Panini-Papst & Priester-Schweigen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Der Papst, People und Panini – mit dieser billigen Alliteration ließe sich das, was die Medienrepublik seit voriger Woche mehr bewegt als Kriege, Krisen, Kriechenland, gut umschreiben. Der Bauer-Verlag, bekannt für Qualitätsjournalismus à la inTouch, bringt ein Magazin namens People heraus, das jede Woche in 300.000facher Auflage Sensationelles, Unglaubliches, Niedagewesenes publiziert: Stars. Dazu Stars. Und Stars, denen das Magazin in alle Unterhosen, Kleiderschränke, Portemonnaies starrt. Das aber wäre keiner Erwähnung wert, würde der Panini-Verlag, bekannt für Qualitätskonsum à la Klebebildchen, nicht seit Donnerstag exakt das Gleiche tun, nur eben mit einem einzelnen Star: Mein Papst. Franziskus genannt, dem 72 Seiten lang in allen Regenbogenfarben gehuldigt wird. Wobei man auch ihm überall hinstarrt, aber wenigstens nicht in die Unterwäsche. Danke, Panini.

Danke ZDF zu sagen, fiele da schon schwerer dieser Tage. Weil ein Sportreporter des Senders wegen unliebsamer Berichterstattung über Dynamo Dresden die Akkreditierung verlor, nahm das Zweite den Artikel kurzerhand von seiner Seite, woraufhin der Journalist wieder ins Stadion darf. Dass die Löschung des inkriminierten Textes irgendwas damit zu tun haben könnte, wurde aus Mainz natürlich heftig dementiert. Einflussnahme auf journalistische Inhalte? Doch nicht bei uns… Never.

So ein zünftiges „Niemals“ hätte man bis voriger Woche auch auf Jürgen Domian angewendet, der seit fast 20 Jahren nachts im WDR die Probleme Wildfremder löst, was schon Mitte der Neunziger irgendwie Fernsehen von gestern war, aber so zeitlos und haltbar, dass niemand je an eine Ende geglaubt hatte. Doch das kommt, nächstes Jahr, irgendwann ist halt für jeden Mal Schluss – wie für Sam Simon. Sam wer? Man füge ein kurzes „ps“ in die Mitte des Nachnamens und jeder ahnt, was der Amerikaner zwei Jahre vor Domians Wechsel vom Radio an den Bildschirm 1991 erfunden hatte. Richtig – Die Simpsons. Zu dumm, dass er die Serie schon kurz darauf wieder verließ. Mangels Erfolgsaussichten, wie er damals glaubte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 22. März

Aber das dachte man ja schon von vielen TV-Produkten, die sodann unsterblich wurden. Vielleicht sogar vom Tatort, der Sonntag sein neuestes Team begrüßt: Mark Waschke als reservierter Kommissar Karow, der meist übellaunig und sachlich ist. Begleitet von der heißblütigen Meret Becker als Kollegin Rubin, die gleich zu Beginn ihres ersten Falles um einen toten Drogenkurier Sex vor einer Disco hat. Zwei Ermittler wie Feuer und Wasser – das klingt fast so fad wie ein Tatort am Bodensee. Aber warten wir mal ab, wie die Neuen harmonieren.

Vermutlich schlechter als die ARD und die Warenwirtschaft. Wenn das Erste Montag zur besten Sendezeit zum Werbe-Check bittet, mag das nämlich löblich klingen; dummerweise wird nicht die Spitzen der chronisch verlogenen PR-Branche ins Visier genommen, sondern nur deren Ränder wie italienische Kleinwagen oder Koffeinshampoos. Man will es sich mit der Kundschaft ja nicht ganz verderben. Dass der weit wichtigere Sachfilm vom „Schweigen der Männer“ erst lang danach an gleicher Stelle läuft, hat dagegen wohl nichts mit Zurückhaltung gegenüber der katholischen Kirche zu tun. Dennoch verstört es, dass Sebastian Bellwinkels und Birgit Wärnkes sehenswerter, teilweise animierter Test, ob die Kurie ihr Versprechen vom März 2014 einhält, den Sumpf pädophiler Gewalt lückenlos aufzuklären, erst kurz vor Mitternacht läuft.

Exakt zur gleichen Zeit, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wechselt drei Tage darauf Michael Hatzius vom RBB ins Erste. In Weltall.Echse.Mensch lässt der Bauchredner sein Zigarre rauchendes Puppenreptil also später, aber prominenter platziert übers Weltgeschehen sinnieren – was allemal besser ist als das brachiale Gebrüll von Carolin Kebekus, die Samstag um 21.45 Uhr im WDR ihr Soloprogramm PussyTerrorTV präsentiert. Komischer ist da am Dienstag (22.05 Uhr) die hinreißende MDR-Doku Wie der Kudamm nach Karl-Marx-Stadt kam, wo die aberwitzigen Mühen gezeigt werden, mit denen die klamme DDR versuchte, für ihre Filme Westrequisiten zu akquirieren.

Und damit auch noch etwas frische Fiktion auf der Empfehlungsliste ist: Brighton Rock, ein nahezu zweistündiges Musik-Video über Gangkriege der 60er Jahre an Englands Südküste, das am Dienstag (22 Uhr, ServusTV) wunderbar an das Meisterwerk Quadrophenia erinnert. Kein schlechter Übergang zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß: Die blaue Dahlie, ein Liebesthriller im Stile des Film Noir, 1946 geschrieben vom Krimikönig Raymond Chandler (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und ab Samstag (23.45 Uhr, NDR) in Farbe: Der König von St. Pauli. Dieter Wedels Sechsteiler zeigt den Kiez zwar nicht grad so, wie er 1998 war, schafft aber gerade damit ein schönes Artefakt jener Fernsehfantasien, die aus der Realität Museen machen.

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