ARD: Nackt unter Wölfen

Die Ästhetik der Gewalt

Zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zeigt Philipp Kadelbachs schonungslose Neuverfilmung von Bruno Apitz’ Weltbestseller Nackt unter Wölfen (1. April, 20.15 Uhr), was Menschlichkeit im unmenschlichen System eines KZ bedeutet. Und wie man unterhaltsame Filme über Nazi-Gräuel macht.

Von Jan Freitag

Normalerweise sind Hauptdarsteller aus Fleisch und Blut, meist Menschen, selten Tiere, alles andere bleibt Accessoire. Kulissen zum Beispiel, Orte, Musik. Und Bekleidung. Philipp Kadelbach hatte da eine andere Idee. Als der Regisseur ein Drehbuch verfilmte, dessen Vorlage nicht weniger ist als Teil des filmischen Weltgedächtnisses, suchte er für die Figuren ein Zubehör, das ihr elendes Dasein besser symbolisierte als blanke Gewalt und sich zudem ein wenig vom Original absetzte: Mützen.

Wenn am Mittwoch Nackt unter Wölfen läuft, Kadelbachs werkgetreues ARD-Remake von Frank Beyers gleichnamigem DEFA-Drama nach dem Weltbestseller von Bruno Apitz, mögen die Protagonisten in Buchenwald denen von 1962 gleichen, seinerzeit gespielt vom blutjungen Armin Müller-Stahl oder dem recht alten Erwin Geschonneck. Auch die Atmosphäre von Brutalität und Disziplin aus der Erzählungen des langjährigen Insassen Apitz hat er mit drastischen Bildern in zeitgenössische Ästhetik übertragen. Dieses seltsam hermetische System kommunistischer Kapos, die das Lagerleben unterm übermächtigen SS-Diktat so geschickt im eigenen Interesse führten, dass angeblich nur gut 70 KPD-Mitglieder unter den mehr als 50.000 Toten gezählt wurden.

Heute wie vor 53 Jahren fragt der Film also, wie viel Menschlichkeit im Unmenschlichen verbleibt, als wenige Wochen vor der Befreiung – nach wahren Motiven – ein Kind ins KZ geschmuggelt wird, dessen Überleben den Humanismus der Häftlinge auf eine ernste Probe stellt – gefährdet es doch nicht nur die kommunistische Kommandostruktur, sondern mehr noch deren akribisch geplanten Aufstand. Dieses Spannungsfeld überbrückt Kadelbach unter anderem mit Kopfbedeckungen. Eine brillante Volte.

Minutenlang befiehlt etwa der eiskalte Kommandant auf dem Exerzierplatz, die Mützen aufzusetzen, abzusetzen, aufzusetzen, immer weiter. Erscheinen Befehlsgeber, saust das Barett in Echtzeit vom Kopf, liegen Befehlsempfänger zerschunden am Boden, landet es als erster Akt der Selbstermächtigung zurück auf dem geschorenen Haar, weshalb sie sich ihrer Kappen nicht mal entledigen, als die SS schon unbedeckt vor den Amerikanern flieht. Nicht grundlos spielt die autobiografische Erzählung überwiegend in der Kleiderkammer. Wenn der Irrsinn regiert, sind es oft banale Dinge, die zeigen, dass man noch am Leben ist. Philipp Kadelbach hat das begriffen. Und nicht nur das.

Kaum ein anderer Regisseur seiner Generation schafft es, Realität so versiert in Entertainment zu verwandeln, ohne dass eins unterm anderen leidet. Gemeinsam mit Autor Stefan Kolditz (Dresden) ist das dem 40-Jährigen bereits im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gelungen, wie Nackt unter Wölfen von Nico Hofmann produziert. Selbst als ihm der Ufa-Großproduzent zwei Jahre zuvor den Auftrag zur Regie des RTL-Krachers Hindenburg gegeben hatte, sorgte sein Ziehkind von der Filmhochschule Ludwigsburg abgesehen von standesgemäß überwältigender Bildsprache auch für ein paar leise Zwischentöne im Eventgetöse.

Gelernt hat das der gebürtige Frankfurter ausgerechnet in der Werbebranche, wo er unterm Pseudonym Begbie preisgekrönte Clips von BMW über Burger bis Baumarkt herstellte. Verfeinern konnte er sein Gespür für zugkräftige Bildsprache 2010 in der inhaltlich lausigen, ästhetisch gediegenen Ferres-Schnulze Das Geheimnis der Wale, mit der Kadelbach seine anhaltende Zusammenarbeit mit der Filmschmiede teamworx begann. Um die Marktgesetze zu lernen, war er sich nicht mal für den dämlichen Wanderhuren-Abklatsch Die Pilgerin zu schade, von dem er sich nun distanziert, indem er deren Darstellerin Josefine Preuß offen als das umschrieb, was sie schauspielerisch ist: eine Katastrophe.

Probieren, scheitern, aufstehen, durchsetzen – so machen es auch Altersgenossen von Florian Schwarz über Lars Kraume bis Alexander Dierbach. Dank Nackt unter Wölfen hat ihr Altersgenosse Kadelbach nun letzteres vollzogen. Mit dem anämischen Matthias Bundschuh als SS-Mann oder Frauenschwarm Florian Stetter als kommunistischer Häftling Pippig zeigt er sein Gespür für kreative Besetzungen, mit denen er sein kompliziertes System drastischen Understatements verkörpert, das dem Betrachter, wie Kadelbach es nennt, „nur wenige Augenblicke des Glücks“ erlaube, die „den Schmerz nur noch unerträglicher machen“. Hoffentlich unerträglich genug, um jenen Deutschen, die einen Schlussstrich unterm NS ziehen wollen, zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zu antworten: Niemals.

Advertisements

2 Comments on “ARD: Nackt unter Wölfen”

  1. Nina says:

    Wo distanziert sich Philipp Kadelbach von “Die Pilgerin” und bezeichnete Josefine Preuß als Katastrophe?


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.