Veronica Ferres: Muttertier & Noethens Frau

Waidwund in der Restidylle

Das Fernsehdrama Mein Mann, ein Mörder (Donnerstag, i(Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDFneo) ist vieles, aber zu keiner Zeit berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Muttertier im Kampf ums traute Familienglück. Das spielt sie nun weißgott nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je, also immerhin akzeptabel. Allerdings vor allem dank ihres Filmmanns Ulrich Noethen.

Von Jan Freitag

Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.

Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.

Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.

Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.

Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.

Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.

Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.

In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.

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