Dagobert: Das war Selbstmord auf Raten

Dagobert2Dagobert Jäger ist ein skurriles Phänomen. Der autodidaktische Singer/Songwriter aus den Alpen macht Schlager, der sich an Vorbildern von Die Flippers bis zu den Scorpions orientiert. Sein Habitus wirkt dabei frei von jeder Ironie. Und dann erscheint der bestgekleidete Schweizer 2014 auch noch in einer Mischung aus Nosferatu, Hipster und Metalhead zum Interview. Da fällt es schwer, den 32-Jährigen mit Wohnsitz Berlin ernst zu nehmen, weshalb offen bleibt, ob er einen beim Gespräch über sein zweites Album Afrika konstant auf den Arm nimmt oder wirklich so hinter seinem absurden Sound steht, wie er es mit bierernster Miene betont.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Dagobert, wenn von dir und deiner Musik die Rede ist, geht es häufig schnell um das Thema Ironie…

Dagobert: Da hab ich auch schon von gehört.

Wie definierst du den Begriff?

Also wenn ich es definieren müsste, wäre es eine Art, sich mit Worten auszudrücken, die man im Grunde gar nicht so meint, um eine zweite Ebene zu eröffnen, die sachlich klingt, aber am Ende doch Ernst durch Humor ersetzt, um sich dabei selbst besser zu fühlen. Wie würdest du’s denn definieren?

Mit bewusster Überzeichnung, um den wahren Charakter einer Sache zu brechen und gegebenenfalls ad absurdum zu führen.

Umso mehr finde ich nicht, dass der Begriff auf mich und meine Musik nicht anwendbar ist.

In deinen Schlagern steckt kein Funke Ironie?

Ach, ich mache doch gar keinen Schlager. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich mitteilen möchte und meine es dann auch so, wie ich es singe. Gleichzeitig habe ich aber immer den Anspruch, gut zu unterhalten. Das verwechseln manche dann offenbar mit Ironie. Dabei orientiere ich mich eher Hank Williams.

Den Country-Sänger.

Der hat auch über schwierige, oft schlimme Erlebnisse gesungen, allerdings so vertont, dass man beim Hören Spaß empfindet. Für ihn war das eine Art Therapie. Wie er versuche auch ich mich möglichst einfach auszudrücken, damit man die Worte trotz ernster Inhalte auch genießen kann. Wenn es sich dann auch noch reimen soll, steckt dahinter natürlich mehr als die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit; dennoch benenne ich Dinge so, wie sie sich in mir zeigen. Ich will nichts verfälschen.

Und sich über niemanden lustig machen?

Ganz genau. Dennoch ist mir wichtig, dass man mich – egal, wie ernst es mir ist – auch nicht zu ernst nehmen sollte. Es gibt keinen Ernst in der Welt; deshalb ist die einzige Wahrheit, an die ich glaube, die absolute Sinnlosigkeit von allem, von der man sich bloß bestmöglich abzulenken versucht. Wenn man sie nämlich allzu sehr an sich heranlässt, dreht man unweigerlich durch. So seriös ich meine Musik also betreibe, so sehr weiß ich doch, dass sie wie alles andere auch nicht wirklich wichtig ist.

Ist das nun fatalistisch oder philosophisch?

Gibt’s da einen Unterschied? Ich glaube, beides kann parallel bestehen, ohne sich gegenseitig auszuschließen.

Wie gehst du denn damit um, dass die Menschen den Ernst, der deinen Liedern innewohnt, so häufig als ironisch oder mindestens irgendwie ulkig missverstehen?

Ich habe da große Geduld mit den Menschen, dass sie es mit der Zeit immer besser verstehen, wie sehr ich meine, was ich singe. Selbst wenn meine Zuhörer nur eine Art Belustigung aus meiner Musik ziehen, ist dafür ein Anfang gemacht.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass deine Musik ihre Attraktion verliert, wenn die Leute den Ernst dahinter begreifen? Dass sie womöglich bloß die Absurdität mögen und nicht den Hintersinn?

Ganz im Gegenteil. Erst in dem Moment erleben sie meine Musik, wie ich sie erlebe. Schon jetzt kapieren einige Leute, was ich ihnen wirklich vermitteln möchte. Da habe ich ihnen noch einiges zu geben.

Wie wirst du denn überhaupt in der echten Schlagerszene aufgenommen, die ein völlig ironiefreies Verhältnis dazu haben, was andere zum Prusten bringt?

So weit ich weiß überhaupt keins. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei einem Indie-Label wie Buback erscheine, aber irgendwie bin ich da schlicht noch nicht angekommen.

Wie bist du denn umgekehrt zum Schlager gekommen – durch familiäre Prägung?

Nein, ich habe vorher keinen Schlager gehört und war auch nie sonderlich musikalisch. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, war ich 100 Prozent talentfrei und schon froh, drei zusammenhängende Töne hinzukriegen. Komplexität klang bei mir primitiv oder umgekehrt. Irgendwann hab ich aber gecheckt, es gibt funktionierende Songstrukturen, die dennoch simpel bleiben. Besonders, wenn ich etwas über Mädchen geschrieben habe, die ich gut finde. Vorher dienten meine Texte nur dazu, die Musik zu begleiten, plötzlich drückten sie echte Gefühle aus und ergaben einen Sinn.

Welchen Sinn ergibt denn eine Textzeile wie ich verschwinde aus der Zivilisation auf der neuen Platte?

Die stammt von 2008, als ich völlig allein in einem Bergdorf gelebt habe. Da bin ich ein bisschen vereinsamt, ohne Kohle oder soziale Kontakte, nur Musik. Ich musste also eine Lösung suchen. Eine war, komplett aus der Zivilisation auszusteigen, worauf ich mich einigermaßen seriös in einer Art Selbstmord auf Raten vorbereitet habe: allein in der Wildnis, Wasser aus dem Bach, Pilze essen.

Und die zweite?

Karriere zu machen.

Pendelt deine zweite Platte Afrika dann so ein bisschen zwischen beiden Alternativen, also Flucht und Karriere?

Vielleicht. Wobei das erste Album eher eine Verschönerung meiner Demos war, während dieses hier viel aufwändiger produziert ist. Es wird abenteuerlicher, interessanter, inhaltlich vielfältiger. Es gibt neue Optionen.

Mit dem Sehnsuchtsort Afrika im Titel, der sich realpolitisch grad ja gerade nicht als Fluchtpunkt eignet, angesichts der Kriegen und Seuchen dort. Wie kam es zu diesem Namen?

Die Idee dazu ist viel älter als die aktuellen Diskussionen. Sie mag einem verklärten Bild von Afrika folgen, aber ich ziehe mir auch keine Nachrichten rein, sondern stelle es mir einfach schön vor dort. Das ist wahrscheinlich ein bisschen naiv.

Typisch Schlager oder?

Kann schon sein. Ich gebe mir echt Mühe, mich von Informationen fernzuhalten und lebe ein bisschen in meiner eigenen Welt. Ich glaube aber auch nicht, dass ich dazu verpflichtet bin, alle Zusammenhänge zu verstehen. Jeder hat seine eigene Aufgabe im Leben, und meine ist diese Musik.

Für die du allen Ernstes David Hasselhoff oder Die Flippers als Vorbilder nennst.

Das beruht auf einem kleinen Missverständnis. Als ich Die Flippers für mich entdeckt habe, hatte ich schon 120 Songs geschrieben, und danach hat sich gar nicht viel geändert, obwohl ich sie sehr gern mag. Meine Musik wurde entwickelt, ohne dass ich zuvor irgendwas Deutsches gehört hatte.

Aber wie bitte kommt man als Thirtysomething mit Wohnsitz Berlin auf eine Musikantenstadl-Band wie Die Flippers?

Ich habe das Abschiedskonzert dieser drei extrem schrägen Typen in der ARD gesehen, mit einer Bühnenshow, die ich noch nie gesehen hatte, fast psychedelisch. Bis dahin fand ich deutsche Musik meist viel zu verkopft und dachte, unsere Sprache ergäbe zusammen mit Sound keinen Sinn. Dank der Flippers habe ich gecheckt, dass es doch noch mehr gibt.

Der Text ist vorab auf http://www.musikblog.eu erschienen

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