Musikantenstadl: Borg & Erbschleicher

Adios, Amor

Volksmusik ist die große Hassliebe des deutschen Fernsehpublikums. Dass Starmoderator Andy Borg der ARD mit 54 nun sogar fürs geriatrische Musikantenstadl zu alt wird, zeigt: auch den Sendern sind Topquoten allein nicht so ganz geheuer. Zu Borgs vorletztem Auftritt am Samstag Report eines verwirrten, verwirrenden Metiers.

Von Jan Freitag

Selbst die größte Liebe, Andy Borg hat’s schon immer gewusst, steht auf wackeligen Beinen, wenn da ein anderer, besserer, hübscherer, frischerer, vor allem jüngerer kommt. „So muss das Leben wohl sein“, sang er mit warmem Schmusetremolo über einen erfolgreichen Nebenbuhler, „es holt alle Verlierer mal ein“. Und weil der unscheinbare Nachwuchsvolksmusiker mit dem possierlichen Wuschelkopf seinerzeit zumindest im Schlager einer war, kam er „verlassen mir vor“ und schloss daraus aus nervösem Teenager-Gesicht: „Drum Adios, Adios, Adios Amor“.

Das war 1981.

Volle 34 sehr, sehr erfolgreiche Jahre später könnte der sanft ergraute Ex-Newcomer nun glatt eine von 14 Millionen verkauften Platten seines ersten Hits aus der Mottenkiste holen und sich wieder so traurig fühlen wie damals, als Heinz Schenk noch die Hälfte des Fernsehpublikums beim Blauen Bock begrüßte und DJ Ötzi zur Grundschule ging. Denn seine größte Liebe, die Volksmusik, sie hat ihn nicht mehr richtig lieb. Genauer gesagt: Die ARD hat es nicht mehr. Aber das ist im Grunde identisch.

Das Erste Programm, über Jahrzehnte tonangebend in einem merkwürdigen Zwitterwesen zwischen Heimatlied und Schlagerpop namens „Volkstümliche Musik“, dieses Allerallererste Deutsche Programm hat seinem Zugpferd früherer Tage die Partnerschaft gekündigt. Jahrelang hatten sie vielleicht keine innige, aber doch auskömmliche Beziehung mit-, besser zueinander. Schon Mitte der Neunziger, gerade mal 36 Jahre jung, moderierte Andy Borg dort ja irgendwas Klingendes mit „Volk“ im Titel. Er ließ davon nie mehr ab.

Als der gelernte Werkzeugmacher das Handwerk des permanenten Frohlockens in alpin geschmückten Mehrzweckhallen bis hoch an die Nordsee so gut beherrschte wie den akkuraten Gebrauch von Haarspray und Föhn, wurde ihm schließlich die höchste Weihe im milliardenschweren Trachtenbusiness zuteil: Der gereifte Borg durfte das Musikantenstadl moderieren. Eine Institution, eine Legende, eine Trutzburg, die – Achtung, Schicksal! – exakt in jenem Jahr erstmals über die Röhrenfernseher der unvereinigten Republik flimmerte, als dem blutjungen Andy grad Adios Amor auf den schlanken Leib getextet wurde.

Der ist nun fülliger geworden, wie sich das bei Mittfünfzigern im Schlagerzirkus auch gehört. Lebensfreude statt Askese, lautet ja das Motto der wertkonservativen, die Alltagssorgen einfach fortjodelnden Schunkelbranche: lieber Straußens Schweinshaxenwampe als Wehners Gleichmacherknochigkeit. Einerseits. Andererseits vollzieht die konfliktscheue Spaßbrigade eskapistischer Abendunterhaltung zumindest auf der Bühne einen erstaunlichen Verjüngungsprozess, als liege sie kollektiv in der Schönheitschirurgie.

Während das Zweite Programm sein Angebot seit dem dissonanten Rauswurf von Marianne und Michael vor acht Jahren volksmusikalisch auf Null fährt, setzt das Erste zumindest mal auf Verjüngung. Ein Nachfolger für den freundlichen Herrn Borg ist noch nicht verkündet, aber er (sie?) dürfte deutlich sportiver sein, nicht so gemütlich, etwas mehr Jeans als Janker, Tendenz Florian Silbereisen, mehr aber noch Helene Fischer. Die injiziert dem überalterten Metier schließlich grad eine derart virile Portion Glamour, dass sich nicht nur die Faltenrockreporter der Herzschmerzpresse fürs Sorgenverdrängungsentertainment Schlager interessieren, sondern echte Journalisten.

Diese Frischzellenkur hat nicht nur das Moderieren verändert, sondern die Moderierten gleich mit. Stilhybride wie der Alpenelvis Andreas Gabalier oder das krachlederne Wollmützenkollektiv voXXclub sind ohne Silberfischers akzeptierende Jugendarbeit schwer vorstellbar. Das perforiert Grenzen, die zuvor betoniert schienen: Ihr traditionell-saftiger Almhüttenrock wird wie die Seifenopern von Florians schöner Helene längst nicht mehr unter den drei Millionen Tonträgern der Volksmusik gelistet, sondern im weit größeren Feld von Pop bis Rock. Präsentiert von Best-Agern wie Borg, wirkt das Ganze jedoch, als trüge Opa sein Basecap schief und spräche Bumsen mit weichem „S“ aus – locker gemeint, geriatrisch verkrampft.

Das lässt sich sogar in Zahlen ablesen. Obwohl sich die Landjugend zwischen Flensburg und Füssen bisweilen offen zu Ehe, Eigenheim, Stefanie Hertel bekennt, ist nur jeder 15. der 7,5 Millionen Zuschauer von Carmen Nebels Willkommensschows unter 50 Jahre jung. So wird den Fiftiysomething Borg das gleiche Drama ereilen wie vor ihm Karl Moik. Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze der langlebigsten Volksmusiksause wurde er 2005 aus Altersgründen abserviert, was schon damals als irgendwie unfein, aber alternativlos galt. Sein Nachfolger hieß, genau, Andy Borg. Doch das 182. Musikantenstadl im Juni wird sein letztes sein, dann bastelt das Erste an einer Version 2.0, wie es heißt. Mit Zugkraft auch außerhalb der Altersheime – weniger Tiroler Gamsbärte, mehr urbane Vollbärte.

Adios Amor.

Advertisements

One Comment on “Musikantenstadl: Borg & Erbschleicher”

  1. […] wurde der volksmusikalische Moderationspudel Andy Borg vom Ersten Programm aus Altersgründen aufs Abstellgleis gesetzt, stirbt sein Vorgänger Karl Moik (Foto: Udo Grimberg), der seinem Nachfolger einst aus […]


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s