Nachruf: Karl Moik

Der Schunklertainer

Kaum wurde der volksmusikalische Moderationspudel Andy Borg vom Ersten Programm aus Altersgründen aufs Abstellgleis gesetzt, stirbt sein Vorgänger Karl Moik, der seinem Nachfolger einst aus gleichem Grund weichen musste. Nachruf auf einen Unverkannten, der das Fernsehen seiner Epoche nicht bereichert, aber geprägt hat.

Von Jan Freitag

Man kann es sich jetzt natürlich leicht machen. Karl Moik, das war ja der Zeremonienmeister reaktionärer Massenbespaßung, eine Art Frohsinn gewordener Kulturkonservatismus in Lied- wie Versform. Karl Moik, das war somit Volksmusik, Volksmusik, das war Karl Moik, aus feuilletonistischer, ach: nur einigermaßen aufgeklärter Sicht also eine furchtbare Melange des Ewiggestrigen, Geschmacklosen. Der Schunklertainer. Furchtbar. Warum also sollte man Karl Moik, der nun nach langer Krankheit verstorben ist, eine größere Träne nachweinen, als es das Mindestmaß an Pietät gebietet.

Man kann es sich allerdings auch ein bisschen schwerer machen.

Dann blickt man zurück auf diesen Alpenschlagermoderator der ersten Stunde und erkennt in ihm weit mehr als nur die populäre Antithese zur schreienden Popmoderne da draußen. Denn Karl Moik war eine Antwort, mehr ein Flehen, vielleicht gar so was wie ein  Hilfeschrei. Dafür muss man sich die Ära, in der die Linzer Stimmungskanone erstmals aus dem österreichischen Staatsfunk aufs deutsche Publikum schoss, nur kurz vor Augen halten. Wir schrieben das Jahr 1981: Reagan-Zeit, Schmidt-Zeit, Thatcher-Zeit, noch nicht wirklich Kohl-Zeit. Dazu Brokdorf-Zeit, Ölkrisen-Zeit, Terror-Zeit, NATO-Doppelbeschluss-Zeit. Und natürlich NDW-Zeit, MTV-Zeit, Dallas-Zeit, bald darauf kam Denver. Es war eine Zeit, in der nichts mehr war wie es mal war, selbst hoch droben nicht in Moiks geliebten Bergen. Es gab keine Gewohnheiten, keine Gewissheiten, schon gar keine Werte. Selbst auf heile Alpenalmen regnete es sauer von Gottes Himmel und ob es nicht bald SS-20 regnen würde – wer wusste das schon.

Da wuchs auch vorm Röhrenbildschirm die Sehnsucht nach Bestandsschutz dessen, was längst keinen Bestand mehr hatte, aber am Horizont wärmer leuchtete als die aseptischen Achtziger ohne Paartanz, aber mit viel Plaste und Elaste. Kurzum: es wuchs die Sehnsucht nach Männern wie dem Moik Karl, fröhliche Pfundskerle vom Land, die im dunkelblauen Messingknopfzweireiher, besser noch förstergrünem Janker die Weise von den Tälern und Gipfeln anstimmten, wo die Madln no fesch san und die Burschn pfundig. In denen das Vergangene ein festes Standbein im Almengras hat und der Ernst des Lebens Pause. In denen das Leben noch einfacher ist und das Einfache einfach schön.

„Musik woll’n wir bringen, für jung und für – Halt!“, dichtete er 1981 lachend zur Begrüßung seiner TV-Premiere: „In den nächsten 90 Minuten, vergesst das Wort alt / Wir wollen beweisen, mit Schwung und mit Scherz / dass jugendlich bleibt nur ein fröhliches Herz“. So klangen nicht nur die holprigen Reime aus der Magengrube eines Überzeugungstäters, dessen Volkstümliche Hitparade bereits im österreichischen Radio Furore machte. Es waren die ersten Worte im Musikantenstadl. Und man sollte sich den Titel von Moiks Vermächtnis mal etymologisch vor Augen halten, um seinen Erfinder zu verstehen.

Musikanten brauchten schließlich (zumindest damals) keine E-Gitarren, geschweige denn Computer, ja nicht mal Strom zum Musizieren – sonst hätten Moiks Gäste gelegentlich Mikrofone benutzt, um auch die letzte Reihe jenes prall gefüllten Gemeindesaals zu erreichen, der optisch an Heuschober erinnerte, was übersetzt, richtig: Stadl heißt. In dem wurde noch gesungen wie daheim am Kachelofen. Hackbrett, Zither, Akkordeon, ach… LED-durchzuckte Mehrzweckhallen waren dem Musikantenstadl so fern wie dem gelernten Werkzeugmacher Moik die Maschinenbauinformatik. Und dem geübten Pianisten Karl der Synthesizer.

An der Schwelle zur medialen Neuzeit herrschte auf den Fernsehbühnen nun mal das Prinzip Reduktion. Verglichen mit Moiks Scheunenmusi, die zwei Jahre später vom ORF zur ARD gelangte und dort bis heute läuft, war selbst Schenks Blauer Bock ein vielschichtiges Spektakel aus allem was das hermetische System zweier öffentlich-rechtlicher Kanäle von Klassik über Schlager bis Comedy seinerzeit hergab. Frei von musikalischen Grenzgängen oder stilistischem Brimborium dagegen zelebrierte Moik über Jahre hinweg eine Art alpinen Purismus in Reinform – und machte ihm gerade dadurch den Garaus.

Erst der Erfolg seines Stadls sorgte nämlich dafür, dass Volksmusik bald volkstümlich wurde und letztlich Volkspop voller Fischer, Bergs und Schürzenjäger. Nur einem konnte der Zeitgeist scheinbar nichts anhaben: Karl Moik selbst. Auch nach 2005, als ihn die ARD im Streit ersetzte, blieb der mehrfache Großvater was er im Grunde schon immer war: Ein herzenskonservativer Conferencier der guten Laune mit schnurgeradem Rücken, der Italiener – den linken Arm stets exakt 90 Grad Richtung Solar Plexus angewinkelt –„Spaghettifresser“ nennen konnte, ohne dass es böse klang. Der die Regenbogenpresse auch nach 50 Jahren Ehe freiwillig zur Homestory bat und nie, nie, nie ein ernstes Wort über irgendwas verlor. Dessen öffentliches Leben einem einzigen supergaudifröhlichen Bierzelttusch auf seine Version eines wohlgeordneten Lebens glich, das mit 75 Jahren ausgerechnet auf einer Faschingsfeier den Anfang vom Ende nahm. Man kann es leicht nehmen oder schwer, aber das Volksfest, es ist wohl zuende.

Mehr Bilder, Text und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/karl-moik-musikantenstadl-nachruf

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