Urlaub im Traumhotel – würden Sie da kurzfristig für einen Job abreisen?

Lars Mikkelsen: Ich würde mir die Entscheidung wohl etwas schwerer machen als er. Aber in meinem Job sollte man sich jede Absage gut überlegen. Man weiß nie, wann ein neues Angebot kommt.

Haben Sie deshalb schon wichtige Ereignisse wie eine Geburt verpasst?

Das nicht. Aber als ich kürzlich ein altes Familienfotoalbum in der Hand hatte, wurde mir schmerzhaft bewusst, auf wie vielen Bildern ich nicht zu sehen bin, weil ich so viele Geburtstage oder Ausflüge verpasst habe. Immerhin – meinen 50. Geburtstag haben wir voriges Jahr zusammen gefeiert. Aber so ein Beruf lässt sich leider nicht sonderlich gut mit lückenlosem Familienleben koordinieren und wie Harald bin ich Feuer und Flamme für meine Arbeit, was es zumindest bei wirklich wichtigen Filmen schwierig macht, nein zu sagen. Zum Glück ist meine Frau da tolerant.

Würde die Sie wie Ihre Film-Frau womöglich gar bestärken, einen spannenden Auftrag anzunehmen?

Käme auf den Auftrag an. Aber dieses Zuraten ist im Vierteiler ja auch als Zeichen einer erwachsenen, gleichberechtigen, liberalen Beziehung gemeint, die wir führen. Und wenn man wie wir 25 Jahre zusammen ist, scheinen wir ja einiges richtig gemacht zu haben. In so einer langen Zeit bringen beide naturgemäß auch Opfer.

Für The Team mussten Sie noch ganz andere Opfer bringen, zum Beispiel Ihre Höhenangst überwinden.

Oh, in der Tat. Als im Drehbuch stand, dass meine Rolle Bergsteiger ist, dachte ich zuerst, die spinnen. Andererseits hat mich die Vorstellung, so eine konkrete Angst zu überwinden, ungeheuer gereizt. Deshalb kann ich nun dank meines Trainers Leo fast problemlos an einer Felskante stehen. Ich nehme jedoch noch einiges mehr mit vom Set. Mein Deutsch zum Beispiel ist wieder fast so gut wie zu der Zeit, als ich es in der Schule gelernt habe.

Wie war es denn, mit Deutschen, Dänen, Belgiern gemeinsam zu drehen?

Spannend. Ich habe viel über verschiedene Mentalitäten und Arbeitsweisen gelernt. Deutsche zum Beispiel arbeiten hierarchischer als wir Dänen, die besser im Dialog funktionieren, während Belgier eine Art konstruktives Chaos pflegen, das ich selten zuvor erlebt habe. Zusammengenommen haben mir all diese Faktoren ermöglicht, meine Figur mit zu entwickeln, ohne damit alleine gelassen zu werden.

Sind Sie eher diskussionsfreudig oder folgsam, was Ihre Charaktere betrifft?

Beides. Ein Drehbuch ist ein Drehbuch, aber immer auch Ergebnis eines Entwicklungsprozesses.  Die Arbeit an einem guten Film endet mit der letzten Seite, nicht der ersten Klappe. In Skandinavien ist das eins der Grundprinzipien jedes Films.

Ist es auch das Geheimnis seines Erfolgs in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland?

Es ist ein Geheimnis unter vielen. Sie reichen von den filmtauglichen Romanvorlagen skandinavischer Autoren wie Sjöwall/Wahlöö oder Mankell über das Bedürfnis, realistische Figuren in politisch relevanten Geschichten zu erzählen bis hin zum Dogma, das extrem aufs Schauspiel und seine Botschaft ausgerichtet ist und weniger auf Effekte. Gemeinsam schafft all dies offenbar gute Grundlagen für Dramen, die auch international Interesse wachrufen. Und wenn sich das wie in diesem Fall mit den Fähigkeiten anderer Kulturkreise vereint, kommt schnell etwas Großes heraus.

Welche Fähigkeiten wären das?

Deutsche Schauspieler zum Beispiel sind stärker vom Theater geprägt, dessen Sprache wohl besser zur Bühne passt als jede andere. [Auf Deutsch:] „Sein oder Nichtsein“ – das lässt sich nirgends so eindrücklich aussprechen wie bei euch! Man sollte derlei Stereotype nicht verallgemeinern, aber das Theatralische der Deutschen mit der Liberalität der Dänen und dem belgischen Laissez Faire – das war schon eine besondere Art zu arbeiten…

Und ein Stück gelebter europäischer Gedanke.

Absolut. Weil die Macher von Anfang akzeptiert haben, dass sich die verschiedenen Temperamente auch aneinander reiben werden und somit ein gutes Bild von Europa zeichnen, dessen Länder auch zueinander gehören, ohne gleich zu sein. Deshalb finden die drei Hauptfiguren zueinander, so verschieden Sie auch sein mögen.

Ihrer ist dabei der Typus Melancholiker, den man von vielen skandinavischen Figuren kennt und erwartet.

Ich würde ihn nicht melancholisch nennen, sondern kontemplativ. Darin ist er sogar richtig dänisch: Einer, der anpackt, aber nicht unbedingt die Führungsrolle beansprucht, ein bisschen in sich gekehrt, aber keinesfalls verschlossen.

Ähnelt er darin auch ein wenig Ihnen?

Nicht nur ein wenig. In fast jeder meiner Rollen finden sich Aspekte meiner eigenen Persönlichkeit, aber hier sind sie schon sehr ausgeprägt. Besonders die Ruhe, mit der wir beide an Dinge herangehen, ohne sie schleifen zu lassen – das haben Harald und ich gemeinsam. Wir sind beide Anpacker.

Was sind Sie sonst noch für ein Typ – neidisch womöglich oder eifersüchtig?

Nein, bis auf die Tatsache, dass ich zu viel rauche bin ich eigentlich ganz umgänglich. Warum fragen … ah, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nein, ich bin weder neidisch noch eifersüchtig auf meinen Bruder (lacht), auch wenn mir das alle Welt immer unterstellt, weil er mal der Bond-Bösewicht war. Ernsthaft: ich wünsche Mads alles erdenklich Gute im Beruf und bin mir sicher, er wünscht es mir ebenfalls. Auch wenn viele da gern was Aufregenderes hören wollen: Wir sind keine Konkurrenten, sondern Brüder, die sich bei jeder Gelegenheit helfen.

Wie beim allerersten Film, den Sie gemeinsam gedreht haben?

Sie meinen die Serie The Unit?

Eher Café Hector vor fast 20 Jahren.

Ein Kurzfilm, stimmt, über das ausschweifende Leben reicher Leute.

Haben Sie darin Brüder gespielt?

Nein. Und wir hatten auch in Unit One nur eine gemeinsame Szene. Das war’s. Schade eigentlich. Wir beide suchen nach einem guten Drehbuch, in dem wir miteinander spielen könnten. Einmal gab es eins, doch das haben wir terminlich nicht hingekriegt. Aber ehrlich: Ich bin nicht neidisch auf seinen Erfolg.

Was bedeutet Ihnen Erfolg, den Sie beruflich dank Serien wie Sherlock oder Kommissarin Lund ja längst auch international haben?

Materiell bedeutet er mir so wenig wie Popularität. Aber Erfolg heißt ja auch, die Chance zum Arbeiten an spannenden Projekten zu kriegen. Nur dank neuer Aufträge kann man auch besser werden als bei den alten, und da ist ein guter Name überaus hilfreich. Dafür musst du immer in Bewegung bleiben und in alle Richtungen denken.

Denken Sie da eher in Richtung Serie oder Film?

Das ist eine ziemlich deutsche Frage (lacht). Fiktion aus Dänemark ist unter anderen auch deshalb so erfolgreich, weil wir da keinen Unterschied machen.

Und wann kehren Sie auf die Bühne, wo Ihre Karriere einst begann, zurück?

Hoffentlich bald. In den letzten Jahren hatte ich dafür keine Zeit. Aber ebenso gern würde ich mehr in anderen Sprachen drehen. Da ist ein Projekt wie The Team toll, aber ich zähle nicht zu den Schauspielern, die alles im Voraus planen. Ich lasse Dinge gern auf mich zukommen.

Advertisements

One Comment on “Lars Mikkelsen: Mads’ Bruder & Serienstar”

  1. Martina R. says:

    Vielen Dank für das Interview! Gut gestellte Fragen, die mal etwas anders sind als diejenigen, die sonst üblicherweise gestellt werden, und interessante Antworten darauf von Herrn Mikkelsen. Perfekt, nochmals danke!


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s