Chicken Wings & Betroffenheitsporno

0-FrischwocheDie Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Es gibt viele Sender, die Probleme haben, ihr Programm sinnvoll zu füllen, deshalb aber noch lange nicht das Testbild aus der Mottenkiste holen, leider. Das Erste hat sie weil seltener als, sagen wir: RTL2, was auch daran liegt, dass es nach wie vor viel wichtiges Weltgeschehen abbildet, von dem es ja eher zu viel als zu wenig gibt, vor allem zu viel Ungutes. Am Dienstag aber, als alle wie besoffen vom Flugzeugabsturz berichteten, als gäbe es sonst nichts mehr von Belang in der großen weiten Welt, da folgten auch im ARD-Brennpunkt geschlagene 45 Minuten Extrabericht, die den elf in der Tagesschau nichts, aber auch gar nichts Substanzielles hinzufügten – mal abgesehen von weinenden Angehörigen, die seifig rangezoomt wurden.

Warum das erwähnenswert ist? Täglich verrecken weltweit Abertausende am Irrsinn globaler Ungerechtigkeit, pro Woche dürften mehr Deutsche an Krankenhauskeimen sterben als nun in den französischen Alpen, von Afghanistan, dem Jemen, Irak mal zu schweigen. Die Erde ist für zahllose Menschen ein fataler Ort, doch in die Nachrichten schaffen sie es nur als Opfer von Katastrophen jeder Art. Offenbar sind wir nur dann zur Empathie für Fremde in der Lage, wenn sie abrupt sterben. Dann haben Krisen Pause, das ZDF setzt die heute show ab, RTL sein Absturz-Event Starfighter und wer weiß, ob McDonalds nun Chicken Wings von der Speisekarte streicht. Verlogener als im Unglücksfall zeigt sich die Medienbranche selten.

Und weil man das am besten leicht zynisch übersteht, schalten wir um auf etwas, das Fernsehen an all den anderen Tagen globalen Unglücks am liebsten zeigt: Unterhaltung. Vorweg die gute Nachricht: Das vorige Wochenende war erstmals seit gut vier Monaten vollends ski- und rodelfrei, was nicht nur für Wintersportmuffel endlich mal gute News sind. Für wen die folgenden Ankündigungen welche sein könnten, ist hingegen einzelfallabhängig. RTL lässt Weihnachten 2016 Winnetous auferstehen, mit Wotan Wilke Möhring als Shatterhand, Stars von Jürgen Vogel bis Fahri Yardim in Nebenrollen und nur so als Vorschlag: Francis Fulton Smith als edler Apache. Schon für diesen Herbst indes plant RTL ein – Achtung! – „journalistisches Format“ für Margarethe Schreinemakers. Und dann dreht der US-Sender Fox nach 13 Jahren Werbepause auch noch sechs neue Folgen Akte X. Na, wenn einem sonst nix einfällt…

0-GebrauchtwocheDie Frischwoche

30. März – 5. April

…der kann auch zu Felicitas Woll sagen, Fee, schau doch am Anfang eines Filmes voll süß, dann doll betroffen, später krass kämpferisch, zuletzt wieder süß. Fertig ist das, was Sat1 unter „Problemfilm“ versteht, wenn die Dramaqueen Dienstag als Die Unbeugsame ein Opfer häuslicher Gewalt spielt. Das einzige, wofür diese Art Betroffenheitsporno taugt, ist als Kontrastprogramm zum ARD-Mittwochsfilm. Nach dem Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter haben Philipp Kadelbach und Stefan Kolditz den DEFA-Klassiker Nackt unter Wölfen neu verfilmt. War das Original um KZ-Gefangene, die unter Einsatz ihrer Leben ein Kind am selben halten, 1962 noch eine recht zähe Angelegenheit, so begeistert das Remake exakt unterhalb der Kitschgrenze. Dazu die sehenswerte Buchenwald-Doku im Anschluss – fabelhaft!

Was man (mit Abstrichen) auch von Grzimek sagen kann, der Karfreitag an gleicher Stelle von den Toten aufsteht. Dank Ulrich Tukur in der Titelrolle wird der nette Tieronkel früherer TV-Tage nicht nur lebendig; er kriegt ein paar Dellen verpasst, von denen unsere Eltern nichts wissen wollten. Seine Nazi-Vergangenheit etwa oder dass er bei aller Tierliebe menschlich eher schwierig war und für den Naturschutz zuweilen das Recht brach. Das hat er mit Helmut Kohl gemein, den die ARD Montag (23.30 Uhr) an der Seite seines Mit- und späteren Gegenspielers Heiner Geißler porträtiert, was für beide nur bedingt schmeichelhaft ist, fürs Publikum aber erhellend. Wie der Themenabend Fleisch, mit dem Arte tags drauf zeigt, was für einen Dreck sich die Masse der Konsumenten reinschaufelt. Und auch fiktional wird es politisch, hochpolitisch sogar. Passend zu Netanjahus Wiederwahl handelt Navad Lapids preisgekröntes Drama Der Polizist vom Riss durch Israel im Sog des Palästinenserkonflikts.

Und weil wir uns das Lachen trotz Katastrophen einfach mal nicht verbieten lassen, sei hiermit ausdrücklich auf The Wrong Mans verwiesen, eine hintersinnige Dramedy mit dem britischen Komikerduo Mathew Baynton und James Cordon, das Donnerstag sechs Teile am Stück auf Arte in einen absurden Komplott gerät. Komplott ist ein Stichwort für die Wiederholungen der Woche: In Hitchcocks Berüchtigt (1946) spielt Ingrid Bergmann am Sonntag (3sat) eine Doppelagentin auf der Jagd nach Nazis in Brasilien, gekrönt vom bis dato längsten Filmkuss (mit Cary Grant). Parallel dazu auf Arte in Farbe: Amadeus, Milos Formans Meisterwerk von 1984, das man immer und immer und immer wieder sehen kann.

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