Ulrich Tukur: B. Kingsley & B. Grzimek

Moralisch, ich weiß nicht…

Ob Abgründe oder Oberflächen – Ulrich Tukur spielt alles mit der gleichen Hingabe, Virtuosität – und oft seltsamer Ähnlichkeit zu realen Figuren , die wenig mit ihm gemeinsam haben. Im ARD-Zweiteiler Grzimek zeigt der Schwabe mit Herzensheimat Hamburg am Karfreitag (Dokumentation im Anschluss) nun die zwei Seiten des betulichen Tierschützers aus dem Fernsehen. Ein Gespräch über Perücken, Peter Zadek und warum schon verloren hat, wer nicht kämpft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Tukur, wissen Sie eigentlich, was Ben Kingsley mit Ihnen gemeinsam hat?

Ulrich Tukur: Meinen Sie unsere Vorliebe für Rollen mit spärlichem Haarwuchs?

Sie beide spielen oft reale Figuren, für die Sie sich optisch kaum verändern müssen, um Ähnlichkeit zu entwickeln.

Sehr schmeichelhaft, aber unterschätzen Sie nicht die subversive Kraft der Maske! Grzimek war eine Orgie der Perücken! Und bei Kunsthaar, das nicht hundertprozentig sitzt, weil es das fast nie tut, kämpfst du immer gegen den Feind auf deinem Kopf. Persönlichkeit lebt vor allem durchs Wesen, hat man es begriffen, kann man auf viele Hilfsmittel verzichten. Dennoch ist es wichtig, zu verstehen: Ich bin weder optisch noch innerlich Grzimek, ich verkörpere ihn nur. Meine Arbeit ist Interpretation, keine Kopie.

Das Publikum erwartet womöglich von letzterem etwas mehr als von ersterem…

Einige sicher, aber viele wissen ja gar nicht mehr, wer der Professor war und wie er  aussah. Und wer unter 30 ist, weiß vermutlich nicht einmal mehr von seiner Existenz. Äußerlich war er prägnant. Wenn Sie also über das Eigentliche des Charakters hinaus Ähnlichkeit entwickeln und nicht bei Loriot landen wollen, dann nur über vorsichtige Akzente.

Zum Beispiel?

Seine gewählte Sprache etwa. Das Näselnde seiner Stimme. Das Schlacksige seiner Körperhaltung.

Was unterscheidet ihn von all den extremen Figuren, die Sie zuletzt gespielt haben?

Das Spannende an Grzimek ist seine kuriose Widersprüchlichkeit. Einerseits bürgerlich, autoritär, wertkonservativ, auf der anderen Seite leidenschaftlich, eitel, kämpferisch, mit einem fast kriminellen Hang zur Aktion. Noch als über Siebzigjähriger steigt er in eine Anlage für Legebatteriehühner ein, filmt die Tierquälerei und stellt sie kurz danach ins Fernsehen, um den deutschen Zuschauer über die Abgründigkeit seiner Essgewohnheiten aufzuklären. Er bricht mit seiner Frau, heiratet die Witwe seines tödlich verunglückten Sohnes und adoptiert seine Enkel. Das ist schon starker Tobak!

Gibt die Zeichnung dieser Ambivalenz dem Biopic auch eine moralische Stoßrichtung?

Moralisch, ich weiß nicht. Uns ist schnell klar geworden, dass der Film einen starken politischen Kontext hat. Da ist ein Mann, der sich nicht damit abfindet, dass der Mensch die Natur und mit ihr seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört, indem er alles seiner unersättlichen Gier unterwirft als gäbe es kein morgen. Grzimek spricht aus, was bis dahin so noch nicht gesagt wurde, handelt, macht Filme, sammelt Geld und reist immer wieder nach Afrika, um sich für die Serengeti und viele andere Projekte einzusetzen. Er ist ein Mann der kurzen Wege und hasst die Umständlichkeit und den Lobbyismus in der Politik. Er war ein Kämpfer, fehlbar als Mensch, aber unbeirrbar in seinem Weg. Und sein Ziel war nichts weniger als die Rettung des Planeten mit seiner herrlichen Natur. An eine solche Persönlichkeit zu erinnern, könnte doch in diesen Zeiten der Anpassung und Gleichgültigkeit durchaus etwas bewirken.

Auch wenn der Film mit dem Ende einsteigt, wo Grzimek im Alter sagt, sein Kampf sei hoffnungslos?

Auch dann. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Ist das auch Ihre Maxime?

Ja. Sehen Sie, ich weiß doch, dass am Ende meines nicht mehr so furchtbar lange währenden Lebens der Tod steht. Und danach wird nicht mehr viel mehr sein. Trotzdem gehe ich auf die Bühne und singe vom Zauber einer Mondnacht oder spiele wie jetzt eine Komödie über einen melancholischen Versicherungsbeamten. Ich gebe nicht auf, ich mache immer weiter, weil ich der Überzeugung bin, dass wir ein wunderbares Geschenk bekommen haben, das Leben heißt und jeden Tag nutzen sollten, um es zu verzaubern. Und wenn einem Menschen wie Grzimek die Seele blutet, weil er sieht wie unser Heimatplanet Stück für Stück verkonsumiert und zerstört wird, und er dann einen Kampf aufnimmt, von dem er ja eigentlich wissen muss, dass er nicht zu gewinnen ist, und ihn trotzdem kämpft, dann hat er meine größte Bewunderung.

Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an ihn?

Wenige. Im Elternhaus gab es keinen Fernsehapparat. Ein paar mal bin ich über den Zaun zu den Nachbarskindern gestiegen und habe mir Ein Platz für Tiere in fremden Wohnzimmern angesehen. Für mich war Grzimek ein betulicher Fernsehonkel mit bunter Krawatte und großer Brille, der immer ein interessantes Tier auf dem Schreibtisch hocken hatte.

Sie haben in den letzten drei Jahren den Nazigeneral Rommel, den Päderasten Pistorius und nun den Naturfreund Grzimek gespielt. Wie geht man so verschiedene Typen an?

Wer immer es ist, den Sie spielen sollen, er muss Sie interessieren, und Sie müssen einen Zugang zu ihm finden. In diesem Theaterstück Leben stehen manchmal Protagonisten auf der Bühne, die ungeheuer viel über das Wesen unserer Spezies aussagen. Und die drei von Ihnen erwähnten, haben eines gemeinsam – und das macht sie für mich interessant: Eine schillernde Oberfläche und darunter etwas Unwägbares, das es zu erforschen und zu zeigen gilt. Als Darsteller ist man dabei Verteidiger der Person, die man verkörpert. Man darf sie nicht beurteilen oder gar verurteilen, das soll der Zuschauer tun.

Sind Sie schon mal an einer Figur gescheitert, wo die Abscheu vor ihren Taten zu groß war, um den biografischen Ursprüngen auf die Spur kommen zu wollen?

Nein, bislang noch nicht. Es gab Figuren, die mir unsympathisch, sogar widerwärtig waren. Dazu gehörte sicher die des Herrn Pistorius von der Odenwaldschule. Aber selbst solche Menschen sind keine Monster, sie sind auf eine sehr unangenehme Art ein Teil von uns. Andere mochte ich sofort oder sie haben mich fasziniert. Das war zum Beispiel Kurt Gerstein…

Ihr Obersturmführer in der Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter.

… ein SS-Hygieniker, der als einer der ersten Zeuge der Vergasung von Juden war und beauftragt wurde, ein Mittel zu finden, um den Tötungsvorgang zu beschleunigen. Er stellt sich der Aufgabe, dokumentiert alles und fährt in den Vatikan, um den Papst aufzufordern, etwas gegen den Massenmord zu unternehmen. Gerstein war tief religiös und kam aus der Bewegung der Bekennenden Kirche. Für mich war er der dunkle Bruder Bonhoeffers. Die abgründigen Charaktere sind natürlich die spannendsten, mit ihnen kommt man schauspielerisch am weitesten.

Interessieren Sie dabei die realen echter Personen am meisten?

Unsere jüngste Geschichte kennt viele Figuren, die Beeindruckendes geleistet, aber auch Schreckliches getan haben. An den ein oder anderen sollte man vielleicht doch noch erinnern. Da ist zum Beispiel Carl Friedrich Goerdeler, Oberbürgermeister von Leipzig, ein faszinierender, mutiger Mensch, der eine große Rolle im zivilen Widerstand gegen das NS Regime gespielt hat.

Das klingt, als ginge es Ihnen um Hommagen, um Menschen zu würdigen.

Mehr noch – sie dem Vergessen zu entreißen. Vielleicht ist das mein Lebensthema: Die Erinnerung an Künstler und Persönlichkeiten wachzuhalten, die sonst im Wirbel der Moderne verschwinden würden. Ohne sie wären wir nichts, und das sollten wir doch respektieren. Wer vom Wind der Politik und anderer diffuser Geschehnisse nicht umgeblasen werden will, muss sich in der Tiefe verorten und sehen wie andere Generationen mit den Anwerfungen ihrer Zeit umgegangen sind. Daraus kann man viel lernen und in unsere Zeit mitnehmen.

Empfinden Sie es als Privileg, dafür spielerisch werben zu dürfen?

Als Riesenprivileg! Und dann werde ich auch noch dafür bezahlt. Ich kann nur sagen: Danke!

Dennoch sind Sie seit Jahren eher Musiker als Schauspieler oder?

Na ja, ich liebe die Musik über alles, und ein Leben ohne Klavier und Akkordeon könnte ich mir gar nicht vorstellen. Aber da bin ich ein gehobener Dilettant und gewiefter Hochstapler. Ich kann ganz gut Theater spielen, im Film habe ich mir nie so recht über den Weg getraut, und es ist ein Wunder für mich, dass ich ohne größere Rückschläge so gut durch die letzten dreißig gekommen bin.

Mit Peter Zadek das Hamburger Schauspielhaus in den 80ern zur wichtigsten deutschen Sprechbühne gemacht zu haben, war ein Kollateralschaden ihres Dilettantismus?

Zadek hat uns alle verzaubert und beflügelt. Er war die große künstlerische Erfahrung meines Lebens zu einem Zeitpunkt als ich formbar war. Im Wesentlichen habe ich ihm meinen schauspielerischen Erfolg zu verdanken. Und diese Zeit mit ihm am Theater war der poetischste Kollateralschaden, den man sich wünschen kann.

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