Hamburg auf der Reisemesse ITB

itb-hamburg-940x400Hamdorf in der Hauptstadt

Hamburgs sündteurer Stand auf der Berliner Reisemesse ITB soll die Vielfalt der hansestädtischen Kultur präsentiern – zeigt aber vor allem Musicals und Kreuzfahrtschiffe.  Ein Besuch.

Von Jan Freitag

Irgendwie scheint Hamburg ein Ort zum Abhauen zu sein. Einer, der Fluchtimpulse auslöst, kurzer Aufenthalt, dann weg hier, bloß weg hier. Den Eindruck könnten zumindest all jene kriegen, die der Hansestadt zurzeit einen Besuch in Berlin abstatten, auf der weltgrößten Reisemesse. Auf der ITB, in Halle 6.1, schlägt auch Hamburg seit jeher eigene Zelte auf. Gewaltige Zelte. Repräsentable Zelte. Glitzernde Zelte. Teure Zelte. Wobei – eigentlich müsste es Festzelte heißen.

Denn wer den Planeten im Miniaturmaßstab am Westrand der Hauptstadt durchmisst, wo nahezu jeder nennenswerte Staat der Erde bis auf Ausnahmen wie Nord-Korea den jeweiligen Standort lobpreist, kriegt gleich gegenüber von Schleswig-Holstein vor allem zweierlei gepriesen: Kreuzfahrtschiffe plus Flughafen, beides – wie eingangs erwähnt – besonders fürs Fernweh geeignet. Hinzu kommen Musicals, viele Musicals, eins am anderen. Selbst der stilisierte Stahlhelm des 54er-WM-Singspiels wurde im Bastelmaßstab nachgebaut, 1:72 unter Glas. Etwa fürs Heimweh? Mitnichten! Das hat schließlich, schenkt man Dietrich von Albedyll Glauben, auf einer Reisemesse wie dieser wenig Bedeutung.

Deshalb geht es dem geschäftsführenden Vorstand der Hamburg Tourismus GmbH, kurz HHT, auch gar nicht so sehr um potenzielle Feriengäste, die ab heute die 20 Hallen von Berlin fluten, „sondern um mehr als 6000 Fachbesucher und 1000 Gäste unseres großen Empfangs“, die seine schicken Verkaufsflächen in den Insidertagen zuvor besuchen. Deshalb geht es ihm mehr um jene Besucher, die Hamburgs Tourismusumsatz von sechs Milliarden Euro, an dem gut 100.000 Menschen mitarbeiten, im Hintergrund mehren sollen. Deshalb heißt der aristokratische anmutende Wirtschaftsvertreter mit den Messingknöpfen am blauen Zweiteiler auf der Visitenkarte auch CEO und sein Kerngeschäft Business to Business, also Geschäftsleute für Geschäftsleute. Deshalb lässt sich der Chief Executive Officer fremdenverkehrsbezogenen Stadtmarketings sein B2B an sechs Tagen Messepräsenz auch an die 600.000 Euro kosten. Und deshalb ist das Angebot an Hamburg, mit dem Reisende wie Reiseanbieter hier beglückt werden, auch so, sagen wir mal vorsichtig: inhaltsreduziert.

Während nämlich gleich neun Reedereien den Mietanteil von 500 Euro fürs Stehpult am Rande bis hin zur eleganten Business-Lounge für 20.000 Euro hinblättern, dazu ein Dutzend großer Kulturinstitutionen von Schauspielhaus bis Stage-Entertainment und der Airport mit seiner gediegenen Weißpolsterwelt hinter Milchglas, findet man das, was die Metropole weit nachhaltiger prägt, allenfalls mit etwas Forschertrieb. St. Pauli zum Beispiel.

Dessen subkultureller Charme – ob es die offizielle PR hören mag oder nicht – hat international zwar weniger lukrative, aber weit anspruchsvollere Strahlkraft als alle Cruisecenter und Löwenkönige zusammen. Auf der ITB aber? Reduziert sich die Existenz des Viertels auf ein Faltblatt zwischen, klar, einem Folder zum Thema Kreuzfahrt und einem über homosexuelles Entertainment. Immerhin. Denn die betörenden Gründerzeitquartiere westlich der Alster, weltberühmte Off-Art von Gänge-Viertel bis Park Fiction, zwei zugkräftige Fußballclubs und ein paar mehr der schönsten Großstadtgrünflächen im Land, dazu Reeperbahnfestival, Dockville, der legendäre Mojo-Club – all dies sucht man vergeblich unter einer gigantischen LED-Wand, die Stunde um Stunde ein hochglänzendes Phantom aus gefühlt 2000 Perspektiven zeigt, rauf und runter, mal animiert, mal real.

Gut, so dauersonnig wie auf den quietschbunten Panoramabildern der merkelorangenen Ausstellungsfläche nebenan ist es zwar nicht mal im wetterverwöhnten Mecklenburg-Vorpommern. Und das bettelarme Bremen verdient mittlerweile doch etwas weniger Geld mit der christlichen Seefahrt als die schicken Installationen am Stand gegenüber suggerieren. Aber die konkurrierenden Nordländer werben wenigstens mit etwas, das existiert. Und Hamburg?

Wirbt mit der Elbphilharmonie.

Einer Konzerthalle, die mit viel Glück in zwei Jahren jene Symphoniekonzerte erleben darf, die derzeit in Berlin über all Flatscreens flimmern. Na, vielleicht hilft ja der viele Gratis-Schampus gestärkt beschürzter Kellnerinnen, um den Adressaten so die Sinne zu vernebeln, dass sie schon mal vorab ein paar Tickets ordern. Aber vielleicht hätte man auch einfach mal konsequent sein sollen und den kollektiven Rausch des Wochenendkiezes auf den vereinzelten aberwitziger 789-Millionen-Euro-Projeke übertragen. Kleiner Vorschlag für die ITB 2016: Elbphilharmonie im Maßstab 72:1 für sechs Milliarden Euro Kostenvoranschlag aufs Berliner Messegelände bauen und eine Ladung Punkrockbands aus der Roten Flora über den Cruise Terminal in der Hafencity einschiffen, die sechs Tage lang Musicaltexte mit Kettensägen interpretieren. Die Bundesländer ringsum dürften sich dann darüber beschweren, dass der Hamburger Stand zu laut sei, aber das, erklärt ein HHT-Sprecher lachend, „machen die ohnehin jedes Jahr.“ Hamburg ist schließlich eine große Stadt mit großer Kultur und eindrucksvoller Architektur. Recht hat der Mann. Fragt sich nur, warum er sie dann als kleines Dorf mit angeschlossenem Yachthafen und Kirmeszelt präsentiert.

vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/2015-03/itb-tourismus-hamburg

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